God´s Own Country, MAGA und das "alte Europa"

Frank-Christian Hansel

„„God’s own country“ – dieser Ausdruck steht seit Generationen für das amerikanische Selbstbild: ein Land mit besonderem Auftrag, getragen von Glauben, Macht und der Überzeugung, Geschichte gestalten zu dürfen. Lange war dieser Anspruch mit der Idee verbunden, Freiheit und Demokratie zu exportieren. Heute tritt an diese Stelle etwas anderes: Durchsetzung. Nicht als Ausnahme, sondern als Prinzip.

Was sich in den Vereinigten Staaten seit Jahren herausbildet, ist weniger ein ideologischer Rechtsruck als eine Verschiebung des Machtverständnisses. Staat, Technik, Kapital und kulturelle Deutung rücken enger zusammen. Politik wird nicht mehr primär als Verfahren verstanden, sondern als Operation. Geschwindigkeit ersetzt Vermittlung, Entscheidung ersetzt Aushandlung.

Die Vereinigten Staaten sind dabei allerdings kein monolithischer Block. Sie pendeln sichtbar zwischen zwei sehr unterschiedlichen Ordnungsentwürfen. Auf der einen Seite eine demokratisch-progressive Politik (Obama, Clinton, Gore etc), geprägt von Klima- und Identitätsthemen, globalen Regulierungsprojekten, Multilateralismus und moralischer Selbstvergewisserung – ein Politikstil, wie man ihn aus der Europäischen Union (“Green Deal” etc.) nur zu gut kennt. Auf der anderen Seite steht MAGA: eine Gegenbewegung, die dieses Modell nicht nur kritisiert, sondern als strategische Schwäche begreift. Entscheidend ist: Beide Lager teilen ein Ziel. Sie wollen nicht, dass Amerika technologisch, wirtschaftlich und geopolitisch zurückfällt. Sie unterscheiden sich im Wie.

Die progressive Seite setzt auf Regeln, internationale Normen und moralische Führung. Die MAGA-Seite setzt auf Souveränität, Macht, Geschwindigkeit und exekutiven Durchgriff. MAGA ist daher weniger eine Laune des Populismus als eine staatspolitische Gegenstrategie – geboren aus der Überzeugung, dass der Westen nicht an mangelnden Werten, sondern an mangelnder Handlungsfähigkeit scheitert. Donald Trump ist dabei weniger Ideologe als Katalysator.

Die eigentliche strategische Substanz liefern andere. J. D. Vance, heute Vizepräsident der Vereinigten Staaten, ist die Schlüsselfigur dieses Übergangs. Aufgewachsen im sozialen Abseits des Rust Belt, ausgebildet an Eliteuniversitäten, verbindet er persönliche Desintegrationserfahrung mit einer scharfen Kritik am liberalen Institutionenstaat. Der sogenannte administrative Staat erscheint ihm als Gegner demokratischer Entscheidung, nicht als deren Garant. Vance steht für eine postliberale Rechte, die nicht weniger Staat will, sondern einen anderen Staat: exekutiver, loyaler, konfliktbereiter.blockiert. Seine Position ist nicht staatsfeindlich, sondern staatsumbauend: weniger Verfahren, mehr Entscheidung, mehr Loyalität.

Flankiert wird dieses Denken durch Akteure aus dem Tech- und Finanzmilieu. Peter Thiel, Mitgründer von PayPal, früher Investor in Facebook und Mitbegründer der Datenfirma Palantir, hat diese Entwicklung früh unterstützt. Er sieht die liberale Demokratie als träge und innovationsfeindlich. Macht soll dort liegen, wo entschieden wird – bei Gründern, nicht bei Verfahren. Curtis Yarvin liefert dafür den theoretischen Unterbau. Der ehemalige Softwareentwickler und politische Blogger beschreibt die westliche Demokratie als Fassade, hinter der ein informelles Machtgeflecht aus Medien, Universitäten, Bürokratien und NGOs wirke. Seine Provokation besteht darin, diese Macht zu formalisieren: klare Verantwortlichkeit, exekutive Führung, Staat als Organisation mit eindeutiger Spitze. Yarvin ist kein Entscheidungsträger, aber ein Referenzpunkt für jene, die institutionelle Schranken nicht mehr als Schutz, sondern als Problem wahrnehmen.

