Wäre Helmut Schmidt heute AfD? Warum Helmut Schmidts Wähler heute bei der AfD sind. Über den verschobenen Meridian, die Brandmauer und den moralischen Bankrott der Berliner SPD

Frank-Christian Hansel —

Wäre Helmut Schmidt heute in der AfD? Die Frage ist keine Provokation. Aber wer sie stellt, bekommt sofort Beifall von der einen und heftigste Empörung von der anderen Seite. Beantworten lässt sie sich natürlich so nicht. Schmidt war zu eigensinnig, zu sehr Hamburger Sozialdemokrat, als dass man ihn ein Jahrzehnt nach seinem Tod einer Partei zuschlagen dürfte, die es zu seinen Lebzeiten in ihrer heutigen Gestalt nicht gab. Die bessere Frage ist eine andere, und die läßt sich durchaus beantworten:

Warum wählen so viele Menschen, die einst Helmut Schmidt und seine SPD gewählt haben, heute die AfD – und warum halten sie sich dabei weiterhin für vernünftig, bürgerlich und der Mitte zugehörig? Die Antwort lautet: weil sie recht haben. Nicht sie sind gewandert. Gewandert ist der Maßstab, an dem man sie misst.

Der Meridian ist gewandert, nicht der Wähler

Sebastian Müller hat diese Verschiebung im GLUT-Magazin unter dem Titel „Der Mythos vom Rechtsruck“ auf den Begriff gebracht. Seit 1884 läuft der Nullmeridian durch Greenwich, und jede Längenangabe der Welt bezieht sich auf ihn. Verlegte man ihn, lägen ganze Städte über Nacht weiter östlich, ohne dass sich ein Stein bewegt hätte. Müller fragt deshalb zu Recht: „Was, wenn sich nicht die Wähler bewegt haben – sondern der Maßstab?“

Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften zeigt seit Jahrzehnten eine erstaunlich stabile Selbstverortung der Deutschen, mit der Mitte als häufigstem Wert und ohne erkennbaren Zug nach rechts. 2021 ordneten sich nach diesen Daten 46 Prozent der Mitte zu, 38 Prozent eher links und nur 16 Prozent eher rechts. Wer da einen Rechtsruck der Gesellschaft herbei(er)zählt, misst mit einem Zollstock, dessen Nullpunkt er vorher heimlich, aber wissenntlich, verschoben hat.

Verschoben wurde er von jenen, die seit 1968 den langen Marsch durch Universitäten, Redaktionen, Ministerien und Personalabteilungen angetreten und ihn auch beendet haben. Was als Gegenkultur begann, wurde zur Normalität, von der aus nun alle anderen vermessen werden. Genau das ist der Punkt, an dem Hegemonie im Sinne Gramscis greift. Herrschaft besteht nicht nur darin, Entscheidungen zu treffen. Sie besteht darin, festzulegen, was als normal, vernünftig und anständig gilt.

Kein Name eignet sich besser, um diese Verschiebung sichtbar zu machen, als der des letzten großen sozialdemokratischen Kanzlers.

Schmidts Inventar: Zuwanderung

Es war die sozialliberale Bundesregierung Helmut Schmidt, die 1981 und 1982 festhielt, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland und solle es auch nicht werden; der Zuzug aus Staaten außerhalb der Europäischen Gemeinschaft sei so weit wie möglich zu begrenzen. Das steht in den Kabinettsunterlagen, nicht in einem AfD-Flugblatt. Die Regierung Kohl übernahm diese Linie. Zwei Kanzler aus zwei Lagern, eine gemeinsame Position. Was heute als „rechts“ gilt, war damals schlicht Regierungsprogramm der Mitte.

Schmidt ist davon nie abgerückt, im Gegenteil. In seinem Gesprächsbuch mit Sandra Maischberger, „Hand aufs Herz“ (2002), steht der Satz, man habe viel zu viele Ausländer hereingeholt. 2004 nannte er es im Hamburger Abendblatt einen Fehler, „dass wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten“. Im selben Jahr erklärte er in der ZEIT die multikulturelle Gesellschaft zur „Illusion von Intellektuellen“. Und in „Außer Dienst“ (2008) schrieb er, wer die Zahl der Muslime in Deutschland erhöhen wolle, nehme eine zunehmende Gefährdung des inneren Friedens in Kauf. Bei Maischberger bekräftigte er am 14. Dezember 2010, dass dies weiterhin seine Position sei; selbst Correctiv hat das bestätigt. 2008 räumte er sogar ein, er habe als Kanzler die weitere Zuwanderung gestoppt, „ganz leise“, um keine Ausländerfeindlichkeit zu provozieren.

