Die Deindustrialisierung der deutschen Autoindustrie – Selbstzerstörung durch Ideologie, Standortversagen und das Schweigen der Eliten

Frank-Christian Hansel

Die deutsche Autoindustrie, einst industrielles Herz der Republik, steht heute für einen Niedergang, der lange beschönigt und als „Transformation“ verklärt wurde. Tatsächlich erleben wir einen Deindustrialisierungspfad: Arbeitsplätze verschwinden, Zulieferketten reißen, Produktion wandert ins Ausland, Gewinne brechen ein, und mit ihnen schwindet die technologische Souveränität des Standorts Deutschland. Allein binnen eines Jahres wurden rund 50.000 Stellen abgebaut. Was hier erodiert, ist kein Nebensektor, sondern das industrielle Rückgrat des Landes.

Dieser Niedergang ist nicht schicksalhaft. Natürlich gibt es Druck durch China, die USA und neue Handelskonflikte. Doch die eigentliche Schwächung ist hausgemacht. Die deutsche und europäische Politik hat der Branche über Jahre ein immer engeres Korsett aus Klimavorgaben, Flottenzielen, Berichtspflichten, Lieferkettenregeln und Technologielenkung angelegt. Die politisch forcierte Elektromobilität wurde dabei nicht als eine Option unter mehreren behandelt, sondern zum einzig legitimen Zukunftspfad erhoben. Spätestens mit dem geplanten Verbot neuer Verbrenner ab 2035 wurde aus einem Wettbewerbsprozess ein politischer Zwangspfad. Damit wurde ausgerechnet jene technologische Stärke entwertet, in der deutsche Hersteller jahrzehntelang führend waren: der hochentwickelte Verbrennungsmotor mitsamt seiner Wertschöpfungskette.

Vorbereitet wurde dieser Kurs in der Merkel-Ära, durchgesetzt wurde er über Brüssel. Die immer schärferen EU-Abgas- und Flottenregeln wurden zum Einfallstor einer Politik, die Schritt für Schritt die industrielle Grundlage der Hersteller untergrub. Der Diesel- und Abgasskandal führte nicht zu einer nüchternen Debatte über vernünftige Regulierung, sondern diente als Hebel für noch mehr politischen und moralischen Druck. Hinzu kommt die Mitverantwortung der Branche selbst. Die Vorstandsetagen von VW, Mercedes-Benz, BMW oder Porsche haben dieser Entwicklung nicht entschlossen widersprochen. Das Schweigen der Industriekapitäne, ihr Anpassungsreflex und ihr Glaube, jede politische Vorgabe schon irgendwie ökonomisch verarbeiten zu können, gehören zur Vorgeschichte der heutigen Krise.

Die Folgen zeigen sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die deutsche Autoindustrie lebt nicht nur von den großen Marken, sondern von Tausenden Zulieferern – von Gießereien, Getriebeherstellern, Präzisionsfertigern, Elektronik- und Systemlieferanten. Mit dem politisch erzwungenen Rückbau des Verbrenners verlieren genau diese Betriebe ihre Grundlage. Viele klassische Komponenten fallen im Elektroauto weg oder werden nur noch in geringerem Umfang gebraucht. Für große Teile der Zulieferindustrie bedeutet das nicht Erneuerung, sondern Marktverlust. Deshalb schließen immer mehr Zulieferer Standorte, bauen Personal ab, melden Insolvenz an oder verlassen Deutschland. Wenn Hersteller Modelle verlagern, folgen oft ganze Lieferketten. Aus einzelnen Rationalisierungsentscheidungen wird ein struktureller Dominoeffekt.

Besonders alarmierend ist, dass inzwischen nicht nur Zulieferer unter Druck geraten, sondern die Fahrzeugproduktion selbst ins Ausland abwandert. Genau das markiert den Übergang von der Branchenkrise zur offenen Deindustrialisierung. Wenn Endmontage, Entwicklung, Zulieferung, Know-how und Fachkräfte gemeinsam verloren gehen, verliert ein Industriestandort seine Tiefe. Was einmal verlagert ist, kehrt in der Regel nicht zurück.

