Der CSD und seine politische Instrumentalisierung. Wie der Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung zum politischen Zugehörigkeitsritual verkommt

Frank-Christian Hansel

Der Christopher Street Day war immer politisch, aber eben nicht, wie heute, politisch instrumentalisiert. Stonewall war kein Straßenfest. Die Proteste von 1969 richteten sich gegen Polizeiwillkür und die staatliche wie gesellschaftliche Diskriminierung Homosexueller. Auch die ersten deutschen CSD-Demonstrationen Ende der siebziger Jahre standen in der Tradition einer Schwulen- und Lesbenbewegung, die für konkrete Freiheits- und Bürgerrechte kämpfte: gegen den § 175, gegen strafrechtliche Verfolgung, gegen gesellschaftliche Ächtung und für ein Leben, in dem homosexuelle Menschen nicht länger ihre Existenz verstecken mussten. 1979 gingen beim ersten Berliner CSD rund 450 Schwule und Lesben auf die Straße.

Das war Politik im besten Sinne. Es ging um die Freiheit des Einzelnen. Heute ieht es anders aus: Der CSD ist nicht mehr politische Demonstration individueller (sexueller) Freiheit – er ist inzwischen zugleich zur Plattform eines bestimmten politisch-ideologischen Milieus geworden, das für sich beansprucht, im Namen aller Schwulen, Lesben und inzwischen einer immer weiter gefassten „queeren Community“ zu sprechen.

Der aktuelle Streit im Berliner Kontext um Möbel Höffner belegt diesen Befund. Möbel Höffner wollte 2026 erstmals mit einem eigenen Wagen am Berliner CSD teilnehmen. Das Unternehmen verweist auf ein langjähriges Engagement für homosexuelle und queere Menschen – unter anderem beim lesbisch-schwulen Stadtfest, bei der „Gay Night at the Zoo“ und durch Unterstützung von „Künstler gegen Aids“. Auch queere Mitarbeiter hatten sich nach Angaben des CSD ausdrücklich für die Teilnahme ihres Unternehmens eingesetzt.

Doch im Umfeld von Höffner waren 18.000 Euro an die AfD gespendet worden. Der Berliner CSD lehnte die Teilnahme daraufhin zunächst ab. Erst nach einer erneuten Prüfung wurde Höffner zugelassen. Bemerkenswert ist die Begründung des CSD-Vorstands: Das Unternehmen habe eine Haltung gezeigt, die „klar im Widerspruch“ zur Spende seines Eigentümers stehe. Nach weiterer öffentlicher Kritik aus Teilen der queeren Szene zog Höffner schließlich selbst seine Teilnahme zurück.

Dieser Vorgang ist aufschlussreicher, als es zunächst scheint. Denn Höffner wurde offensichtlich nicht deshalb problematisiert, weil das Unternehmen homosexuelle Mitarbeiter diskriminiert hätte, nicht, weil es sich gegen die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben ausgesprochen hätte, nicht, weil es auf dem CSD gegen deren Rechte demonstrieren wollte. Im Gegenteil: Selbst der CSD erkannte das langjährige Engagement des Unternehmens an.

Das Problem war die politische Verbindung zur AfD. Und genau damit verschiebt sich der Maßstab. Die Frage lautet plötzlich nicht mehr: Wie verhält sich dieses Unternehmen gegenüber homosexuellen Menschen? Sondern: Hat es die politisch richtige Haltung? Und wenn sein Eigentümer oder dessen Umfeld politisch die falsche Entscheidung trifft, kann sich das Unternehmen offenbar nur dadurch rehabilitieren, dass es demonstriert, dass seine Haltung zu dieser Entscheidung „klar im Widerspruch“ steht. Das ist mehr als politische Kritik. Es ist eine Erwartung politischer Distanzierung.

Niemand kann ernsthaft verlangen, der CSD müsse unpolitisch werden. Eine Demonstration für Freiheit, Gleichberechtigung und Schutz vor Gewalt ist selbstverständlich politisch. Doch zwischen einer politischen Bürgerrechtsbewegung und einer ideologisch homogenisierten politischen Bewegung besteht eben ein fundamentaler Unterschied. Während die Bürgerrechtsbewegung sagt: Wir verlangen gleiche Freiheit für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, verlangst die identitätspolitische Bewegung: Wir vertreten eine „Community“, die neben ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität auch über einen gemeinsamen politischen Wertekanon verfügt.

Der Berliner CSD bezeichnet sich selbst ausdrücklich als politische Demonstration und verfolgt eine organisierte politische Kampagnenstrategie. Auf seiner eigenen Internetseite spricht der Verein davon, politischen Druck auf Entscheidungsträger zu erhöhen und politische Lobbyarbeit zu betreiben. Politiker, die als öffentliche Unterstützer auftreten wollen, sollen nach Darstellung des Vereins konkrete Maßnahmen zur Durchsetzung der CSD-Forderungen nachweisen.

