Eine Billion Euro umsonst! Und bei Flaute läuft der Diesel. Was vier windstille Tage in Südaustralien über die deutsche Energiepolitik verraten – und warum Christian Kullmanns (Evonik) Abrechnung auf halbem Weg stehen bleibt

Frank-Christian Hansel

Und plötzlich war der Wind weg

Ende Juni 2026 passierte in Südaustralien etwas, das in der deutschen Energiedebatte eigentlich Pflichtlektüre sein müsste. Vier Tage lang stand der Wind praktisch still. Die Windparks des Bundesstaates, zusammen eine der größten Flotten der südlichen Hemisphäre, lieferten im Schnitt 124 Megawatt. Das entspricht einer Verfügbarkeit von rund viereinhalb Prozent. Die Batterien, die genau für solche Momente gebaut worden waren, entluden sich schneller, als sie nachladen konnten. Die Kuppelleitungen nach Victoria stießen an ihre Grenzen. Und dann geschah, was in keiner Hochglanzbroschüre steht: Dieselaggregate sprangen an, und der Großhandelspreis schlug zweimal an die gesetzliche Obergrenze von 20.300 australischen Dollar je Megawattstunde.

Südaustralien ist kein Nachzügler. Es ist das Aushängeschild. Genau deshalb ist der Vorgang interessant. Er zeigt nicht, dass Windkraft nicht funktioniert. Er zeigt, was passiert, wenn ein Stromsystem seine Ausgleichsfähigkeit langsamer aufbaut, als es seine wetterabhängige Erzeugung ausbaut.

Nennleistung ist keine Zusage

Der Unterschied wird bei uns in Deutschland mit bemerkenswerter Beharrlichkeit verwischt bzw. weggeredet: installierte Leistung ist nicht gesicherte Leistung. Ein Windpark mit 500 Megawatt Nennleistung ist bei Flaute ein Stahlfriedhof. Photovoltaik liefert nachts nichts, und im Dezember liefert sie fast nichts. Das sind keine Betriebsstörungen, sondern die physikalische Grundeigenschaft dieser Technologien, und sie ändert sich auch dann nicht, wenn man mehr davon baut.

Eine Industriegesellschaft kann ihren Verbrauch aber nur sehr begrenzt an die Wetterlage anpassen. Ein Cracker in der Chemie fährt durch. Ein Hochofen fährt durch. Rechenzentren, Kläranlagen, Kühlketten, Krankenhäuser fahren durch. Flexibilität auf der Nachfrageseite existiert zwar, aber sie ist eben nicht beliebig skalierbar, und sie ist teuer, weil ein Unternehmen, das seine Produktion drosselt, dafür bezahlt werden will.

Daraus folgt der Punkt, den die Kostenrechnung der Energiewendefetischisten systematisch unterschlägt: Wind und Sonne ersetzen die alte Infrastruktur nicht, sie verlangen eine zweite daneben. Regelbare Kraftwerke, Reserveverträge, Speicher, Netzausbau, Blindleistungskompensation, Momentanreserve, immer aufwendigere Eingriffe der Übertragungsnetzbetreiber. Bezahlt wird nicht die eine oder die andere Welt, bezahlt werden beide.

Wer die Energiewende über die Gestehungskosten einer einzelnen Kilowattstunde Solarstrom wider besseren Wissens verteidigt, betreibt dieselbe Buchführung wie jemand, der die Kosten des Luftverkehrs am Kerosinpreis misst und Flughäfen, Flugsicherung, Wartung und Ersatzmaschinen aus der Rechnung nimmt. Der Preis einer Kilowattstunde im Moment ihrer Erzeugung interessiert niemanden. Was zählt, ist allein der Preis eines Systems, das um drei Uhr nachts im Januar funktioniert.

Südaustralien liefert den Evidenzbeweis: Bei starkem Wind Überschüsse und negative Preise, bei Flaute der Anschlag am Preisdeckel. Je größer die Wetterabhängigkeit, desto größer die Spreizung, und desto teurer wird die Absicherung gegen sie.

