Vom Autoland zur verlängerten Werkbank: Die deutsche Automobilindustrie in der Mehrfachkrise

Frank-Christian Hansel

Die Krise der deutschen Automobilindustrie lässt sich nicht mehr als Konjunkturdelle beschreiben. Das ist ihr eigentlich alarmierender Kern. Was früher als zyklischer Rückgang, als Absatzschwäche oder als schwieriges Quartal hätte durchgehen können, hat inzwischen die Qualität eines Strukturbruchs. Das Handelsblatt spricht unter Berufung auf Branchenexperten von einem „strukturellen Problem“ und einem „tektonischen Umbruch“ des Geschäftsmodells. Genau diese Formulierungen treffen den Punkt: Es geht nicht mehr darum, ob Volkswagen, Mercedes oder BMW ein schwaches Jahr überwinden. Es geht darum, ob das industrielle Erfolgsmodell der deutschen Nachkriegsökonomie in seiner bisherigen Form noch trägt.

Dieses Modell beruhte lange auf drei Säulen. Europa war die industrielle Heimatbasis, China der Wachstums- und Gewinnmotor, die USA der Premium-Exportmarkt. Heute wackeln alle drei Säulen gleichzeitig. Europa stagniert, China bricht als Gewinnquelle weg, Amerika droht mit neuen Zöllen. Hinzu kommen hohe Energiekosten, teure Rohstoffe, Chipengpässe, EU-Regulierung, massive Investitionen in die Elektromobilität und der Preisangriff chinesischer Hersteller. Die Branche steht nicht vor einem einzelnen Problem. Sie steht vor einer toxischen Gemengelage.

Besonders brutal zeigt sich das im China-Geschäft. Über Jahre war China die Ertragsmaschine der deutschen Autobauer. Dort wurden Stückzahlen, Margen und Wachstum erzielt, die Schwächen in anderen Märkten überdecken konnten. Diese Zeit ist vorbei. Laut Handelsblatt sind die Absätze der deutschen Autokonzerne in China von 1,4 Millionen Fahrzeugen im ersten Quartal 2021 auf 804.000 Fahrzeuge gefallen — ein Rückgang um 43 Prozent binnen fünf Jahren. Volkswagen kam im ersten Quartal nur noch auf 105 Millionen Euro operativen Ergebnisbeitrag aus China, Audi auf 28 Millionen Euro. Der wichtigste Gewinnmotor der Branche ist damit praktisch weggebrochen.

Das verändert alles. Denn China ist nicht einfach schwächer geworden. China hat die Rolle gewechselt. Aus dem Absatzmarkt deutscher Hersteller ist ein Konkurrent geworden, der nun seinerseits Europa angreift. BYD, Leapmotor, Hongqi und andere chinesische Anbieter kommen mit preisgünstigen Elektroautos, industrieller Skalierung, Batterievorteilen und staatlich gestützter Strategie. Sie treffen auf einen europäischen Markt, in dem deutsche Hersteller beim bezahlbaren Elektroauto nicht stark genug aufgestellt sind. Gerade das untere und mittlere Preissegment wird zur strategischen Front. Wer das bezahlbare Auto verliert, verliert nicht nur Marktanteile. Er verliert den sozialen Kern der Automobilindustrie.

Gleichzeitig frisst die E-Wende Kapital. Die deutschen Hersteller haben Milliarden in Elektroplattformen, Digitalisierung und neue Modelle gesteckt. Allein Volkswagen hat in seiner jüngsten Investitionsrunde 160 Milliarden Euro eingeplant, ein Großteil davon für Elektrifizierung und Digitalisierung. Doch die Amortisation dieser Investitionen ist unsicher. Das globale E-Auto-Wachstum verläuft schwankend. VWs weltweite Elektro-Auslieferungen gingen zum Jahresstart zurück, BMWs sogar deutlich. Gleichzeitig mussten Konzerne milliardenschwere Abschreibungen verkraften: Stellantis auf sein E-Auto-Geschäft, VW auf den ID.4 in Chattanooga, Porsche auf eine verworfene Elektroplattform. Die Transformation ist also nicht der garantierte Aufbruch, als der sie politisch verkauft wurde. Sie ist ein gigantischer Kapitaleinsatz unter hoher Unsicherheit.

