Von Gabriels „Pack“ zu Albigs „Kommt nach Hause“ oder: Die SPD entdeckt die AfD – Zehn verlorene Jahre
Ausgerechnet am Tag des Grundgesetzes, dem 23. Mai 2026, hat der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung” das gesagt, was der Bundes-SPD seit Jahren ins Stammbuch geschrieben gehört: Man könne „nicht auf Dauer so tun, als wäre“ die AfD „die Ausgeburt der Hölle.“ Wenn 30 Prozent der Wähler diese Partei wählten, sei das eine politische Realität, mit der die Sozialdemokratie zu rechnen habe – und zwar nicht ablehnend, sondern handelnd. Albigs Vorschlag: ein Modell nach dänischem Vorbild. Nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern könne Manuela Schwesig sich „Mehrheiten im Landtag je nach Thema“ suchen – auch von der AfD tolerierte Minderheitsregierungen seien denkbar.
Albig spricht damit aus, was in der SPD längst gedacht wird, aber nicht ausgesprochen werden darf. Er spricht es aus aus einer Position der Folgenlosigkeit: Als Lobbyist von Philip Morris, weit weg von jedem Mandat und jedem Parteiamt, kann er sagen, was Klingbeil und Bas nicht sagen können, ohne ihre Apparatlogik zu sprengen. Das ist die deutsche Variante der Wahrheit: Sie wird erst sagbar, wenn sie nicht mehr handlungsleitend ist, also folgenlos bleibt.
Albigs Vorstoß steht am vorläufigen Ende einer Bewegung, die ich auf meinem Blog seit Jahren beschreibe. Drei Stationen markieren ihren Weg.
Erstens: Heidenau 2015. Als Sigmar Gabriel im sächsischen Heidenau die Demonstranten als „Pack“ bezeichnete, fiel die historische Weichenstellung. Statt die Sorgen der „kleinen Leute“ ernst zu nehmen, hat die SPD-Spitze sie stigmatisiert und damit vertrieben. Was als moralische Abgrenzung verkauft wurde, war in Wahrheit der erste, irreversible Schritt aus dem eigenen Wählermilieu. Die Folgen sind heute mit Händen zu greifen.
Zweitens: Potsdam, Oktober 2025. Dietmar Woidke öffnete als erster amtierender SPD-Ministerpräsident das Fenster zur AfD-Frage – vorsichtig, taktisch, aber sichtbar. Ich hatte den Vorgang seinerzeit als das „Unaussprechliche plötzlich denkbar“ kommentiert. Das Fenster war geöffnet; der Wind, der hindurchwehte, hatte Konsequenzen – nicht für die AfD, die ohnehin auf Kurs war, sondern für die SPD selbst.
Drittens: März 2026. Innerhalb von drei Wochen verlor die SPD Baden-Württemberg auf Splitterparteiniveau (5,5 Prozent), Rheinland-Pfalz nach 35 Jahren Staatskanzlei und München nach 42 Jahren Rathausführung. Im Bund Tiefstwert bei 13 Prozent, AfD und Union gleichauf bei 26. Ich hatte das in „Zur SPD: Anatomie eines Untergangs“ als Zusammenbruch beschrieben: organisatorisch, personell, geistig, strategisch. Die Klingbeil-Bas-Spitze antwortete mit einem Rücktrittstheater ohne Rücktritt, mit „offener Diskussion“ ohne Konsequenz.
Jetzt, im Mai 2026, kommt Albig und zieht die naheliegende Konsequenz. Nicht weil er sie ziehen darf, sondern weil er sie ziehen kann, ohne dass es ihn etwas kostet.
Was Albig richtig sieht – und was er nicht versteht
Albig sieht die strukturelle Realität: Die SPD verliert ihre Wähler in genau das politische Vakuum hinein, das sie selbst geschaffen hat. In Mecklenburg-Vorpommern führt die AfD mit 36 zu 27 Prozent vor der SPD. In Sachsen-Anhalt liegt sie bei 41 Prozent – die SPD bei 7, und in Sachsen erreicht sie ihren Höchstwert mit 42%. Albigs Satz, alte Genossen träten „eins zu eins in die AfD ein – und das sicher nicht, weil die alle Nazis geworden sind, sondern weil sie bei uns etwas vermissen“, ist der ehrlichste Satz, der seit Heidenau aus dem sozialdemokratischen Lager gekommen ist.
