Der Wähler als scheues Reh - Warum der Konflikt um Martin Vincentz kein Richtungsstreit ist, sondern ein Streit über die richtige Ansprache

Frank-Christian Hansel

Wer die beiden Beiträge von WDR und t-online über den Machtkampf zwischen Martin Vincentz und Alice Weidel nebeneinanderlegt, erhält auf den ersten Blick das Bild eines fundamentalen Richtungsstreits. Auf der einen Seite Vincentz, der vermeintlich Gemäßigte, der die AfD konservativer, bürgerlicher und irgendwann vielleicht sogar koalitionsfähig für CDU und FDP machen wolle. Auf der anderen Seite Weidel, die sich nach dieser Lesart zunehmend auf das völkische Lager stütze und einen radikaleren Weg einschlage.

Genau in dieser Gegenüberstellung liegt der analytische Fehler.

Sie vermischt drei Ebenen, die man sauber trennen müsste: das Programm, die politische Strategie und die öffentliche Ansprache. Und im Fall Vincentz spricht das meiste dafür, dass nicht das Programm der entscheidende Unterschied ist, sondern die Frage, wie dieselbe politische Grundrichtung in unterschiedlichen Teilen Deutschlands kommuniziert werden muss, um Mehrheiten zu gewinnen.

Zwei Erzählungen, ein blinder Fleck

Der WDR geht in seinem Kommentar am weitesten. Vincentz erscheint dort geradezu als innerparteiliche Brandmauer gegen Rechtsaußen. Am Ende wird daraus sogar eine historische Weggabelung konstruiert: Setzt sich Weidel durch, drohe die Entwicklung Richtung Verbotsverfahren; setzt sich Vincentz durch, könne ein Kurs entstehen, der eines Tages für CDU und FDP akzeptabel werde. Das ist eine außerordentlich weitreichende, normativ aufgeladene Deutung eines Konflikts, in dem es zunächst einmal um eine Landesliste, um innerparteiliche Macht und um die Kontrolle des größten AfD-Landesverbandes geht.

t-online argumentiert nüchterner und liefert den härteren Befund: Es geht um Macht, nicht um Weltanschauung. Vincentz habe bei der Listenwahl dieselbe Strategie angewandt wie Weidel zwei Wochen zuvor auf dem Bundesparteitag in Erfurt – Gegner nicht integrieren, sondern übergehen – und sei dabei, eine Landesliste zu formen, die zu mehr als 90 Prozent aus seinen Verbündeten besteht. Damit verbinden sich Mandate, Geld, Mitarbeiter und Ressourcen. Zugleich schickt NRW mehr als 100 Delegierte zu Bundesparteitagen, mehr als jeder andere Verband. Wer NRW kontrolliert, hat Gewicht bis in die Bundesspitze. Der Konflikt eskaliert gerade jetzt, weil mit der Liste entschieden wird, wer auf Jahre die Ressourcen und die Delegiertenmacht kontrolliert.

Aber auch t-online bleibt an einer Stelle im alten Schema hängen. Der Beitrag schreibt Vincentz ausdrücklich eine andere „programmatische Strategie“ zu: weniger Remigration, weniger Rechtsextremismus, mehr Konservatismus, mehr Offenheit für eine Koalition mit der CDU. Im selben Atemzug räumt er allerdings ein, dass Vincentz durchaus Bündnisse mit Radikalen pflegt. Genau dieser Widerspruch entwertet die einfache Vorstellung vom ideologisch gemäßigten Gegenmodell. Wer selbst mit Radikalen paktiert, ist nicht der programmatisch Geläuterte. Er ist etwas anderes: Nicht gemäßigt, sondern wahlstrategisch sensibel.

Die plausiblere Deutung lautet: Vincentz ist nicht der programmatisch Gemäßigte, sondern der wahlstrategisch Sensiblere.

Sein Ausgangspunkt ist nicht: Die AfD muss inhaltlich eine andere Partei werden. Sein Ausgangspunkt ist: Deutschland ist politisch und mentalitätsgeschichtlich kein homogener Wahlraum. Was in Thüringen mobilisiert, entfaltet in Nordrhein-Westfalen nicht dieselbe Wirkung.

Die Zahlen der Bundestagswahl 2025 illustrieren diese Ausgangslage. In Thüringen holte die AfD 38,6 Prozent der Zweitstimmen – ihr bestes Landesergebnis und überhaupt das stärkste Landesergebnis einer Partei bei dieser Wahl. In Nordrhein-Westfalen lag sie bei rund einem Sechstel der Stimmen. Aus dem Abstand allein lassen sich keine Ursachen ableiten, aber er zeigt: Die Partei operiert in vollkommen unterschiedlichen Wettbewerbsumfeldern und muss im Westen weit größere zusätzliche Wählergruppen erschließen, wenn sie dort in ähnliche Größenordnungen vorstoßen will.