Hier liegt der politische Fehler: Die Politik hat den Übergang zur Elektromobilität nicht als offenen technologischen Wettbewerb organisiert, sondern als Zielpfad mit moralischer Überhöhung. Der Verbrenner wurde politisch delegitimiert, bevor die neue Wertschöpfungskette in Europa souverän gesichert war. Batterien, Rohstoffe, Plattformen und Software liegen zu stark außerhalb europäischer Kontrolle. Gleichzeitig wurden Energiepreise, Netzentgelte, Bürokratie und CO₂-Auflagen zu zusätzlichen Standortlasten. Die Industrie wurde in eine Transformation gedrängt, deren Kosten in Europa anfallen, deren strategische Vorteile aber zunehmend China realisiert.

Dazu kommt die Rückkehr der Machtpolitik in den Welthandel. Donald Trumps neue Zolldrohungen zeigen, dass die globale Ordnung, in der deutsche Hersteller jahrzehntelang erfolgreich waren, nicht mehr selbstverständlich existiert. BMW, Mercedes, VW und Audi spüren bereits heute hohe Zollbelastungen. Wenn die USA ihre Zölle auf europäische Autos weiter erhöhen, trifft das eine Branche, die ohnehin unter Druck steht. Trump ist deshalb nicht die Ursache der Krise. Er ist der Katalysator. Er trifft eine Industrie, deren Puffer vorher abgebaut wurden.

Früher hatte der Standort Reserven: günstige Energie, starke Zulieferer, hohe Margen, technologische Führerschaft, starke Verbrennerkompetenz und robuste Exportmärkte. Heute sind diese Reserven geschwächt. China ist nicht mehr sichere Ertragsquelle. Europa wächst nicht ausreichend. Die USA werden protektionistischer. Die E-Wende verschlingt Kapital. Die Energiewende verteuert die Produktionsbasis. Die EU reguliert tiefer in die Modellpolitik hinein. Rohstoffe und Chips werden teurer. Genau deshalb ist die Krise nicht additiv, sondern kumulativ. Nicht ein Faktor bringt die Industrie ins Wanken, sondern die Gleichzeitigkeit aller Faktoren.

Die Reaktion der Konzerne zeigt, wie ernst die Lage ist. Mercedes will Milliarden einsparen. Volkswagen hat einen massiven Stellenabbau angekündigt. Die Kernmarke soll jährlich 15 Milliarden Euro sparen. In Europa hat VW rund 500.000 Fahrzeuge zu viel im System. Genau hier schließt sich der Kreis zu den Meldungen über chinesische Produktion in europäischen Werken und mögliche Kooperationen oder Werksteilungen bei Stellantis. Wenn Werke nicht mehr ausgelastet sind, wenn Kapazitäten zu hoch sind und wenn chinesische Hersteller bereitstehen, diese Kapazitäten zu nutzen, dann beginnt eine neue Phase: Europa bleibt Produktionsort, aber verliert die industrielle Führungsrolle.

Das ist der Unterschied zwischen Industrie und Werkbank. Industrie bedeutet: eigene Plattformen, eigene Technologien, eigene Märkte, eigene strategische Entscheidungsmacht. Werkbank bedeutet: vorhandene Hallen, Beschäftigung, Auslastung — aber unter fremder technologischer Führung. Wenn deutsche oder europäische Werke künftig chinesische Autos bauen, kann das kurzfristig Arbeitsplätze sichern. Aber es beantwortet nicht die Souveränitätsfrage. Wer produziert? Wer entscheidet? Wer kontrolliert Software, Batterie, Plattform und Lieferkette? Wer schöpft die Rendite ab? Wer bestimmt die nächste Modellgeneration?

