Die nukleare Zeitenwende findet statt – nur noch (!) nicht bei uns in Deutschland!

Frank-Christian Hansel

Wir stehen vor einer strategischen Verschiebung von historischer Tragweite. Großbritannien bringt mit Rolls-Royce die ersten kleinen modularen Reaktoren in die konkrete Projektierungs- und Lieferkettenphase. Die maritime Industrie prüft nukleare Mikroreaktoren für Schiffe, Häfen und Offshore-Infrastruktur. China meldet die Fähigkeit, Dutzende Reaktorprojekte parallel über Planung, Genehmigung und Bau hinweg zu betreiben. Und in Deutschland hält inzwischen eine Mehrheit der Bürger den Atomausstieg für falsch. Das ist das Ende einer energiepolitischen Illusion.

1. Kernkraft kehrt nicht zurück – sie entwickelt sich weiter

Die Welt kehrt nicht einfach zur alten Kernkraft zurück. Sie entwickelt Kernenergie in eine neue industrielle Generation hinein. Es geht nicht mehr nur um klassische Großkraftwerke, sondern um standardisierte modulare Reaktoren, maritime Mikroreaktoren, schwimmende Kraftwerkslösungen, Energieversorgung für Industriecluster, Rechenzentren, Häfen und strategische Infrastrukturen.

Großbritannien zeigt, wie eine solche Politik aussieht. Great British Energy – Nuclear hat mit Rolls-Royce SMR einen Vertrag geschlossen, der die standortspezifische Planung, regulatorische Vorbereitung und Projektentwicklung für die ersten britischen Small Modular Reactors ermöglicht. Es handelt sich also nicht um bloße Ankündigungsrhetorik, sondern um den nächsten konkreten Schritt vor einer finalen Investitionsentscheidung. Die britische Regierung spricht von drei Einheiten, mindestens 1,4 Gigawatt Leistung, Strom für rund drei Millionen Haushalte über mehr als 60 Jahre und bis zu 3.000 Arbeitsplätzen in der Bauphase. Zugleich stellt der National Wealth Fund bis zu 599 Millionen Pfund zur Unterstützung der Technologieentwicklung bereit. (GOV.UK)

Das Entscheidende daran ist weniger die Technologie, als der politische Wille, Kernenergie als Bestandteil nationaler Souveränität zu begreifen. London verbindet Energiepolitik, Industriepolitik, Lieferketten, Fachkräfte, Exportfähigkeit und nationale Sicherheit.

2. Die Schifffahrt zeigt, worum es wirklich geht: Energiedichte

Noch deutlicher wird die neue Logik in der Schifffahrt. Scorpio Tankers und AMPERA haben im April 2026 eine strategische Zusammenarbeit angekündigt, um nukleare Mikrosysteme für maritime Anwendungen zu entwickeln und zu vermarkten. Zunächst geht es um schwimmende nukleare Kraftwerksplattformen, langfristig auch um nuklear betriebene Handelsschiffe. Scorpio verweist ausdrücklich auf zuverlässige, CO₂-arme Energie für maritime, Offshore- und Hafeninfrastruktur. (Scorpio Tankers)

Technisch wird hier der Punkt sichtbar, der in der deutschen Energiewende-Debatte systematisch verdrängt wird: Moderne Industriegesellschaften leben von Energiedichte. Ein Hochseeschiff lässt sich nicht mit gutem Willen über den Ozean schicken. Batterien sind für bestimmte Anwendungen sinnvoll, aber nicht als universelle Lösung für globale Schifffahrt. Wasserstoff, Ammoniak, Methanol oder synthetische Kraftstoffe bleiben teuer, verlustreich und infrastrukturell anspruchsvoll. Nukleare Systeme dagegen bieten genau das, was maritime Logistik braucht: hohe Leistungsdichte, lange Betriebsdauer, geringe Betankungsabhängigkeit, stabile Energieversorgung.

