Islamkritik als Aufklärung im Sinne Kants. Wo und wann der Islam zur Gefahr für die offene Gesellschaft wird – und was Freiheit von uns verlangt

Frank-Christian Hansel

I. Warum Islamkritik Aufklärung ist

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.«

Immanuel Kant, 1784

Wer heute den Islam kritisiert, steht unter Verdacht. Der Vorwurf der Muslimfeindlichkeit trifft den Kritiker oft schneller als das Argument den Gegenstand. Das ist verständlich, denn die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gelehrt, wohin die pauschale Abwertung einer Gruppe führen kann. Doch wer aus Angst vor diesem Vorwurf verstummt, verlässt den Boden der Aufklärung – und verlässt damit jene Muslime, die sich innerhalb ihrer eigenen Tradition um Freiheit und Mündigkeit bemühen.

Die Aufklärung, wie Kant sie verstand, richtet sich nicht gegen eine bestimmte Religion. Sie richtet sich gegen jede Form der Unmündigkeit – gegen Autoritätshörigkeit, Denkverbote, die Verwechslung von Glauben und Wissen, von Religion und politischer Macht. In diesem Sinne ist Islamkritik kein Angriff auf Muslime, sondern die Anwendung eines universellen Prinzips. Wer die Aufklärung nur dort gelten lässt, wo sie bequem ist, hat sie nicht verstanden.

Dieser Essay unternimmt den Versuch, die Spannung zwischen islamischer Tradition und westlich-säkularer Ordnung in ihrer historischen, psychologischen, textuellen und politischen Tiefe zu begreifen. Er stützt sich auf die Arbeiten der Psychoanalytikerin Mahrokh Charlier, des Psychoanalytikers Fethi Benslama, des Schriftstellers Amin Maalouf, der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Ahmad Mansour, des investigativen Journalisten Sascha Adamek sowie auf aktuelle empirische Studien. Er unterscheidet konsequent zwischen dem Islam als theologisch-politischem System und dem Muslim als Individuum. Er benennt auch die Rolle, die der Korantext selbst bei der Formung eines feindseligen Weltbildes spielt – eine Rolle, die in der öffentlichen Debatte allzu oft hinter historischen Kontextualisierungen verschwindet. Und er endet nicht mit einer Verurteilung, sondern mit einer Einladung: zur Mündigkeit – und zu konkretem politischen Handeln.

II. Der Islam ist keine starre Zivilisation

Die Geschichte des Islam ist keine monolithische Erzählung, sondern eine Abfolge tiefgreifender Transformationen. Entstanden in einem Machtvakuum nach dem Zerfall der antiken Mittelmeerordnung – zum ersten Mal seit sechshundert Jahren war der Schatten des übermächtigen Rom von den Völkern der arabischen Halbinsel gewichen –, entwickelte sich der Islam in wenigen Jahrzehnten von einer regionalen Bewegung zu einer Zivilisation, die von Spanien bis Indien reichte. Diese Expansion verlief, verglichen mit anderen Imperien, in erstaunlich geordneten Bahnen, oft in relativer Achtung gegenüber anderen und ohne ein Übermaß willkürlicher Gewalt. Sie darf jedoch nicht romantisiert werden: Sie war Teil eines klassischen Machtprozesses, in dem Eroberung, Herrschaft und kulturelle Durchdringung Hand in Hand gingen.

Zeiten kultureller Offenheit wechselten mit Phasen geistiger Erstarrung. Bagdad im 9. Jahrhundert, Córdoba im 10. Jahrhundert – hier begegnet uns eine intellektuelle Blüte, die Europas Geistesgeschichte tiefgreifend beeinflusst hat. Abu l-ʿAla al-Maʿarri, der syrische Dichter des 11. Jahrhunderts, war ein zutiefst skeptischer Rationalist, der sich an der Vernunft als alleiniger Quelle der Weisheit orientierte und religiöse Dogmen aller Glaubensrichtungen vehement ablehnte. Al-Maʿarri beweist: Es gab innerhalb der islamischen Zivilisation eine Tradition radikaler Religionskritik. Dass sie marginalisiert und vergessen wurde, ist kein Beweis zivilisatorischer Unfähigkeit, sondern einer historischen Entscheidung.

Was diese historische Entscheidung konkret war, lässt sich präzise benennen. Im 8. und 9. Jahrhundert entstand innerhalb der islamischen Theologie eine rationalistische Strömung, die Mu‘taziliten, die den ernsthaftesten Versuch einer islamischen Aufklärung avant la lettre darstellte. Sie postulierten die Willensfreiheit und Eigenverantwortlichkeit des Menschen, trennten göttliches von irdischem Sein und argumentierten, der Koran sei zwar Gottes Wort, aber ein für den menschlichen Verstand geschaffenes und offenbartes Werk, das man mit Vernunft interpretieren dürfe und müsse. Der Islamforscher Tilman Nagel hat festgestellt, dass der Islam eine ganz andere Religion geworden wäre, hätte das mu‘tazilitische Denken in den frühen theologischen Kontroversen triumphiert. Es triumphierte nicht. Die sunnitische Gegenrichtung setzte sich Mitte des 9. Jahrhunderts durch: Vernunft und Glaube verschmolzen, Vernunft wurde im Glauben vollendet, und jeder Versuch, göttliche Regeln eigenständig zu verändern, galt fortan als häretische Verfehlung. Im 10. Jahrhundert wurde, was die islamische Rechtstradition das Tor der eigenständigen Rechtsfindung nennt – ijtihad –, geschlossen. Koran und Sunna wurden als göttliche Offenbarungen und damit als unverrückbare Wahrheiten dogmatisiert. Das Tor blieb über Jahrhunderte geschlossen. Was das in der Praxis bedeutet, illustriert eine Zahl, die der Ökonom Helmut Leipold aus einer Studie des UN-Entwicklungsprogramms zitiert: In den dreizehn Jahrhunderten seit dem Kalifen al-Ma’mun (gest. 833) wurden insgesamt nur rund 100.000 Bücher ins Arabische übersetzt – weniger, als Spanien in einem einzigen Jahr übersetzt. Allein Griechenland, ein Land mit zehn Millionen Einwohnern, weist die fünffache Menge an jährlichen Übersetzungen auf.

Averroes, der große Aristoteles-Kommentator aus Córdoba, versuchte in seiner entscheidenden Abhandlung von 1179 das Verhältnis von Philosophie und Religion zu klären. Sein Rationalismus war elitär, nicht universell – darin liegt ein entscheidender Unterschied zur europäischen Aufklärung. Und dennoch trug der Averroismus maßgeblich zur Herausbildung des europäischen philosophischen Bewusstseins bei, während er in der islamischen Kultur selbst weitgehend abgelehnt wurde. Das Fehlen von Renaissance und Aufklärung in der muslimischen Welt ist nahezu gleichbedeutend mit dem Fehlen des Averroismus.

Aus dieser Geschichte folgt eine doppelte Einsicht: Der Islam ist weder die starre, unveränderliche Zivilisation, als die ihn Kulturkämpfer zeichnen, noch die harmlose Bereicherung, als die ihn Relativisten verharmlosen. Er ist eine Tradition, die Phasen der Offenheit und der Erstarrung kennt – und die in ihrer gegenwärtigen Verfassung in einer tiefen Krise steckt. Doch wer diese Krise allein auf externe Ursachen zurückführt – Kolonialismus, gescheiterte Modernisierung, westliche Ausgrenzung –, übersieht eine interne Ursache, die im Text selbst liegt.