Man darf Beschäftigung nicht mit Souveränität verwechseln. Natürlich ist es besser, wenn ein Werk läuft, als wenn es geschlossen wird. Aber ein Werk, das nur noch deshalb läuft, weil fremde Hersteller die eigene Überkapazität nutzen, ist kein Zeichen industrieller Stärke. Es ist ein Zeichen strategischer Schwäche. Der Pragmatismus, chinesische Modelle in europäischen Hallen zu bauen, ist ein Pragmatismus der Niederlage, wenn er nicht Teil einer eigenen industriepolitischen Gegenstrategie ist.

Die eigentliche politische Warnung lautet daher: Deutschland verliert nicht nur Fahrzeuge, Margen oder Marktanteile. Deutschland verliert industrielle Reserve. Und wer industrielle Reserve verliert, verliert politische Handlungsfähigkeit. Ein Land kann seine Sozialversprechen, seine Verteidigungsfähigkeit, seine technologische Souveränität und seine außenpolitische Selbstbehauptung nicht auf Dienstleistungen und Subventionen gründen. Es braucht industrielle Substanz. Es braucht Energie, Werke, Fachkräfte, Zulieferer, Maschinen, Patente, Plattformen und Kapitalrenditen.

Deshalb muss die Antwort tiefer gehen als ein weiteres Förderprogramm. Deutschland braucht bezahlbare und gesicherte Energie. Es braucht Technologieoffenheit im Automobilbereich. Es braucht ein Ende der ideologischen Fixierung auf einen einzigen Antriebspfad. Es braucht eine ehrliche Bilanz der E-Wende-Kosten. Es braucht eine Senkung von Netzkosten, Bürokratie und regulatorischen Sonderlasten. Und es braucht eine europäische Industriesouveränitätsstrategie, die fragt: Welche Technologien kontrollieren wir selbst? Welche Rohstoffe sichern wir? Welche Batterien, Halbleiter, Plattformen und Softwarearchitekturen liegen in europäischer Hand? Welche Werke sind systemrelevant? Welche Kooperationen schaffen neue Abhängigkeiten?

Die entscheidende Frage darf nicht lauten, wie chinesische Hersteller europäische Überkapazitäten nutzen können. Die entscheidende Frage lautet, warum Europa überhaupt so viele industrielle Überkapazitäten erzeugt hat. Warum deutsche Hersteller im bezahlbaren Elektrosegment nicht konkurrenzfähig genug sind. Warum der frühere Gewinnmotor China wegbrach, ohne dass rechtzeitig Ersatz entstand. Warum Europa seine eigene Industrie stärker reguliert, als es sie strategisch schützt. Warum ausgerechnet in einer Welt neuer Machtpolitik moralische Zielvorgaben wichtiger waren als industrielle Stärke.

VW, Mercedes, BMW und Stellantis stehen deshalb nicht nur für Unternehmensprobleme. Sie stehen für den Zustand Europas. Die alte Bundesrepublik konnte sich auf ihre Industrie verlassen. Das neue Europa diskutiert, ob chinesische Hersteller die leerstehenden Hallen auslasten. Das ist der Unterschied zwischen Aufstieg und Abstieg, zwischen Souveränität und Abhängigkeit, zwischen Industriepolitik und Beschäftigungsverwaltung.

Die deutsche Automobilindustrie erlebt keine normale Krise. Sie erlebt den Stresstest eines Landes, das seine Energie verteuert, seine Schlüsseltechnologie politisch verengt, seine Exportmärkte verliert und dann überrascht ist, dass andere die Leerräume füllen. Wer jetzt nicht umsteuert, riskiert, dass aus dem Autoland Deutschland eine verlängerte Werkbank fremder Strategien wird.

Es gibt Nachrichten, die man als normale Unternehmensmeldungen lesen kann. Und es gibt Nachrichten, die den Zustand eines ganzen Landes offenlegen. Die aktuellen Meldungen aus der Automobilindustrie gehören zur zweiten Kategorie. Volkswagen will seine Produktionskapazitäten in Europa weiter senken. Stellantis prüft offenbar Verkauf oder gemeinsame Nutzung europäischer Werke. Chinesische Hersteller stehen als Interessenten bereit. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies bringt öffentlich ins Spiel, chinesische Autos in deutschen VW-Werken bauen zu lassen. Gleichzeitig droht US-Präsident Donald Trump mit neuen Strafzöllen auf europäische Autos, Rohstoffpreise steigen, Chips werden teurer, EU-Regulierung verschärft den Druck, und chinesische Anbieter wie BYD drängen mit preisgünstigen Elektroautos in den europäischen Markt.