Elon Musk gibt diesem Denken Gestalt. Als Unternehmer, Plattformbesitzer und öffentlicher Akteur vereint er wirtschaftliche, technologische und kommunikative Macht. Sein Führungsstil ist exekutiv, konflikthaft, bewusst ungeduldig. Politik erscheint hier nicht als Ordnung, sondern als Hindernis. Sam Altman, CEO von OpenAI, steht für die institutionalisierte Variante dieser Machtverschiebung: Künstliche Intelligenz als Basistechnologie, gesteuert durch private Governance, legitimiert durch Sicherheits- und Fortschrittsrhetorik. Alex Karp, CEO von Palantir, schließlich verkörpert die sicherheitspolitische Seite: Datenanalyse als staatliche Kernfunktion, ausgelagert an private Anbieter, begründet mit dem Überlebenswillen westlicher Demokratien.

All dies ergibt kein geschlossenes Komplott, aber eine Konvergenz. Souveränität entsteht zunehmend durch Zugriff: auf Daten, auf Infrastruktur, auf Kommunikationsräume, auf Entscheidungszeit. Politik wird exekutiv gedacht.

Und genau hier wird Europa relevant.

Denn Europa steht nicht außerhalb dieses Konflikts. Die demokratisch-progressive Seite der USA ähnelt in Stil, Rhetorik und Politikfeldern stark der europäischen Leitkultur der letzten Jahre. Klima- und Identitätspolitik, Regulierung, Multilateralismus – das ist vertrautes Terrain. Gleichzeitig fällt Europa im Weltmaßstab technologisch und wirtschaftlich sichtbar zurück. Produktivität, Skalierung, Kapitalmärkte, digitale Infrastruktur, Energiepreise – all das schwächt die europäische Handlungsfähigkeit.

Trump-Amerika will diesen Rückfall nicht akzeptieren. Und viele Mitte-Rechts-Parteien in Europa wollen ihn ebenfalls nicht. Die Diagnose ist häufig ähnlich. Der Unterschied liegt in der Fähigkeit zur Umsetzung.

Europa ist langsamer. Nicht aus Trägheit allein, sondern wegen seiner Struktur: Föderalismus, Koalitionslogik, EU-Ebenen, Gerichte. Das bringt Stabilität – aber es kostet Tempo. Europas Selbstbeschränkung war historisch eine Stärke. Sie wird zur Schwäche, wenn sie nicht mehr von Durchsetzung gedeckt ist.

Das gilt auch für die Frage der Wehrhaftigkeit. Der vielzitierte „Clash of Civilizations“ ist kein Kampf zwischen Europa und dem Islam als Religion. Er ist ein Konflikt mit politischen, islamistischen Gegenordnungen, die den Vorrang religiöser Normen über staatliches Recht behaupten, Parallelstrukturen etablieren und Gewalt legitimieren. Hier entscheidet sich, ob der europäische Rechtsstaat handlungsfähig bleibt.

Europa kann sich Maß leisten – aber nur, wenn es Maß durchsetzt. Ein Staat, der Regeln hat, sie aber nicht vollzieht und durchsetzt, verliert Autorität. Und wo staatliche Ordnung schwach wird, entstehen Gegenmächte. Wehrhaftigkeit heißt daher nicht illiberale Gegenreaktion, sondern präzise Härte: klare Grenzen, konsequenter Vollzug, keine Paralleljustiz, keine politische Naivität gegenüber tatsächlich verfassungsfeindlichen Strukturen.

Der entscheidende Punkt ist: Europa muss nicht amerikanischer werden. Aber es muss ernster werden – technologisch, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch. Sonst wird es entweder von außen unter Druck gesetzt oder von innen ausgehöhlt.

„God’s own country“ setzt auf Willen und Durchgriff. Europa setzt auf Maß und Ordnung. Das ist kein Nachteil – sofern Ordnung handlungsfähig bleibt. Maß ohne Macht ist Ohnmacht.
Macht ohne Maß ist Barbarei.

Die europäische Aufgabe besteht darin, beides zusammenzuhalten – und die amerikanische Entwicklung nicht moralisch zu verwerfen, sondern strategisch zu verstehen.