Wie krank ist dieses Land?
Es gibt Momente, in denen man Deutschland nicht mehr erklären muss. Man muss nur erzählen, was gleichzeitig passiert.
Schauern wir nach Sachsen-Anhalt. Dort haben 43,8 Prozent der Wähler ihre Zweitstimme der AfD gegeben. 575.971 Menschen. Die CDU kommt auf 17,2 Prozent. Die AfD liegt also nicht ein bisschen vorne, nicht knapp, nicht innerhalb irgendeiner demoskopischen Fehlertoleranz. Sie hat zweieinhalbmal so viele Stimmen wie die CDU bekommen. Man könnte meinen, nach einem solchen Ergebnis beginne eine Debatte darüber, wie sich ein derartiger Wählerwille politisch abbilden lässt.
Aber Deutschland funktioniert anders. Die eigentliche Frage lautet: Wie kann verhindert werden, dass die AfD regiert?
Und nun schauen wir nach Berlin. Hier hat die Linke die Wahl mit 25,7 Prozent gewonnen. Ein bemerkenswertes Ergebnis, keine Frage. Aber eben 25,7 und nicht 43,8 Prozent. Und plötzlich klingt die Frage vollkommen anders. Nicht: Wie halten wir diese Partei von der Macht fern, sondern: Wie bekommt man Elif Eralp ins Rote Rathaus?
Schon dieser Kontrast wäre bemerkenswert genug. Aber Deutschland wäre 2026 nicht Deutschland, wenn es dabei bliebe. Denn während über Eralp als mögliche Regierende Bürgermeisterin gesprochen wird, wird bekannt, dass sie mehrere Jahre Mitglied der Roten Hilfe war. Nicht irgendeines Vereins, den politische Gegner zufällig verdächtig finden. Der Verfassungsschutz stuft die Rote Hilfe als linksextremistisch ein. Der Berliner Verfassungsschutz bezeichnet sie als mit Abstand größte linksextremistische Organisation der Stadt. Eralp war nach Angaben ihrer Partei passives Mitglied und trat 2025 aus; auch das gehört zur vollständigen Darstellung.
Nun stelle man sich nur für fünf Sekunden die umgekehrte Geschichte vor.
Ein AfD-Spitzenkandidat möchte Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Dann stellt sich heraus, dass er jahrelang Mitglied einer vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Organisation war. Wer glaubt ernsthaft, die anschließende Diskussion würde sich darum drehen, welches Senatsressort seine Partei übernimmt? Man ahnt die Antwort.
Und genau hier beginnt dieses seltsame Gefühl, dass in Deutschland zwei politische Wirklichkeiten nebeneinander existieren.
Für die eine Seite gibt es die Brandmauer. Für die andere gibt es Koalitionsverhandlungen. Das wäre schon grotesk genug. Doch die Brandmauer endet ja längst nicht am Eingang eines Parlaments.
In Berlin-Mitte soll die AfD Büroräume beziehen. Und sofort entsteht das nächste Bündnis. Unterschriften werden gesammelt, Öffentlichkeit hergestellt, der Vermieter soll bewegt werden, der Partei diese Räume möglichst nicht zu überlassen. Man muss sich die Szenerie wirklich einmal ohne die gewohnten politischen Etiketten ansehen.
In derselben Stadt wird darüber gesprochen, ob die Spitzenkandidatin der Linken das Rote Rathaus übernimmt – und gleichzeitig darüber, wie man verhindern kann, dass die AfD ein Bürohaus bezieht.
Das eine heißt Regierungsbildung, das andere heißt Zivilgesellschaft.
Und genau darin liegt eine Geschichte, die viel älter ist als die heutige Brandmauer. Die politische Ausgrenzung und ihre sogenannte zivilgesellschaftliche Variante liefen von Anfang an nebeneinander. Veranstaltungsräume, Wirte, Hotels, Vermieter, öffentliche Auftritte: Immer wieder sollte nicht nur politisch gegen die AfD argumentiert werden. Sie sollte möglichst gar nicht erst dort stattfinden, wo normales politisches Leben stattfindet.
Der vorläufige Höhepunkt dieser Mechanik kam Anfang 2024.
Potsdam.
Correctiv veröffentlichte seine Recherche über ein privates Treffen und überschrieb sie mit dem maximalen Alarmwort: „Geheimplan gegen Deutschland“.
Der Rest ist bekannt. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße. Minister liefen mit. Regierungsmitglieder demonstrierten. Über Wochen entstand der Eindruck, in einer Potsdamer Villa hätten finstere Gestalten einen Plan entwickelt, Menschen massenhaft aus Deutschland zu schaffen – bis hin zu deutschen Staatsbürgern.
Nur begann diese dramatische Erzählung später vor Gerichten auseinanderzufallen. Das Landgericht Berlin II untersagte Correctiv im März 2026 gerade eine der politisch explosivsten Aussagen: die Behauptung von einem „Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“. Das Gericht beanstandete außerdem die Darstellung einer angeblichen „Ausbürgerungsidee von Staatsbürgern“. Schon zuvor war dem NDR gerichtlich untersagt worden, als Tatsachenbehauptung zu verbreiten, in Potsdam seien Pläne zur Ausweisung deutscher Staatsangehöriger diskutiert worden.