III. Der politische Islam: Kein Erbe, sondern eine Erfindung – aber auf textueller Grundlage

Moderne islamistische Bewegungen sind nicht das lineare Ergebnis der islamischen Geschichte. Sie sind Produkte der jüngsten Epoche: Sie entstanden aus dem Scheitern säkular-nationalistischer Projekte, aus den Verwerfungen der Dekolonisation und den Spannungen einer globalisierten Welt. Der religiöse Fundamentalismus war für Muslime und Araber nicht die spontane, nicht die natürliche und nicht die unmittelbare Wahl – bevor sie versucht waren, diesen Weg einzuschlagen, mussten sich ihnen alle anderen verschließen.

Damit ist nicht gesagt, der Rückgriff auf einen reinen Ursprung sei eine Erfindung der Moderne. Er kehrt wieder – von Ibn Taimiyya über Muhammad ibn Abd al-Wahhab bis zu al-Banna und Qutb zieht sich die Berufung auf die salaf, die frommen Altvorderen, als immer gleiche Geste der Krisenbewältigung. Wer dies sieht, könnte versucht sein, daraus ein Wesen abzuleiten und den politischen Islam letztlich schon bei Mohammed beginnen zu lassen. Doch ein wiederkehrender Reflex ist kein unveränderliches Wesen, sondern eine Versuchung, die eine Tradition dann besonders nahelegt, wenn sie ihre Vollkommenheit an den Anfang legt und die Offenbarung für abgeschlossen erklärt. Eine Ordnung, die das Vollkommene hinter sich weiß, beantwortet jede Erschütterung folgerichtig mit Umkehr statt mit Fortschritt – und hier liegt die eigentliche Frage, die schwerer wiegt als die nach dem Gründungsdatum: warum die islamische Welt auf ihre Krisen so beharrlich mit der Rückbesinnung auf ein goldenes Zeitalter antwortet und nicht mit dessen Überschreitung. Kantisch gelesen ist eben dies Unmündigkeit in Reinform: die Unterwerfung unter eine Autorität, die im Vergangenen residiert. Aber dass eine Versuchung naheliegt, heißt nicht, dass sie zwingt; dieselbe Tradition hat den averroistischen Rationalismus und die mu‘tazilitische Vernunfttheologie hervorgebracht, von denen das vorige Kapitel sprach. Der Reflex ist erklärbar, ohne dass er verhängt wäre.

Der tunesisch-französische Psychoanalytiker Fethi Benslama bringt die historische Dimension auf den Punkt: Der zeitgenössische Islamismus besteht aus einer relativ jungen Hybridisierung aus arabischem Nationalismus, Theokratie und dem Versuch, Wissenschaft im Glauben zu verankern. Das zentrale Trauma lässt sich an einem konkreten Datum festmachen: 1924 schaffte Atatürk das Kalifat ab und zerstörte damit nicht nur eine türkische Institution, sondern das symbolische Band, das die gesamte muslimische Gemeinschaft (Umma) seit den Tagen Muhammeds zusammengehalten hatte. Was in Ankara als säkulare Modernisierung gefeiert wurde, wirkte in Kairo, Bagdad und Delhi wie eine Amputation. Denn das Kalifat war, so brüchig es in seinen letzten Jahrzehnten auch gewesen sein mochte, die letzte sichtbare Klammer einer politisch-religiösen Ordnung, die sich als gottgegeben verstand. Mit seinem Ende stand die Frage im Raum, die Benslama als die quälendste der muslimischen Moderne beschreibt: Was heißt es, ein Muslim zu sein, wenn die politische Ordnung des Islam zerbrochen ist?

Die Antwort kam zuerst aus Ägypten, und das war kein Zufall. Ägypten stand unter britischer Kontrolle; die säkular-nationalistischen Kräfte um die Wafd-Partei hatten es nicht vermocht, eine echte Unabhängigkeit zu erkämpfen. In Ismailia, einer Stadt am Suezkanal, die von der britischen Kanalkompanie beherrscht wurde und in der die koloniale Demütigung täglich sichtbar war, gründete der Lehrer Hassan al-Banna 1928 die Muslimbruderschaft. Die Wahl des Ortes war symbolisch: Wo die Fremdherrschaft am spürbarsten war, entstand die Bewegung, die versprach, was der säkulare Nationalismus schuldig geblieben war – Würde, Identität und einen Weg zurück zur Größe, nicht durch westliche Modernisierung, sondern durch Rückkehr zum Islam. Von der Position der Herren, so Benslama, waren die Muslime durch die Kolonialmächte in die Position der Untergebenen im eigenen Land geraten. Die Demütigung der männlichen muslimischen Seele – überhöht als Kränkung des islamischen Ideals – führte zur Geburt des politischen Islam.

Sayyid Qutb, der ideologische Vater des modernen Islamismus, radikalisierte diesen Ansatz eine Generation später. Er hatte zunächst als säkularer Literat gewirkt und sich erst nach zwei prägenden Erfahrungen dem Islamismus zugewandt: einem zweijährigen Aufenthalt in den USA, der ihn mit Abscheu gegen die westliche Kultur erfüllte, und dem Scheitern des Nasserismus, der gezeigt hatte, dass auch der arabische Sozialismus keine Antwort auf die Kränkung liefern konnte.

An dieser Stelle ist eine Präzisierung nötig, die vor einem verbreiteten Missverständnis schützt. Der Jihadismus ist nicht Missbrauch des Islam von außen, sondern eine innerislamische Position im Kampf um die Deutungshoheit darüber, was der „wahre Islam“ sein soll. Der Islamforscher Mitra Moussa Nabo hat in seiner Analyse des arabischen Jihad-Diskurses gezeigt, dass der Streit um den Jihad innerhalb der muslimischen Welt selbst geführt wird – als hegemonialer Kampf zwischen konkurrierenden Auslegungen desselben Textes, derselben Tradition, desselben Anspruchs auf religiöse Legitimität. Al-Qaida und der sogenannte Islamische Staat bekämpfen sich nicht als „Jihad gegen Anti-Jihad“, sondern als rivalisierende Jihad-Interpretationen; auch die Gelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität, die den Terror verurteilen, stehen in diesem Deutungskampf, nicht außerhalb seiner. Gerade das macht den Jihadismus so gefährlich – und gerade das erklärt, warum muslimische Aufklärungsstimmen wie Abdel-Samad, Ateş oder Khorchide nicht einfach „den Islam verteidigen“, sondern in einem offenen, riskanten Deutungskampf stehen, in dem die Jihadisten mit dem Text im Rücken argumentieren können. Wer diese Einsicht ernst nimmt, entzieht zwei Positionen gleichzeitig den Boden: der Relativierung, die sagt, der Islamismus habe „nichts mit dem Islam zu tun“ – und der Pauschalisierung, die sagt, der Islam sei „in Wahrheit“ der Islamismus. Beide verfehlen den Befund: Der Islamismus ist eine innerislamische Position, die um Deutungsmacht ringt; er ist weder Zufall noch Wesen, sondern ein radikaler Anspruch, der mit anderen Ansprüchen konkurriert.