AMPERA spricht bei seinem Konzept von 15 bis 30 Megawatt elektrischer Leistung und bis zu 30 Jahren Betrieb ohne Nachladen; Lloyd’s Register hat bereits 2025 eine Orientierung für nukleare Anwendungen in der kommerziellen Schifffahrt veröffentlicht und im Januar 2026 ein britisch geführtes Maritime Nuclear Consortium vorgestellt, das Sicherheits-, Versicherungs-, Rechts- und Klassifizierungsfragen für nuklear betriebene Schiffe bearbeiten soll. (Engine)

Das ist der zentrale Unterschied: Andere Länder fragen nicht mehr nur, ob Kernenergie politisch gefällt. Sie bauen die regulatorischen und industriellen Voraussetzungen dafür, dass sie nutzbar wird.

3. China skaliert, Deutschland demontiert

Die eigentliche geopolitische Härte entsteht jedoch durch China. Nach Angaben der South China Morning Post beruft sich die chinesische Nuklearindustrie auf eine Fähigkeit, bis zu 50 Reaktorprojekte gleichzeitig über den gesamten Projektzyklus hinweg zu betreiben. Diese Zahl ist als Kapazitätsbehauptung der chinesischen Nuklearindustrie einzuordnen, nicht als identische Zahl aktuell betonierter Reaktoren. Aber schon diese Behauptung zeigt den Anspruch: China will Kernkraft nicht als Einzelfall, sondern als Serienprogramm. (South China Morning Post)

Die Internationale Energieagentur liefert die globale Einordnung. Ende 2025 waren weltweit rund 78 Gigawatt Kernkraftleistung in 15 Ländern im Bau; etwa die Hälfte davon entfiel auf China. Für 2025 nennt die IEA zehn neue Baubeginne: neun in China, einen in Russland. Zugleich erwartet sie, dass Chinas installierte Kernkraftleistung um 2030 etwa 100 Gigawatt erreichen könnte. (IEA)

Damit entsteht eine neue Realität: Die Zukunft der Kerntechnik wird nicht mehr primär in Deutschland verhandelt, sondern in China, Russland, Großbritannien, Frankreich, Tschechien, Indien, Südkorea und weiteren Staaten industriell organisiert. Die World Nuclear Association zählt weltweit über 75 Reaktoren im Bau und rund 120 weitere geplante Reaktoren; die meisten Projekte befinden sich in Asien. (World Nuclear Association)

Deutschland dagegen hat am 15. April 2023 die letzten drei Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 abgeschaltet. Das Bundesumweltministerium formuliert es selbst: Mit Ablauf dieses Datums erloschen die Berechtigungen zum Leistungsbetrieb der letzten drei Anlagen; damit endete die kommerzielle Atomkraftnutzung in Deutschland. (Umweltministerium)

Das ist die spezifisch deutsche Sonderrolle: Während andere Staaten Optionen sichern, Lieferketten aufbauen, Reaktordesigns weiterentwickeln und industrielle Skalierung organisieren, hat Deutschland eine vorhandene Hochtechnologie politisch abgeräumt.

4. Der Atomausstieg verliert seine demokratische Selbstverständlichkeit

Besonders bemerkenswert ist, dass die Deutschen dieser industriuepolitisch irrsinnigen Festlegung offenbar nicht mehr folgt. Eine YouGov-Studie in Kooperation mit dem SINUS-Institut zum 40. Jahrestag von Tschernobyl zeigt: 53 Prozent der Befragten sind gegen den Atomausstieg, 40 Prozent dafür. Zugleich bleiben erneuerbare Energien stark bevorzugt. (YouGov)

Darin liegt die politische Sprengkraft: Die Bürger fordern offenbar nicht einfach eine naive Rückkehr in die Vergangenheit. Sie wollen einen pragmatischen Energiemix. Sie erkennen, dass eine moderne Volkswirtschaft nicht auf wetterabhängige Erzeugung allein gegründet werden kann. Sie sehen Strompreise, Netzkosten, Redispatch, Importabhängigkeit, Reservekraftwerke und die Deindustrialisierungstendenzen. Und sie begreifen zunehmend, dass Versorgungssicherheit keine ideologische Kategorie ist, sondern die materielle Voraussetzung von Wohlstand.

5. Die deutsche Energiewende ist zur Doppelinfrastruktur geworden

Das Grundproblem der deutschen Energiewende besteht nicht darin, dass Wind und Sonne genutzt werden. Das Problem besteht darin, dass sie politisch zur alleinigen Leitidee erhoben wurden. Wetterabhängige Erzeugung braucht Netze, Speicher, Backup, Redispatch, Reserveleistung und zunehmend auch Laststeuerung. Je stärker das System auf volatile Einspeisung setzt, desto größer wird der Bedarf an zusätzlicher Infrastruktur, die dann genau das leisten muss, was die volatile Erzeugung nicht leisten kann: Verfügbarkeit im entscheidenden Moment.

