Zur Entscheidung in Sachen "Interregnum" – Wenn die Brandmauer 2026 am Wähler und an der Wirklichkeit zerbricht
Als ich am 9. Februar 2026 unter dem Titel „Nach dem Interregnum – Die Rückkehr des Bürgers“ über den Zustand unserer politischen Ordnung schrieb, ging es mir nicht um steigende oder fallende Umfragewerte, sondern um einen Strukturbefund: Wir befinden uns in einem politischen Interregnum. Die alte Ordnung gilt noch, aber sie trägt immer weniger. Ihre Institutionen funktionieren, ihre Verfahren laufen, Wahlen finden statt – doch die Fähigkeit des politischen Systems, aus dem Willen der Bürger tatsächliche politische Alternativen entstehen zu lassen, nimmt ab. Die demokratische Form bleibt erhalten, während ihre repräsentative Wirkung schwindet.
Ein halbes Jahr später bekommt diese Diagnose eine bemerkenswerte Aktualität. Der Historiker und CDU-Politiker Andreas Rödder sagt nun im Gespräch mit WELT einen Satz, der vor kurzer Zeit innerhalb der Union kaum denkbar gewesen wäre: „Die Brandmauer wird den Herbst nicht überleben.“ Rödder spricht von einem historischen Umbruch des Parteiensystems, Befund eines Übergangs, den ich mit dem Begriff des Interregnum beschreibe, und einem „existenziellen Dilemma“ der Union; ein Zerbrechen der CDU im Herbst hält er für ein durchaus realistisches Szenario. Als Auslöser nennt er die bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst 2026 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Aus meiner metapoitischen Beschreibung des Interregnums wird damit eine sehr konkrete, von Rödder jetzt manifest aktualisierte politische Frage.
In meinem Februar-Beitrag hatte ich geschrieben, die Parteien hätten sich von ihren gesellschaftlichen Milieus gelöst und seien zu Apparaten geworden; grundlegende politische Alternativen würden immer weniger ausgehandelt und zunehmend moralisch ausgeschlossen – die sogenannte Brandmauer sei Ausdruck genau dieser Entwicklung. Hier liegt der Kern des Problems.
Rödder beschreibt das Dilemma bemerkenswert offen: Erreichen AfD und Linkspartei gemeinsam parlamentarische Mehrheiten, während die CDU die Zusammenarbeit mit beiden ausschließt, bleiben ihr am Ende nur drei Wege – die Fortsetzung des bisherigen Kurses durch immer ungewöhnlichere Bündnisse, der Rückzug aus der Regierungsverantwortung oder eine grundsätzliche Änderung ihres Umgangs mit der AfD. Das ist längst nicht mehr das Problem einer einzelnen Partei, sondern ein Problem der Repräsentationsordnung selbst.
Dass diese Entwicklung erneut vom Osten Deutschlands ausgeht, kann nicht überraschen. Genau darauf hatte ich im Februar hingewiesen: Die Wiedervereinigung hat Deutschland institutionell vereinigt, die unterschiedlichen politischen Sozialisationen von Ost und West aber nicht einfach aufgelöst. Bis heute zeigen sich diese Unterschiede im Verhältnis zum Staat, zu den Parteien und zur politischen Repräsentation. Nun treffen zwei Entwicklungen aufeinander: auf der einen Seite eine politische Ordnung, die bestimmte Koalitionen und Regierungswechsel normativ ausschließen möchte, auf der anderen Seite Wähler, die sich immer weniger darum kümmern, welche Konstellationen das etablierte Parteiensystem für zulässig hält.
Die jüngsten Zahlen belegen diese Verschiebung. Nach einer vom Merkur referierten Forsa-Erhebung lehnen bundesweit zwar weiterhin 58 Prozent Koalitionen mit der AfD ab, 39 Prozent sprechen sich aber inzwischen für eine Lockerung der Brandmauer aus – und im Osten befürwortet mit 53 Prozent bereits eine knappe Mehrheit eine Regierungsbeteiligung der AfD. Der Osten ist damit kein Sonderfall der deutschen Demokratie. Er könnte zum Vorreiter ihrer Neuordnung werden.