Doch dieses Ringen um Deutungsmacht ist von Anfang an asymmetrisch verteilt, und darin liegt seine Tragik. Der Radikale kann stets beanspruchen, der Konsequentere, Wörtlichere, Frommere zu sein; die Beweislast trägt nicht er, sondern der Reformer, der sich gegen den Vorwurf der Neuerung, der bid‘a, und im Grenzfall des Abfalls rechtfertigen muss. Wo der takfir, die Erklärung des Andersdenkenden zum Ungläubigen, eine verfügbare Waffe ist, kehrt sich die Beweislast um: Nicht der Gewalttätige, sondern der Mäßigende steht unter Erklärungszwang. Diese Umkehrung erklärt, warum die islamische Welt den kompromisslosen Kräften so mühelos den Weg freimacht, während ihre Kritiker um ihr Leben fürchten müssen – nicht nur in Kairo, wo der Aufklärer Farag Foda 1992 dafür ermordet wurde, sondern bis auf die Straßen europäischer Städte. Der Literalist verfügt über die rhetorische Unangreifbarkeit des Buchstabens und über die Mittel der Einschüchterung zugleich; der Mündige hat nur das schwächere Argument der Freiheit. Eine Tradition, die keinen autoritativen Ort der Reform kennt, überlässt dem Unerbittlichsten das Feld.

Nabo geht in seiner Analyse über den reinen Deutungskampf noch einen entscheidenden Schritt hinaus. Gestützt auf den Soziologen Pierre Bourdieu zeigt er, dass Islam in der arabisch-islamischen Welt nicht einfach Religion im westlich-säkularen Verständnis des Wortes ist, sondern kulturelles Kapital – eine Machtressource, aus der politische Legitimität überhaupt erst geschöpft wird. Damit ist das religiöse Feld dort nicht ein Bereich neben Staat, Recht und Gesellschaft, sondern konstitutiv für deren Ordnung. Wer politische Autorität beanspruchen will, muss diese Autorität aus der religiösen Währung legitimieren – ob als Kalif, als Gelehrter, als Staatschef oder als bewaffneter Revolutionär. Andere Legitimitätsquellen existieren zwar – Stamm, Nation, revolutionäre Bewegung, persönliches Charisma –, aber keine von ihnen kann auf Dauer ohne religiöse Rückversicherung bestehen. Das ist nicht theologischer Tatbestand, sondern historisch-sozialer Befund: In diesen Gesellschaften ist Religion das Medium, in dem politische Ansprüche formuliert und anerkannt werden.

Diese Einsicht erklärt, warum die Forderung nach Privatisierung des Glaubens – der westliche Reflex, der aus der eigenen Säkularisierungserfahrung stammt – in der arabisch-islamischen Welt nicht einfach greift. Privatisierung ist dort nicht die bloße Zurücknahme einer Weltanschauung aus der öffentlichen Sphäre, sondern der Entzug des zentralen Legitimitätsmediums selbst. Wer den Islam aus der politischen Ordnung herausnimmt, nimmt nicht nur dem Individuum seinen Trost, sondern der Gesellschaft ihre anerkannte Grammatik politischer Autorität. Genau darin liegt der strukturelle Grund, warum die großen säkularen Modernisierungsprojekte des zwanzigsten Jahrhunderts – Atatürks Türkei, Nassers Ägypten, Bourguibas Tunesien – entweder autoritär durchgesetzt werden mussten oder bei Scheitern religiöse Gegenbewegungen produzierten. Sie entzogen die religiöse Währung, ohne ein hinreichend tiefes alternatives Legitimitätsmedium aufzubauen. Der entstandene Hohlraum wurde von den Islamisten besetzt, die das religiöse Kapital wieder einsetzten – nun in radikalisierter, politisch aufgeladener Form.

Das europäische Christentum hat den umgekehrten Weg in Jahrhunderten beschritten, nicht in Jahrzehnten. Reformation, Dreißigjähriger Krieg, Westfälischer Frieden, Aufklärung, Französische Revolution, Kodifikation bürgerlicher Rechte, parlamentarische Demokratie, Menschenrechtserklärungen: all dies war nicht nur Zurücknahme der Religion aus der Politik, sondern vor allem der mühevolle Aufbau alternativer Legitimitätsquellen – Vernunft, Verfassung, Volkssouveränität, Rechtsstaat, Gleichheit vor dem Gesetz. Erst als diese Alternativen hinreichend tief in das kulturelle Selbstverständnis eingesunken waren, konnte sich die Religion in den privaten Raum zurückziehen, ohne die politische Ordnung mitzureißen. Die islamische Welt hat diesen Prozess nicht oder nur in Ansätzen durchlaufen – und die Forderung, ihn in einer Generation nachzuholen, übersieht das historische Maß der Aufgabe.

Für die Argumentation dieses Essays folgt daraus zweierlei. Erstens: Der Weg vom Angst-Islam zum Kultur-Islam ist nicht die bloße Abkehr von religiöser Strenge, sondern der Aufbau eines alternativen Legitimitätsmediums im eigenen Denken. Der Kulturmuslim, der dazugehört, ist nicht der Muslim ohne Glauben, sondern der Muslim, der seine politische Zugehörigkeit aus einer anderen Quelle schöpft – aus bürgerlicher Teilhabe, aus der Verfassung, aus dem Vertrauen in die universale Vernunft. Zweitens: Die Aufnahmegesellschaft muss dieses alternative Legitimitätsmedium glaubwürdig anbieten. Wo sie den Einwanderer nur als Muslim adressiert und ihm keine substantielle bürgerliche Identität anbietet, zwingt sie ihn zurück in das einzige Legitimitätsmedium, das er mitgebracht hat. Maaloufs Mechanismus der verletzten Zugehörigkeit erscheint aus dieser Perspektive nicht mehr nur als psychologisches Phänomen, sondern als Konsequenz einer gesellschaftlichen Leerstelle: Wo keine tragfähige bürgerliche Zugehörigkeit geboten wird, bleibt nur die religiöse.

All das ist richtig – und doch nur die halbe Wahrheit. Denn die Frage, warum die Radikalen bei ihrem Rückgriff auf die Religion ein so mächtiges Arsenal vorfanden, führt unweigerlich zum Text selbst. Qutbs Schlüsselbegriffe – Knechtschaft gegenüber Gott, alleinige Herrschaft Gottes – sind zwar politische Konstrukte des 20. Jahrhunderts. Aber sie konnten sich auf Koranverse stützen, die eine solche Deutung nicht nur erlauben, sondern nahelegen. Der Islamismus ist eine moderne Erfindung – aber eine, die aus dem Steinbruch des heiligen Textes baut. Das unterscheidet ihn fundamental von säkularen Ideologien, denn er kann sich auf göttliche Autorität berufen.

IV. Was »im Glauben leben« bedeutet: Der fundamentale Unterschied

Der westliche Kulturchrist lebt nicht im Glauben. Religion ist ihm Brauchtum, nicht bindende Norm. Ein Gott, der Tag und Nacht sieht, straft und belohnt, ist ihm fremd geworden. Die Säkularisierung hat die Religion gezähmt – sie darf beraten, aber nicht herrschen.