Auch die politische Gegnerbestimmung ist längst ausdrücklich Teil dieser Strategie. Das offizielle Motto des Berliner CSD 2024 sollte nach Angaben des Vereins unter anderem auf die „Gefahren der AfD“ sowie anderer rechter Gruppierungen aufmerksam machen. Gleichzeitig kündigte der Verein eine verstärkte politische Kampagne zur Durchsetzung seiner Forderungen an. Das ist selbstverständlich das Recht eines politischen Vereins. Aber dann muss man auch die Konsequenz aussprechen:

Der Berliner CSD ist damit eben keine politische Vertretung homosexueller oder sexueller Minderheiten mehr. Er ist selbst ein politischer Akteur mit einer politischer Agenda. Und genau deshalb darf er nicht gleichzeitig selbstverständlich den Anspruch erheben, für „die Community“ insgesamt zu sprechen. Denn diese Community ist politisch nicht homogen.

Die eigentliche Ignoranz der Funktionäre

Hier liegt die entscheidende Blindstelle eines Teils des heutigen queeren Funktionärsmilieus. Es scheint sich nur schwer vorstellen zu können, dass Schwule und Lesben politisch völlig unterschiedliche Menschen sind. Es gibt linke Schwule, liberale Schwule, konservative Schwule und vor allem auch unpolitische Schwule. Es gibt lesbische Grünen-Wählerinnen – und eine lesbische AfD-Bundesvorsitzende. Es gibt homosexuelle Menschen, die Genderpolitik unterstützen. Und es gibt homosexuelle Menschen, die damit überhaupt nichts anfangen können. Es gibt Menschen, die sich selbstbewusst als „queer“ bezeichnen. Und es gibt Schwule und Lesben, die genau diese Bezeichnung für sich ablehnen. Gerade diese politische und weltanschauliche Verschiedenheit ist der eigentlich größte Beleg gelungener Emanzipation. Denn das Ziel homosexueller Emanzipation kann doch nicht darin bestehen, dass der Schwule nach seiner Befreiung von der gesellschaftlichen Schublade anschließend in einer neuen politischen Schublade landet.

Genau deshalb habe ich bereits vor zehn Jahren auf dem Berliner Motzstraßenfest eine Position vertreten, die diesem heutigen Alleinvertretungsanspruch widerspricht. Schon 2016 habe ich schwul-lesbische Lebensformen ausdrücklich als Ausdruck einer freien Gesellschaft bezeichnet und mich für den Schutz Homosexueller vor ungerechtfertigter Diskriminierung ausgesprochen – bei gleichzeitigen, damals durchaus konservativen Positionen in einzelnen familienpolitischen Fragen.

Man kann diese damaligen Positionen teilen oder kritisieren. Aber eines kann man schwerlich behaupten: dass die politische Existenz homosexueller Menschen innerhalb der AfD eine plötzlich entdeckte taktische Erfindung sei. Im Gegenteil. Die entscheidende Frage war für mich damals wie heute:

Warum soll aus meiner sexuellen Orientierung folgen, welchem politischen Lager ich anzugehören habe?

Diese Linie habe ich 2026 in meinem Text „Schwul und lesbisch – nicht queer“ zugespitzt. Dort wende ich mich gerade gegen die Umwandlung der individuellen sexuellen Orientierung in ein politisches Kollektivsubjekt, dessen vermeintliche Interessen anschließend von Funktionären und Aktivisten definiert werden. Und genau unter diesem Gesichtspunkt haben wir unseren Bürgerdialog im Berliner Regenbogenkiez unter das Motto gestellt: Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung - aber nix queer. Nicht, weil jemandem verboten werden soll, sich queer zu nennen. Sondern weil niemand das Recht hat, aus meinem Schwulsein eine politische Identität abzuleiten.

Die paradoxe neue Schublade

Die alte homosexuelle Emanzipationsbewegung kämpfte dafür, dass ein Mensch nicht auf seine Sexualität reduziert wird. Der moderne identitätspolitische Ansatz läuft Gefahr, genau diese Reduktion in neuer Form wiederherzustellen. Früher lautete die Fremdzuschreibung: Weil du homosexuell bist, bist du gesellschaftlich nicht normal.

Heute droht eine andere: Weil du homosexuell oder queer bist, gehörst du zu einer bestimmten politischen Community. Und daraus folgt dann schnell die nächste Erwartung: Weil du zu dieser Community gehörst, musst du auch deren politische Positionen teilen. Wer davon abweicht, wird zum Problem: Der schwule Konservative, die lesbische AfD-Politikerin, der homosexuelle Islamkritiker, der schwule Mann, der mit Genderpolitik nichts anfangen kann. Oder eben ein Unternehmen, das sich seit Jahren für homosexuelle Menschen engagiert, dessen Eigentümerumfeld aber zugleich die AfD finanziell unterstützt. Diese Menschen stören das politische Ordnungsschema dieser Funktionärstruppen. Denn sie beweisen, dass sexuelle Orientierung eben keine politische Gesinnung ist.