Deutschland baut damit faktisch eine Doppelinfrastruktur. Einerseits ein massives System aus Wind, Solar, Netzen und Speichern. Andererseits neue Gaskraftwerke, Reservekapazitäten, Eingriffsmechanismen und Importkanäle, um die Lücken dieses Systems zu schließen. Das ist nicht die große Befreiung von fossilen Energien, sondern ein teurer Umbau in strukturelle Abhängigkeit.

Kernkraft wäre hier nicht die Lösung aller Probleme, aber sie wäre ein entscheidender Baustein: grundlastfähig, flächenarm, CO₂-arm, systemstabilisierend, industriell skalierbar. Genau deshalb arbeiten andere Staaten an neuen Reaktorgenerationen. Sie setzen nicht alles auf eine Technologie, sondern halten strategische Optionen offen.

Deutschland dagegen hat sich energiepolitisch selbst verengt. Es hat ausgerechnet jene Technologie ausgeschlossen, die weltweit wieder als Antwort auf Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit, Industriebedarf und geopolitische Verwundbarkeit diskutiert wird. Nur die AfD stand lange diesem Irrweg entgegen. Der Wind dreht sich auch hier schneller, als sich Einige vorstellen wollen oder können.

6. Energiesouveränität statt Verzichtsverwaltung

Die zentrale Kategorie muss deshalb Energiesouveränität heißen. Energiesouverän ist ein Staat nicht, wenn er moralisch saubere Plakate produziert. Energiesouverän ist ein Staat, wenn er jederzeit über bezahlbare, verfügbare, steuerbare und sichere Energie verfügen kann. Dazu gehören eigene Erzeugungskapazitäten, belastbare Importoptionen, technologische Kompetenz, industrielle Lieferketten und regulatorische Offenheit. Großbritannien baut diese Offenheit auf. China skaliert sie. Die maritime Industrie prüft sie.

Daraus folgt keine Forderung nach einem unkritischen Nuklearromantizismus. Kernenergie hat Kosten, Genehmigungsfragen, Sicherheitsanforderungen, Rückbau- und Entsorgungsthemen. Aber genau diese Fragen müssen nüchtern politisch, technisch und ökonomisch bearbeitet werden. Wer sie pauschal tabuisiert, löst sie nicht. Er verlagert die Zukunft nur ins Ausland.

Deutschland braucht deshalb eine Revision seiner energiepolitischen Grundannahmen. Das Atomrecht darf nicht länger als ideologische Endstation behandelt werden. Forschung, Entwicklung und Beteiligung an europäischen Kernenergieprojekten müssen wieder möglich werden. Neue SMR- und AMR-Technologien müssen technologieoffen geprüft werden. Strombezugsmodelle aus europäischen Kernkraftkapazitäten dürfen nicht moralisch stigmatisiert werden. Und die Kosten der gegenwärtigen Doppelinfrastruktur müssen ehrlich bilanziert werden.

Die Welt steigt nicht aus – sie steigt ein

Die Welt steigt nicht aus der Kernkraft aus. Sie steigt in ihre nächste industrielle Generation ein.

Großbritannien macht aus SMR eine nationale Industrieplattform. Die Schifffahrt prüft nukleare Antriebe als Antwort auf Energiedichte und Dekarbonisierung. China baut die Fähigkeit zur nuklearen Skalierung im Weltmachtformat auf. Die Internationale Energieagentur dokumentiert weltweit eine starke Neubauwelle. Und in Deutschland hält inzwischen eine Mehrheit der Bürger den Atomausstieg für falsch.

Nur die deutsche Politik klammert sich weiter an den Sonderweg. Sie verwechselt Ausstieg mit Fortschritt, Verzicht mit Souveränität und Technologieverbot mit Klimapolitik. Doch die Realität dreht sich weiter. Kernenergie kommt zurück – industriell, maritim, geopolitisch und demoskopisch. Die Frage ist heute nicht mehr ob, sondern nur noch, wielange Deutschland noch danebensteht.