Zur SPD: Anatomie eines Untergangs im Rahmen eines frühen Nachrufs

Frank-Christian Hansel

Die SPD befindet sich nicht in einer Krise. Sie befindet sich im Zusammenbruch – organisatorisch, personell, geistig, strategisch. Was sich im März 2026 vor den Augen der Öffentlichkeit vollzieht, ist kein gewöhnlicher Konjunktureinbruch einer Volkspartei, sondern der finale Beweis dafür, dass diese Partei ihre historische Funktion verloren hat und nur noch als Hülle eines vergangenen Zeitalters existiert.

Innerhalb von drei Wochen hat die SPD drei zentrale Machtpositionen verloren:

In Baden-Württemberg stürzte sie mit 5,5 Prozent auf den Status einer Splitterpartei – das schlechteste Ergebnis, das die Sozialdemokratie je bei einer Landtagswahl erzielt hat. Kein einziges Direktmandat, zehn Sitze in einem Parlament, in dem sie sich als einzige „demokratische Opposition“ (miss)versteht – eine Rolle, die an tragische Ironie grenzt.

In Rheinland-Pfalz, 35 Jahre lang sozialdemokratisches Stammland, brach die Partei von 35,7 auf 25,9 Prozent ein – fast zehn Punkte auf einen Schlag. Die Staatskanzlei in Mainz geht an die CDU. Und in München, wo die SPD seit 42 Jahren den Oberbürgermeister stellte, räumte Dieter Reiter nach einer vernichtenden Stichwahl gegen einen 35-jährigen Grünen das Rathaus, löschte seine Social-Media-Profile und meldete sich krank.

In der Sonntagsfrage fällt die SPD bundesweit auf 13 Prozent – ihren historischen Tiefstwert. Die AfD zieht mit der Union auf 26 Prozent gleich. Die schwarz-rote Koalition hat eigentlich keine parlamentarische Mehrheit mehr.

Und dennoch konzentriert sich die Partei nicht auf Inhalte, nicht auf Lösungen für die reale Notlage dieses Landes – sondern auf Personaldebatten, Reformsimulationen und die Verteidigung von Ämtern, die längst ohne Substanz sind. Eine Organisation, die sich in dieser Lage vor allem mit sich selbst beschäftigt, hat aufgehört, politische Partei zu sein. Sie ist zum Versorgungsapparat ohne Legitimation verkommen.

„Könige ohne Land“ – Macht ohne Volk, Führung ohne Führung

Lars Klingbeil hat in den vergangenen zwölf Monaten eine Machtkonzentration vollzogen, die in der Geschichte der Nachkriegs-SPD beispiellos ist. Als Co-Parteivorsitzender, Bundesfinanzminister und Vizekanzler vereinigt er drei Schlüsselfunktionen auf eine Person – und scheitert an allen dreien gleichzeitig.

Nach dem schwachen Bundestagswahlergebnis 2025 griff er zunächst auch noch nach dem Fraktionsvorsitz, gab ihn dann ab, um ins Finanzministerium zu wechseln. Beim Parteitag quittierten die Delegierten diese Akkumulation mit 64,9 Prozent – ein Ergebnis, das bei jedem anderen Parteivorsitzenden als offene Rebellion gedeutet worden wäre. Klingbeil hat es als Fußnote abgetan. Seine Co-Vorsitzende Bärbel Bas, Nachfolgerin der glücklos agierenden, längst vergessenen Saskia Esken, agiert als stille Statthalterin ohne eigenes Profil. Der einzige SPD-Politiker, dem die Deutschen noch vertrauen, ist Verteidigungsminister Boris Pistorius – und gerade der wird von der Parteiführung als Projektionsfläche gefürchtet, nicht als Lösung gewünscht.

Am Wahlabend von Rheinland-Pfalz inszenierte Klingbeil ein Rücktrittstheater, das die Berliner Republik in ihrer ganzen Hohlheit offenbarte: Er stellte Personaldebatten in Aussicht, räumte Verantwortung ein – und lehnte am nächsten Morgen jeden Rücktritt ab. Man werde „die zweitgrößte Regierungspartei nicht ins Chaos stürzen“, erklärte er. Bärbel Bas ergänzte, man habe „nicht den Rücktritt angeboten“, aber eine „offene Diskussion“ gewollt. Es ist die Sprache einer Führung, die das Primat des Überlebens über das Primat der Politik gestellt hat.

Doris Schröder-Köpf forderte den Rücktritt beider Vorsitzenden und schlug die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger als alleinige Nachfolgerin vor. Juso-Chef Türmer attackierte die Parteispitze: Es fehle völlig an einer überzeugenden Erzählung, die Vorsitzenden leisteten Regierungsarbeit, lieferten aber kein Gefühl des Aufbruchs. Der frühere rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Roger Lewentz, Wer ?!, forderte die Trennung von Ministeramt und Parteivorsitz.

