Die AfD und ihre unfreiwilligen Wahlkampfhelfer. Zur medialen Aufmerksamkeitsökonomie
Es gibt Titelbilder, die einen Politiker beschädigen sollen – und solche, die genau das Gegenteil bewirken. Das Spiegel-Cover, das Ulrich Siegmund im Stil eines Fahndungsfotos zum „gefährlichsten Mann Deutschlands" erklärte, gehört in die zweite Kategorie. Siegmund signierte das Heft im Dutzend auf seinen Veranstaltungen, andere AfD-Politiker montierten ihre eigenen Gesichter auf das Motiv und verbreiteten es hundertfach über die sozialen Netzwerke. Selbst t-online nennt das eine vorhersehbare Steilvorlage und die Schlagzeile überzogen.
Der Spiegel wollte einen Warnhinweis drucken und lieferte ein Wahlkampfplakat. Das war kein Betriebsunfall, sondern ist der sichtbare Ausdruck des Strukturwandels, den ich vor zehn Jahren im Kontext der Entwicklung der AfD in seinen Grundzügen beschrieben habe – und der seither eine entscheidende Wendung genommen hat.
In meiner anatomischen Momentaufnahme der AfD, geschrieben 2015, wiedervorgelegt 2020, habe ich mit Peter Sloterdijk politische Großkörper als „stressintegrierte Kraftfelder" beschrieben: Kollektive, die sich nicht über Programme zusammenhalten, sondern über einen permanenten Strom gemeinsamer Erregung. Den Medien fällt darin eine präzise Funktion zu. Sie informieren nicht in erster Linie, sondern unterbreiten täglich neue Erregungs-, Empörungs- und Angstangebote, über die sich politische Gemeinschaften synchronisieren. Ich habe mich damals unmittelbar auf Sloterdijks medienpolitische Essenz aus seinen „Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen" (2013) bezogen, nämlich:
„… dass Massenmedien, eben weil sie sind, was sie sein müssen, primär nicht informieren, sondern zeichenbasierte Epidemien erzeugen, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, vielmehr um die Einspritzung mentaler Infektionen, vor allem aber …, dass es auf den Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt … Auf den Themenbörsen haben nur jene Verzerrungen einen Marktwert, die dem Verzerrer Profit eintragen (Verzerrer als technischer Ausdruck wie Schalldämpfer oder Lautstärkeregler zu verstehen)."
Das beschreibt die Aufmerksamkeitsökonomie, lange bevor der Begriff politisch geläufig wurde. Keine Information, sondern Infektion, kein Argument, sondern Marktwert. Und ein Verzerrer, der genau so weit verzerrt, wie es sich für ihn rechnet.
Dazu kam der zweite Befund: Zwei Erregungswellen – der medial induzierte Infekt von außen und die Erregungskommunikation im Inneren – verstärken sich wechselseitig und erzeugen dabei immer neue Inhalte. Nur war die Rollenverteilung damals eine andere.
Aus dem Objekt wird der Verwerter
Vor zehn Jahren lag die Deutungshoheit eindeutig beim klassischen Medium. Es setzte die Nachricht, die Partei musste reagieren, aus der Reaktion entstand die nächste Nachricht. Die AfD war Gegenstand der Skandalisierung, den Takt schlugen andere.
Diese Asymmetrie ist gefallen. Die AfD verfügt über eigene digitale Reichweiten in Millionenhöhe. Sie muss den Spiegel nicht mehr davon überzeugen, ihre Botschaft zu transportieren – sie braucht ihn nur noch als Reizquelle. Je heftiger der Angriff, desto verwertbarer das Material.
Damit wechselt Sloterdijks Satz die Richtung. Marktwert hatten die Verzerrungen, die dem Verzerrer Profit eintragen. Heute produziert der Verzerrer die Verzerrung nach wie vor – aber die Rendite kassiert der Verzerrte. Das Bild vom Schalldämpfer und vom Lautstärkeregler bleibt gültig; nur bedient den Regler nicht mehr allein derjenige, der ihn eingebaut hat.
Die Erregung zirkuliert damit nicht mehr von den Massenmedien zum Publikum, sondern in einer permanenten Schleife zwischen Medien, Parteien, Plattformen und Nutzern:
Skandalisierung erzeugt Empörung. Empörung erzeugt Reichweite. Reichweite erzeugt Mobilisierung. Mobilisierung erzeugt politische Relevanz. Und politische Relevanz erzeugt neue Skandalisierung.
