Der Mythos vom Scheitern – warum "MAGA" innenpolitisch und geopolitisch gerade erst beginnt
In manchen konservativen und rechten Online-Kommentaren lässt sich derzeit ein bemerkenswertes Narrativ beobachten: Donald Trump, so heißt es, sei zwar erneut Präsident geworden, doch der „MAGA-Mythos“ beginne bereits an der Realität zu zerbrechen. Die großen Versprechen würden sich nicht erfüllen, die Bewegung verliere an Dynamik, und außenpolitisch drohe eine gefährliche Eskalation – etwa im Konflikt mit dem Iran.
Diese Diagnose wirkt auf den ersten Blick plausibel. Sie liegt jedoch analytisch falsch. Sie beruht auf einem Missverständnis darüber, wie politische Macht – und insbesondere amerikanische Präsidentschaften – tatsächlich funktionieren.
Der erste Fehler liegt in der Zeitperspektive. Wer die politische Dynamik der Trump-Administration beurteilen will, darf nicht von einer klassischen vierjährigen Amtszeit ausgehen. In Wirklichkeit ist das Zeitfenster eines amerikanischen Präsidenten deutlich kürzer. Bereits nach zwei Jahren entscheiden die Midterm-Wahlen über die Mehrheiten im Kongress. Verliert der Präsident dort seine parlamentarische Basis, wird seine politische Agenda faktisch blockiert.
Das bedeutet: Ein Präsident hat in der Praxis kaum mehr als achtzehn bis vierundzwanzig Monate, um die entscheidenden politischen Weichen zu stellen. Deshalb gilt in Washington seit Jahrzehnten eine unausgesprochene Regel: Die großen Projekte müssen am Anfang einer Amtszeit umgesetzt werden.
Genau diese Dynamik lässt sich derzeit beobachten. Die hohe Geschwindigkeit der politischen Entscheidungen – Executive Orders, institutionelle Umbauten, wirtschaftspolitische Maßnahmen und außenpolitische Positionsbestimmungen – wirkt auf manche Beobachter hektisch. Tatsächlich folgt sie jedoch einer klaren strategischen Logik: Die entscheidenden Blöcke müssen sofort bewegt werden.
Der Unterschied zur ersten Trump-Präsidentschaft könnte größer kaum sein.
2017 trat Trump als politischer Außenseiter ins Amt. Seine Administration war organisatorisch kaum vorbereitet, Teile der eigenen Partei begegneten ihm mit Skepsis, und nicht wenige Bereiche der amerikanischen Bürokratie arbeiteten offen gegen seine Agenda. Ein erheblicher Teil der ersten Amtszeit ging daher dafür verloren, überhaupt eine handlungsfähige politische Infrastruktur aufzubauen.
Die zweite Amtszeit beginnt unter völlig anderen Bedingungen. Die Bewegung verfügt inzwischen über Erfahrung, über Personalnetzwerke und über eine klar formulierte politische Agenda. Was heute wie eine überstürzte Anfangsoffensive wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer vierjährigen Lernphase.
Doch der gegenwärtige Abgesang auf MAGA verrät noch etwas anderes – eine psychologische Dynamik innerhalb des politischen Milieus selbst.
In Teilen der europäischen Rechten wurde der Aufstieg Trumps über Jahre hinweg mit außergewöhnlich hohen Erwartungen verbunden. Trump erschien vielen Beobachtern nicht nur als politischer Akteur, sondern als historische Zäsur: als der Mann, der den globalistischen Konsens aufbrechen, die westlichen Eliten herausfordern und eine neue politische Epoche einleiten würde.
Solch hohe Erwartungen erzeugen eine paradoxe Dynamik. Je höher die metapolitische Projektion, desto schneller tritt Ernüchterung ein, sobald die Realität politischer Macht sichtbar wird. Denn Regieren bedeutet Kompromiss, institutionelle Trägheit und strategische Zwischenschritte. Wer hingegen eine nahezu revolutionäre Umwälzung erwartet, erlebt bereits normale politische Prozesse als Enttäuschung.
In dieser Perspektive lässt sich der plötzliche Abgesang auf MAGA teilweise auch als psychologische Gegenbewegung verstehen. Die anfängliche Euphorie schlägt in Skepsis um – nicht unbedingt, weil das politische Projekt gescheitert wäre, sondern weil die Erwartungen an seine Geschwindigkeit überhöht waren:
Politische Bewegungen durchlaufen solche Phasen regelmäßig. Die Geschichte des Thatcherismus, des Neoliberalismus oder auch der 68er-Bewegung zeigt, dass kulturelle und politische Transformationen nicht geradlinig verlaufen. Sie bewegen sich in Wellen aus Erwartung, Ernüchterung und erneuter Konsolidierung. Gerade deshalb greift die Diagnose eines „Scheiterns“ zu kurz. Sie misst einen langfristigen Transformationsprozess an der kurzfristigen Dramaturgie politischer Nachrichtenzyklen.