Und was geschah? Nichts. Rehlinger lehnte ab. Schwesig lehnte ab. Pistorius gab dem Spitzenduo „seinen Segen“. Kein starker SPD-Ministerpräsident brachte sich in Stellung. Die Klingbeil-Bas-SPD ist, - wie tragikomisch! - „alternativlos“; nicht, weil sie stark wäre, sondern weil niemand die Verantwortung für ein sinkendes Schiff übernehmen will.

Die Bundes-SPD besteht, genau wie die Berliner Hauptstadt-SPD, inzwischen aus Funktionären ohne Rückhalt, ohne gesellschaftliche Basis, ohne Volk. Was bleibt, sind Titel ohne Substanz und Ämter ohne Autorität. Zwischen Parteivorstand und Fraktion, Anspruch und Wirklichkeit, Führung und Gefolgschaft klafft eine unüberbrückbare Leere. Die politische Dimension, die diese Partei einst füllte – Arbeiter, Angestellte, Mittelstand, nationale Verantwortung –, existiert nicht mehr. Sie spricht nicht mehr mit dem Land, sondern nur noch über sich selbst.

Die Reformrede als letzter Mythos

Inmitten dieser Erosion wurde der nächste Mythos aktiviert: die Grundsatzrede. Nicht als strategische Neuausrichtung, sondern als rhetorische Beruhigungspille für eine nervöse, zerstrittene Partei und eine skeptische Öffentlichkeit.

Am 25. März trat Klingbeil bei der Bertelsmann Stiftung unter dem Titel „Wie modernisieren wir Deutschland?“ ans Pult. Was folgte, war kein sozialdemokratischer Aufbruch, sondern ein Nicht-Ökonom in der Klemme: Man könne nicht jede Krise mit noch mehr Geld beantworten. Die Gesellschaft werde insgesamt mehr arbeiten müssen. Das Ehegattensplitting solle für künftige Ehen abgeschafft werden. Die Rente solle sich stärker an Beitragsjahren orientieren. Leistungsbereitschaft müsse sich auszahlen.

Es war ein Balanceakt zwischen den Rollen des Finanzministers und des Parteivorsitzenden, der keiner Rolle gerecht wurde. Der Finanzminister Klingbeil sagte, was der Parteivorsitzende Klingbeil seinen Genossen nicht zumuten durfte. Und der Parteivorsitzende Klingbeil versprach, was der Finanzminister Klingbeil nicht liefern kann.

Damit steht der designierte Modernisierer vor einem Dilemma, das dem Berliner Doppelspitzen-Theater in nichts nachsteht: Entweder er reformiert tatsächlich – und verliert die linke Parteimehrheit. Oder er konserviert den status quo – und verliert die letzten Wähler der Mitte. Beide Varianten schwächen ihn. Beide verdeutlichen, dass es hier nicht um Führung geht, sondern um Gleichgewicht innerhalb eines zerfallenden Apparats.

Die SPD sucht nicht nach Erneuerung – sie sucht nach einem Narrativ, das den Zerfall für ein paar weitere Monate kaschiert.

Die Partei im Konflikt mit sich selbst

Die Bundes-SPD ist heute ein Feld offener Widersprüche. Sie will Koalitionspartner sein und Opposition spielen. Sie will links sein und pragmatisch wirken. Sie will erneuern und das Alte konservieren. Sie will Vielfalt – und vernichtet abweichende Positionen, ganz wie ihr Hauptstadt-SPD-Ableger in Berlin selbst.

Bedrängt wird die SPD von allen Seiten. In Baden-Württemberg verlor sie vor allem an die Grünen, die unter Cem Özdemir das Ministerpräsidentenamt verteidigten. In Rheinland-Pfalz wanderten Wähler zur CDU und zur AfD. In München übernahm ein junger Grüner das Rathaus. Im Bund nagt die Linke am verbliebenen sozialdemokratischen Kernmilieu. Für jedes Politiksegment von rechts bis links existiert inzwischen eine profiliertere Alternative zur SPD. Sie hat kein Alleinstellungsmerkmal mehr – außer dem immer blasser werdenden Markennamen.

Und während Deutschland in einer vierjährigen Wirtschaftskrise steckt, die Energiepreise explodieren, 80 Prozent der Bevölkerung die Regierung für untätig halten und 61 Prozent mit der Koalitionsarbeit unzufrieden sind, diskutiert die SPD darüber, ob ihre Vorsitzenden den Rücktritt „angeboten“ oder nur eine „offene Diskussion“ gewünscht haben. Diese Partei hat den Kontakt zur Realität nicht nur verloren – sie hält ihn inzwischen für störend.

Vom Niedergang einer Partei zum Untergang einer Epoche

Was hier sichtbar wird, reicht weit über Personalfragen und Koalitionsarithmetik hinaus. Die SPD in ihrer klassischen Form war eine der tragenden Säulen der Bonner und Berliner Republik: industriell verankert, sozial integrativ, national eingebunden, konfliktfähig, aber staatstragend. Was Niklas Luhmann einmal die „Inklusionsmaschine“ des Wohlfahrtsstaates nannte – die systematische Einbindung aller Gesellschaftsschichten in den politischen Prozess –, davon war die SPD der institutionelle Ausdruck. Heute ist davon nichts mehr übrig.