Deutschland ist kein Gegenbeweis, sondern ein Sonderfall

Man könnte jetzt hinsichtlich der deutschen Lage entgegenhalten, dass wir hier solche Extreme nicht kennen. Ja, aber woran liegt das? Deutschland liegt mitten in einem eng verkoppelten europäischen Strom-Verbundsystem. Bei Dunkelflaute wird importiert, bei Überschuss exportiert, notfalls zu negativen Preisen. Das belegt Folgenbdes:

Ein Teil der deutschen Versorgungssicherheit liegt inzwischen physisch in Frankreich, Polen, Skandinavien und Tschechien. Solange dort Kernkraft, Kohle und Wasserkraft steuerbar zur Verfügung stehen, trägt das. Die Konstruktion wird in dem Moment fragil, in dem eine Dunkelflaute großflächig über Mitteleuropa liegt – meteorologisch der Normalfall, nicht die Ausnahme – und die Nachbarn ihre steuerbare Leistung selbst brauchen. Der europäische Verbund glättet Zufälle. Gegen korrelierte Ereignisse hilft er wenig.

Gleichzeitig baut Deutschland irrwitzigerweise seine steuerbare Basis ab und stellt danach fest, dass es sie braucht. Deshalb werden nun mit Milliarden Euro Gaskraftwerke ausgeschrieben, gefördert und in Bereitschaft gehalten. Hier wurde erst abgeschaltet und dann wird nachgebaut. Dieser Neubau fossiler Kapazität als Voraussetzung des Ausstiegs aus fossiler Kapazität ist eine Konstruktion, die das Wallstreet-Journal schon vor Jahren als ”dümmste Energiepolitik der Welt” verstanden hat. Dass im rheinischen Revier für einzelne Blöcke eine Reserveoption bis 2033 überhaupt vereinbart wurde, ist bereits das Eingeständnis: Ohne Rückfallebene geht es einfach nicht.

Bezeichnend ist auch, wo diese Rückfallebene inzwischen entsteht. Evonik betreibt in Marl über die Tochter Syneqt zwei moderne Gaskraftwerke. Wenn Industriekonzerne ihre eigene gesicherte Leistung vorhalten, weil sie sich auf das öffentliche System nicht mehr verlassen wollen, dann ist das die doppelte Infrastruktur in Reinform – nur bezahlt sie diesmal der Standort selbst.

EVONIC-Kullmanns Rechnung

An dieser Stelle wird die Wortmeldung des Evonik-Chefs interessant. Christian Kullmann sagte der Rheinischen Post am 17. Juli 2026:

„Die deutsche Energiewende hat bislang rund 1000 Milliarden Euro gekostet.“

Auf die Frage, was sie gebracht habe, antwortete er: „nichts“. Er legte im selben Gespräch nach: Braunkohle werde „mindestens bis 2033“ gebraucht, Deutschland habe eine „Netzinfrastruktur wie in Albanien“, Klimaneutralität solle 2050 statt 2045 kommen, und der deutsche Anteil an den globalen CO₂-Emissionen liege ohnehin bei 1,6 Prozent. (Rheinische Post, 17. Juli 2026)

Das „nichts“ ist rhetorisch, und es ist angreifbar. Deutschland hat Windräder, Solarparks und Leitungen gebaut, der Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch lag im ersten Halbjahr 2026 bei 58 Prozent, die Emissionen der Energiewirtschaft haben sich seit 1990 mehr als halbiert. Wer das „nichts“ nennt, macht sich unnötig verwundbar.

Die interessantere Frage ist die, auf die Kullmann eigentlich zielt: Was hat die Volkswirtschaft für dieses Geld als funktionierendes Ganzes bekommen?

Die günstigste Energie Europas hat Deutschland nicht. Einen Stromüberschuss, der energieintensive Ansiedlungen anzieht, gibt es nicht. Die gesicherte Kraftwerksleistung ist gesunken, nicht gestiegen. Die Netzentgelte sind nicht gefallen, sie müssen aus dem Bundeshaushalt gedämpft werden, damit sie erträglich bleiben. Neue Grundstoffkapazitäten entstehen in nennenswertem Umfang anderswo. Und mit dem zweiten Emissionshandel für Wärme und Verkehr steht ab 2027 die nächste Preisstufe an, deren soziale Sprengkraft in Berlin bereits so offen diskutiert wird, dass man erkennen kann, wie wenig man ihr zutraut.

Der entscheidende Vorgang ist dabei nicht, dass Kosten verschwinden, sondern dass sie umziehen. Strompreiszuschüsse, subventionierte Netzentgelte, Reservekraftwerke, Industriestrompreise: Das alles taucht in der Stromrechnung nicht mehr auf, weil es im Bundeshaushalt steht. Die Energiewende wird auf diesem Weg optisch billiger, ohne volkswirtschaftlich günstiger zu werden. Was der Kunde spart, zahlt der Steuerzahler, und in aller Regel ist das dieselbe Person.