Ganz anders der gläubige Muslim. Er lebt nicht mit dem Glauben – er lebt im Glauben. Der Koran ist für ihn das unantastbare, direkte Wort Gottes. Hamed Abdel-Samad bringt diesen Unterschied auf den Punkt: Der Westen hat die Religion gezähmt; der Islam ist noch immer Herr über den Gläubigen. Und Ahmad Mansour ergänzt: Ein frommer Muslim lebt in einem psychischen Gefängnis der Regeln und Vorschriften, die von Gott selbst zu kommen scheinen.

Was das im Alltag bedeutet, muss man sich konkret vor Augen führen, um die Tragweite zu ermessen. Ein Muslim, der im Angst-Islam lebt, bemüht sich nicht nur fünfmal am Tag zu beten und dafür die Regeln der rituellen Waschungen zu vollziehen. Er versucht darüber hinaus zahllose Verhaltensvorschriften einzuhalten, die jeden Aspekt des täglichen Lebens durchdringen: Er isst und trinkt mit der rechten Hand, die Wohnung betritt er nur mit dem rechten Fuß. Eine Frau benutzt kein Parfüm und keine Schminke im öffentlichen Raum; wenn sie mit einem fremden Mann spricht, senkt sie den Blick und schaut ihm nicht ins Gesicht. Musik gilt vielen als verboten, bildliche Darstellungen von Lebewesen ebenso. Die Kleidung, die Nahrung, der Körperkontakt, das Verhalten im Ramadan, die Geschlechtertrennung bei Feiern, die Frage, ob man einem Nichtmuslim die Hand geben darf – es gibt kaum eine Alltagssituation, für die keine Regel existiert. Der säkularisierte Mensch kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, in einem solchen alles durchdringenden Glaubenssystem zu leben, in dem schon die kleinste Abweichung göttliche Strafe nach sich ziehen kann und die soziale Kontrolle der Gemeinschaft jeden Verstoß registriert.

Der Islam durchdringt alle Lebensbereiche: Recht, Politik, Moral, Familienstruktur. Er ist nicht eine Option neben anderen, er ist das System. Das Selbstvertrauen einer Gesellschaft spiegelt sich in einer zuversichtlichen, heiteren und aufgeschlossenen Religion, mangelndes gesellschaftliches Selbstvertrauen in einer kleinmütigen, bigotten und pedantischen Religion. Die islamische Welt öffnet sich in ihrer gegenwärtigen Krise nicht, sie verschließt sich – und der Text, auf den sie sich dabei beruft, gibt ihr dafür das Werkzeug.

V. Der Koran als Quelle: Was der Text mit der Psyche macht

Hier muss eine Wahrheit ausgesprochen werden, die in der öffentlichen Debatte regelmäßig unter Kontextualisierungen begraben wird: Der Koran enthält Passagen, die – wörtlich gelesen – Hass, Gewalt und eine radikale Feindseligkeit gegenüber Nichtmuslimen schüren. Das ist keine Interpretation von außen, sondern die Wirkung des Textes auf den Leser, der ihn als direktes Wort Gottes versteht.

Die Islamwissenschaft verweist bei Versen wie dem sogenannten Schwertvers – »Sind aber die heiligen Monate abgelaufen, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie findet, greift sie, belagert sie und lauert ihnen auf aus jedem Hinterhalt« – darauf, dass sich solche Stellen auf eine spezifische Kriegssituation beziehen und nicht als allgemeingültiges Gebot zur Tötung aller Nichtmuslime zu verstehen seien. Diese Kontextualisierung ist historisch korrekt. Doch sie geht an der psychologischen Wirklichkeit vorbei. Denn der Leser des Korans, der diesen Text als direktes Wort Gottes versteht, fragt nicht nach dem historischen Kontext eines Verses. Er liest das Wort Gottes, und das Wort Gottes gilt. Die Psyche relativiert den Text nicht – sie baut ein Weltbild danach auf.

Das ist der entscheidende Unterschied zur christlichen Bibel. Auch das Alte Testament enthält Gewaltpassagen – doch das Christentum hat über Jahrhunderte eine Tradition der Exegese, der historisch-kritischen Methode und der allegorischen Auslegung entwickelt, die den Text als menschlich vermitteltes, historisch situiertes Dokument begreift. Im Islam gilt der Koran als unerschaffenes, ewiges Wort Gottes – nicht als historisches Zeugnis, sondern als zeitlose Wahrheit. Wer den Koran historisch-kritisch liest, hat im strenggläubigen Verständnis bereits den Boden des Glaubens verlassen.

Der Koran teilt die Menschheit in Gläubige und Ungläubige, in die Gemeinde des Islam und die übrige Welt. Die Gläubigen sind die beste Gemeinschaft, die Ungläubigen sind die schlimmsten Geschöpfe. Zwischen diesen Polen gibt es ein abgestuftes System der Wertigkeit – Schriftbesitzer stehen über Polytheisten, Muslime stehen über allen –, aber die Grundstruktur ist eine Teilung der Welt in Wir und Sie, in Rein und Unrein, in Gott-näher und Gott-ferner. Diese dualistische Ordnung ist nicht die Auslegung einzelner Extremisten, sondern die Architektur des Textes selbst.

Der Kulturmuslim liest den Koran nicht täglich. Allerhöchstens richtet er sich nach den Speisevorschriften und den Traditionen. Er lebt mit dem Islam, nicht in ihm. Hineingezogen in eine feindliche Wir-Ihr-Welt wird der Mensch aber erst, je intensiver er sich mit den Schriften beschäftigt und diese nicht im übertragenen Sinne – wie es etwa die Sufis tun –, sondern im wörtlichen Sinne versteht. Die Radikalisierung beginnt nicht mit der Moschee und nicht mit dem Internet. Sie beginnt mit dem Text. Moschee und Internet beschleunigen nur, was der Text vorbereitet hat.

Es reicht daher nicht, den politischen Islam als modernes Phänomen zu erklären, das nur aus äußeren Ursachen – Kolonialismus, gescheiterte Modernisierung, Ausgrenzung – entstanden sei. All diese Faktoren sind real. Aber sie treffen auf einen Text, der eine feindliche Weltordnung als göttliche Wahrheit kodifiziert. Wer Benzin und Zündholz getrennt betrachtet, versteht den Brand nicht. Der politische Islam ist die Zündung – der Text ist der Brennstoff. Dass nicht jeder, der den Koran liest, zum Islamisten wird, ist richtig. Aber dass kein Islamist ohne den Koran auskommt, ist ebenso richtig.

VI. Die psychoanalytische Tiefe: Ambivalenzverbot, Sozialisation und die blockierte Mündigkeit

Der radikalere Monotheismus

Warum entfaltet der Korantext diese Wirkung mit solcher Durchschlagskraft? Die Antwort liegt tiefer als in der Theologie allein. Die Psychoanalytikerin Mahrokh Charlier, geboren in Teheran, seit 1967 in Deutschland, hat gezeigt, dass der islamische Monotheismus radikaler ist als der mosaische oder christliche. Im Judentum und Christentum waren Zweifel, Rebellion und Rückkehr kulturprägend – Hiob hadert mit Gott, die Psalmen klagen, der verlorene Sohn kehrt heim. Im Islam gilt schon der Zweifel selbst als Abfall vom Glauben. Der Text verbietet nicht nur den Ungehorsam – er verbietet das Hadern.

