Nach dem „Interregnum“ – Die Rückkehr des Bürgers. Eine politische Reflexion für 2026
Im Westen nichts Neues?
Parlamente tagen, Regierungen arbeiten, Gerichte urteilen, Wahlen finden statt. Nach außen wirkt alles stabil. Und doch spüren viele Menschen, dass etwas Entscheidendes fehlt: Die Politik überzeugt die Menschen nicht mehr. Entscheidungen werden getroffen, aber sie schaffen keine Zustimmung mehr. Verfahren laufen korrekt ab, doch ihre Ergebnisse werden hinterfragt. Politische Mainstream-Narrative werden nicht mehr einfach akzeptiert. Politik funktioniert technisch – sie bindet die Bürger aber nicht mehr.
Wir leben deshalb nicht in einer Diktatur, sondern in einem Zustand, den man als politische Simulation beschreiben kann. Damit ist keine bewusste Täuschung gemeint. Gemeint ist eine Situation, in der die demokratischen Formen erhalten bleiben, während ihre Wirkung nachlässt. Demokratie wird nicht abgeschafft, sondern fortgeführt wie ein Ritual. Sie ist moralisch aufgeladen, integriert die Gesellschaft aber immer weniger. Der Bürger darf formal mitmachen, fühlt sich politisch jedoch außen vor.
Dieser Zustand markiert nunmehr fühlbar das Ende der (west)deutschen Nachkriegsordnung, der sogenannten Bonner Republik, die nach 1990 in die Berliner Republik überging. Parallel dazu existierte im Osten mit der DDR seit 1949 bereits eine eigene „demokratische Republik“ sozialistischer Prägung. Mit der Wiedervereinigung wurde diese „demokratische Republik“ institutionell vom deutschen Weststaat absorbiert, ohne dass die sozialisationsbedingten Unterschiede in den mentalen, kulturellen und politisch gewachsenen Einstellungen integriert werden konnten. Bis heute zeigen sich diese Brüche im Wahlverhalten und im Staatsvertrauen. Die Einheit ist formal vollzogen, politisch jedoch sichtbar ungleich geblieben.
Wenn an anderer Stelle von mir bereits von einer „Dritten Republik“ die Rede war, dann soll sie hier nicht als fertige normative Ordnungsvorstellung verstanden werden, sondern als Chiffre für das, was nach der derzeit spürbaren Übergangsphase folgt. Denn die bisherige Ordnung – die aktuelle zweite als Berliner Republik –, die die beiden jeweils ersten deutschen Nachkriegsrepubliken (Bundesrepublik West und DDR Ost) vereinte, ohne sie integrieren zu können, trägt nicht mehr. Die neue Ordnung ist noch nicht entstanden. Dazwischen liegt ein Schwebezustand – ein Interregnum. Alte Regeln gelten noch, überzeugen aber nicht mehr. Neue Formen sind spürbar, aber noch nicht institutionalisiert.
Die Parteien haben sich im Laufe der Zeit von gesellschaftlichen Milieus gelöst und sind zu Apparaten geworden. Programmunterschiede wurden kleiner, Regierungsfähigkeit wichtiger als Profil. Politik wurde zur Verwaltung von Mehrheiten. So entstand eine Struktur, in der Parteien formal konkurrieren, aber gemeinsam die Stabilität des Systems sichern. Grundlegende Alternativen werden kaum noch politisch ausgehandelt, sondern moralisch ausgeschlossen. Die sogenannte Brandmauer ist Ausdruck dieser Entwicklung.
Wahlen verändern zwar das Personal im Machtkarussell, aber kaum mehr die politische Richtung. Opposition ist erlaubt, solange sie folgenlos bleibt. An diesem Punkt beginnt politische Simulation: Demokratie ist sichtbar, entscheidet aber nicht mehr grundlegend.
Verantwortung wird auf Verfahren, Expertenrunden, internationale Verpflichtungen und angebliche Sachzwänge verteilt. Am Ende ist für den Bürger kaum noch erkennbar, wer eigentlich entschieden hat. Er wird zum Zuschauer politischer Prozesse.
Dieses System setzt Passivität voraus. Doch genau diese Passivität ist verschwunden. Mit den sozialen Medien ist das Monopol politischer Kommunikation gebrochen. Öffentlichkeit verläuft nicht mehr von oben nach unten, sondern in alle Richtungen. Jeder kann kommentieren, widersprechen, mobilisieren. Politische Entscheidungen stehen unter dauernder Beobachtung – nicht nur durch Journalisten, sondern durch Bürger selbst. Erzählungen brechen schneller zusammen, Fehler lassen sich nicht mehr aussitzen.
