Schwul und lesbisch – nicht queer. Eine Position gegen die identitätspolitische Vereinnahmung der Homosexuellen

Frank-Christian Hansel

In meinem Beitrag „Linke Queer-Politik: Entmündigung des Einzelnen unter dem Deckmantel der Vielfalt" habe ich eine These formuliert, die mir nach allem, was sich seither ereignet hat, nur noch deutlicher erscheint: Unter dem Banner von „Queer", „Diversität" und „Toleranz" ist über Jahre ein Projekt vorangetrieben worden, das nicht den Einzelnen schützt, sondern ihn auf ein einziges, politisch brauchbares Merkmal reduziert – seine tatsächliche oder auch nur zugeschriebene sexuelle Orientierung. Wer sich diesem Zugriff entzieht, gilt als rückständig; wer sich ihm fügt, wird zum Bestandteil eines Kollektivsubjekts, das sich nach den Bedürfnissen der jeweiligen Bewegungseliten formen lässt.

Was damals als zugespitzte Kritik wirkte, ist inzwischen empirisch eingeholt. Die spannendsten Stimmen gegen die queere Vereinnahmung kommen nicht mehr von außen, sondern aus den Reihen derer, die der queere Diskurs für sich zu reklamieren versucht: von Schwulen und Lesben, die schlicht Schwule und Lesben bleiben wollen. Es ist Zeit, diesen Gedanken systematischer zu fassen – als Position gegen die identitätspolitische Umcodierung der Homosexualität und für die Rückkehr zur Normalität des Einzelnen.

„Queer" ist keine wissenschaftliche Kategorie, sondern ein politisches Kampfwort

Schon der Begriff selbst muss präzise behandelt werden. „Queer" war ursprünglich ein Schimpfwort. Erst seit den späten 1980er und vor allem den 1990er Jahren wurde es von Teilen der Aktivistenszene zurückerobert und umgedeutet – nicht als neutrale Beschreibung, sondern als Provokation und politisches Bekenntnis. Diese Herkunft prägt den Begriff bis heute. Selbst der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands hat seine eigene Geschichte vom „Schwulenverband in der DDR" 1990 über den „Lesben- und Schwulenverband" 1999 bis zur Umbenennung 2024 in „LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt" nachgezeichnet. Diese Reihenfolge ist aufschlussreich: Sie zeigt, wie ein Begriff, der zunächst eine konkrete Lebensform meinte – Schwulsein, später auch Lesbischsein –, schrittweise zu einem allumfassenden Sammelzeichen wurde.

Akademisch wird „queer" gerade nicht als trennscharfe Kategorie behandelt. Die theoretische Pointe der queer theory liegt im Gegenteil in ihrer programmatischen Unschärfe, in der Auflösung fester Identitäten, in der Dekonstruktion von Normen. Das mag als kritische Theorie produktiv sein. Als wissenschaftliche Klassifikation – als etwas, das in Forschung, Statistik und Versorgungsplanung verlässlich verwendbar wäre – ist es schwach. Wer einen Begriff braucht, der reliabel misst, arbeitet in der empirischen Forschung mit Sexualorientierung, Geschlecht, Verhalten und Identität als getrennten Dimensionen. „Queer" erscheint dort allenfalls als Restkategorie für jene, die sich in keinem Standardlabel wiederfinden wollen.

Daraus folgt das eigentliche Problem: „Queer" ist primär ein normativ-politischer Sammelbegriff mit aktivistischer Herkunft und bewusst porösen Grenzen. Er taugt als Banner, als Identifikationsangebot, als kulturelles Kampfwort. Aber er taugt nicht als objektive Klassifikation, an der sich die konkreten Lebenslagen von Schwulen, Lesben oder Transpersonen eindeutig festmachen ließen. Genau diese Unschärfe macht ihn politisch so brauchbar – und für die einzelnen Betroffenen so übergriffig.