Charlier stützt sich auf den Psychoanalytiker Jihad Jiko, der die unterschiedliche Behandlung der Hiob-Geschichte in Bibel und Koran analysiert hat. Der biblische Hiob klagt Gott an, fordert Rechenschaft, ringt um Antworten. Der Hiob des Korans bringt sein Unheil nicht mit Gott in Verbindung – für ihn ist es ein Werk Satans. Dieser Spaltungsmechanismus ermöglicht es, Ambivalenz gegenüber Gott zu vermeiden. Jikos zentrale These: Der Islam hat nach der christlichen Lockerung des Monotheismus in der Dreifaltigkeitslehre den Vater in strengerer Form zurückkehren lassen.

Die amerikanische Psychoanalytikerin Ruth Stein ergänzt: Der patriarchalische Gott des Islam entspricht dem Freudschen Urvater – eine machtvolle, unangreifbare und idealisierte Figur, die Schutz verspricht, Bestrafungen ausführt und selbst außerhalb jedes Gesetzes steht. Im Islam gibt es keinen Raum für eine ambivalente Gefühlseinstellung diesem Gott gegenüber. Und ein Text, der diesen Gott sprechen lässt, erbt dessen Unangreifbarkeit: Wer den Text hinterfragt, hinterfragt Gott. Wer Gott hinterfragt, ist abgefallen. So verschränken sich Textautorität und psychische Struktur zu einem Gefängnis, das keinen Ausgang kennt.

Die Sozialisation des Sohnes

Diese psychische Struktur wird in der Sozialisation verankert. Charlier zeichnet das Muster nach: In patriarchalen islamischen Gesellschaften ist die Geburt eines Sohnes ein Erlösungsversprechen. Der Knabe wächst zunächst in einer weiblich geprägten Welt auf, tritt jedoch mit etwa sieben bis neun Jahren abrupt in die Sphäre des Vaters und der religiösen Autoritäten ein. Charlier beschreibt diesen Übergang als globale Identifizierung: Der Sohn übernimmt die Vaterposition nicht selektiv, sondern total. Die Bindung ist von Angst durchzogen: Angst vor Liebesverlust, Angst vor Strafe, Angst vor Vernichtung. Eigenständige Individuation bleibt blockiert. Gehorsam wird zum Existenzprinzip.

Der entscheidende Unterschied zur westlichen Sozialisation: Adoleszenz als individuationsfördernde Phase fehlt. In westlichen Gesellschaften ist Adoleszenz der Ort, an dem Ambivalenz ausgetragen, Autorität hinterfragt und Autonomie erprobt wird. In patriarchalen islamischen Gesellschaften wird diese Phase übersprungen: Vom Kind zum gehorsamen Mann, ohne den Umweg über Rebellion und Selbstfindung. Und der Text, den der junge Mann nun liest, bestätigt seine psychische Verfassung: Gehorche. Zweifle nicht. Die Ungläubigen sind deine Feinde. Gott straft die Abtrünnigen. Was die Sozialisation in die Psyche gelegt hat, findet im Koran seine heilige Bestätigung.

Die weibliche Dimension

Diese Analyse wäre unvollständig ohne die weibliche Seite. Die strikte Geschlechtertrennung bildet eine tragende Säule des Systems. Die Frau ist dabei nicht nur Opfer, sondern auch Trägerin der Tradition: Als Mutter perpetuiert sie die patriarchale Ordnung.

Benslama rückt die Rolle der Frau ins Zentrum. Im Gegensatz zum Christentum, wo Gott sich in Christus zum Sohn macht und damit Beziehung ermöglicht, bleibt der islamische Gott radikal transzendent. Er darf nicht als Vater angesprochen werden – Benslama spricht von einer genealogischen Wüste zwischen Gott und Mensch. Die Lücke wird durch die Kontrolle des weiblichen Begehrens gesichert. Die Verschleierung ist in dieser Lesart nicht religiöses Zeichen, sondern Ausdruck einer kulturell institutionalisierten Angst vor weiblicher Autonomie. Auch hier liefert der Text die Vorlage: Der Koran regelt Verschleierung, Erbrecht, Zeugenschaft und Sexualität in einer Weise, die die Unterordnung der Frau als göttliche Ordnung festschreibt.

Projektion und die Wurzel des Extremismus

Die unterdrückte Ambivalenz hat fatale Folgen. Wer seine Aggression gegenüber dem Vater nicht ausleben darf, projiziert sie nach außen. Verdrängte Hassgefühle verwandeln sich in destruktive Affekte, die gegen den Ungläubigen gerichtet werden. Wenn Religion und Identität verschmelzen, wird diese Projektion religiös aufgeladen – und innerpsychische Ohnmacht verwandelt sich in äußeren Fanatismus. Das Ideal liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Fortschritt gilt als Bedrohung, Zweifel als Verrat. Und der Text, der diese Projektion legitimiert, liegt nicht in einem Propagandapamphlet, sondern in der heiligen Schrift selbst.

Die übersprungene Freiheit

Die übersprungene Adoleszenz wirft eine Frage auf, die schwerer wiegt als die Beobachtung selbst: nicht dass, sondern warum. Warum ritualisiert die europäische Moderne die jugendliche Auflehnung, wertet sie als Bildung, während dieselbe Bewegung anderswo als fitna erscheint, als Zwietracht und Bedrohung des Zusammenhalts? Die Antwort liegt im ungleichen Rang der individuellen Freiheit. Wo das Wort für die Religion zugleich Hingabe und Unterwerfung bedeutet und der Bestand der Gemeinschaft am Gehorsam hängt, kann die Selbstfindung des Einzelnen nicht als Reifung gelten, sondern nur als Riss. Die Freiheit, die Europa entfesselt hat, wird dabei mit Recht als zweischneidig empfunden: Sie bringt das Höchste und das Niedrigste hervor, und die Furcht vor ihr ist nicht Dummheit, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf ihre Ambivalenz. Genau hier aber liegt das Angebot der Aufklärung, und es ist ein anderes als eine Drohung. Es lautet, mit Kant, auf den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – und es ergeht an den Einzelnen, nicht an ein Kollektiv. Die Mündigkeit wird der Person angetragen; die Unbedingtheit gilt nicht ihr, sondern der Ordnung, die jede Ideologie abwehren muss, die diese Freiheit wieder abschaffen will. Damit ist auch vorgezeichnet, woran sich Maß und Möglichkeit der Integration entscheiden, von denen ein späteres Kapitel handelt: Sie gelingt in dem Grad, in dem der Einzelne die Autonomie unter dem Gesetz annimmt – als Übertritt einer Person in die Mündigkeit, nicht als Bewegung von Bevölkerungen in Blöcken.

VII. Der Übermuslim: Radikalisierung als Identitätskrise – befeuert durch den Text

Fethi Benslama hat dem Mechanismus der Radikalisierung eine Figur gegeben: den Übermuslim. Der Begriff ist Freuds Über-Ich nachgebildet und bezeichnet ein inneres Ideal, dem man bis zur völligen Aufopferung nacheifern muss. Benslama beobachtete über viele Jahre ein wiederkehrendes Muster: das quälende Gefühl junger Muslime, nicht muslimisch genug zu sein. Von dieser Kränkung ging ein Ruf nach Wiedergutmachung, ja nach Rache aus.