Was Albig aber nicht versteht – oder als alter Sozialdemokrat noch nicht verstehen will –, ist Folgendes: Die Wähler, die zur AfD gewandert sind, sind nicht verlaufen. Sie haben sich nicht verirrt. Sie sind dort, wo sie politisch hingehören, weil die AfD die Themen besetzt, die Helmut Schmidt einst der SPD ins Stammbuch geschrieben hatte: realpolitische Vernunft in der Migrationsfrage, energiepolitische Solidität jenseits grüner Klimaideologie, nationale Verantwortung in Europa, Schutz der Leistungsträger, die den Laden am Laufen halten. Die AfD ist die konsequente Vertreterin dieser Ansätze – und damit der gegenwärtige politische Realismus aus der rechten Mitte.
Albigs Appell „Wir haben verstanden – kommt wieder nach Hause“ funktioniert deshalb nicht. Es gibt kein Zuhause mehr, in das man zurückkehren könnte. Die SPD, in deren Namen Albig spricht, hat ihre Mitgliederbasis ausgewechselt, ihr Programm gegen das eigene Wählermilieu gedreht, ihre Spitze von der Realität entkoppelt. Eine politische NGO mit Mandaten hat kein Zuhause anzubieten – nur Ämter, die niemanden mehr interessieren.
Die Brandmauer als doppeltes Problem
Bisher dachten alle: Die Brandmauer ist ein Problem der CDU. Sie zwingt die Union, gegen die eigene Wählermehrheit zu regieren, und macht sie zur Stütze eines Machtkartells, das sich gegen ihre eigene Basis richtet. Albigs Intervention erweitert die Diagnose: Die Brandmauer ist jetzt auch ein SPD-Problem. Sie zwingt die Sozialdemokratie, sich von ihren historischen Wählern fernzuhalten – mit derselben Konsequenz, die die CDU schon ereilt hat, nur radikaler und brutaler.
Die AfD hingegen verliert in dieser Konstellation nicht. Sie wartet. Sie regiert in den Kommunen, bereitet sich in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf Verantwortung vor und stellt – ob CDU oder SPD zuerst die Brandmauer einreißt – eine programmatische Konstante dar, an der das Machtkartell sich abarbeiten muss, ohne sie zerlegen zu können. Albig hat recht: An dieser Realität kommt niemand mehr vorbei. Aber er irrt darin, dass ein dänisches Modell sie noch retten könnte. Denn: Die dänische Sozialdemokratie hat Mette Frederiksen, eine Migrations- und Sicherheitspolitikerin von Format. Die deutsche SPD hat Klingbeil und Bas.
Zur Lage
Was die Berliner Republik in diesen Wochen erlebt, ist keine politische Sondersituation, sondern ein epochaler Umbruch. Die SPD steckt nicht in einer Krise, sondern in einer historischen Bewegung, die im Wesentlichen abgeschlossen ist. Die AfD wächst nicht trotz, sondern wegen dieses Verfalls. Und die Funktionäre der alten Republik – Albig stellvertretend – haben den Gratismut zur Wahrheit, die - und weil sie - folgenlos bleibt.
Die Frage ist nicht mehr, ob die SPD mit der AfD zusammenarbeiten wird. Die Frage ist, wer in der SPD den Mut hat, das aus dem Amt zu sagen statt aus der Lobbyistenposition. Bislang ist niemand in Sicht. Die nächsten Landtagswahlen – Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Berlin – werden zeigen, wie lange das politische Theater der Berliner Republik diese Verweigerung noch durchhält.
In jedem Fall ist das Spiel längst entschieden. Die AfD muss nicht warten, bis die SPD bei ihr ankommt. Sie steht bereits dort, wo ihre Wähler stehen. Albigs Memorandum aus Osnabrück ist nicht der Beginn einer Wende, sondern das Eingeständnis eines verlorenen Jahrzehnts; Bisher nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.