Von der queeren Unschärfe zur Geschlechtsinflation – die logische Folge

An dieser Stelle wird oft ein Einwand erhoben: Es handle sich doch nur um Begriffe, um Etiketten, um Wortpolitik. Wer das sagt, verkennt, was aus der queeren Grenzauflösung mit innerer Logik folgt. Sobald „queer" als Gegenkonzept zu festen Ordnungen funktioniert, kann auch der Geschlechtsbegriff selbst nicht mehr stabil bleiben. Die Vermehrung der Identitätslabels – die populäre Rede von „70 Geschlechtern" – ist nicht das exotische Randphänomen einer ansonsten harmlosen Bewegung, sondern ihre programmatische Vollendung. Wer feste Kategorien grundsätzlich für problematisch hält, muss konsequent auch die binäre Geschlechtsordnung in eine offene Liste subjektiver Selbstbeschreibungen auflösen.

Dagegen hilft nur begriffliche Disziplin. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet seit Jahren sauber zwischen drei Ebenen, die im queeren Diskurs systematisch ineinandergerührt werden. Die WHO definiert: Gender interagiert mit Sex, ist aber davon verschieden – wobei Sex sich auf die unterschiedlichen biologischen und physiologischen Merkmale von Frauen, Männern und intersexuellen Personen bezieht, also auf Chromosomen, Hormone und Fortpflanzungsorgane. Gender hingegen meint die sozial konstruierten Rollen, Normen und Verhaltenserwartungen einer Gesellschaft; gender identity wiederum bezeichnet die subjektive innere Selbstbeschreibung. Drei Ebenen, drei Begriffe – und nur wer sie auseinanderhält, kann überhaupt klar denken.

Genau diese Disziplin verweigert der queere Diskurs. Er vermischt die biologische Grundordnung mit der kulturellen Rolle und beide mit der subjektiven Selbstbeschreibung – und macht aus dieser Vermischung dann eine politische Forderung. Aus „Ich fühle mich als" wird „Ich bin"; aus „Ich bin" wird „Du musst mich auch so behandeln"; und aus dem Behandlungsanspruch wird schließlich eine umfassende Sprachpolitik, die jedem, der die drei Ebenen auseinanderhalten will, Diskriminierung vorwirft. Die Rede von dutzenden oder gar siebzig Geschlechtern ist deshalb keine biologische Entdeckung, sondern eine kulturelle Sprachregelung, die ihre eigene begriffliche Beliebigkeit zur höheren Erkenntnis erklärt. Biologisch ist die Grundordnung des Menschen zweigeschlechtlich; daran ändern auch seltene Varianten der Geschlechtsentwicklung an den Rändern nichts. Eine offene Liste subjektiver Identitätslabels mag kulturell wachsen, aber sie schafft keine neue anthropologische Realität.

Für Schwule und Lesben ist das kein abstraktes theoretisches Problem, sondern ein direkter Angriff auf die eigenen Begriffe. Denn „schwul" und „lesbisch" setzen die Unterscheidung von Mann und Frau bereits voraus. Lesbisch heißt: Frau, die Frauen liebt. Schwul heißt: Mann, der Männer liebt. Beide Bezeichnungen verlieren ihren Inhalt, sobald „Mann" und „Frau" zu reinen Selbstdefinitionsfragen werden. Wenn ein biologischer Mann durch bloße Erklärung zur Lesbe werden kann, hört „lesbisch" auf, eine eigenständige Kategorie zu sein – sie wird zur freibleibenden Empfindung, die jeder für sich beanspruchen darf. Das ist der eigentliche Grund, warum der Widerstand gegen den queeren Übergriff gerade in lesbischen Milieus so erbittert ausfällt: Lesben verteidigen hier nicht nur ein Wort, sondern eine ganze Lebenswirklichkeit. Sie merken, dass ihre eigene Existenz im selben Maße verschwindet, in dem die Geschlechtskategorien zerfließen.

Damit steht der eigentliche Mechanismus offen vor uns: Die queere Unschärfe und die Inflation der Geschlechtsbegriffe sind nicht zwei getrennte Phänomene, sondern zwei Stadien derselben Operation. Und beide arbeiten am selben Ergebnis – der Auflösung der konkreten homosexuellen Erfahrung in einem abstrakten Identitätsraum, in dem niemand mehr genau weiß, wovon er spricht, und in dem die einzige verbleibende Autorität die jeweils lauteste politische Sprachregelung ist.