Jeder Beteiligte bedient dabei sein eigenes Interesse. Das Medium braucht Aufmerksamkeit, die Partei Sichtbarkeit, die Plattform Interaktion. Der Konflikt liefert allen dreien das Gewünschte. Es braucht dafür keinen Plan und keine Absprache – nur rationale Akteure am selben knappen Gut.
Die Brandmauer als Verstärker
Damals habe ich das inszenierte „Dauertribunal" des Parteien- und Medienestablishments beschrieben: eine Regie, die dem Neuling den Platz auf der Hauptbühne verweigert und dadurch eine besonders scharfe Innen-Außen-Differenz erzeugt. Der Ausschluss stabilisiert paradoxerweise das Selbstverständnis der Ausgeschlossenen. Das war die Brandmauer, bevor das Wort erfunden war.
Heute kommt die entscheidende zweite Wirkung hinzu: Die Ausgrenzung integriert nicht mehr nur nach innen. Sie produziert Reichweite nach außen.
Denn die Brandmauer setzt eine Medienordnung voraus, in der die etablierten Institutionen darüber entscheiden konnten, wer Zugang zur Öffentlichkeit erhält. Diese Voraussetzung ist entfallen. Ein Ausschluss kann heute selbst Content sein. Eine Empörung kann Content sein. Ein Spiegel-Cover kann Content sein. Sogar der Superlativ vom gefährlichsten Mann Deutschlands lässt sich übernehmen und zur eigenen politischen Marke umcodieren.
Wenn der Mainstream es selbst bemerkt
Annika Leister nennt den Spiegel-Titel überzogen und führt solche Superlative auf die Gier nach Aufmerksamkeit und Auflage zurück. Die nachgeschobene Rechtfertigung des Chefredakteurs, Siegmund sei jedenfalls für „liberale Demokraten" der gefährlichste Mann Deutschlands, nennt sie eine „selbstherrliche Verabsolutierung der eigenen Position". Das trifft einen wesentlichen Punkt. Das Problem ist nicht, dass Medien die AfD kritisieren – das sollen sie. Journalismus verliert Autorität dort, wo Analyse durch moralische Etikettierung ersetzt wird.
Nur zieht Leisters Kommentar die Konsequenz nicht zu Ende. Wo sie das Programm der AfD Sachsen-Anhalt gegen Fleischhauers Verharmlosung ausspielt, arbeitet sie selbst wieder mit Verdichtungen: Aus „Bildungspflicht statt Schulzwang" mit verpflichtenden Halbjahresprüfungen wird die Abschaffung der Schulpflicht; aus einer freiwilligen Bürgerwacht, die dem kommunalen Ordnungsamt untersteht und keine Stellen ersetzen darf, wird die Bürgerwehr – ein Wort, das im Deutschen Selbstjustiz konnotiert.
Man kann beide Vorschläge politisch ablehnen. Nur muss man dafür nicht das Original ersetzen. In einer Öffentlichkeit, in der jeder die Primärquelle mit zwei Klicks öffnet, verschiebt jede erkennbare Überzeichnung die Debatte vom Inhalt auf die Glaubwürdigkeit des Berichterstatters. Diesen Kampf kann kein Medium gewinnen.
Früher entschied das Medium, welches Bild eines Politikers das Publikum zu sehen bekam. Heute nimmt der Politiker dieses Bild, deutet es um und erklärt seinen Anhängern, dass es vor allem etwas über das Medium selbst aussagt. Das ist der eigentliche Machtwechsel – und darin liegt das Paradox der Brandmauer: Je spektakulärer ihre mediale Inszenierung, desto mehr Material liefert sie denen, die sie ausgrenzen soll.
Wer die AfD politisch stellen will, muss über ihre Programme, ihre Argumente und ihre Regierungstauglichkeit sprechen. Nicht über Dämonenbilder. Denn in der Aufmerksamkeitsökonomie gibt es für sie kaum etwas Wertvolleres als einen Gegner, der aus Empörung seine eigenen Maßstäbe verliert. Die Brandmauer wird damit nicht eingerissen, sondern verwandelt sich in Content.