Der Bürger tritt wieder als politischer Akteur auf. Nicht immer differenziert, nicht immer maßvoll, aber sichtbar und wirksam. Er akzeptiert nicht länger, dass zentrale Entscheidungen über Energie, Migration, Wirtschaft oder Sicherheit ohne seine Zustimmung getroffen werden. Politik verliert ihre zeitliche Distanz. Entscheidungen erzeugen sofortige Reaktionen. Für eine politische Klasse, die an Filter, Verzögerung und Moderation gewöhnt ist, wirkt diese neue Öffentlichkeit bedrohlich.
Die Reaktion darauf ist selten Öffnung, sondern Abwehr. Kritik wird nicht aufgenommen, sondern delegitimiert. Begriffe wie Populismus, Desinformation oder Extremismus ersetzen häufig die politische Auseinandersetzung. Der Staat agiert zunehmend präventiv. Nicht die konkrete Tat steht im Mittelpunkt, sondern mögliche Haltungen. Moral tritt an die Stelle politischer Legitimation. So entsteht das Interregnum: eine Ordnung, die noch gilt, aber nicht mehr überzeugt – und daher Gefahr läuft, autoritär zu überziehen.
Dieses Auseinanderfallen von Form und Wirkung ist kein deutsches Sonderphänomen. In Frankreich ist das politische System faktisch ebenfalls blockiert. Die Fünfte Republik existiert formal weiter, doch Präsidialmacht trifft auf parlamentarische Blockade, Protest wird zum Dauerzustand. In Großbritannien zerfällt das traditionelle Zwei-Parteien-System. In den USA ist die politische Simulation bereits offen aufgebrochen. Donald Trump ist dabei weniger Ursache als Symptom. Die MAGA-Bewegung ist keine klassische Ideologie, sondern Ausdruck der Rückkehr eines Bürgers, der sich lange ausgeschlossen fühlte.
Überall zeigt sich dasselbe Muster: Wo Repräsentation versagt, kehrt das Politische zurück – konflikthaft, ungefiltert und oft roh. In der Europäischen Union wird dieser Prozess durch von oben übergestülpte, agenda-getriebene Politik zusätzlich verschärft. Migration, Klimaneutralität, Energiewende und Transformation werden nicht mehr als politische Optionen behandelt, sondern als moralische Notwendigkeiten. Die Kosten dieser Politik sind real: steigende Energiepreise, industrielle Abwanderung, soziale Spannungen. Der Widerstand dagegen ist nicht irrational, sondern existenziell begründet.
Das Interregnum wird sich nicht als Dauerzustand halten können. Politische Ordnungen mögen eine Zeit lang in der Schwebe bleiben, aber nicht dauerhaft ohne Entscheidung existieren. Die Dritte Republik kann deshalb nicht als zielgerichtete Ordnungslösung gelesen werden, sondern als Möglichkeit: Repräsentation wieder wirksam zu machen, Alternativen zuzulassen, Verantwortung klar zu benennen und den politischen Konflikt zurück in die Demokratie zu holen.
In diesem Kontext kann das Jahr 2026 zu einem Prüfstein werden – nicht als Schicksalsdatum, sondern als Reallabor. Eine AfD-geführte Landesregierung wäre kein automatischer Systembruch, sondern ein demokratisches Experiment: die Frage, ob Opposition integrierbar bleibt oder dauerhaft ausgeschlossen wird, ob Konflikte politisch ausgetragen oder moralisch blockiert werden, und ob der Macht- und Regierungswechsel – der Kern jeder Demokratie – noch möglich ist.
Die politische Simulation endet nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit Ermüdung. Was danach kommt, ist offen. Der Ausgang aus dem Interregnum in eine Dritte Republik ist kein vorgezeichneter. Er kommt eher einer Zumutung gleich. Dieser Ausgang verlangt mehr Verantwortung vom Bürger und weniger Ausflüchte von der Politik. Genau darin liegt die republikanische Chance: Nicht technokratische Verwaltung entscheidet über das Schicksal der Demokratie, sondern die Rückkehr des Bürgers als handelndes politisches Subjekt.
Gerade darin liegt auch eine historische Möglichkeit. Der Weg zur Dritten Republik könnte erstmals die politisch unterschiedlich sozialisierten Bürger der ungleich vereinten Nation auf Augenhöhe zusammenführen – nicht durch Belehrung oder Ausgrenzung, sondern durch Anerkennung politischer Realität. Die Einbindung der AfD als Teil des demokratischen Spektrums wäre dabei kein Zugeständnis, sondern eine Voraussetzung dafür, dass viele Bürger – insbesondere im Osten – sich nicht länger als Objekt westdeutscher Normsetzung begreifen, sondern als gleichberechtigte Träger politischer Entscheidung in einer neuen republikanischen Ordnung. Erst unter diesen Bedingungen eröffnete sich auch die reale Chance, dass das so refundierte deutsche Volk sich aus freier Entscheidung eine Verfassung für Deutschland gemäß Artikel 146 des Grundgesetzes gibt.