Und hier kommt das Bild vom Wähler als scheuem Reh ins Spiel.

Ein erheblicher Teil der potenziellen AfD-Wähler im Westen teilt viele Positionen der Partei – muss aber eine höhere psychologische Schwelle überwinden, um sie tatsächlich zu wählen. Die Gründe liegen in der politischen Sozialisation, im gesellschaftlichen Umfeld, in beruflicher Rücksichtnahme, in familiären Milieus – und in einer seit über einem Jahrzehnt scharf kritischen bis alarmistischen Medienberichterstattung. Ob man diese Berichterstattung als berechtigte Beobachtung oder als systematische Dämonisierung bewertet, ist selbst Teil des politischen Streits. Für die Wahlstrategie ist das zweitrangig. Entscheidend ist, dass die negative öffentliche Markierung als Wahrnehmungsfaktor existiert und das Umfeld prägt, in dem Menschen ihre Entscheidung treffen.

Diese Markierung wurde historisch stark aus dem Osten gespeist. In den Anfangsjahren war die AfD dort früher und deutlicher verankert; an ostdeutschen Figuren und Zuspitzungen ließ sich medial am wirkungsvollsten Skandalisierung betreiben. Das Ergebnis, ob beabsichtigt oder nicht, war ein Bild der AfD als „Ostpartei“, das ihre Wählbarkeit gerade im bürgerlichen Westen erschwerte. Vincentz’ Punkt ist im Kern simpel: In NRW, dem größten Bundesland, mit einer anderen politischen Sozialisation als in Thüringen oder Sachsen, braucht es eine andere Tonlage – nicht, weil das Ziel ein anderes wäre, sondern weil der noch nicht gewonnene Wähler ein anderer ist.

Die Verwechslung von Sprache und Programm

Damit verschiebt sich die Bedeutung von Vincentz’ „Mäßigung“ grundlegend: Weniger zugespitzte Remigrationsrhetorik ist dann nicht der Abschied von einer restriktiven Migrationspolitik. Distanz zu bestimmten provokanten Figuren ist keine programmatische Abkehr von der Bundespartei. Ein konservativeres Erscheinungsbild ist nicht der erste Schritt zur CDU-Koalition. Es kann schlicht bedeuten, eine Botschaft so zu formulieren, dass der potenzielle Wähler überhaupt bereit ist, sie anzuhören.

Das ist die eigentliche Schwäche der WDR-Erzählung vom „gemäßigten Vincentz“: Sie behandelt Sprache automatisch als Programm. Wer vorsichtiger formuliert, muss demnach gemäßigter denken. Wer auf bestimmte Begriffe verzichtet, muss andere Ziele verfolgen. Wer gesellschaftliche Anschlussfähigkeit sucht, schielt schon auf die Koalition.

So mechanisch funktioniert Politik nicht. Erfolgreiche Parteien übersetzen ihre Vorstellungen seit jeher in unterschiedliche regionale und soziale Milieus. Die Sprache eines Arbeiterviertels im Ruhrgebiet ist nicht die eines ländlichen Wahlkreises in Thüringen, und beide unterscheiden sich vom Kommunikationsraum einer wohlhabenden westdeutschen Großstadt. Eine bundesweit erfolgreiche Partei muss diese Unterschiede beherrschen. Der WDR macht aus einer anderen Kommunikationsstrategie eine andere AfD. Das ist der Kurzschluss.

Kein Brückenbauer zur CDU – ein Konkurrent um ihre Wähler

Gerade weil das so ist, wird auch die These vom koalitionswilligen Vincentz fragwürdig. Näher liegt das Gegenteil.

Vincentz’ Modell dürfte wohl, wie ich es selbst auch verstehe, darauf zielen, die AfD in NRW von ihrem stark markierten Milieu-Image zu lösen, ohne die politischen Kernpositionen aufzugeben. Die Öffnung gilt dann nicht den Parteizentralen der Konkurrenz, sondern deren Wählern. Das ist strategisch das genaue Gegenteil einer Politik, die auf Koalitionsfähigkeit wartet. Die Logik lautet nicht: Hoffen wir, dass die CDU ihre Haltung ändert. Sie lautet: Gewinnen wir so viele ehemalige CDU-, FDP-, SPD- und Nichtwähler, dass die bisherige politische Arithmetik irgendwann nicht mehr aufgeht.

