Und wieder geht es um Ulrich Siegmund: Vom Gatekeeper zum Rohstofflieferanten - oder: Wie der Medienkampf seine eigene Gegenöffentlichkeit erzeugt
In meinem Beitrag „Die AfD und ihre unfreiwilligen Wahlkampfhelfer. Zur medialen Aufmerksamkeitsökonomie“ habe ich beschrieben, wie sich das Verhältnis von Presse und Partei umgekehrt hat. Die Medien setzen weiterhin den Reiz – Skandal, Titelbild, Warnung, moralische Zuspitzung –, aber sie verfügen längst nicht mehr darüber, was anschließend mit diesem Reiz geschieht. Der Angegriffene übernimmt ihn, deutet ihn um und verwertet ihn über eigene Kanäle. Aus dem Objekt der Darstellung wird ein Produzent. Der Beitrag von Annika Leister bei t-online über Ulrich Siegmund und dessen Verhältnis zur Presse führt genau diesen Vorgang vor – gründlicher, als es dem Text lieb sein dürfte.
Jahrzehntelang war die Ordnung der politischen Öffentlichkeit übersichtlich. Ein Politiker sagte etwas, ein Redakteur wählte aus, kürzte, ordnete ein und entschied damit wesentlich mit, was ein größeres Publikum überhaupt erreichte und in welchem Deutungsrahmen es ankam, medientheoretisch gesprochen, die Gatekeeping-Funktion: Wer Öffentlichkeit wollte, musste am Torwächter vorbei. Technisch ist diese Ära jetzt erledigt. Ein Politiker mit eigener Reichweite, eine Partei mit eigenen Kanälen, ein einzelner Streamer mit einem Smartphone braucht keine Redaktion mehr, um ein Publikum zu erreichen.
Bei Siegmund beschreibt t-online das mit bemerkenswerter Präzision: Handschlag, Gespräch, Selfie, Video, Livestream, Ausschnitt, Weiterverbreitung. Jeder einzelne Termin wird digital vervielfacht, in der heißen Phase drei Termine am Tag, deutlich mehr als bei der Konkurrenz. Der Artikel nennt zugleich den Ertrag: binnen eines Jahres ein Anstieg der AfD in Sachsen-Anhalt von rund 30 auf 42 Prozent. Ob dieser Erfolg überwiegend am Kommunikationsmodell hängt, lässt sich damit nicht beweisen. Dass es ein wesentlicher Bestandteil des Wahlkampfes geworden ist, bestreitet auch t-online nicht.
Damit verändert sich der Konflikt zwischen Politik und Presse strukturell: Früher beobachteten Journalisten die Politik. Heute beobachten Politiker die Journalisten beim Beobachten und machen diese Beobachtung selbst zum politischen Inhalt. Neben die Frage, was Siegmund gesagt hat, tritt die Frage, was t-online daraus macht, wie der Spiegel berichtet, was Correctiv seinerzeit konstruiert hat. Die Berichterstattung wird zum Gegenstand der Berichterstattung. Das ist die nächste Stufe der Aufmerksamkeitsökonomie: Das Medium liefert nicht mehr nur Deutung, sondern zugleich den Rohstoff für die Gegendeutung.
Gerade deshalb ist der t-online-Text so aufschlussreich, denn er demonstriert das Problem an sich selbst. Er enthält ernstzunehmende Beobachtungen; wenn Reporter bedrängt oder verfolgt werden, ist eine Grenze überschritten, und das gilt unabhängig davon, wie kritisch man die betreffende Redaktion beurteilt. Aber der Beitrag belässt es nicht bei solchen Tatsachen. Er baut eine Demaskierungsdramaturgie auf: Der freundliche, zugewandte Siegmund erscheint als bloße Oberfläche, hinter der die Redaktion die eigentliche Wahrheit freilegt, am deutlichsten in der Metapher vom ehemaligen Dufthändler, der einen politischen Geruch mit angenehmerem Bouquet überdecke. Das ist keine Beschreibung mehr, sondern Interpretation. Sie ist zwar legitim – nur aber eben nicht mehr privilegiert.
Der Leser kann den Auftritt selbst ansehen, die vollständige Rede abrufen, das Programm nachlesen und danach entscheiden, ob die Deutung trägt. Sie wird zu einem Angebot unter mehreren. Das ist der eigentliche Kontrollverlust. Wer daraus nun die Parole vom Kampf gegen die Presse ableitet, hat den Vorgang allerdings nicht verstanden:
Denn der Verlust des Monopols führt keineswegs automatisch zu einer besseren Öffentlichkeit; er kann ebenso eine Spirale wechselseitiger Radikalisierung in Gang setzen. Das Medium bemerkt, dass seine Warnungen an Wirkung verlieren, und verschärft die Sprache. Der politische Akteur bemerkt, dass schärfere Angriffe größere Reichweite erzeugen, und verwertet sie offensiver.