Vom Interregnum zum Entscheidungspunkt
Deshalb ist Rödders Wort vom bevorstehenden Ende der Brandmauer so aufschlussreich: Er beschreibt aus der Innenperspektive der Union institutionell, was ich mit dem Begriff des Interregnums politisch gefasst habe. Ein Interregnum endet ja nicht dadurch, dass jemand eine neue Ordnung ausruft. Es endet, wenn die bisherige Ordnung ihre eigenen Widersprüche nicht mehr überbrücken kann – und dieser Punkt könnte 2026 erreicht sein. Auf Dauer kann eine Demokratie schwerlich erklären, dass Wahlen selbstverständlich frei sind, ihre Ergebnisse aber nur dann zu einem politischen Machtwechsel führen dürfen, wenn sie innerhalb eines zuvor definierten Korridors bleiben. Der demokratische Wettbewerb lebt gerade davon, dass Regierung und Opposition ihre Rollen tauschen können.
Schon im Februar hatte ich deshalb festgehalten, eine AfD-geführte Landesregierung wäre zunächst kein „Systembruch“, den die AfD als solchen auch gar nicht will, sondern ein demokratisches Experiment: die Antwort auf die Frage, ob eine Opposition tatsächlich in den normalen demokratischen Machtwechsel integrierbar ist oder dauerhaft außerhalb der Regierungsfähigkeit gehalten werden soll. Was damals theoretisch klang, wird in diesem Herbst praktisch. Die AfD will keinen Systembruch im verfassungstheoretischen Sinne, sondern eine wirkliche andere Politik, einen echten Politikwechsel!
Das eigentliche Problem liegt bei der CDU
Rödder erkennt zu Recht ein existenzielles Problem seiner eigenen Partei, die ich an anderer Stelle tiefenpsychologisch noch etwas härter formuliert hatte. Denn die AfD muss die Brandmauer gar nicht einreißen – sie muss nur Wahlen gewinnen. Je stärker sie wird, desto höher werden für die anderen Parteien die Kosten, sie dauerhaft von jeder politischen Gestaltung fernzuhalten: Gegenkoalitionen benötigen mehr Partner mit immer geringeren programmatischen Gemeinsamkeiten, Regierungsbildung wird komplizierter, politische Verantwortlichkeit diffuser, der Abstand zwischen Wahlergebnis und Regierungskonstellation größer. So verstärkt die Brandmauer ausgerechnet jenen Zustand, den sie angeblich verhindern soll: die Entfremdung zwischen Bürger und politischem System.
Wenn Rödder die bevorstehenden Herausforderungen inzwischen mit den tiefsten Umbrüchen seit dem Herbst 1989 vergleicht, gibt das der Sache eine gewichtige historische Dimension. Auch 1989 zerbrach nicht zuerst eine Verfassung auf dem Papier – zuerst zerbrach die gesellschaftliche Überzeugung, dass die bestehende politische Ordnung noch selbstverständlich fortbestehen könne. Gewiss, wir leben heute in einer völlig anderen staatlichen und demokratischen Situation. Der strukturelle Befund aber bleibt derselbe: Politische Ordnungen geraten dann ins Interregnum, wenn ihre Regeln noch gelten, ihre gesellschaftliche Legitimation aber schwächer wird.
Die Rückkehr des Bürgers
Damit schließt sich der Kreis zu meinem Ausgangspunkt vom Februar. Die entscheidende Entwicklung des Jahres 2026 ist weder die AfD noch die CDU, nicht einmal die Brandmauer – es ist die Rückkehr des Bürgers. Er akzeptiert immer weniger, dass man ihm erklärt, welche seiner politischen Entscheidungen zwar formal zulässig, politisch aber folgenlos zu bleiben haben. Er erwartet wieder, dass Wahlen Konsequenzen besitzen.
Der mögliche Fall der Brandmauer ist deshalb keine technische Koalitionsfrage, sondern Ausdruck eines viel tieferen Vorgangs: Das politische System beginnt voim Souverän genötigt zu werden, sich wieder an der Wirklichkeit des Wählerwillens auszurichten, statt den Wählerwillen an die Bedürfnisse des politischen Systems anzupassen. Genau darin liegt die eigentliche Chance dieses Interregnums. Vielleicht erleben wir im Herbst 2026 deshalb nicht einfach das Ende einer parteipolitischen Brandmauer, sondern den Moment, in dem sich entscheidet, ob die Berliner Republik noch die Kraft zur politischen Selbstkorrektur besitzt. Dann wäre das Ende der Brandmauer nicht das Ende der Demokratie, sondern der Anfang ihrer erneuten Öffnung.
Der Ausgang aus dem Interregnum beginnt dort, wo der Bürger wieder darüber entscheidet, wer regiert.