In diesem Sinne ist Vincentz kein Brückenbauer zur CDU, sondern ein Konkurrent um deren gesellschaftliche Basis. Seine Sensibilität und die seines Landesverbandes besteht in der Einsicht, dass ein westdeutscher Wähler, der mit Migration, Energiepolitik oder innerer Sicherheit unzufrieden ist, deshalb noch lange nicht AfD wählt. Zwischen Zustimmung zu einzelnen Positionen und dem Kreuz auf dem Wahlzettel liegt eine psychologische Distanz. Je stärker eine Partei stigmatisiert wird, desto größer ist sie. Die politische Aufgabe besteht darin, sie zu verkleinern.

Was hier wirklich verhandelt wird

Fügt man beides zusammen – den Machtkampf, den t-online so klar beschreibt, und die Ansprache-Frage –, ergibt sich ein präziseres Bild:

Der Streit in Marl ist nicht in erster Linie: Welche AfD wollen wir programmatisch sein? Er ist mindestens ebenso sehr: Wer entscheidet künftig darüber, wie die AfD ihre Politik verkauft, welches Personal sie nach vorne stellt und welche Strategie sie im Westen verfolgt? Deshalb wird er so erbittert geführt. Die Landesliste ist nicht bloß eine Rangfolge von Kandidaten; sie ist die Entscheidung darüber, wessen Ansprache-Modell sich in NRW – und über die Delegiertenmacht hinaus im Bund – durchsetzt.

Das ist auch der Grund, warum Weidels Eingreifen so hart ausfällt. Ihr geht es nicht nur um weltanschauliche Nähe zum völkischen Lager. Sie hat ein unmittelbares machtpolitisches Interesse daran, dass NRW nicht zu einem dauerhaft organisierten Anti-Weidel-Machtzentrum wird. Der WDR spitzt das Risiko auf eine Formel zu: Weidel riskiere für die eigene Macht sogar das Ausscheiden der AfD aus dem Landtag. t-online beschreibt den Mechanismus genauer – eine Zangenbewegung aus Parteiordnungsverfahren des Bundesvorstands und juristischen Einsprüchen gegen die Liste, mit dem Bremer Debakel von 2023 als Menetekel, als die AfD wegen eines Lagerstreits gar nicht erst zur Wahl zugelassen wurde. Je heftiger beide Seiten die Rechtmäßigkeit des Verfahrens bestreiten, desto größer das Risiko der Nichtzulassung.

Der WDR sieht einen ideologischen Scheidungskampf und leitet daraus schon die künftige Identität der AfD ab. t-online erkennt den Machtkampf klarer, deutet die strategische Differenz aber weiterhin teils als programmatische Mäßigung.

Meine Lesart dieser Tage verbindet die Beobachtungen und ordnet sie aus der Binnenperspektive anders: Der Machtkampf ist real, die Unterschiede im Auftreten sind real – aber ihr tieferer Grund liegt weniger in verschiedenen politischen Endzielen als in verschiedenen Vorstellungen davon, wie man die gesellschaftliche Mehrheit erreicht. Die eine Strategie setzt auf die Mobilisierung einer bereits überzeugten Basis, auf klare ideologische Markierung und eine bundesweit einheitliche Identität. Die andere begreift den unentschlossenen Wähler als das entscheidende Terrain und fragt nicht, welche Formulierung die eigenen Aktivisten begeistert, sondern welche Ansprache dem potenziellen Wähler erlaubt, den letzten Schritt zu gehen.

Dieser Wähler ist das scheue Reh. Er muss nicht in jedem Punkt überzeugt werden – vielleicht ist er das längst. Er muss das Gefühl bekommen, seine Entscheidung vor sich selbst und vor seinem Umfeld vertreten zu können.

Wenn das die Strategie von Martin Vincentz ist, und die Logik spricht dafür, dann ist seine vermeintliche Mäßigung in Wahrheit etwas ganz anderes: keine programmatische Kapitulation, sondern politische Übersetzungsarbeit. Für Nordrhein-Westfalen ist genau das die entscheidende Frage. Wer dort wachsen will, muss nicht die überzeugen, die die AfD ohnehin wählen. Er muss jene erreichen, die vieles teilen, was die Partei vertritt, aber bislang vor dem letzten Schritt zurückschrecken.

