Trump als Sultan: Sultanismus, Dezisionismus und die geopolitische Rückkehr der Entscheidung
Der Trumpismus wird häufig als innenpolitische Entgleisung gelesen: als autoritäre Versuchung, als populistische Regression oder als normativer Bruch mit der liberalen Demokratie. Diese Perspektive verengt den Blick. Sie unterschätzt, dass der Trumpismus weniger eine innenpolitische Abweichung darstellt als eine Antwort auf eine tiefgreifende Verschiebung der globalen Ordnung. Trump ist nicht primär das Symptom einer defekten Demokratie, sondern die Gestalt einer Welt, in der geopolitische Konkurrenz, geoökonomische Machtinstrumente und imperiale Einflusszonen zurückkehren.
Die spätliberale Ordnung war getragen von der Annahme, dass Politik durch Regeln, Verfahren und multilaterale Institutionen domestiziert werden könne. Diese Ordnung ist nicht kollabiert, aber sie ist erschöpft, wenn sie überhaupt als solche je funktioniert hat. Ihre Institutionen und das Narrativ dazu bestehen fort, doch ihre Durchsetzungsfähigkeit erodiert. In der Folge entsteht ein strukturelles Defizit an Souveränität. Genau in dieses Vakuum tritt der Trumpismus.
Postdemokratie bedeutet eben nicht nur die schleichende Entleerung demokratischer Verfahren, sondern ihre strategische Ohnmacht in einer Welt harter Konkurrenz. Während liberale Politik weiterhin normativ argumentiert, operiert die internationale Ordnung längst wieder machtpolitisch. Einflusszonen werden neu definiert, Lieferketten politisiert, Währungen, und Energieflüsse als Waffen eingesetzt. Geoökonomie ersetzt den Glauben an freien Handel, Geopolitik verdrängt den Universalismus.
Trump ist der erste westliche Politiker, der diese Realität nicht rhetorisch kaschiert, sondern performativ anerkennt. Sein Politikstil ist nicht programmatisch, sondern dezisionistisch. Er basiert nicht auf langfristiger Regelbindung, sondern auf situativer Entscheidung. Genau hier verbindet sich der Trumpismus mit Carl Schmitts Einsicht, dass jede Ordnung letztlich auf einer Entscheidung ruht, die nicht aus Normen ableitbar ist. Der dezisionistische Vorbehalt kehrt zurück – nicht als Theorie, sondern als Praxis.
Diese Praxis ist personalisiert. Trump agiert nicht als Exekutor einer abstrakten Staatsräson, sondern als Verkörperung von Entscheidungsmacht. Hier setzt der Begriff des Sultanismus an, den Wolfgang Merkel zur Beschreibung des Trump-Regierungsstils vorgeschlagen hat. Sultanismus meint nicht Diktatur, sondern die Überlagerung institutioneller Ordnung durch personale Macht. Institutionen bleiben bestehen, verlieren jedoch ihre Eigenautorität. Loyalität ersetzt Verfahren, Nähe ersetzt Regelbindung, Gestalt ersetzt Programm.
Dieser Herrschaftsmodus entfaltet seine eigentliche Logik in der Außenpolitik. Dort, wo liberale Regierungen auf Konsens, Legitimation und multilaterale Abstimmung setzen, operiert der sultanistische Dezisionismus durch Setzung, Signal und Bruch. Außenpolitik wird zur Bühne, auf der Souveränität demonstriert wird.
Die ikonischen Bilder von Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj im Oval Office

sind hierfür exemplarisch. Sie zeigen keine Verhandlung unter Gleichen, sondern eine Szene der Entscheidung. Selenskyj begegnet nicht primär einer Institution, sondern einer Person, die faktisch über Ausnahme, Unterstützung oder Distanz entscheidet. Nicht Verträge strukturieren den Moment, sondern Macht. Das Oval Office wird zur geopolitischen Schaltstelle, nicht zur Verwaltungseinheit.
In diesem Kontext ist auch die Rückkehr klassischer Einflusszonendoktrinen zu lesen. Die Monroe-Doktrin, lange als historisches Artefakt betrachtet, fungiert erneut als implizite Ordnungsvorstellung amerikanischer Macht, wie sie auch in der neuen US-Sicherheitsstrategie niedergelegt wurde. Sie wirkt nicht mehr als feierliche Erklärung, sondern als schwebender Vorbehalt: als die jederzeit abrufbare Entscheidung, externen Einfluss in der westlichen Hemisphäre nicht zu dulden.