Deindustrialisierung ist ein leiser Vorgang

Wer auf spektakuläre Werksschließungen wartet, um von Substanzverlust zu sprechen, wird ihn systematisch zu spät bemerken. Er läuft anders ab. Die nächste Anlage wird in Texas gebaut statt in Marl. Die Erweiterung fällt eine Nummer kleiner aus. Die Modernisierung wird verschoben, dann gestrichen. Eine Produktionslinie geht nach Antwerpen, eine andere nach Jubail. Frei werdende Stellen bleiben unbesetzt. Und irgendwann wandert die Entwicklungsabteilung dorthin, wo produziert wird, weil Forschung ohne Anlagenzugang nicht funktioniert.

Die Chemie ist dafür der empfindlichste Indikator, weil sie Erdgas doppelt braucht, als Energieträger und als Rohstoff, und weil ihre Anlagen im Dauerbetrieb laufen. Sie kann ihre Produktion nicht nach Windprognose takten. Wenn Energie hier dauerhaft ein Mehrfaches dessen kostet, was am Golf, in den USA oder in Teilen Asiens aufgerufen wird, dann entscheidet am Ende kein Bekenntnis, sondern eine Investitionsrechnung. Kein Vorstand hält diesen Nachteil über einen Investitionszyklus hinweg aus Standortpatriotismus aus.

Die falsche Reihenfolge

Die Standardverteidigung lautet, das Problem sei zu wenig Energiewende: mehr Windräder, mehr Netze, mehr Speicher, mehr Digitalisierung. Damit wird das Ausbleiben des versprochenen Ergebnisses zum Argument für die Verschärfung des Mittels, und die Debatte wird immunisiert.

Der Kern liegt woanders. Ein Stromsystem muss zuerst Frequenz und Spannung halten, gesicherte Leistung für die Jahreshöchstlast vorhalten und industrielle Verbraucher unterbrechungsfrei versorgen. Innerhalb dieser Bedingungen lässt sich über den Erzeugungsmix streiten, so viel man will. Deutschland hat es umgekehrt gemacht: erst politisch festgelegt, welche Technologien verschwinden und welche dominieren, und die Systemanforderungen anschließend nachgereicht. So plant man kein Industrienetz. So organisiert man einen dauersubventionierten Reparaturbetrieb.

Die Diagnose reicht weiter als die Konsequenz, wovor er (noch!) zurückschreckt

Kullmann spricht einen erheblichen Teil dieser Diagnose selbst aus. Er kritisiert das Tempo, die Preise, die fehlenden Kraftwerke, die Netze, die Wettbewerbsfähigkeit. Und dann bleibt er stehen.

Denn seine Forderungen bewegen sich vollständig innerhalb des Rahmens, den er kritisiert: Klimaneutralität fünf Jahre später, Kohle etwas länger, Emissionshandel etwas milder, Gaskraftwerke etwas schneller. Er beanstandet die Geschwindigkeit, nicht die Richtung. Er beschreibt die Folgen einer Politik und hält an ihrer Konstruktion fest. Im selben Interview positioniert er sich ausdrücklich gegen die AfD, also gegen die einzige im Bundestag vertretene Kraft, die die Prämissen dieser Energiepolitik überhaupt bestreitet – ein Widerspruch, den er offenkundig aushält, weil ihm die politischen Kosten der anderen Seite höher erscheinen.

Man muss diese Abwägung nicht teilen, um zu sehen, wie eng der Korridor geworden ist, in dem sie stattfindet. Union und SPD haben den Atomausstieg vollzogen und den Green Deal mitgetragen. Die Grünen wollen beschleunigen. Die FDP hat in der Regierung mitgetragen, was sie danach kritisierte. Gestritten wird über Fristen, Übergangsregeln und Subventionshöhen. Über das Grundprinzip wird nicht gestritten, sondern innerhalb seiner Grenzen verhandelt.

Das ist die eigentliche Spannung in Kullmanns Auftritt, und sie ist nicht nur seine. Ein großer Teil der deutschen Wirtschaftsführung beschreibt inzwischen präzise, was mit dem Industriestandort geschieht, benennt die Ursachen, warnt vor den Folgen, genau wie die AfD – und hält zugleich an der Erwartung fest, dass genau die politischen Konstellationen, die diesen Kurs beschlossen haben, ihn korrigieren werden. Eine Diagnose ohne Adressat bleibt ein (hilf- und am Ende nutzloserloser) Kommentar.

Südaustralien hat in vier windstillen Tagen die Rechnung präsentiert bekommen. Deutschland bekommt sie in Raten. Es sei denn, der Wähler entscheidet mit Mehrheit, den echten Politikwechsel zu wagen.