Was daraus für die Parteispitze folgt

Damit steht am Ende eine Konsequenz, die über den NRW-Streit hinausreicht. Eine Parteispitze, der es tatsächlich um effektive bundesweite Mehrheiten und um Regierungsfähigkeit geht, kann – und darf – kein Interesse daran haben, eine so verstandene Linie kaltzustellen. Im Gegenteil: Sie müsste sie schützen, fördern und als das behandeln, was sie ist – die Voraussetzung dafür, im Westen überhaupt in regierungsrelevante Größenordnungen zu wachsen. Wer bundesweite Mehrheiten will, kann sich die dafür nötige Ansprache nicht wegorganisieren, nur weil sie nicht aus dem eigenen Lager kommt.

Die Rechnung ist einfach. Der Osten liefert Höchstwerte, aber er ist zahlenmäßig begrenzt und weitgehend ausgereizt. Die entscheidenden Stimmenreserven für eine bundesweite Mehrheit liegen im Westen – in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Land, zuallererst. Wer dort die milieusensible Ansprache unterdrückt, deckelt die Partei auf dem Niveau ihrer bereits mobilisierten Basis. Man mag damit die eigene, überzeugte Anhängerschaft zufriedenstellen; man verzichtet aber freiwillig auf genau jene Wähler, die man für eine reale Machtperspektive braucht. Regierungsfähigkeit entsteht nicht durch die härteste Selbstvergewisserung der Basis, sondern durch die Fähigkeit, den letzten unentschlossenen Wähler über die Schwelle zu holen.

Wer eine Linie kaltstellt, die nachweislich zusätzliche Wähler erreichbar macht, trifft deshalb sehr wohl eine Richtungsentscheidung – nur eine andere, als der WDR sie beschreibt. Es ist die Entscheidung, innerparteiliche Kontrolle über gesellschaftliche Reichweite zu stellen. Eine Führung, die so handelt, optimiert nicht auf Regierungsfähigkeit, sondern auf die Sicherung der eigenen Machtbasis. Und genau daran lässt sich ablesen, worum es einer Parteispitze wirklich geht: ob sie an die Macht kommen oder die Macht in der Partei behalten will. Das ist nicht dasselbe – und im Zweifel schließt das eine das andere aus. Eine Spitze, die den Anspruch auf bundesweite Mehrheiten ernst meint, müsste die Ansprache-Sensibilität eines Vincentz nicht bekämpfen, sondern zum Modell erheben und in die anderen westdeutschen Verbände tragen.

Historisch ist das keine neue Einsicht. Jede Partei, die aus einer Protest- oder Milieubewegung heraus regierungsfähig werden wollte, musste irgendwann den Sprung von der Mobilisierung der Überzeugten zur Integration der Zögernden schaffen – und in jeder dieser Parteien gab es ein Lager, dem dieser Schritt als Verrat an der reinen Lehre galt. Wer die Übersetzer kaltstellt, konserviert die Partei in ihrem Oppositionszustand: laut, geschlossen, unverwechselbar – und dauerhaft unterhalb der Mehrheit. Für eine Kraft, die tatsächlich regieren will, wäre das die teuerste aller Selbstbeschränkungen, weil sie nicht am Widerstand der anderen Parteien scheiterte, sondern an der selbst gewählten Verengung des eigenen Wählerpotenzials.

Hinzu kommt die Signalwirkung nach innen. Stellt die Bundesspitze einen Landeschef kalt, dessen einziges „Vergehen“ darin besteht, seine Ansprache an ein westdeutsches Publikum anzupassen, dann lernt jeder andere Funktionär im Westen daraus eine simple Lektion: Anpassung an die eigene Wählerschaft wird nicht belohnt, sondern bestraft. Damit steigt die innerparteiliche Schwelle für genau jene Übersetzungsarbeit, die im Westen den Unterschied macht – und die Partei entmutigt systematisch die Leute, die ihr dort neue Milieus erschließen könnten. Eine Führung, die bundesweite Mehrheiten wirklich anstrebt, müsste das Gegenteil tun: die westdeutsche Anschlussfähigkeit prämieren, nicht sanktionieren. Der Umgang mit Vincentz ist insofern kein regionaler Nebenschauplatz, sondern ein Testfall dafür, ob die AfD-Spitze den eigenen Machtanspruch ernst meint oder ob ihr die Kontrolle über die Partei am Ende wichtiger ist als der Weg in die Regierung.

Eine Partei, die diese Wähler gewinnen will, muss deshalb nicht gemäßigter werden. Sie muss genauer verstehen, mit wem sie spricht – und sie darf diejenigen nicht kaltstellen, die genau das bereits verstanden haben.