Jede dieser Entwicklungen wäre für sich genommen bereits ernst. Zusammengenommen ergeben sie ein Bild von historischer Tragweite: Deutschland und Europa verlieren nicht nur Marktanteile. Sie verlieren industrielle Widerstandskraft, strategische Tiefe und zunehmend die Verfügung über ihre eigene Produktionsbasis.

Die deutsche Automobilindustrie war nie irgendeine Branche. Sie war der harte Kern des deutschen Wohlstandsmodells. In ihr verbanden sich Maschinenbau, Chemie, Stahl, Logistik, Software, Forschung, Zulieferer, Facharbeit und Exportkraft zu einem industriellen Gesamtorganismus. Wer von der Autoindustrie spricht, spricht nicht nur von Fahrzeugen. Er spricht von Wertschöpfungsketten, Qualifikation, technologischer Souveränität und staatlicher Handlungsfähigkeit. Genau deshalb ist die aktuelle Krise so viel mehr als eine Absatzschwäche. Wenn VW Kapazitäten abbaut und Stellantis Werke zur Disposition stellt, dann geht es nicht nur um einzelne Standorte. Dann gerät die materielle Grundlage europäischer Industriepolitik ins Rutschen.

Volkswagen steht dabei exemplarisch für die tektonische Verschiebung. Ein Konzern, der einst auf mehr als zwölf Millionen Fahrzeuge Jahreskapazität ausgelegt war, soll nun auf eine Größenordnung von etwa neun Millionen heruntergeführt werden. Das ist keine bloße Konjunkturanpassung. Das ist die Korrektur eines industriellen Weltmachtanspruchs nach unten. Die alte Grundannahme, dass Europas größter Autobauer seine Werke dauerhaft aus eigener Marktdynamik auslasten könne, gilt nicht mehr selbstverständlich.

Noch brisanter ist, dass VW zugleich über chinesische Modelle und chinesische Partner in europäischen Werken nachdenkt. Früher bauten deutsche Hersteller in China, um den chinesischen Markt zu bedienen. Heute steht die Frage im Raum, ob chinesische Hersteller in Europa bauen, um europäische Überkapazitäten auszulasten. Das ist die eigentliche Umkehrung der Globalisierung. Der frühere Lehrmeister sucht nun Anschluss an die Dynamik des früheren Schülers. Der industrielle Schwerpunkt verschiebt sich.

Der Fall Stellantis verschärft dieses Bild. Wenn europäische Werke verkauft, geteilt oder chinesischen Partnern geöffnet werden, dann ist das nicht nur betriebswirtschaftlicher Pragmatismus. Es ist ein Signal strategischer Schwäche. Eine Fabrik ist nicht nur Beton, Stahl und Maschinen. Eine Fabrik ist Verfügungsmacht. Wer dort produziert, bestimmt Plattformen, Softwarearchitekturen, Batterietechnik, Zulieferketten, Investitionsentscheidungen und industrielle Standards. Wenn europäische Werke künftig chinesische Fahrzeuge bauen, mögen Arbeitsplätze kurzfristig erhalten bleiben. Aber die entscheidende Frage lautet: unter wessen industrieller Führung? Mit welcher Technologie? In welcher Abhängigkeit?

Genau hier liegt der Kern der politischen Warnung. Man kann den Bau chinesischer Autos in deutschen oder europäischen Werken kurzfristig als Rettungsmaßnahme verkaufen. Besser chinesische Modelle vom Band als leere Hallen. Besser Auslastung als Schließung. Besser Beschäftigung als Strukturbruch. Das klingt pragmatisch, ist aber ein Pragmatismus der Niederlage. Er rettet nicht die industrielle Souveränität, sondern verwaltet ihren Verlust. Wer nur noch froh ist, dass irgendjemand die eigenen Werke auslastet, hat die strategische Führungsrolle bereits eingebüßt.