Im Herbst 2010, mitten in der Sarrazin-Debatte, gab er Thilo Sarrazin in der Sache recht, was die Integrationsbereitschaft vieler Muslime angehe, und warnte vor einem EU-Beitritt der Türkei, der Millionen Menschen freien Zugang zu europäischen Arbeitsmärkten und Sozialsystemen verschaffen würde. Es ist, Satz für Satz, die Position, für die heute Abgeordnete der AfD vom Verfassungsschutz beobachtet und von Parlamentspräsidien ferngehalten werden.

Dabei war Schmidt kein Ethniker. Er argumentierte kultursoziologisch, nicht abstammungs-biologisch. Er kannte die islamische Welt, er war mit Anwar as-Sadat befreundet, er sprach über Erziehung, Tradition, Religion und Staatsverständnis – nicht über Abstammung. Gerade das macht ihn zum Kronzeugen. Denn genau so argumentiert die AfD, wenn sie von Integrationsfähigkeit, Leitkultur und Begrenzung spricht: Gleiche Menschenwürde für jeden Einzelnen, aber keine Pflicht eines Staates, sich selbst zu überfordern. Was Schmidt vor einem Millionenpublikum sagen durfte, ohne dass ihn jemand aus dem demokratischen Diskurs ausschloss, gilt heute als Ausweis von Demokratiefeindlichkeit. Der Satz ist derselbe geblieben. Nur der Meridian ist gewandert.

Euro-Rettung ja – aber mit Verstand

Schmidt war, gemeinsam mit Valéry Giscard d’Estaing, Architekt des Europäischen Währungssystems und damit einer der Väter des Euro. In der Schuldenkrise trat er für umfassende Hilfen ein, für einen Schuldenschnitt für Griechenland und ein Investitionsprogramm, und er hielt das Gerede von einer Krise der Währung selbst für leichtfertig.

Aber er dachte Europa nicht als Heilsgeschichte, sondern als Interessenpolitik. 2010 sagte er dem Cicero, es sei „so klar wie dicke Tinte“, dass eine Union von 27 Staaten mit den bestehenden Institutionen nicht funktionieren könne, und er nannte die Bundesregierung großspurig. 2012 erklärte er der Bild, der eigentliche Fehler sei gewesen, Griechenland überhaupt in die Währungsunion aufzunehmen. 2014 nannte er es Größenwahn der Kommission, die Ukraine an die EU heranziehen zu wollen. In meinem Essay vom August 2016 über den Weg in die Dritte Republik habe ich seine Haltung so zusammengefasst: Euro-Rettung ja, aber nicht um jeden Preis; Zuwanderung ja, aber nicht in jedem Umfang und nicht ohne Rücksicht auf kulturelle Integrationsfähigkeit. Das ist meine Verdichtung, kein wörtliches Schmidt-Zitat – aber es ist die Linie, die seine späten Interviews durchzieht.

Hier liegt der Unterschied, der zugleich die Gemeinsamkeit ist. Die AfD ist 2013 aus dem Protest gegen die Griechenland-Rettung entstanden. Beide stellen dieselbe Frage, die das Berliner Establishment nicht mehr zulässt: Was kostet das, wer zahlt es, und wem nützt es? Schmidt verlangte, dass jede europäische Entscheidung sich vor deutschen Interessen rechtfertigen muss. Heute gilt bereits diese Frage als europafeindlich.

Energie, Industrie, Staat

Noch deutlicher ist das Bild in der Energiepolitik. Schmidt übernahm das Kanzleramt im Schatten der ersten Ölkrise und führte die Bundesrepublik besser durch sie hindurch als fast jedes andere Industrieland. Seine Antwort war nicht Verzicht, sondern Versorgungssicherheit: heimische Kohle, Kernenergie, Unabhängigkeit von fremden Lieferanten. Er warb mit einer jahrelangen staatlichen Kampagne, dem „Bürgerdialog Kernenergie“, für die Atomkraft und hielt die Debatte für eine Auseinandersetzung zwischen Sachverstand und Angstmache. Wir bräuchten Ingenieure in der Politik, sagte er 1975.