Die Selbstdistanzierung der Betroffenen: Spahn, Weidel und das stille Drittel

Wer wissen will, wie ernst diese Übergriffigkeit genommen wird, muss nur lesen, was prominente Homosexuelle selbst sagen. Anfang April 2026 hat Unionsfraktionschef Jens Spahn in einem Doppelinterview mit der ZEIT eine bemerkenswerte Klarstellung vorgenommen. Spahn lehnte die Begriffe „homosexuell" und „queer" für sich selbst ab und sagte, er habe schon zu seinem Vorgänger Volker Kauder gesagt: „Ich möchte von dir nie wieder homosexuell genannt werden." Auf die Frage, wie er sich denn verstanden wissen wolle, antwortete er: „Schwul. Homosexuell, das klingt für mich furchtbar. Steril." Und auf den Begriff „queer" angesprochen, formulierte er den Kernsatz, den die deutsche Debatte seither beschäftigt: „Ich bin schwul, nicht queer. Dieses Identitätspolitische – als wäre das ein Konzept."

Spahn ist dabei kein Einzelfall, sondern sagt, was auch ich mit vielen anderen denke und sage. Er erklärte ausdrücklich: „Ich habe gar kein Problem damit, dass die Gesellschaft da offen ist, es kann sich auch jeder queer nennen. Im Gegenteil, ich bin sehr liberal, was das Private angeht. Ich halte aber nichts von der Verknüpfung mit politischer Ideologie." Genau das ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht um Lebensstilkritik, sondern um die Weigerung, die eigene Sexualität in einen politisch-ideologischen Container einzuspeisen. Spahn sieht in der queeren Logik eine Gefahr für das, was emanzipatorisch erkämpft wurde: „Wenn alles zu einer Frage der Selbstdefinition erklärt werde, selbst das Geschlecht, stelle man damit die Emanzipationsgeschichte infrage."

Zwei Monate früher hatte AfD-Bundessprecherin Alice Weidel im ARD-Sommerinterview praktisch dieselbe Linie gezogen. Sie sagte: „Ich bin nicht queer, sondern ich bin mit einer Frau verheiratet, die ich seit 20 Jahren kenne. Wir haben zwei gemeinsame Kinder. Ich fühle mich nicht diskriminiert, warum auch?" Bezeichnend ist, dass diese Position nicht nur in konservativen, sondern selbst in queeren Medien als richtig eingestanden wurde. Im nd-aktuell musste eine queere Autorin einräumen, dass Weidel mit „Ich bin nicht queer" einen „Punktsieg" gelandet habe – „und zwar auch bei, sorry, objektiv queeren Menschen, wie sie selbst einer ist". Noch deutlicher wurde die FAZ-Feuilletonistin Kira Kramer, die nüchtern fragte: „Denn ist es nicht gerade eines der zentralen Motive der queeren Bewegung, die Fremdzuschreibungen durch Selbstbezeichnungen ablösen zu wollen? Warum sollte Weidel sich queer nennen müssen?"

Damit ist die Falle der queeren Identitätspolitik offengelegt: Sie reklamiert Selbstbestimmung, kann sie aber denen, die sich nicht einfügen, nicht zugestehen, ohne ihr eigenes Programm zu sprengen. Wer die Selbstbezeichnung „schwul" oder „lesbisch" gegen die Eingemeindung in den Sammelbegriff verteidigt, vollzieht in Wahrheit nur das, was die queere Bewegung selbst behauptet zu wollen – nur eben gegen sie.

Die innere Erosion: Wenn aus dem Lesben- und Schwulenverband ein „Verband Queere Vielfalt" wird

Diese Entwicklung ist nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis einer systematischen Verschiebung in den Verbänden selbst. 2024 hat sich der LSVD – jahrzehntelang die zentrale Bürgerrechtsorganisation für Lesben und Schwule in Deutschland – in „LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt" umbenannt. Aus dem konkreten „Lesben- und Schwulenverband" wurde organisatorisch das, was im Diskurs längst geschehen war: ein generischer „Vielfaltsverband", in dem Schwule und Lesben nur noch zwei Buchstaben unter vielen sind.