Sobald die Religion entdeckt wird, so Benslama, schießt der Fahrstuhl des Narzissmus in die Höhe. In einer manischen Verschmelzung mit dem göttlichen Ideal schauen die Radikalisierten verächtlich auf die Menschheit herab. Sechzig Prozent der radikalisierten Jugendlichen stammen nicht aus prekären, sondern aus Mittelschichtsverhältnissen. Mehr als zwei Drittel sind zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahre alt. Radikalisierung ist demnach nicht primär ein Armutsproblem, sondern ein Identitätsproblem – ein Symptom der Adoleszentenkrise.

Doch die Adoleszentenkrise allein radikalisiert nicht. Sie macht empfänglich. Was aus dieser Empfänglichkeit Gewaltbereitschaft macht, ist der Text. Denn die Religion, die diese Jugendlichen entdecken, ist nicht abstrakt – sie ist ein konkretes Buch mit konkreten Sätzen. Und in diesem Buch finden sie, was ihre Psyche sucht: eine klare Ordnung, einen absoluten Feind, eine göttliche Legitimation für den eigenen Zorn und ein Versprechen ewiger Belohnung für das Opfer. Die Krise liefert die Bereitschaft, der Koran liefert die Richtung, die sozialen Medien liefern die Geschwindigkeit. Wer nur einen dieser drei Faktoren betrachtet, versteht die Radikalisierung nicht.

An dieser Stelle ist eine geschlechtliche Ergänzung nötig, die der Essay bisher unterbelichtet gelassen hat. Benslamas Übermuslim ist eine männlich codierte Figur: stolz, streng, kämpferisch, ein Wächterideal. Doch die Radikalisierung kennt ihre feminine Spiegelform, und diese wird in der öffentlichen Debatte noch immer unterschätzt. Wo der Übermuslim dem jungen Mann Würde, Stärke und göttliche Legitimation verspricht, verspricht das Ideal der „Schwester“ der jungen Frau Schutz, Reinheit, Geborgenheit und moralische Überlegenheit. Die Mechanik ist dieselbe – narzisstischer Aufschwung durch Identifikation mit einem absoluten Ideal –, doch die Ästhetik ist umgekehrt. Was beim Mann über Kampf und Herrschaft läuft, läuft bei der Frau über Schwesternschaft und eine Unterordnung, die als Würde umcodiert wird.

Besonders aufschlussreich ist, wen dieses feminine Ideal erreicht. Recherchen deutscher Medien dokumentieren zunehmend, dass die Anziehungskraft des strengen Islam nicht auf muslimisch sozialisierte junge Frauen beschränkt bleibt. In wachsender Zahl konvertieren auch junge Frauen aus säkular-deutschen Haushalten – aus Familien ohne Gebetsteppich, ohne religiöses Lehrbuch, ohne kulturelle Anknüpfung. Die Anziehungskraft entsteht dort nicht aus theologischer Überzeugung, sondern aus dem Versprechen einer Sinn- und Orientierungsordnung, die in der Aufnahmegesellschaft selbst vermisst wird: klare Rollen, eindeutige Antworten, moralische Gewissheit und eine Schwesternschaft als verbindliche Gemeinschaft. Der erste Kontakt läuft heute typischerweise über soziale Medien. Weibliche Predigerinnen der salafistischen Szene erreichen mit Instagram- und TikTok-Auftritten Hunderttausende; eine der prominentesten hat nach Recherchen der Tageszeitung Die Welt weit über 190.000 Instagram-Follower und massenhafte Reichweite auf TikTok. Der Algorithmus übernimmt, was früher die Moschee tat: den ersten Kontakt, die anhaltende Ansprache, die Verdichtung zu einem geschlossenen Weltbild. Ein Radikalisierungsforscher am Londoner King’s College hat diesen Prozess als digitale Radikalisierungsspirale beschrieben.

Soziologisch besonders bemerkenswert ist eine Detailbeobachtung, die bei oberflächlichem Hinsehen leicht übersehen wird: Muslimische Männer, so berichten Betroffene, bevorzugen für die Ehe oft ausdrücklich Konvertitinnen, weil diese den Islam strenger leben als viele von Geburt an muslimische Frauen. Die Konvertitin trägt einen Radikalisierungsbonus, einen Eifer, der aus der Neuentdeckung stammt – und dieser Eifer ist im Milieu eine begehrte Ressource. Wer die Dynamik verstehen will, muss diesen Markt sehen: Die Bereitschaft zur strengeren Auslegung ist nicht Begleiterscheinung, sondern Attraktionskriterium. Das wiederum erhöht den Druck, die Abschottung weiter zu vertiefen, die Grenzen strenger zu ziehen, die Überlegenheit deutlicher zu inszenieren. Es entsteht eine Aufwärtsspirale der Frömmigkeitsdemonstration, in der die Konvertitin strukturell angehalten ist, die traditionell sozialisierte Muslimin zu überbieten.

Der entscheidende argumentative Punkt für diesen Essay lautet: Wenn der Islamismus aktiv junge Frauen aus säkularen westlichen Haushalten rekrutiert, dann ist er nicht mehr bloß ein migrationsgebundenes Binnenphänomen, das sich in der dritten Generation erledigt. Er ist eine werbende, expandierende ideologische Gegenordnung, die um Zugehörige konkurriert – auch unter Deutschen ohne muslimische Herkunft. Und sie gewinnt dort, wo die Aufnahmegesellschaft es versäumt hat, das eigene Legitimitätsmedium – Vernunft, Verfassung, bürgerliche Teilhabe – emotional tragfähig zu vermitteln. Die Bourdieu-Einsicht aus dem dritten Kapitel greift hier mit voller Wucht: Wo die säkulare Legitimitätswährung dünn wird, wirkt die religiöse als konkurrenzfähiges Angebot – auch bei denen, die historisch gar nicht dafür prädisponiert wären. Die deutsche Konvertitin wurde nicht auf ihre religiöse Zugehörigkeit reduziert. Aber sie fand in ihrer eigenen Gesellschaft keine ausreichend tiefe bürgerliche Zugehörigkeit, die ihren Sinnhunger hätte stillen können. Der Islam bot sie ihr an.

VIII. Migration und die westliche Gesellschaft: Wenn Quantität zur Frage wird

Spätestens mit der Massenmigration ab 2015 verschärfte sich die Debatte. Was zuvor unter der Oberfläche gärte, wurde zur offenen Frage: Wie vertragen sich massenhafte Zuwanderung aus mehrheitlich muslimisch geprägten Kulturkreisen mit den tragenden Grundsätzen einer freiheitlich-demokratischen Ordnung? Es ist der Umschlag von Quantität in Qualität. Die Frage lautet nicht mehr, ob Migration stattfindet, sondern welche weltanschaulichen Proportionen sie annimmt.

Charlier zeigt, dass der Wegfall der gesellschaftlichen Regulierung des islamischen Wertesystems in der Migration als Identitätsbedrohung erlebt wird. Die islamische Kultur ist in Hadithe und Sunna eingebettet (überlieferte Handlungen, Aussagen und Billigungen Mohammeds); dem Islam kommt neben der religiösen auch eine politische Rolle zu. Fällt das gesellschaftliche Umfeld weg, das diese Ordnung stützt, erleben viele das Brüchigwerden ihres Wertesystems als existenzielle Krise. Das Kind spürt den massiven Widerspruch zwischen innerfamiliären und außerfamiliären Erwartungen und gerät in einen psychischen Loyalitätskonflikt – den fruchtbaren Boden, auf dem Radikalisierung gedeihen kann.