Auch auf einer tieferen Ebene unterschätzt diese Perspektive den eigentlichen Erfolg der MAGA-Bewegung: ihren metapolitischen Einfluss: Politische Bewegungen verändern die Realität eher nicht durch sofortige Gesetzgebungserfolge. Sie verschieben zunächst den Rahmen des politisch Denkbaren. Genau das ist doch in den vergangenen Jahren erfolgreich geschehen: Themen wie industrielle Souveränität, Migration, geopolitischer Realismus oder die Kritik an globalistischen Wirtschaftsstrukturen sind heute zentrale Bestandteile westlicher Politikdebatten – Positionen, die vor wenigen Jahren noch als randständig galten und vom Mainstream als (rechts-)extremistisch diffamiert wurden und teilweise, vor allem in Deutschland, noch werden.
Selbst einige Gegner der Bewegung verwenden inzwischen Begriffe und Argumente, die ursprünglich aus diesem politischen Milieu stammen. In der Geschichte politischer Ideen gilt das als ein verlässlicher Indikator kultureller Hegemonie: Eine Bewegung gewinnt, wenn ihre Gegner beginnen, ihre Sprache zu übernehmen. Genau das ist doch, was auch die (neue) Rechte lange einfordert hat.
Auch außenpolitisch zeigt sich diese Verschiebung. Besonders deutlich wird das in der aktuellen Debatte über den Iran. Ein Teil der europäischen Kommentatoren warnt, eine mögliche militärische Eskalation könne ein „Tor zur Hölle“ öffnen und den Westen in eine neue geopolitische Katastrophe führen. Diese Warnung knüpft an die traumatischen Erfahrungen der Interventionspolitik im Irak oder in Afghanistan an. Sie übersieht jedoch eine andere Realität der internationalen Politik. Konflikte entstehen nicht nur durch Interventionen – sondern oft auch durch unterlassene strategische Entscheidungen:
Der Iran ist seit Jahrzehnten ein zentraler Machtfaktor im Nahen Osten. Über sein weit verzweigtes Netzwerk verbündeter Milizen und Organisationen übt Teheran Einfluss auf Konflikte in Syrien, im Libanon, im Irak und im Jemen aus. Gleichzeitig treibt das Land sein Atomprogramm trotz internationaler Sanktionen weiter voran. Diese Entwicklung verändert die Sicherheitsarchitektur der gesamten Region.
In einer solchen Situation besteht das geopolitische Risiko nicht nur im Krieg, sondern ebenso in der fortschreitenden Erosion von Abschreckung. Ein politisches System, das bereit ist, über Stellvertreterkonflikte militärischen Druck auszuüben und zugleich strategische Waffenprogramme voranzutreiben, erzeugt eine strukturelle Instabilität, die langfristig kaum ohne Konfrontation aufgelöst werden kann. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob ein Konflikt gefährlich ist. Das ist er immer. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wann und unter welchen Bedingungen er geführt wird.
Auch hier spielt die Zeitlogik der amerikanischen Präsidentschaft eine Rolle. Außenpolitische Weichenstellungen müssen am Anfang einer Amtszeit vorgenommen werden – in einer Phase, in der der politische Handlungsspielraum eines Präsidenten am größten ist. Historisch wurden viele strategische Entscheidungen genau in diesem Zeitfenster getroffen, um die geopolitische Richtung für Jahre festzulegen.
All dies bedeutet nicht, dass Konflikte wünschenswert wären. Doch internationale Politik folgt selten moralischen Wunschbildern. Sie folgt der Logik von Macht, Interessen und Abschreckung. Und bei Donald Trump kommt sein sultanistischer Regierungsmodus dazu.
Gerade deshalb ist es verfrüht, den Abgesang auf MAGA anzustimmen. Die Bewegung steht möglicherweise nicht am Ende eines politischen Zyklus, sondern am Beginn eines längeren historischen Prozesses. Wer die gegenwärtige Entwicklung verstehen will, sollte daher weniger auf kurzfristige Schlagzeilen achten – und mehr auf die langfristigen Verschiebungen der politischen Tektonik.