Die Automobilkrise ist keine Einzelfaktor-Krise. Sie ist eine Mehrfachkrise. Trump droht mit höheren Zöllen auf EU-Autos. Die Branche wird durch steigende Aluminiumpreise belastet. Öl, Gas, Naphtha und Kunststoffkomponenten werden teurer. Speicherchips werden knapper, weil Halbleiterhersteller ihre Kapazitäten stärker auf KI-Rechenzentren ausrichten. Gleichzeitig verschärft die EU über technische Richtlinien und regulatorische Vorgaben den Druck auf die Modellpolitik der Hersteller. Und aus China kommen preisgünstige Elektroautos, die genau dort angreifen, wo Europas Hersteller besonders verwundbar sind: beim bezahlbaren Auto.

Damit wird die Lage analytisch klarer. Trump ist nicht die Ursache der Krise. Er ist der Katalysator. Die neuen Zolldrohungen treffen eine Branche, die bereits geschwächt ist: durch Überkapazitäten, hohe Standortkosten, schwache Nachfrage, teure Transformation, chinesische Konkurrenz und politische Planungsunsicherheit. Ein starker Industriestandort kann einzelne Schocks verkraften. Ein geschwächter Standort wird durch ihre Gleichzeitigkeit überfordert.

Das ist der eigentliche Skandal: Deutschland hat seine industriellen Puffer verloren. Früher hatte der Standort Reserven. Er hatte günstige und verlässliche Energie, starke Zulieferer, technologische Führerschaft, hohe Margen im Premiumsegment, robuste Verbrennerkompetenz, funktionierende Infrastruktur und exportpolitische Stabilität. Heute sind diese Schutzschichten abgetragen. Energie ist teuer. Regulierung ist übergriffig. Der Verbrenner wird politisch delegitimiert. Die E-Auto-Wertschöpfung hängt stark an Batterien, Rohstoffen und Software, also an Feldern, auf denen China strukturelle Vorteile besitzt. Zugleich steigen Rohstoffpreise und Chips werden durch den KI-Boom knapper. Die Industrie wird also nicht nur von einer Seite getroffen, sondern gleichzeitig von außen, von innen, von unten und von oben.

Der Zusammenhang mit der Energiewende ist dabei zentral. Es wäre zu einfach zu sagen: Die Energiewende allein zerstört die Autoindustrie. Die präzisere Aussage lautet: Die Energiewende hat die Widerstandskraft des Industriestandorts geschwächt. Sie hat Energie verteuert, Netzkosten erhöht, Versorgungssicherheit politisch verkompliziert und Investitionsentscheidungen unsicherer gemacht. Sie hat ein System geschaffen, das dauerhaft durch Zuschüsse, Umlagen, Sonderregeln und Entlastungspakete stabilisiert werden muss. Erst verteuert die Politik die industrielle Basis, dann verkauft sie die teilweise Kompensation als Rettung.

Die Energiewende besteht aus einem System, das seine eigenen Strukturkosten nicht aus Marktkraft tragen kann, sondern sie über Staatshaushalt, Netzentgeltzuschüsse und Sonderprogramme kaschiert. Eine solche Energiepolitik schafft keine industrielle Zukunft. Für energieintensive Branchen, Zulieferer, Maschinenbauer und Fahrzeughersteller bedeutet das: Die Kostengrundlage wird unsicher, während Wettbewerber in anderen Weltregionen mit günstigeren Energiepreisen, strategischer Rohstoffpolitik und aggressiver Industriepolitik operieren.