Zu dieser Technologielenkung tritt als zweiter großer Standortkiller die Energiepolitik. Es geht nicht nur um den Strompreis, sondern um ein ganzes Fehlregime aus hohen Strom- und Gaspreisen, Netzentgelten, CO₂-Kosten, Abgaben, Unsicherheit und fehlender Planbarkeit. Gerade die Autoindustrie und ihre Zulieferer hängen an energieintensiven Vorstufen – von Stahl, Aluminium und Chemie bis zu Guss, Schmieden und Oberflächenveredelung. Werden diese Vorleistungsindustrien geschwächt, trifft das die Autoindustrie mit voller Wucht. Deshalb sind die Krisen von Chemie, Stahl und Auto keine getrennten Phänomene, sondern Ausdruck desselben politischen Grundfehlers.

Noch brisanter wird die Lage durch die geopolitische Dimension. Der politisch erzwungene Wechsel zur Elektromobilität macht Deutschland nicht nur wirtschaftlich verwundbarer, sondern strategisch abhängiger von China. China dominiert weite Teile der Wertschöpfung bei Seltenen Erden, Permanentmagneten, Batteriematerialien, Graphit sowie bei der Kobalt- und Nickelverarbeitung. Wer den Verbrenner politisch aus dem Markt drängt, ohne zugleich eigene belastbare Lieferketten aufzubauen, ersetzt heimische technische Stärke durch ausländische Abhängigkeit. Die jüngsten chinesischen Restriktionen zeigen, dass diese Abhängigkeit jederzeit politisch instrumentalisiert werden kann. Das Zukunftsmodell E-Auto droht so zum Einfallstor geoökonomischer Erpressbarkeit zu werden.

Hinzu kommt der ökonomische Widersinn dieses Kurses. Während Deutschland sich moralisch an die Spitze einer vermeintlich klimaneutralen Verkehrswende setzt, profitiert real vor allem China – als Produzent von Batterien, Magneten, Vorprodukten und fertigen E-Fahrzeugen. Was früher als technologische Stärke deutscher Hersteller exportiert wurde, droht künftig als importiertes Endprodukt zurückzukehren. Die Wertschöpfung verlagert sich nach Asien, während hierzulande Regulierung, Subvention und Symbolpolitik zurückbleiben. So wird die E-Mobilität in ihrer heutigen Form nicht zum Modernisierungsprojekt, sondern zum Umschlagplatz deutscher Selbstentkernung.

Wer diese Entwicklung stoppen will, darf sich nicht mit kosmetischen Korrekturen begnügen. Es reicht nicht, das Verbrennerverbot um ein paar Jahre zu verschieben oder einzelne Förderprogramme neu zu justieren. Nötig ist eine grundsätzliche Wende. Erstens müssen die Energiepreise real sinken – durch Angebotsausweitung, Netz- und Abgabenreform und die Rückkehr zu einer verlässlichen, bezahlbaren Grundlastversorgung, zu der ausdrücklich auch die Kernenergie gehört. Zweitens braucht es echte Technologieoffenheit statt politischer Bevormundung. Drittens müssen die bürokratischen Belastungen der Branche drastisch reduziert werden. Viertens braucht Deutschland und Europa eine realistische Strategie zur Rohstoffsicherung und zum Aufbau eigener Verarbeitungskapazitäten. Und fünftens muss die Verkehrspolitik wieder die tatsächliche Nachfrage anerkennen: Das Auto bleibt auf absehbare Zeit das zentrale Verkehrsmittel moderner Industriegesellschaften.

Der Kern der Sache lautet deshalb: Die deutsche Autoindustrie wird nicht einfach Opfer äußerer Umstände. Sie wird durch eine Politik geschwächt, die ihre industrielle Basis geringachtet, ihre Stärken moralisch delegitimiert und ihre Abhängigkeiten systematisch vergrößert hat. Und sie wurde zu lange von Eliten begleitet, die lieber schwiegen, taktierten und sich anpassten, als den Konflikt mit der politischen Klasse zu riskieren. Genau daraus ist der heutige Deindustrialisierungspfad entstanden. Wer jetzt zulässt, dass erst Zulieferer, dann Modelle und schließlich die Fahrzeugproduktion selbst ins Ausland abwandern, organisiert keine Transformation, sondern den Rückbau eines Landes. Dieser Pfad muss jetzt gestoppt werden – bevor aus Deutschlands Autoindustrie ein historisches Kapitel wird.

Das gelingt allerdings nur mit Mehrheiten mit der AfD.