Wer wissen will, was das praktisch bedeutet, lese die programmatischen Selbstbeschreibungen: In den Bildungsmaterialien des LSVD⁺ wird heute das Akronym „LSBTIAQ*" – Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche, asexuelle, aromantische und queere Menschen – als Standardgröße verwendet. Konkrete schwule und lesbische Lebenswelten werden in einen immer länger werdenden Buchstabenstrang eingepasst, in dem die ursprüngliche Pointe – die Anerkennung gleichgeschlechtlich Liebender – nur noch als historische Vorhut firmiert.

Genau hier setzt der lesbische Widerstand ein. Es ist – wie der vorherige Abschnitt gezeigt hat – nicht zufällig, dass der Konflikt im lesbischen Milieu am schärfsten ausgetragen wird. Lesben sind in der queeren Logik gleich doppelt betroffen: als homosexuelle Frauen, deren spezifische Erfahrung in einem grenzenlosen Sammelbegriff verschwindet, und als Frauen, deren biologische Eigenständigkeit durch die Selbstdefinitionsdoktrin in Frage gestellt wird. Die Verteidigung des Begriffs „lesbisch" ist deshalb gleichzeitig die Verteidigung der Geschlechtsbinarität, ohne die der Begriff sinnlos würde.

Die internationale Dimension: Vom Lesbian Project zu Get The L Out

Was in Deutschland erst beginnt, ist in Großbritannien längst voll entfaltet. Die feministische Autorin Julie Bindel hat 2023 zusammen mit der Philosophin Kathleen Stock und der Tennislegende Martina Navratilova das Lesbian Project gegründet – mit der ausdrücklichen Begründung, dass „lesbisch" wieder ein „dirty word" geworden sei und dass schwule Männer und Trans-Aktivisten Lesben den Bigotterie-Vorwurf machten, sobald sie eigene Räume und Grenzen verteidigten. Bindel formulierte den Befund in ungewöhnlich klarer Sprache: Lesbische Anliegen seien so gründlich heruntergewichtet worden, „dass wir ignoriert werden, als ununterscheidbar von schwulen Männern und heterosexuellen 'queer'-identifizierten Kinkstern angenommen werden – und manchmal auch, je nach Buchstabe des sich ständig vergrößernden Alphabets, als die Bösen gelten".

Stock hat den entscheidenden Satz beigesteuert. Im Guardian schrieb sie 2023, das „L" von LGBTQIA+ dürfe nicht „in der Regenbogen-Suppe verschwinden". Genau das ist die Befürchtung, die viele Lesben quer durch das politische Spektrum teilen: Aus einer klar benennbaren Minderheit – gleichgeschlechtlich liebende Frauen – wird eine austauschbare Komponente eines politischen Mischungsverhältnisses, in dem ihre eigene Realität verdunstet.

Der Vorgang ist nicht neu. Schon beim London Pride 2018 trat die Gruppe Get The L Out öffentlich auf und protestierte mit Parolen wie „Lesbian = Female Homosexual" und „Lesbian Not Queer" dagegen, dass der Lesbenbegriff im queeren Dachdiskurs aufgelöst wird. Was damals als isolierte Aktion belächelt wurde, ist heute eine internationale Bewegung. Es ist jedenfalls schon lange kein Vorrecht mehr konservativer Kreise, die queere Vereinnahmung zu kritisieren – im Gegenteil: Die schärfsten Stimmen kommen oft aus dem feministischen und linken Lager selbst, weil die Betroffenen merken, dass ihre eigene politische Geschichte gerade enteignet wird.

Die eigentliche Pointe: Privatheit gegen Politisierung

Wer diese Linien zusammenführt, sieht das wirkliche Schlachtfeld. Es geht im Kern nicht um Vokabelfragen, nicht um „queer" gegen „schwul", nicht um die Frage, welche Selbstbezeichnung die zeitgemäßere ist. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: um die Frage, ob Sexualität dem Schutzraum der Privatheit angehört oder zum Material kollektiver politischer Identitätsproduktion wird.