Man stelle sich diesen Mann vor einer Republik vor, die ihre letzten Kernkraftwerke abschaltet, Industriestrompreise zahlt, die zu den höchsten Europas zählen, Produktion ins Ausland verlagert und das Ganze als Fortschritt feiert. Was er gesagt hätte, wissen wir nicht. Was er gedacht hat, ist dokumentiert. Die energiepolitische Programmatik der AfD – Wiedereinstieg in die Kernenergie, Versorgungssicherheit vor Symbolpolitik, bezahlbarer Strom als soziale Frage – steht diesem Schmidt näher als jeder Satz aus dem heutigen SPD-Programm.

Dasselbe gilt für den Staat. Schmidt war der Senator, der 1962 bei der Hamburger Sturmflut Bundeswehr und NATO-Truppen einsetzte, ohne lange nach Zuständigkeiten zu fragen. Er war der Kanzler, der sich im Deutschen Herbst 1977 von der RAF nicht erpressen ließ. Er hielt innere Sicherheit für eine Voraussetzung der Freiheit, nicht für ihren Gegner. Und sein berühmter, von ihm selbst später als „pampig“ bezeichneter Satz, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, war die schärfste Absage an jene Gesinnungspolitik, die heute Klima, Migration und Vielfalt zu Heilslehren erhoben hat.

Realpolitik statt Gesinnung

Auch in der Außenpolitik war Schmidt, was man heute schmähend einen „Putin-Versteher“ nennt. Im März 2014 erklärte er in der ZEIT, das russische Vorgehen auf der Krim sei „durchaus verständlich“, die westlichen Sanktionen seien „dummes Zeug“. 2015, wenige Monate vor seinem Tod, kritisierte er, dass Putin nicht zum G7-Gipfel in Elmau eingeladen wurde. Man muss das nicht teilen, um festzustellen: Diese Haltung, Interessen und Gleichgewicht vor Moral, ist exakt die Haltung, für die die AfD seit Jahren als russlandhörig diffamiert wird – und die Sigmar Gabriel inzwischen selbst vertritt.

Schmidt war Atlantiker, Verfechter des NATO-Doppelbeschlusses, ein Mann der Westbindung. Gerade deshalb ist seine Russlandpolitik so aufschlussreich. Westbindung und Realpolitik schlossen sich für ihn nicht aus. Heute schließen sie sich für die SPD aus. Wieder hat sich nicht der Mann bewegt, sondern das Koordinatensystem.

Wo die Wähler geblieben sind

Die Folgen sind messbar. Bei der Bundestagswahl 2025 verlor die SPD nach dem Wanderungsmodell von Infratest dimap rund 720.000 Wähler an die AfD und 1,76 Millionen an die Union. Diese Zahlen sagen nicht, wie viele davon einst Schmidt gewählt haben. Aber sie zeigen, wohin die Facharbeiter, die kleinen Angestellten, die Handwerker und die Aufsteiger gegangen sind, die einmal das Rückgrat der Sozialdemokratie bildeten.

Die SPD ist kulturell eine andere Partei geworden, lange bevor ihre alte Wählerschaft aufhörte, sie zu wählen. Dieselbe SPD stimmte 1992 dem Asylkompromiss zu. Vor kurzem sprach ihre bereits zurückgetretene Vorsitzende Bärbel Bas von einem „Einheitsgrau“ und fügte hinzu, manche sprächen gar von „Einheitsbraun“ – gemeint ist kulturelle Kontinuität. Die Beweislast hat sich umgekehrt: Nicht mehr die radikale Veränderung einer Gesellschaft muss sich rechtfertigen, sondern der Wunsch, sie in ihren Grundzügen zu erhalten, wie die AfD, mit ihrem einfachen, aber ehrlichen Wahlkampf-Motto: Deutschland, aber normal.

Torsten Albig, früher SPD-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hat ausgesprochen, was in der SPD nur noch sagen kann, wer kein Amt mehr hat: Alte Genossen träten eins zu eins in die AfD ein, „und das sicher nicht, weil die alle Nazis geworden sind“. Genau das ist der Befund. Der Schmidt-Wähler hat seine Überzeugungen nicht gewechselt. Er hat die Partei gewechselt, weil seine alte Partei diese Überzeugungen nicht mehr vertritt und ihn dafür auch noch verachtet.