Vielfalt endet dort, wo politische Vielfalt beginnt

Genau darin liegt die Ironie des modernen Diversitätsdiskurses. Nie gab es eine größere Bereitschaft, immer neue Identitäten und Selbstbezeichnungen anzuerkennen. Doch bei politischen Identitäten scheint die Toleranz häufig erstaunlich schnell zu enden.

Man kann seine sexuelle Identität frei bestimmen, seine geschlechtliche Identität, seine Selbstbezeichnung. Aber wenn ein homosexueller Mensch politisch rechts steht, ist das ein NoGo. Das ist ein abwegiger Begriff von Vielfalt. Denn echte Vielfalt bedeutet nicht, dass Menschen unterschiedlich aussehen, unterschiedlich lieben und sich unterschiedlich definieren dürfen – solange sie anschließend politisch dasselbe denken.

Echte Vielfalt muss gerade bedeuten, dass ein schwuler Mann genauso selbstverständlich Sozialdemokrat, Christdemokrat, Grüner, Linker, Liberaler oder AfD-Wähler sein kann wie jeder andere Bürger. Ohne sich vor irgendeiner Community rechtfertigen zu müssen.

Der CSD als politisches Zugehörigkeitsritual

Der Höffner-Fall zeigt deshalb eine Entwicklung, die über das einzelne Unternehmen hinausweist. Der CSD droht, sich von einer Demonstration, auf der Menschen für ihre Freiheit eintreten, zu einer Veranstaltung zu entwickeln, auf der politische Zugehörigkeit geprüft wird. Wer gehört dazu? Wer darf sichtbar sein? Welche Unternehmen dürfen mitfahren? Welche politische Unterstützung ist noch akzeptabel? Von wem muss man sich distanzieren?

Das Problem besteht nicht darin, dass der CSD Forderungen erhebt. Das ist sein gutes Recht. Das Problem beginnt dort, wo der politische Forderungskatalog mit der vermeintlichen Identität aller Schwulen und Lesben verschmilzt. Dann wird aus: „Wir als Verein vertreten diese politischen Positionen“ unausgesprochen:

„Wer wirklich zu unserer Community gehört, muss unsere Linie ebenfalls vertreten.“ Und wer davon abweicht, steht außerhalb. So verwandelt sich eine Bewegung, die einst gegen gesellschaftliche Ausgrenzung antrat, selbst in eine Institution politischer Grenzziehung.

Wem gehört der CSD?

Vielleicht ist es deshalb Zeit, eine ganz einfache Frage zu stellen: Wem gehört eigentlich der Christopher Street Day? Den Grünen, der Linken, der SPD, bestimmten Verbänden? Aktivisten? NGOs? Diversity-Abteilungen großer Unternehmen?

Nein. Historisch gehört der CSD der Idee, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung frei leben können, ohne verfolgt, diskriminiert oder gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Das ist eine zutiefst liberale Idee. Und gerade deshalb müsste der CSD eigentlich der Ort sein, an dem sichtbar wird, dass homosexuelle Menschen keine politische Herde sind. Dass ein schwuler Mann AfD wählen darf und es gute Gründe dafür gibt, dass ein anderer die Grünen wählen darf, dass eine Lesbe links sein kann, eine andere konservativ. Und dass niemand dadurch weniger homosexuell wird.

DAS die nächste Stufe wirklicher Emanzipation: Nicht mehr ständig im Namen „der Community“ zu sprechen. Sondern endlich anzuerkennen, dass es diese politisch homogene Community gar nicht gibt.

Von der Emanzipation zurück zur Freiheit

Der Fall Höffner ist deshalb symptomatisch. Ein Unternehmen engagiert sich konkret und über Jahre für homosexuelle Menschen. Queere Mitarbeiter wollen mit ihrem Unternehmen am CSD teilnehmen. Der CSD selbst erkennt dieses Engagement an. Doch eine AfD-Spende aus dem Eigentümerumfeld reicht aus, um daraus eine politische Grundsatzfrage zu machen. Am Ende zieht sich das Unternehmen zurück.

Wer darin einen Sieg für Vielfalt sieht, sollte sich fragen, welche Vielfalt damit eigentlich gemeint ist. Denn vielleicht zeigt der Vorgang das genaue Gegenteil: Der heutige CSD hat ein Problem mit politischer Vielfalt. Und genau darin liegt seine politische Instrumentalisierung. Nicht darin, dass er politisch ist. Sondern darin, dass eine historische Bürgerrechtsbewegung zum politischen Besitzstand eines bestimmten Milieus erklärt wird:

Eine Bewegung, die einst sagte: “Du darfst leben und lieben, wie du willst”, droht damit unterschwellig einen neuen Satz hinzuzufügen: “Aber wir erklären dir, auf welcher politischen Seite du dabei zu stehen hast.” Dagegen lohnt sich Widerspruch. Gerade im Namen der Emanzipation. Denn Schwule und Lesben gehören niemandem, keiner Partei, keinem Verband, keinen Funktionären und eben auch keiner „Community“. Sie sind zuerst und vor allem eines: freie Bürger.