Revitalisierung der Kernenergie: Wir könnten schon viel weiter sein – und die Union weiß es
Wenn die CSU heute eine „Rückkehr zur Atomkraft“ fordert und diese mit dem wohlklingenden Etikett einer „neuen nuklearen Kreislaufwirtschaft“ versieht, dann ist das weniger ein energiepolitischer Aufbruch als ein rhetorischer Reparaturversuch. Repariert werden soll nicht die Energieversorgung, sondern die eigene politische Vergangenheit. Denn der unionsgeführte Atomausstieg war kein Betriebsunfall, sondern eine bewusste, ideologisch motivierte Entscheidung – mit gravierenden Folgen, die sich heute nicht mehr kaschieren lassen.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Seit der schrittweisen Abschaltung der Kernkraftwerke ab 2011 sind in Deutschland nach energieökonomischen Berechnungen über 700 Millionen Tonnen zusätzliches CO₂ emittiert worden. Der weggefallene Atomstrom wurde nicht durch Erneuerbare ersetzt, sondern überwiegend durch Kohle und Gas. Gleichzeitig stiegen die Strompreise auf ein international nicht mehr wettbewerbsfähiges Niveau. Der Industriestrompreis liegt strukturell über dem EU-Durchschnitt, zeitweise deutlich über dem französischen Niveau – jenes Landes, das konsequent auf Kernenergie setzt.
Diese Entwicklung war vorhersehbar. Sie wurde von Fachleuten benannt, von der AfD politisch thematisiert – und von CDU und CSU ignoriert oder aktiv bekämpft. Umso bemerkenswerter ist es, wenn nun ausgerechnet die CSU den Eindruck erwecken will, sie habe die Kernenergie neu entdeckt. Tatsächlich folgt sie nicht der Physik, sondern dem politischen Druck. Der aktuelle Vorstoß ist kein Ausdruck strategischer Klarheit, sondern das Ergebnis jahrelanger Verdrängung.
Denn wir könnten heute schon erheblich weiter sein – technologisch, industriepolitisch und energiepolitisch –, wenn die Union nicht gleichzeitig den Atomausstieg exekutiert und die nukleare Kompetenz in Deutschland systematisch zurückgebaut hätte. Dass diese verlorene Zeit real ist, lässt sich inzwischen konkret belegen.
Während CDU und CSU hierzulande Rückbau betrieben, Personal vertrieben und Forschung delegitimierten, haben deutsche Kerntechnikentwicklungen im Ausland den Schritt von der Theorie zur Umsetzung vollzogen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist Dual Fluid.
Das Unternehmen, einst eine Start-up-Ausgründung aus dem Institut für Festkörper-Kernphysik, gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung der Forschung IFK mbH, in Berlin, dann nach Kanada ausgewandert, hat sich 2025 von einem vorwiegend konzeptionell wahrgenommenen Entwickler zu einem international ernsthaft adressierten Akteur im Bereich fortgeschrittener Kernenergiesysteme entwickelt – nicht in Deutschland, sondern in offenen Technologieräumen.
Im Vereinigten Königreich wurde die Dual-Fluid-Technologie im Parlament vorgestellt, im Rahmen der All-Party Parliamentary Group on Small Modular Reactors – gemeinsam mit international etablierten Entwicklern wie TerraPower oder Newcleo. In Rwanda wurde der vollständige technische Design- und Sicherheitsbericht für einen Demonstrationsreaktor abgeschlossen und den zuständigen Behörden übergeben. Die Entscheidung über die Standortlizenz wird Anfang 2026 erwartet. Parallel dazu wurden in Australien in Kooperation mit der staatlichen Nuclear Science and Technology Organisation zentrale Fragen der Reaktorphysik und Materialwissenschaft praktisch untersucht, einschließlich der erstmaligen Herstellung und Charakterisierung des patentierten Brennstoffgemischs unter Laborbedingungen.
All das geschieht nicht im luftleeren Raum. Es zeigt: Die technologische Basis ist vorhanden. Die regulatorische Vorbereitung ist möglich. Der Übergang von der Planung zur Umsetzung ist realistisch. Was fehlt, ist nicht das Know-how –
Hier entlarvt sich der CSU-Vorstoß als das, was er ist: ein propagandistischer Nachlauf. Man spricht von SMRs und Kreislaufwirtschaft, ohne zu erklären, warum man genau diese Entwicklungen über Jahre verhindert hat. Markus Söder, der den Atomausstieg einst aus opportunistischem Zeitgeistgrün mitvollzog, gibt sich nun als Anwalt der Kernenergie. Friedrich Merz wiederum vermeidet bis heute das entscheidende Wort: Fehler. Ohne dieses Eingeständnis bleibt jede neue Atomrhetorik taktisch und unglaubwürdig.
Die AfD hat den Atomausstieg nie isoliert kritisiert, sondern als Teil der falschen und einseitigen Klimarettungspolitik verstanden und und müssten : Die sogenannte Energiewende ist kein technisches Projekt, sondern ersetzt naturwissenschaftliche Realität durch klimaapokalyptische Narrative, marktwirtschaftliche Logik durch staatliche Lenkung und offene Debatte durch Alternativlosigkeit.
Dass deutsche Kerntechnologie heute im Ausland vor der Realisierung steht, während man sie im eigenen Land tabuisiert, ist der sichtbarste Beweis dieses Systemversagens. Wir könnten und müssten mit der Kernenergie schon weiter sein. Sehr viel weiter. Dass wir es nicht sind, ist keine Frage fehlender Möglichkeiten – sondern das Ergebnis falscher Politik grün-linker Provenienz, der sich die Union mit verschrieben hat.
Die Union scheint jetzt, da die AfD auch hier wirkt, damit zu beginnen, sich der normativen Kraft des Faktischen rhetorisch anzunähern. Nur: Ohne die AfD wird es in Deutschland keine parlamentarischen Mehrheiten dafür geben!