Die militärische Strafaktion gegen das Regime von Nicolás Maduro in Venezuela ist genau

in diesem Sinne zu verstehen. Sie ist weder primär menschenrechtlich noch demokratiepolitisch motiviert. Sie ist ein Akt geopolitischer Selbstvergewisserung. Venezuela fungiert hier nicht als Einzelfall, sondern als Bühne. Die Aktion richtet sich nicht nur gegen Caracas, sondern gegen konkurrierende Mächte – gegen chinesische, russische und iranische Einflussambitionen im amerikanischen Vorfeld.
Zugleich besitzt diese Intervention eine klar erkennbare geoökonomische Dimension. Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Seine Ölindustrie wurde im 20. Jahrhundert maßgeblich von amerikanischen Unternehmen aufgebaut und machte das Land bis in die 1980er Jahre hinein zu einem der wohlhabendsten Staaten Lateinamerikas. Die Nationalisierung unter Hugo Chávez Anfang der 2000er Jahre stellte faktisch eine Enteignung dar; die ideologisch motivierte Politisierung des Energiesektors und die anschließende Misswirtschaft unter Nicolás Maduro führten zu dessen systematischer Zerstörung.
Die gegenwärtige amerikanische Politik zielt daher nicht nur auf machtpolitische Grenzziehung, sondern auf die Möglichkeit einer geoökonomischen Revitalisierung. Eine Wiederherstellung funktionsfähiger Förderstrukturen, die Re-Integration in internationale Energiemärkte und die Rückkehr technologischer und organisatorischer Kompetenz würden Venezuela nicht nur stabilisieren, sondern ihm erneut wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Von einer solchen Entwicklung würde das Land selbst profitieren – und mit ihm jene sieben bis acht Millionen Venezolaner, die als Flüchtlinge vor dem sozialistischen Staatszerfall geflohen sind und erst unter Bedingungen ökonomischer Normalität eine reale Rückkehrperspektive hätten.
Die militärische Maßnahme ist in diesem Sinne kein isolierter Gewaltakt, sondern Teil einer strategischen Ordnungspolitik. Sie markiert eine Grenze, eröffnet aber zugleich einen Möglichkeitsraum. Genau dies ist der dezisionistische Charakter der Handlung: Sie ersetzt abstrakte Programme durch konkrete Setzungen, moralische Appelle durch strategische Optionen.
Der Trumpismus operiert hier nicht als ideologisches Projekt, sondern als Ordnungshandeln im Modus der Entscheidung. Die Botschaft lautet nicht: Wir verteidigen universelle Werte. Sie lautet: Wir setzen Macht durch, um Ordnung herzustellen, wo Ordnung zerfallen ist. Legitimität entsteht nicht aus Zustimmung, sondern aus Durchsetzungsfähigkeit und Wirkung.
Vor diesem Hintergrund erweist sich der verbreitete Versuch, den Trumpismus als „faschistisch“ zu etikettieren, weniger als Analyse denn als bösartige politische Fehllektüre. Er entspringt einem linken Moralismus, der jeden dezisionistischen Machtakt reflexhaft pathologisiert, weil er außerhalb des liberalen Begründungsrahmens liegt. Diese Zuschreibung erklärt nichts – sie dient der Selbstberuhigung jener, die Macht nur noch normativ denken können.
Der Trumpismus markiert damit eine Zäsur. Er steht für den Übergang von einer normativ regulierten Weltordnung zu einer dezisionistischen Ordnung konkurrierender Souveränitäten. Er ist Ausdruck einer politischen Realität, in der Einflusszonen, Machtprojektion und geoökonomische Steuerung wieder handlungsleitend sind.
Als politische Realisten haben wir Deutschen uns darüber nicht zu beklagen, sondern diese Realität ernst zu nehmen und mit ihr umzugehen. Nicht moralische Entrüstung, sondern strategische Klarheit ist gefragt. In einer Welt der Entscheidungen wird auch Deutschland nicht danach beurteilt werden, was es erklärt, sondern danach, ob und wofür es selbst zu entscheiden bereit ist.