Alexander Gauland und die AfD: eine Erwiderung auf den SPIEGEL

Frank-Christian Hansel

Der SPIEGEL (3/2026) beschreibt Alexander Gauland als einen Mann, der „fremd in den eigenen Reihen“ geworden sei. Gemeint ist damit nicht nur eine persönliche Vereinsamung, sondern eine politische Entfremdung: der Ehrenvorsitzende der AfD, so die Erzählung, sei von seiner Partei überholt worden – zu moderat, zu zögerlich, zu sehr in alten Kategorien verhaftet.

Diese Diagnose ist auf den ersten Blick plausibel. Sie ist allerdings grundfalsch. Was der SPIEGEL als Fremdheit deutet, ist in Wahrheit Distanzfähigkeit. Und was er als Überholtsein interpretiert, ist politische Reife in einer Übergangsphase, die nicht nach Lautstärke, sondern nach Urteilskraft verlangt.

Der Kategorienfehler des SPIEGEL

Der SPIEGEL liest Politik psychologisch: Alter, Erschöpfung, Vereinsamung, mangelnde Anschlussfähigkeit. Gauland wird als Figur beschrieben, die nicht mehr recht weiß, „was sie hier noch soll“. Doch damit verfehlt der Text die eigentliche Ebene. Denn Gauland ist kein Akteur des tagespolitischen Schlagabtauschs mehr – und will es erkennbar auch nicht sein. Er bewegt sich auf einer anderen Flughöhe: der der Systemeinschätzung, nicht der Mobilisierungsrhetorik.

Fremd ist Gauland nicht, weil er den Kontakt zur AfD verloren hätte, sondern weil er sich dem parteiinternen Beschleunigungsrausch entzieht. Er denkt nicht in der Logik des Endkampfes, sondern in der Logik des Übergangs. Genau das aber ist in Phasen politischer Dynamik die unbequemste Position.

Übergang statt Zerstörung

Der SPIEGEL legt Gauland negativ aus, was tatsächlich sein zentraler strategischer Vorzug ist: Dass er die AfD nicht als Instrument zur Zerstörung des Parteiensystems begreift, sondern als Korrektiv, das Verschiebungen erzwingt. Wenn Gauland sagt, man werde „irgendwie mit der CDU zusammenarbeiten müssen“, dann ist das keine Sehnsucht nach der alten Union, sondern Ausdruck nüchterner Machtanalyse. Politische Ordnungen kippen nicht durch moralische Radikalität, sondern durch Neusortierung von Mehrheiten, durch Anschlussfähigkeit, durch Druck auf bestehende Lager.

Wer glaubt, ein echter grundsätzlicher Politikwechsel entstehe durch bloßen Willensakt, verwechselt Politik mit Revolutionsromantik. Gauland weiß aus Erfahrung: Systeme verändern sich, indem sie gezwungen werden, ihre eigenen Voraussetzungen zu korrigieren.

Biographie als Ressource, nicht als Widerspruch

Der SPIEGEL bemüht Gaulands CDU-Vergangenheit und seine frühen liberalen Tätigkeiten, um einen inneren Widerspruch zu konstruieren. Tatsächlich ist genau diese Biographie sein politisches Kapital. Gauland kennt die Union von innen. Er kennt ihre Denkfiguren, ihre Milieus, ihre moralischen Ausweichbewegungen. Er weiß, wie sie funktioniert – und warum sie heute nicht mehr funktioniert.

Dass er seine DDR-Erfahrung nicht zur identitätspolitischen Selbstvermarktung nutzt, wird ihm im SPIEGEL indirekt zum Vorwurf gemacht. Dabei liegt gerade darin seine Besonderheit: Gauland instrumentalisiert Herkunft nicht, sondern integriert Erfahrung. Er verkörpert keine Ost-Identität gegen den Westen, sondern eine gesamtdeutsche Perspektive, die beide Seiten kennt und relativiert.

Beobachterrolle als Stärke

Der SPIEGEL bemerkt richtig, dass Gauland „eher wie ein Beobachter“ über seine Partei spricht. Er irrt nur in der Bewertung. Beobachtung ist in der Politik kein Zeichen von Schwäche, sondern von Souveränität. Parteien im Aufstieg neigen dazu, sich selbst mit ihrer Dynamik zu verwechseln. Sie verabsolutieren Umfragewerte, projizieren Machtfantasien und verlieren dabei den Blick für strukturelle Grenzen. In solchen Phasen sind Beobachterfiguren unverzichtbar – gerade weil sie nicht im Strom mitschwimmen. Gaulands vermeintliche Distanz ist daher kein Rückzug, sondern ein Korrektiv. Er steht nicht etwa außerhalb der AfD, sondern quer zu ihrem momentanen Erregungsniveau. Das macht ihn für manche unbequem – aber politisch wertvoll.

Wer hier wirklich „fremd“ ist

Am Ende stellt sich die Frage, wer hier eigentlich fremd ist: Gauland in der AfD – oder der SPIEGEL gegenüber den Bedingungen politischer Transformation? Der SPIEGEL misst die AfD an Maßstäben des alten Parteiensystems und liest Gauland als Figur, die darin nicht mehr aufgeht. In Wahrheit aber ist Gauland gerade deshalb interessant, weil er nicht mehr in den gewohnten Kategorien funktioniert: weder als CDU-Mann noch als radikaler Parteisoldat.

Er ist eine Figur des Dazwischen. Und genau das macht ihn für Zeiten des Übergangs relevant. Gaulands vermeintliche Fremdheit ist keine Marginalisierung, sondern ein Hinweis darauf, dass politische Reife selten dort zu finden ist, wo der Applaus am lautesten ist. Sie zeigt sich dort, wo jemand bereit ist, langsamer zu denken als der Moment es verlangt – um weiter zu sehen als die nächste Wahl.

Gerade deshalb ist Alexander Gauland heute nicht etwa eine Figur der Vergangenheit, sondern eine der notwendigen Distanz. Er verkörpert jene Form politischer Autorität, die nicht aus Lautstärke, Machtanspruch oder taktischer Beweglichkeit erwächst, sondern aus Erfahrung, Urteilskraft und der Fähigkeit, Übergänge zu deuten, bevor sie offen zutage treten.

Und genau aus diesem Grund ist er heute – jenseits aller innerparteilichen Stimmungen und tagespolitischen Erregungen – der absolut richtige Ehrenvorsitzende der AfD: nicht als operativer Lenker, sondern als Maßstab, als erinnernde Instanz, als gesamtdeutsche Synthesefigur. Er steht für die Einsicht, dass politische Erneuerung nicht im Bruch um jeden Preis liegt, sondern in der Fähigkeit, Richtung zu halten, während sich das System bewegt.

In einer Partei, die an der Schwelle zur historischen Verantwortung steht, ist das keine dekorative Rolle. Es ist eine zentrale.