Zur AfD, zur westlichen Wählerpsychologie und zur notwendigen Revision metapolitischer Selbstverständnisse
Der im Freilich-Magazin erschienene Text von Bruno Wolters zur „Sättigung“ der AfD benennt zunächst einen Befund, der kaum zu bestreiten ist: Die Partei hat – insbesondere im Westen – ein stabiles, aber begrenztes Niveau erreicht. Weder der lange prognostizierte Durchbruch noch ein Einbruch sind eingetreten. Stattdessen beobachten wir eine Phase der Verstetigung. Diese nüchterne Feststellung ist wohltuend, weil sie sich dem verbreiteten Bedürfnis nach Dramatisierung ebenso entzieht wie der Versuchung, politische Prozesse voluntaristisch zu überhöhen.
Gerade deshalb verdient der Text eine ernsthafte Auseinandersetzung. Denn die Beschreibung des Phänomens AfD-"Plateau“ ist völlig richtig diagnostiziert, aber ursächlich noch nicht hinreichend in den strukturellen Kontext eingeordnet, in dem es entsteht. Im Begründungszusammenhang der Lage liegt der neuralgische Punkt:
Die gegenwärtige (gesellschafts-)politische Gesamtlage ist nicht neutral oder offen, sondern weitgehend gespalten und zementiert. Sie ist nicht instabil, sondern vielmehr institutionell, medial und normativ vollständig abgesichert. Abweichung wird nicht integriert, sondern delegitimiert. Opposition ist nicht Teil eines fairen Wettstreits, sondern Gegenstand präventiver Abwehr. Wer das übersieht, könnte das erreichte Plateau und die Frage, wie man noch weiter aufwachsen kann, falsch interpretieren..
Die AfD operiert nicht in einem neutralen Diskursraum, sondern unter Bedingungen systematischer Exklusion: durch Gremienausschlüsse, Koalitionsverweigerung, moralische Vorabmarkierung, berufliche und soziale Abschreckung. Diese Mechanismen wirken nicht spektakulär, aber nachhaltig. Sie verändern nicht primär die Überzeugungen der Wähler – sie verändern deren Kostenrechnung.
Gerade im Westen ist der typische AfD-Wähler kein Aktivist, kein Bewegungstyp, kein politischer Abenteurer. Er ist bürgerlich eingebunden, sozial verankert, reputationssensibel. Er lebt nicht von der politischen Konfrontation, sondern hat im Alltag etwas zu verlieren. Seine Zustimmung folgt daher nicht der Logik maximaler Provokation, sondern der Minimierung persönlicher Risiken.
Vor diesem Hintergrund markiert das „Plateau“ weniger eine Grenze politischer Attraktivität als vielmehr eine Schwelle des sozial Zumutbaren. Es zeigt an, wie viel Zustimmung unter Sanktionsbedingungen noch öffentlich möglich ist. Nicht die Argumente sind ausgeschöpft – die Risikotoleranz ist es.
An dieser Stelle wird auch deutlich, warum viele metapolitische Konzepte der sogenannten Mosaikrechten ins Leere laufen. Sie beruhen auf einer historischen Analogie, die analytisch nicht mehr trägt: dem Vergleich mit 1968. Damals traf Eskalation auf eine doch im Wesentlichen offenere Gesellschaft, die sich im Modus des Wirtschaftswunderlandes entwickelte. Institutionen waren fragmentiert, kulturelle Autoritäten brüchig, normative Gewissheiten im Fluss. Provokation erzeugte Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugte Anschluss, Anschluss erzeugte Macht. Eskalation war ein Hebel der Öffnung.
Heute ist diese Konstellation fundamental anders. Der gefestigte polit-mediale Block ist im verhärteten Abwehrmodus. Er hat sich darin eingerichtet, Abweichung nicht zu absorbieren, sondern zu isolieren. Provokation erzeugt in dieser Spannung keine produktive Irritation mehr, sondern Skandalisierung. Skandalisierung wiederum erzeugt keinen Druck auf das System, sondern erhöht die Kosten für den Wähler.
Was von Teilen des “politischen Vorfelds” (der AfD) als metapolitische Subversion gedacht wird, wirkt unter diesen Bedingungen als Abschreckung. Jeder Grenzfall wird verallgemeinert, jeder Ausreißer kollektiv der Gesamtpartei zugerechnet, jede Zuspitzung zum Anschauungsmaterial für Delegitimierung. Nicht das System gerät unter Rechtfertigungsdruck, sondern der Sympathisant. Der Effekt ist nicht Mobilisierung, sondern Stabilisierung des bestehenden Zustimmungsdeckels.
Das erklärt, warum gut gemeinter Aktivismus häufig genau jenes Plateau reproduziert, das er überwinden möchte. Er verschiebt nicht den (an sich ja richtigen theoretischen) Diskurs, sondern verhärtet ihn. Er öffnet keine Räume, sondern schließt sie weiter. Nicht aus böser Absicht, sondern aufgrund einer falsch eingeschätzten faktischen Ausgangslage.
Wolters liefert insofern eine wichtige und richtige Diagnose, die jedoch erst dann politisch fruchtbar wird, wenn man sie in die Realität der zementierten Ordnung überführt. Das strategische Problem der AfD liegt nicht im Mangel an Radikalität oder Zuspitzung, sondern in der Notwendigkeit, unter asymmetrischen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Metapolitik bleibt notwendig, aber sie muss sich verändern. Sie darf nicht mehr darauf zielen, den Wähler zu heroischen Gesten zu verleiten, sondern muss ihm einen Schutzraum bieten. Der westliche Wähler will nicht mutig sein. Er will recht behalten – ohne dafür bezahlen zu müssen. Eine Strategie, die diese psychologische Realität ignoriert, wird scheitern, unabhängig von ihrer ideologischen Stringenz.
Das Plateau ist daher kein Endpunkt und kein Beweis des Scheiterns. Es ist ein Spiegel. Es zeigt nicht, was der AfD fehlt, sondern . Wer das versteht, wird weniger eskalieren – und langfristig mehr gewinnen, Vertrauen gewinnen, statt es abzuschrecken.