Das heißt nicht, dass irgendein Gericht entschieden hätte, das gesamte Potsdamer Treffen habe nie stattgefunden oder die komplette Correctiv-Recherche sei erfunden gewesen. Aber es bedeutet etwas anderes – und politisch Entscheidendes:
Gerade die Behauptung, die aus der Geschichte ihre ungeheure Sprengkraft bezog, hielt in dieser Tatsachenform gerichtlicher Prüfung nicht stand.
Da waren die Demonstrationen allerdings längst gelaufen. Die Bilder waren im Kopf, die Erzählung gesetzt. Hunderttausende hatten gegen etwas demonstriert, das ihnen in einer Form präsentiert worden war, die später bei zentralen Tatsachenbehauptungen juristisch erheblich korrigiert wurde.
Und nun erinnern wir uns an eine andere Veranstaltung.
Kassel, 2020, Strategiekonferenz der Linken.
Eine Teilnehmerin spricht öffentlich davon, das „eine Prozent der Reichen“ zu erschießen. Der damalige Parteivorsitzende Bernd Riexinger widerspricht nicht etwa entsetzt, sondern antwortet mit einem Scherz: Man erschieße sie nicht, man setze sie „für nützliche Arbeit“ ein. Später distanzierte er sich zwar und der Bundestag debattierte darüber kurz. Der Vorgang wurde berichtet. Aber erinnern Sie sich an die Hunderttausenden auf Deutschlands Straßen?
An Regierungsmitglieder mit Transparenten? An die wochenlange nationale Kampagne zur Verteidigung der Demokratie? Ich auch nicht.
Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt.
Die unerhörte und gleichzeitig bemerkenswerteste politische Leistung der vergangenen Jahre besteht darin, dass sich ein Teil des politischen Zentrums selbst zum Maßstab erklärt hat. Wer innerhalb dieses Spektrums liegt, gehört zur demokratischen Mitte. Wer rechts davon liegt, bewegt sich Richtung „Rand“. So einfach kann Politik sein, wenn man die Begriffe selbst definiert.
Nur wird diese Konstruktion zunehmend absurd, wenn eine Partei in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent erhält und weiterhin behandelt wird wie ein politischer Fremdkörper, während in Berlin eine Partei mit 25,7 Prozent selbstverständlich Anspruch auf die Regierungsführung erhebt und ihre Spitzenkandidatin trotz ihrer früheren Mitgliedschaft in einer vom Verfassungsschutz als linksextremistisch bewerteten Organisation als mögliche Regierende Bürgermeisterin verhandelt wird.
Dabei muss man zwei Dinge auseinanderhalten. Die AfD ist keine politisch homogene Partei, und ihre verschiedenen Gliederungen werden vom politisch abhängigen Verfassungsschutz unterschiedlich beurteilt. Es gibt reale Kontroversen über Aussagen, Personen und Strömungen in ihr. Wer darüber diskutieren will, soll darüber diskutieren. Aber eine Demokratie lebt davon, dass Kriterien allgemein gelten.
Extremismus ist nicht dadurch weniger relevant, dass er von links kommt. Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass er sich antizionistisch nennt. Gewaltphantasien werden nicht dadurch zu Humor, dass sie sich gegen Reiche richten. Und ein Wahlergebnis wird nicht dadurch weniger demokratisch, dass den etablierten Parteien sein Ergebnis nicht gefällt.
Genau hier wird die deutsche Debatte so eigentümlich schräg:
Potsdam genügte für die Mobilisierung eines ganzen Landes. Kassel genügte für eine Aktuelle Stunde und anschließend für die Rückkehr zum politischen Alltag. 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt führen zu Überlegungen, wie man ohne die AfD regiert. 25,7 Prozent in Berlin führen zu Überlegungen, wie die Linke regiert.
Und während über deren Spitzenkandidatin für das Rote Rathaus gesprochen wird, mobilisiert die sogenannte Zivilgesellschaft dafür, dass die AfD möglichst nicht einmal ihre neuen Büroräume beziehen kann.
Jeder einzelne dieser Vorgänge lässt sich für sich genommen erklären. Erst wenn man sie nebeneinanderlegt, entsteht das Bild. Und es ist genau dieses Bild, das viele Menschen inzwischen verstört. Nicht weil Deutschland keine politischen Konflikte mehr aushalten würde, sondern weil der Eindruck sich festsetzt, dass es für diese Konflikte zwei verschiedene Maßstäbe gibt.
Einen für links. Und einen für rechts. Man kann das politische Polarisierung oder gesellschaftliche Spaltung nennen. Man kann es asymmetrische Abgrenzung nennen. Man kann lange politikwissenschaftliche Begriffe dafür suchen.
Oder man stellt einfach die viel kürzere Frage: Wie krank ist dieses Land?