Die Brandmauer als Käfig

Damit sind wir bei der Brandmauer. Sie wird als Schutzwall der Demokratie ausgegeben. In Wahrheit ist sie die Mauer, hinter der die alten Parteien sich vor ihrer eigenen Geschichte verstecken. Ich habe das im Juni am Beispiel von Gabriel, Albig und Steinbrück beschrieben, drei SPD-Veteranen, die die Ursachen des Niedergangs präzise benennen und doch keine Konsequenz ziehen – Erkenntnis ohne Handlung, anagnorisis ohne katharsis. Mein Befund damals:

„Die Brandmauer steht nicht zwischen der Demokratie und der AfD. Sie steht zwischen der SPD und ihrer eigenen Wahrheit.“  – „Die SPD-AfD-Tragödie: Die Brandmauer als Käfig“, FREILICH, 17. Juni 2026

Helmut Schmidt ist der Name dieser Wahrheit. Die SPD beruft sich auf ihn bei jedem Parteitag, sie stellt seine Bücher in die Schaufenster und seine Büste in die Foyers. Aber sie darf ihm nicht mehr zuhören. Denn hörte sie ihm zu, müsste sie zugeben, dass die AfD in zentralen Fragen jene Positionen vertritt, die einst sozialdemokratisches Regierungshandeln waren. Und müsste erklären, warum sie ihre eigenen Wähler von gestern heute als Feinde der Demokratie behandelt. Hält die SPD die Mauer, schrumpft sie weiter. Reißt sie sie ein, muss sie ihre Vergangenheit revidieren. Das ist der Käfig. Er hat keine Tür, die sie von innen öffnen könnte.

Berlin, Oktober 2026: Der moralische Bankrott

Wie eng dieser Käfig geworden ist, hat die Berliner SPD in dieser Woche vorgeführt. Die AfD ist bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September drittstärkste Kraft geworden, vor Grünen und SPD. Nach der Geschäftsordnung steht ihr damit erstmals das Vorschlagsrecht für einen der beiden Vizepräsidenten zu. Sie hat Martin Trefzer nominiert, seit 2016 Mitglied des Hauses, früher bereits Beisitzer im Präsidium, ein Abgeordneter, dem selbst seine Gegner keinen konkreten Verstoß vorhalten.

Vor der Wahl im Plenum stellen sich die Kandidaten in den Fraktionen vor, so auch an diesem Dienstag. Das ist parlamentarische Grundhöflichkeit, keine Gunst. Die SPD-Fraktion hat es abgelehnt, unseren Kandidaten auch nur anzuhören. Nicht wählen – das wäre ihr gutes Recht gewesen; das freie Mandat schützt jede Entscheidung. Aber nicht einmal anhören. Nicht einmal eine Viertelstunde im Fraktionssaal, nicht einmal eine Frage, nicht einmal ein Blick in das Gesicht des Mannes, über den man urteilt.

Pikant wird das durch die eigene Begründung. Die Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion erklärten der dpa, die Fraktion bewerte Vorschläge für Funktionen des Hauses „individuell“ – und fügten im selben Atemzug hinzu, im Falle Trefzer werde es „sicherlich nicht zur Unterstützung“ kommen. Wer individuell bewertet, muss den Einzelnen wenigstens sehen und zuhören wollen. Wer das Urteil fällt, bevor er den Kandidaten angehört hat, bewertet nicht individuell. Er bewertet das Parteibuch. Das ist Gesinnungsprüfung im Gewand der Einzelfallprüfung – und damit genau jene Haltung, die man der AfD vorwirft.

Dass Linke und Grüne sich ebenso verweigern, überrascht niemanden. Die Linke ließ verlauten, Kräfte wie die AfD dürften in der „Herzkammer der Demokratie“ nicht an die Schalthebel. Die Grünen bestritten Trefzer vorab jede Integrität und Überparteilichkeit, ohne einen einzigen konkreten Vorwurf. Von diesen Parteien erwartet niemand anderes. Das ist ihr Meridian, er war nie ein anderer.

