Was heißt in und für Berlin eigentlich "klimaneutral"?

Frank-Christian Hansel

Das Land Berlin verspricht seinen Bürgern klimaneutrale Fernwärme. Das landeseigene Unternehmen BEW, die frühere Vattenfall Wärme, hat dafür einen Dekarbonisierungsfahrplan vorgelegt: Kohleausstieg bis 2030, vollständig klimaneutrale Wärmeerzeugung bis spätestens 2045, ein schönes Versprechen.

Wer aber das Kleingedruckte liest, stößt auf einen bemerkenswerten Befund. Noch im Zieljahr soll ein gutes Viertel der Berliner Wärme aus dem Verbrennen von Dingen stammen: bis zu fünfzehn Prozent aus Biomasse, also überwiegend Holz, und rund zehn Prozent aus der thermischen Verwertung von Müll. Ein Viertel der angeblich klimaneutralen Wärme entsteht also weiterhin in Flammen und verlässt die Stadt als Rauch durch einen Schornstein.

Wie passt das zusammen? Physikalisch gar nicht. Die Neutralität, von der hier die Rede ist, ist keine Eigenschaft der Luft über Berlin, sondern eine Eigenschaft einer Tabelle. Auch 2045 stößt der Schornstein reales Kohlendioxid aus. Klimaneutral wird das allein durch Buchungsregeln – und über diese Buchungsregeln sollte man mit dem Bürger, der am Ende die Rechnung zahlt, ehrlich reden.

Beim Holz beruht die Null auf einer Konvention. Das beim Verbrennen freigesetzte CO₂ gilt als neutral, weil der Baum es zuvor der Atmosphäre entzogen hat und ein nachwachsender Baum es irgendwann wieder binden soll. Verschwiegen wird der zeitliche Bruch. Verbrannt wird in Sekunden, was Jahrzehnte bis zu einem Jahrhundert zum Nachwachsen braucht. Im Zeitfenster, das für die Klimaziele überhaupt zählt, ist die Holzverbrennung deshalb gerade kein neutraler, sondern ein zusätzlicher Emittent. Pro Kilowattstunde verlässt den Schornstein bei Holz am Ende sogar mehr CO₂ als bei Erdgas, dazu Feinstaub mitten in der Stadt. Und „nachhaltige Biomasse“ in den Mengen eines Großkraftwerks heißt in der Praxis selten der gepflegte Stadtwald, sondern Pellets, Importe und Druck auf Wälder, die anderswo stehen.

Beim Müll ist der Befund noch klarer. Restmüll besteht ungefähr zur Hälfte aus fossilem Material. Kunststoff ist nichts anderes als verfestigtes Erdöl. Wer Plastik verbrennt, verbrennt Öl – und setzt echtes, fossiles Kohlendioxid frei, das durch keinen natürlichen Kreislauf wieder eingefangen wird. Klimaneutral wird auch das nur durch zwei Kniffe: Man rechnet allein die biogene Hälfte des Mülls als Energieträger und erklärt die fossile Hälfte zur ohnehin unvermeidbaren Entsorgung, deren Emissionen man in eine andere Spalte schiebt. Der dritte Rettungsanker, die nachträgliche Abscheidung des CO₂ an der Müllverbrennung, ist heute weder gebaut noch finanziert. Er ist eine Wette auf die Zukunft, auf deren Gewinn die Bilanz von 2045 schon heute gebucht wird.

Und hier wird es politisch interessant. Dieselbe Strömung, die das Verbrennen zur Sünde erklärt hat – Verbrennerverbot beim Auto, Heizungsverbot bei Öl und Gas im Keller des Bürgers –, erklärt das Verbrennen von Bäumen und plastikhaltigem Müll im landeseigenen Heizkraftwerk kurzerhand für sauber. Verbrennung ist verwerflich, wenn sie aus dem Auspuff des Bürgers kommt, und klimaneutral, wenn sie aus dem Schornstein des Senatsunternehmens kommt. Das ist keine Energiepolitik mehr, das ist eine selektive Moral der Verbrennung. Der Maßstab richtet sich nicht nach der Physik, sondern danach, wer den Brennstoff anzündet.

„Klimaneutrale Fernwärme“ ist unter diesen Vorzeichen kein physikalisches Versprechen, sondern ein semantisches. Es beschreibt nicht, was aus dem Schornstein kommt, sondern was in der Tabelle steht. Der Berliner Mieter zahlt am Ende doppelt: für die milliardenschwere Transformation und für die Definition, die ihm als Wirklichkeit verkauft wird.

Wer es mit dem Klima und mit dem Bürger ernst meint, sollte ihm wenigstens reinen Wein einschenken – und eine Bilanzregel nicht für ein Naturgesetz ausgeben. Echte Dekarbonisierung beginnt mit ehrlichen Zahlen. Berlin ist davon weiter entfernt, als der schöne und illusionäre ideologische Kampfbegriff der Klimaneutralität glauben macht.