Die eigenen Anhänger erwarten daraufhin die nächste Konfrontation. Journalisten hinter Flatterband, während Streamer sich frei bewegen; ein Reporterfoto, das auf der Bühne hochgehalten wird, verbunden mit dem Satz, dem müsse man den Stecker ziehen; ein Streamer, der ein Redaktionsteam verfolgt und anrempelt – das sind keine Siege, sondern Geschenke an die Gegenseite. Sie verschieben die Debatte von der durchaus berechtigten Frage nach journalistischer Fairness hin zur Frage nach der Pressefreiheit, und diese Debatte verliert man. Dasselbe gilt für atmosphärische Andeutungen über Unregelmäßigkeiten bei der Briefwahl, die man selbst nicht belegen kann. Wer eine Wahl gewinnen will, beschädigt nicht vorsorglich die Legitimität des eigenen Sieges. Unregelmäßigkeiten gehören dokumentiert und juristisch verfolgt, nicht geraunt.
Die angemessene Antwort auf den Verlust journalistischer Neutralität heißt deshalb nicht Medienkontrolle, sondern Medienpluralität. Journalisten sollen fragen, recherchieren, kritisieren und selbstverständlich auch polemisieren dürfen. Gleichzeitig gehört jede Pressekonferenz, jede Rede, jedes Interview vollständig und ungeschnitten ins Netz. Dann lässt sich jede Verkürzung an der Primärquelle prüfen. Damit verändert sich auch die Aufgabe des Politikers: Er muss nicht länger darum kämpfen, dass eine Redaktion seine Sichtweise übernimmt. Er muss dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit sie selbst überprüfen kann.
In der Ökonomie kennt man diesen Vorgang seit langem und nennt ihn Disintermediation, die Ausschaltung des Vermittlers. Reisebüros verloren ihr Monopol auf Buchungen, Banken ihres auf bestimmte Finanzdienstleistungen, der Zwischenhandel seinen Zugang zum Kunden. Nun verliert der klassische Journalismus sein Monopol auf den Zugang zur politischen Öffentlichkeit. Er verschwindet dadurch nicht, aber aus dem Torwächter wird ein Wettbewerber.
Neben die Reichweite tritt damit eine zweite und härtere Währung: Glaubwürdigkeit! Ein Medium kann zehn Millionen Menschen erreichen und trotzdem Deutungsmacht verlieren, wenn sein Publikum jede Darstellung grundsätzlich gegenliest. Ein einzelner digitaler Akteur kann hunderttausend Menschen erreichen und in dieser Gruppe eine außergewöhnliche Bindung erzeugen.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr allein, was geschehen ist, sondern: Wem glaube ich, wenn er mir erklärt, was geschehen ist? Das macht jede erkennbare journalistische Übertreibung teuer – und jede nachweisbare politische Falschbehauptung ebenso. In einer pluralen Öffentlichkeit kann prinzipiell jeder jeden kontrollieren.
Darin liegt das Paradox der gegenwärtigen AfD-Berichterstattung. Das Spiegel-Cover über Siegmund sollte markieren und wurde zum Wahlkampfmotiv. Die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen sollte isolieren und wurde zum Ausgangspunkt einer massiven Gegenkommunikation; t-online beschreibt selbst, dass Siegmund danach seine Vernetzung mit alternativen Medien und seine eigene Reichweite systematisch ausbaute. Nun schildert t-online ausführlich dessen Kampf gegen die Presse und liefert damit erneut das Material für genau jene Kommunikationsstruktur, die der Artikel kritisiert. Das Medium berichtet über den Politiker, der Politiker kommuniziert über das Medium, das Medium berichtet über dessen Medienkritik. Jeder gewinnt Aufmerksamkeit, und niemand verfügt mehr allein über die Bedeutung des Geschehens.
Niemand besitzt noch ein Monopol auf die Beschreibung der Wirklichkeit: weder der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch Spiegel oder t-online, aber ebenso wenig alternative Medien oder eine Partei. Was bleibt, ist der offene Wettbewerb um Tatsachen, Interpretation und Vertrauen. Er ist anstrengender und unübersichtlicher als die alte Ordnung, und er kann demokratischer sein. Eine liberale Öffentlichkeit sollte ihn nicht fürchten, sondern wollen. Denn die Antwort auf eine als falsch empfundene Darstellung ist nicht deren Verhinderung. Es genügt, das Original daneben zu legen.
Vielleicht erklärt gerade das einen guten Teil der Nervosität im heutigen Medienbetrieb. Nicht die Pressefreiheit verschwindet. Das Deutungsmonopol verschwindet, unwiderruflich.