Wer glaubt, dieses Problem löse sich in der zweiten oder dritten Generation von selbst, irrt. Charlier beschreibt die islamische Tradition als eine Form der kollektiven Übertragung – als Bestandteil eines kulturellen Gedächtnisses, das seine unbewusste Dimension einschließt und in das jeder Einzelne auf seine Weise hineingeboren wird. Diese transgenerationale Übertragung ist vom Verlauf der individuellen Sozialisation abhängig und als fester Bestandteil des Bewussten und Unbewussten im einzelnen Individuum wirksam. Benslama ergänzt: Traumata werden in langen Wellen von Generation zu Generation weitergegeben. Die Postmigranten-Generation ist deshalb oft nicht weniger, sondern mehr gefährdet als die erste – weil sie zwischen zwei Welten steht, ohne die Verwurzelung der Eltern in der Herkunftskultur und ohne die volle Ankunft in der Aufnahmegesellschaft. Die Radikalisierung junger Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ist kein Paradox – sie ist die Konsequenz einer unbewussten kulturellen Prägung, die durch den Loyalitätskonflikt der Migration nicht aufgelöst, sondern verschärft wird.

Was das konkret bedeutet, zeigt ein historisches Beispiel, das als Warnung für Deutschland gelesen werden muss: die Türkei. Atatürks Republik war ein radikal laizistischer Staat, in dem Kopftuchträgerinnen nicht einmal studieren durften. Durch eine Mischung aus externer Einflussnahme – der Iran exportierte nach seiner Revolution von 1979 systematisch islamistische Propaganda in die Türkei, über Botschaften, Radiosender und Agenten –, interner Sorglosigkeit und falscher taktischer Kalkulation wurde das Land innerhalb von zwei Jahrzehnten islamisiert. Die kemalistische Regierung glaubte, den Iran als Gegengewicht zum Irak nutzen zu können, und reagierte auf den schleichenden Revolutionsexport mit nicht mehr als diplomatischen Gesten. Erst als Anfang der neunziger Jahre Bombenattentate und Morde an laizistischen Persönlichkeiten folgten, versuchte man Gegenmaßnahmen – zu spät: Die Landbevölkerung war bereits islamisiert. 1996 kam die erste islamistische Regierung unter Necmettin Erbakan an die Macht, dem geistigen Vater Erdoğans.

Für Deutschland ist dieses Beispiel unmittelbar relevant. Denn die Kinder der ehemals mehrheitlich säkular eingestellten türkischen Gastarbeiter, die ab den sechziger Jahren einwanderten, neigen inzwischen stärker zum Islamismus als die Durchschnittsbevölkerung in der Türkei selbst. Bei den türkischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen schneidet Erdoğans AKP unter den in Deutschland lebenden Wählern regelmäßig besser ab als in der Türkei. Das ist die transgenerationale Übertragung in Aktion: nicht Ablösung von der Herkunftskultur, sondern Verhärtung – befeuert durch den Loyalitätskonflikt, den Charlier beschreibt, und verstärkt durch eine Aufnahmegesellschaft, die es versäumt hat, bürgerliche Identität statt religiöser Zugehörigkeit anzubieten. Es war, so der Bundestagsabgeordnete und Menschenrechtspolitiker Jürgen Braun, eine unglückliche Mischung aus falscher Taktik, übermäßiger Toleranz und einer unklugen Unterschätzung der politischen Wirksamkeit von Religion, die die Türkei in diese Lage gebracht hat. Deutschland darf nicht denselben Fehler begehen.

Wenn eine größere Zahl von Menschen in einer Kultur lebt, die Ambivalenz und Zweifel als Abfall vom Glauben deutet, entsteht eine systemische Reibung mit einer Gesellschaft, deren Freiheit genau darin besteht, Zweifel, Kritik und Widerspruch zuzulassen. Wo diese Reibung zu stark wird, kippt das Miteinander in ein Gegeneinander.

Verschärft wird diese Dynamik durch einen Faktor, den die öffentliche Debatte noch immer unterschätzt: die digitale Radikalisierung. Parallelgesellschaften entstehen heute nicht mehr nur räumlich, sondern im Algorithmus. Soziale Medien – TikTok, YouTube, Telegram – sind längst der primäre Radikalisierungskanal für junge Muslime. Die MOTRA-Studie dokumentiert, dass islamistische Propaganda gezielt die Adoleszentenkrisen nutzt, die Charlier und Benslama beschreiben, und sie exponentiell beschleunigt. Der Fahrstuhl des Narzissmus, von dem Benslama spricht, wird durch algorithmische Verstärkung noch schneller: Wo früher eine Radikalisierung Monate oder Jahre dauerte, kann sie über soziale Medien in wenigen Wochen ablaufen. Die Filterblase ersetzt die Moschee als Ort der Verhärtung, und die virtuelle Umma bietet eine Gemeinschaftserfahrung, die der reale soziale Kontext nicht mehr leisten kann. Es braucht keine räumliche Konzentration mehr, um eine geschlossene Weltanschauung aufrechtzuerhalten. Ein Smartphone genügt – und ein Text, der als unantastbares Wort Gottes gilt.

Die behördlichen Zahlen bestätigen diese Analyse in alarmierender Deutlichkeit. Der erste Islamismus-Monitor der Berliner Senatsverwaltung für Inneres, im April 2026 veröffentlicht, dokumentiert allein für die Hauptstadt mehr als eine Verdopplung der polizeilich erfassten Fälle politisch motivierter Kriminalität mit religiöser Ideologie: von 210 im Jahr 2023 auf 477 im Jahr 2024 und weiter auf 532 im Jahr 2025. Besonders drastisch ist der Anstieg bei den Propagandadelikten – ein Zuwachs von über 250 Prozent im ersten Jahr, nochmals 105 Prozent im zweiten. Entscheidend ist aber nicht nur die Quantität, sondern die methodische Verschiebung, die der Monitor offen benennt. Die Einstiegsschwelle liegt nicht mehr beim offenen Gewaltaufruf, sondern bei niedrigschwelliger Lebensberatung: Fragen wie „Darf ich zum Weihnachtsmarkt gehen?“ oder die schlichte Einordnung des Alltags in halal und haram sind heute das Einfallstor. Und das Zielpublikum sind zunehmend Minderjährige – Kinder und frühe Jugendliche, die noch gar nicht in einer Identitätskrise der Adoleszenz stehen, sondern deren Identitätsbildung vorverlagert abgegriffen wird. Das ist strategisch weitaus gefährlicher als die klassische Hasspredigt: Nicht der bereits Angefochtene wird radikalisiert, sondern der Noch-nicht-Geformte wird geformt. Wenn der Staat das selbst feststellt – und der Berliner Senat hat es nun offiziell festgestellt –, kann er sich künftig nicht mehr auf Unwissenheit berufen.