China ist in diesem Bild nicht einfach nur ein Konkurrent. China ist der Akteur, der Europas selbst geschaffene Leerstelle füllt. Während Deutschland über Zielpfade, Verbote, CO₂-Flottenregeln und Transformationspläne diskutierte, baute China Batterien, Plattformen, Rohstoffzugriffe, Softwarekompetenz, Skaleneffekte und Preisführerschaft auf. Das Ergebnis ist nun sichtbar. BYD, Leapmotor, Hongqi und andere chinesische Anbieter drängen nicht mehr nur abstrakt in den europäischen Markt. Sie kommen mit Produkten, Preisen und Produktionsstrategien, auf die Europa keine überzeugende Antwort hat.

Besonders gefährlich ist der Angriff im unteren und mittleren Preissegment. Wenn chinesische Hersteller technisch attraktive Elektroautos für unter oder um 20.000 Euro anbieten können, während deutsche Elektroautos häufig erst deutlich oberhalb von 30.000 Euro beginnen, dann ist das nicht mehr nur ein Preisproblem, sondern ein echtes gesellschaftliches Problem. Denn das bezahlbare Auto war immer Teil des sozialen Kerns der Automobilindustrie. Wer das bezahlbare Auto verliert, verliert nicht nur Marktanteile. Er verliert die Verbindung zur normalen Kundschaft.

Damit entsteht eine doppelte Entwertung. Europa verliert einerseits seine alte Stärke im klassischen Automobilbau, weil der Verbrenner politisch zurückgedrängt und regulatorisch belastet wird. Andererseits besitzt Europa die neue elektrische Wertschöpfung nicht souverän genug, weil Batterie, Rohstoffe, Plattformen, Software und kostengünstige Skalierung stark von China geprägt werden. Genau in diese Lücke stoßen die chinesischen Hersteller. Sie treffen auf Werke, die ausgelastet werden müssen, auf Konzerne unter Renditedruck, auf Politik, die Beschäftigung retten will, und auf eine EU, die zwar reguliert, aber keine kohärente Souveränitätsstrategie liefert.

Hinzu kommt der innere europäische Konflikt. Wenn französische Hersteller im Zuge europäischer Richtlinien kleinere Fahrzeuge stärker fördern wollen und deutsche Hersteller Nachteile für ihre größeren Modelle befürchten, dann wird die EU selbst zum Austragungsort industriepolitischer Machtverschiebung. Brüssel ist dann nicht nur Klimaregulierer, sondern auch Mitgestalter einer Marktordnung, in der nationale Geschäftsmodelle gegeneinander ausgespielt werden. Die deutsche Autoindustrie wird also nicht nur von den USA und China bedrängt. Sie wird auch innerhalb Europas unter Druck gesetzt.

Daraus ergibt sich die neue Qualität der Lage. Die Krise ist nicht additiv, sondern kumulativ. Nicht ein Faktor bringt die Industrie ins Wanken. Entscheidend ist die Überlagerung: Energiepreise, Rohstoffkosten, Zölle, Chips, EU-Regulierung, chinesische Konkurrenz, Überkapazitäten, schwache Nachfrage, Softwaredefizite und politische Planungsunsicherheit verstärken sich gegenseitig.

Darum wäre es fatal, die aktuelle Debatte nur als betriebswirtschaftliches Problem von VW oder Stellantis zu behandeln. Natürlich haben die Konzerne eigene Fehler gemacht. Sie haben China unterschätzt, Software verschlafen, Modellpaletten überdehnt, sich zu lange auf alte Margen verlassen und den günstigen Massenmarkt vernachlässigt. Aber die politische Mitverantwortung ist nicht wegzuwischen. Wer Energie verteuert, Technologieoptionen einschränkt, Bürokratie ausweitet, den Verbrenner politisch abräumt und zugleich globale Wettbewerber unterschätzt, produziert industrielle Verwundbarkeit.

Der entscheidende Unterschied lautet: China betreibt Industriepolitik als Machtpolitik. Europa betreibt Industriepolitik zu oft als Moralpolitik. China fragt: Wer kontrolliert Rohstoffe, Batterien, Plattformen, Produktionskosten, Absatzmärkte und Lieferketten? Europa fragt: Welche Technologie passt am besten in den regulatorischen Zielkorridor oder zum “Klima”? China nutzt Überkapazitäten strategisch. Europa erzeugt sie politisch und sucht anschließend nach Rettern.