Aber die SPD? Das ist die Partei Ernst Reuters, der 1948 die Völker der Welt aufforderte, auf diese Stadt zu schauen. Die Partei, deren West-Berliner Mitglieder 1946 in einer Urabstimmung die Zwangsvereinigung mit der KPD verweigerten, während man ihren Genossen im Osten das Recht dazu nahm. Die Partei Willy Brandts. Diese SPD sitzt heute im Abgeordnetenhaus als fünfte Kraft, behandelt die Rechtsnachfolgerin der SED als selbstverständlichen Partner und verweigert der drittstärksten Fraktion nicht nur das Amt, sondern schon das Gespräch. Wer so handelt, hat nicht die Demokratie verteidigt. Er hat den letzten Rest dessen aufgegeben, was ihn einmal von seinen Gegnern unterschied: die Bereitschaft, den anderen zu hören, bevor man ihn verurteilt. Notiert werden darf hier auch, dass die CDU-Fraktion hier aus der linken Ausgrenzungsfront ausgebrochen ist, und Trefzer gemäß demokratischer Gepflogenheit angehört hat.

Der Vergleich mit Sachsen-Anhalt macht es noch deutlicher. Dort ist mit Tobias Rausch ein AfD-Abgeordneter zum Landtagspräsidenten gewählt worden, offenkundig auch mit Stimmen aus der CDU, und ein weiterer AfD-Vizepräsident erhielt eine Mehrheit. Im Brandenburger Landtag sitzt die AfD selbstverständlich im Präsidium. Die Demokratie ist dort nicht untergegangen. Sie hat funktioniert. In Berlin dagegen soll die AfD, wie die taz trocken notierte, wieder leer ausgehen – weder Vizepräsident noch einer von bis zu fünfzehn Beisitzern. Ein Parlament, das ein Fünftel der Berliner Wähler aus seiner eigenen Leitung aussperrt, schützt nicht die Herzkammer der Demokratie, sondern verletzt sie.

Und Helmut Schmidt? Er war vor allem Parlamentarier. Er liebte die harte Debatte, er stritt mit Strauß, Wehner und Kohl bis an die Grenze der Beleidigung – aber er saß mit ihnen im selben Haus, er hörte ihnen zu, und er hätte nie bestritten, dass sie Anspruch auf ihren Platz im Präsidium hatten. Als er 1982 durch das konstruktive Misstrauensvotum gestürzt wurde, weil die FDP die Seiten wechselte, empfand er das als bitter, aber er respektierte das Verfahren. Zuvor hatte er sogar noch zwei Wochen lang ein Minderheitskabinett geführt. Das ist agonale Demokratie: der Gegner als Gegner, nicht als Feind; der Streit als Lebensform, nicht als Ausschlussverfahren. Helmut Schmidt hätte Martin Trefzer angehört. Und wahrscheinlich hätte er ihm danach eine Zigarette angeboten.

Schmidts Erbe sucht eine neue Heimat

Ich habe den Tod Helmut Schmidts am 10. November 2015 schon vor zehn Jahren als Epochenzäsur beschrieben: als Ende der alten Bundesrepublik, deren Gewissheiten – industrielle Stärke, berechenbarer Staat, Realismus statt Gesinnung – die Berliner Republik aufgezehrt hat, während sie sich institutionell weiter auf deren Kontinuität berief. Heute stehen wir am Ende dieses Interregnums. Die alten Volksparteien verwalten nur noch die Fassade; die Wähler sind längst weitergezogen. In Berlin, das ich als Labor für den Ausweg aus dieser Falle beschrieben habe, lässt sich das besichtigen wie unter einem Brennglas.

Die SPD wird Schmidt weiter zitieren, so wie man Großväter auf Familienfesten zitiert: liebevoll, folgenlos, und ohne ihn je ernst zu nehmen. Seine Wähler sind ehrlicher. Sie nehmen ihn ernst. Deshalb sind viele von ihnen heute bei der AfD.

Helmut Schmidt wäre nicht notwendigerweise in der AfD. Aber die AfD ist heute in vielem dort, wo Helmut Schmidt stand – in der Zuwanderung, in der Energie, in der Staatsräson, in der Realpolitik. Und wenn die politische Landkarte behauptet, seine Wähler stünden plötzlich weit rechts, dann sollte man nicht die Wähler prüfen. Man sollte den Meridian prüfen.

Die Schmidt-Wähler haben ihre Überzeugungen nicht verraten. Ihre Partei hat sie verraten.