Die SPD ist zu einer politischen NGO mit Mandaten geworden – losgelöst vom produktiven Teil der Gesellschaft, vom Sicherheitsempfinden der Bürger, von wirtschaftlicher Vernunft, von kultureller Identität. Sie verwaltet nicht mehr Stadt und Land – sie verwaltet nur noch ihren eigenen Bedeutungsverlust.

Der soziale Klassenkompromiss, dessen institutioneller Ausdruck sie war, ist Geschichte. Die industrielle Arbeiterschaft, die sie repräsentierte, existiert in der alten Form nicht mehr. Die Mittelschicht, um die sie nun hastig wirbt, hat sich längst anderen Parteien zugewandt. Was bleibt, ist ein Apparat, der Mandate, Büros und Pensionsansprüche produziert – aber keine Politik mehr.

Andreas Reckwitz' Diagnose der Drei-Klassen-Gesellschaft beschreibt präzise, warum die SPD in diesem Umfeld nicht überleben kann: Die neue Mittelklasse wählt Grün. Die alte Mittelklasse wählt noch (!) CDU. Die neue Klasse der an den Rand gedrängten Mitte wendet sich, sofern sie überhaupt noch wählt, der AfD zu. Für eine Partei, die alle drei adressieren müsste, um relevant zu bleiben, ist das ein strukturell unlösbares Dilemma.

Die AfD als Symptom des Vakuums

Während die SPD schrumpft, wächst das, was sie hinterlässt. Die AfD hat sich in Rheinland-Pfalz auf über 20 Prozent verdoppelt – das beste Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland. In Baden-Württemberg wurde sie mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft. Bei den Unter-45-Jährigen ist sie in Rheinland-Pfalz stärkste Partei. Im Bund liegt sie mit 24 bis 26 Prozent gleichauf mit der Union.

Die SPD-Führung reagiert darauf mit dem immer gleichen Reflexmuster: Empörung, Abgrenzung, Brandmauer-Rhetorik. Was sie nicht begreift – oder nicht begreifen will –, ist, dass die AfD nicht trotz, sondern wegen der SPD wächst. Jeder Prozentpunkt, den die Sozialdemokratie verliert, ist ein Prozentpunkt, der dem politischen Vakuum zufließt, das die AfD systematisch besetzt. Donald Warrens Konzept der „Middle American Radicals“, das den Aufstieg der amerikanischen Neuen Rechten aus der Enttäuschung der Mitte erklärte, beschreibt auch die deutsche Dynamik: Menschen, die sich von oben verraten und von unten bedrängt fühlen, wenden sich nicht der Partei zu, die sie verraten hat, sondern der Kraft, die ihren Zorn artikuliert: Die „Normalisierung der AfD“ ist Anerkenntnis einer Normalisierung, in der die SPD keine tragende Rolle mehr spielt.

Das Ende geschieht nicht leise

Die Bundes-SPD wird sich nicht erneuern. Sie wird sich auch nicht stabilisieren. Sie wird weiter schrumpfen, weiter Personal verbrennen, weiter zwischen Reformrhetorik und innerparteilicher Blockade oszillieren – bis sie nur noch als formale Struktur existiert, getragen von Mandaten, die mit jeder Wahl weniger werden, und Funktionären, deren Gesichter niemand mehr kennt, wie in Berlin mit der Co-Vorsitzenden Bettina König, ohne Gesicht, ohne Land.

Lars Klingbeil wird seine Grundsatzreden halten, Bärbel Bas wird die Formulierung „offene Diskussion“ wiederholen, Tim Klüssendorf, Wer?!, wird „Offensive“ fordern, und Boris Pistorius wird in den Umfragen beliebter bleiben als alle anderen Sozialdemokraten zusammen – ohne dass sich etwas ändert. Die SPD wird bei den anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein weiter verlieren. Schwarz-Rot wird irgendwann an der eigenen Mehrheitslosigkeit zerbrechen oder sich bis zum bitteren Ende der Legislaturperiode schleppen – beides Varianten des gleichen Niedergangs.

Was in Berlin schon länger sichtbar wurde – die kannibalische Parteikultur, die Quotendebatten als Ersatzhandlung, die Doppelspitze als letzter Mythos, die Funktionäre ohne Land –, zeigt sich im Bund in größerem Maßstab und mit größerer Konsequenz. Die Berliner SPD mit ihren 13 Prozent ist nicht der Sonderfall – sie ist der Vorbote. Was dort im Kleinen zerfiel, zerfällt nun im Großen.

Die SPD ist kein politischer Gegner mehr. Sie ist ein Mahnungssymbol des politischen Niedergangs. Und gerade deshalb ist sie so aufschlussreich: In ihrem Zerfall erkennen wir das Ende einer ganzen Epoche – des sozialdemokratischen Jahrhunderts, das einmal das Versprechen trug, Freiheit und soziale Sicherheit zu versöhnen. Dieses Versprechen trägt nicht mehr. Und mit ihm vergeht die Partei, die es einst verkörperte.