Europa steht vor dem Übergang von der industriellen Führungsregion zur industriellen Anschlussregion. Es produziert dann vielleicht weiterhin Autos, aber nicht mehr notwendig aus eigener strategischer Stärke. Es hält Werke offen, aber verliert die Kontrolle über Plattformen, Technologien und Zukunftsinvestitionen. Es bleibt Produktionsort, aber nicht mehr Entscheidungsmacht. Genau das ist der Unterschied zwischen Industrie und Werkbank.

Man darf Beschäftigung nicht mit Souveränität verwechseln. Natürlich sind Arbeitsplätze wichtig. Natürlich ist es besser, wenn Werke weiterlaufen, statt geschlossen zu werden. Aber wenn diese Werke nur noch deshalb laufen, weil chinesische Hersteller ihre Modelle dort bauen, dann ist das kein Zeichen industrieller Erneuerung. Es ist ein Zeichen strategischer Abhängigkeit. Arbeitsplätze ohne technologische Kontrolle sind kein Zukunftsmodell. Produktion ohne eigene Plattformen ist keine Souveränität. Auslastung ohne Führungsrolle ist Beschäftigungsverwaltung.

Deutschland braucht deshalb eine radikale Kurskorrektur. Erstens braucht der Industriestandort bezahlbare, gesicherte und grundlastfähige Energie. Ohne Energie keine Industrie, ohne Industrie keine Souveränität. Zweitens muss die Technologieoffenheit im Automobilbereich wiederhergestellt werden. Wer den Verbrenner politisch abräumt, bevor Alternativen industriell souverän stehen, zerstört vorhandene Stärke, ohne neue Stärke sicher zu gewinnen. Drittens müssen Netzkosten, Bürokratie, Genehmigungszeiten und regulatorische Sonderlasten massiv reduziert werden. Viertens braucht Europa eine echte Industriesouveränitätsbilanz: Welche Technologien kontrollieren wir selbst? Welche Rohstoffe sichern wir? Welche Batterien, Halbleiter, Plattformen und Softwarearchitekturen liegen in europäischer Hand? Welche Werke sind systemrelevant? Welche Übernahmen, Beteiligungen oder Produktionspartnerschaften schaffen neue Abhängigkeiten?

Die Lage ist ernst, weil sie nicht plötzlich entstanden ist. Sie ist das Resultat einer langen Fehlsteuerung. Darauf hat die AfD seit Jahren hingewiesen: Erst kam die Energieverteuerung. Dann kam die Überforderung der Industrie durch politisch gesetzte Transformationsfristen. Dann kamen Absatzprobleme, Kapazitätsabbau und Standortdebatten. Jetzt kommen chinesische Interessenten für europäische Werke. Und nun kommen auch noch Zölle, Rohstoffschocks, Chipengpässe und geopolitische Eskalationen hinzu. Das ist keine Kette von Zufällen. Es ist eine Kette politischer und industrieller Fehlentscheidungen, die nun von der Weltlage offengelegt wird.

Die alte Bundesrepublik konnte sich auf ihre Industrie verlassen. Das EU-Europa diskutiert, ob es seine leerstehenden Hallen von chinesischen Herstellern auslasten lässt. Das ist der Unterschied zwischen Aufstieg und Abstieg, zwischen Souveränität und Abhängigkeit, zwischen Industriepolitik und Beschäftigungsverwaltung.

Es geht doch jetzt darum, ob Deutschland und Europa noch einmal zu einer Politik der industriellen Stärke zurückfinden — oder ob sie sich damit abfinden, zur verlängerten Werkbank derjenigen zu werden, die ihre Energie-, Rohstoff-, Technologie- und Industriepolitik nüchterner, härter und strategischer betreiben: Ein Land, das seine Energiegrundlage verteuert, verliert seine industrielle Reserve. Ein Kontinent, der seine Industrie verliert, verliert seine Souveränität. Das kann keiner wollen!