In meinem Freilich-Beitrag habe ich diesen Punkt so formuliert: Sexuelle Vorlieben und Orientierungen gehören in den Schutzraum der Privatheit. Sie sind Teil des innersten, unantastbaren Bereichs des Menschen – jener Sphäre, die gerade nicht zur öffentlichen Selbstinszenierung, zur kollektiven Identitätszuschreibung oder zur politischen Funktionalisierung taugt. Daran halte ich fest – und alles, was seither geschehen ist, bestätigt diese These.

Die historische Pointe der homosexuellen Emanzipation lag genau hier. Sie war ein Befreiungsversprechen vom öffentlichen Zugriff. Schwule und Lesben sollten nicht länger gezwungen sein, sich ständig erklären zu müssen; sie sollten frei sein, ihr Leben so zu führen, wie sie es wollen, ohne unter staatlichen oder gesellschaftlichen Generalverdacht zu geraten. Die queere Identitätspolitik kehrt diese Logik um. Sie fordert ständige öffentliche Sichtbarkeit, ständiges Bekenntnis, ständige Zuordnung – und behandelt Schweigen, Privatheit oder bloßes „Ich bin halt schwul, lass mich in Ruhe" als verdächtig, als unsolidarisch, am Ende als politisch unzuverlässig.

Das ist der Kern der Bevormundung, gegen den Spahn ebenso wie Bindel oder Stock und auf ihre Weise auch Weidel reagieren: die Zumutung, dass aus Homosexualität automatisch ein politischer Loyalitätsverband folgen müsse. Wer das ablehnt, ist deshalb noch lange kein Gegner sexueller Selbstbestimmung – im Gegenteil. Er nimmt sie nur ernster als jene, die das Etikett „Selbstbestimmung" an einen Gruppenzwang koppeln.

Schluss: Rückkehr zur Person

Die Konsequenz ist klar. Die Verteidigung des Einzelnen gegen sein kollektivistisches Etikett ist heute kein konservativer Reflex, sondern die eigentliche Fortsetzung der freiheitlichen Tradition. Es war immer das Ziel der bürgerlichen Emanzipation, dass nicht das Merkmal den Menschen definiert, sondern die Person ihr Merkmal trägt – frei, unverwechselbar, unteilbar in ihrer Würde. Die queere Identitätspolitik dreht diese Reihenfolge um. Sie macht aus dem Merkmal die Hauptsache und aus der Person eine Instanz, die das Merkmal verwaltet.

Genau deshalb sage ich – und ich sage es im Anschluss an Spahn, Weidel, Bindel, Stock und an die vielen Schwulen und Lesben, die längst dasselbe denken, sich aber öffentlich nicht trauen –: Schluss mit der Vereinnahmung. Schwule sind schwul. Lesben sind lesbisch. Beide sind freie Bürger einer freien Gesellschaft, denen niemand vorzuschreiben hat, in welchem politischen Kollektiv sie aufzugehen haben. Wer sich „queer" nennen will, soll sich queer nennen. Wer das nicht will, ist deshalb weder rückständig noch verräterisch, sondern beansprucht schlicht jenes Recht auf private Selbstdefinition, das das ganze Projekt ursprünglich legitimiert hat.

Am Ende des Regenbogens – das war meine These im Freilich-Beitrag, und sie gilt heute mehr denn je – steht nicht ein größeres, lauteres, ideologischer aufgeladenes Kollektiv. Am Ende des Regenbogens steht der Mensch als Mensch. Nicht als Queerer, nicht als Vertreter eines Minderheitenpakets, nicht als Bekenntnisfigur in einem Kulturkampf. Sondern als unverwechselbare Persönlichkeit, mit dem Recht, sich jeder politischen Instrumentalisierung zu entziehen – und die eigene Sexualität als das zu leben, was sie ist: eine private Angelegenheit, die keiner Etikettierung bedarf.

Das ist keine Absage an Schwule und Lesben. Das ist ihre eigentliche Verteidigung. Und das ist auch die aufgeklärte AfD-Position zur Sache.