IX. Die empirische Lage: Was die Zahlen sagen

Die psychoanalytische und textuelle Analyse muss sich an der Empirie messen lassen. Der MOTRA-Monitor 2024/2025 des Bundeskriminalamts belegt: Unter Muslimen unter vierzig Jahren weisen 11,5 Prozent manifest islamismusaffine Einstellungen auf, weitere 33,6 Prozent gelten als latent islamismusaffin – zusammen 45,1 Prozent. Fast ein Viertel befürwortet einen islamischen Gottesstaat, ein weiteres Viertel erklärt die Koranregeln für wichtiger als die deutschen Gesetze. Besonders alarmierend ist ein Befund, der die im vorangegangenen Kapitel beschriebene Wir-Ihr-Weltordnung des Korantextes empirisch bestätigt: 29,1 Prozent der unter Vierzigjährigen weisen manifest antisemitische Einstellungen auf. Der Antisemitismus ist die konkreteste und gefährlichste Auswirkung jener dualistischen Grundarchitektur, die den Text durchzieht – die Teilung der Menschheit in Gläubige und Ungläubige, in die Gemeinde des Islam und die übrige, minderwertige Welt. Die Münsteraner Islam-Studie identifizierte eine Ressentiment-Gruppe von knapp zwanzig Prozent, von denen jeder Dritte Gewalt auf vermeintlich erlittenes Unrecht befürwortet. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen befand, dass fast 68 Prozent der befragten muslimischen Neuntklässler die Koranregeln über die deutschen Gesetze stellen.

Diese Zahlen erfordern präzise Einordnung: Islamismusaffin bedeutet nicht gewaltbereit. Sechzig Prozent der antidemokratisch eingestellten Muslime gehören zur Gruppe der sozial Ausgeschlossenen. Zugleich stammen sechzig Prozent der tatsächlich Radikalisierten nicht aus prekären Verhältnissen. Radikalisierung hat eine doppelte Wurzel: soziale Ausgrenzung und psychische Identitätskrise. Aber – und hier greifen die Zahlen und die Textanalyse ineinander – die Haltung, Koranregeln stünden über staatlichem Recht, ist nicht das Ergebnis sozialer Ausgrenzung. Sie ist das Ergebnis intensiver Beschäftigung mit einem Text, der genau das lehrt: dass Gottes Gesetz über dem Gesetz der Menschen steht. Nicht die Armut macht den Islamisten – der Text macht den Anspruch, und die Krise liefert die Bereitschaft.

Zur intellektuellen Redlichkeit gehört es, auch den umgekehrten Befund zu benennen: Derselbe Forschungsrahmen, der die islamismusaffinen Einstellungen unter jungen Muslimen dokumentiert, dokumentiert ebenso erhebliche muslimfeindliche Einstellungen in der deutschen Gesamtbevölkerung. Rund 43 Prozent zeigen entsprechende Haltungen, gut 28 Prozent davon manifest. Diese Zahl gehört auf den Tisch wie die erste, und wer sie verschweigt, macht sich der Selektivität schuldig, die dem eigenen Anliegen am Ende schadet. Zugleich ließe sich aus der parallelen Darstellung beider Befunde ein fataler Fehlschluss ziehen: die symmetrische Gleichsetzung. Sie verbietet sich aus empirischen Gründen. Denn die entscheidende Asymmetrie liegt in der Folgedimension. Islamistisch motivierte Terrorfälle machen in Deutschland rund neunzig Prozent aller Terrorfälle aus. Muslimfeindliche Einstellungen bleiben, so bedenklich sie sind, in der überwältigenden Mehrheit der Fälle Einstellungen – ohne gewaltsame Konsequenz. Wer diese Asymmetrie benennt, verharmlost keine Muslimfeindlichkeit; er verteidigt die Proportionen. Genau diese doppelte Ehrlichkeit – beide Zahlen, beide Wahrheiten, aber ohne falsche Symmetrie – ist die Voraussetzung dafür, dass die Forderung nach Differenzierung zwischen System und Mensch nicht als Rhetorik erscheint, sondern als empirische Pflicht.

X. Identität als Waffe: Amin Maaloufs Warnung

Die politische Gefahr liegt in der unauflöslichen Verbindung von Religion und Identität. Die Trennung von Kirche und Staat reicht heute nicht mehr aus; genauso wichtig wäre es, die Bereiche Religion und Identität voneinander zu trennen. Dieser Satz des Schriftstellers Amin Maalouf ist heute aktueller denn je.

Maalouf, als arabischer Christ und in Frankreich lebender Libanese sich selbst zu mehreren Identitäten bekennend, hat in Mörderische Identitäten den Mechanismus der verletzten Zugehörigkeit beschrieben: Oft neigt man dazu, sich gerade in seiner am stärksten angegriffenen Zugehörigkeit wiederzuerkennen. Die betreffende Zugehörigkeit beherrscht dann die gesamte Identität. Einwanderer aus islamischen Ländern werden oft erst in Europa zu Muslimen im identitären Sinn – weil sie von Behörden und Gesellschaft auf diese eine Zugehörigkeit reduziert werden.

Dieser Punkt ist unbequem, weil er sich an beide Seiten richtet. Wenn Religion zur Identität wird, wird sie zur Waffe. Doch wer wird zu dieser Identität getrieben? Nicht nur die eigene Tradition, sondern auch die Aufnahmegesellschaft, die den Einwanderer zum Muslim macht, bevor er sich als Bürger zeigen kann. Und wenn der so zum Muslim Gemachte dann nach einem Text greift, der diese Identität mit absolutem Anspruch füllt, schließt sich der Kreis: Die äußere Ausgrenzung trifft auf eine innere Ordnung, die Abgrenzung als göttliches Gebot versteht. Zugehörigkeit muss deshalb nicht religiös, sondern über bürgerliche Werte vermittelt werden – und diese Vermittlung muss von beiden Seiten kommen.

XI. Wann der Islam zur Gefahr wird – und wann nicht

Der Islam wird zur Gefahr nicht durch seine bloße Existenz, sondern durch die Verschränkung dreier Elemente: eines Textes, der eine feindselige Weltordnung als göttliche Wahrheit kodifiziert; einer Sozialisation, die Gehorsam über Individuation stellt; und einer politischen Instrumentalisierung, die Religion zur Identität und Identität zur Waffe macht.

Er wird zur Gefahr, wenn die Vater-Sohn-Struktur der Unterwerfung sich politisch in kollektive Unterwerfung übersetzt. Er wird zur Gefahr, wenn Zweifel nicht als Antrieb zur Erneuerung, sondern als Verrat geahndet wird. Er wird zur Gefahr, wenn die Projektion innerer Ohnmacht auf den äußeren Feind zum Motor von Gewalt wird. Und er wird zur Gefahr, wenn die Scharia nicht als religiöse Orientierung, sondern als politische Rechtsordnung gefordert wird – wie bei den Demonstrationen der verbotenen Hizb ut-Tahrir in Hamburg 2024, als offen nach dem Kalifat gerufen wurde.

Islamkritik als Aufklärung zielt daher nicht auf den Glauben als private Praxis, sondern auf drei Ansprüche: den Herrschaftsanspruch des Textes über das Recht; den Herrschaftsanspruch des Kollektivs über das Individuum; und den Herrschaftsanspruch der Vergangenheit über die Zukunft. Sie verteidigt die Trennung von Religion und politischer Macht, die Unabhängigkeit individueller Identität von religiöser Zugehörigkeit und die Offenheit von Gesellschaften für Vielfalt – nicht als Selbstzweck, sondern als Bedingung für Freiheit.

XII. Vom Angst-Islam zum Kultur-Islam: Integration als Individuation

Nicht alle Menschen aus islamischen Gesellschaften bleiben Gefangene des patriarchalen Angst-Islam. Wer die Mechanismen der globalen Identifizierung mit Vater und Autorität durchbricht, kann ein autonomes, freies Subjekt werden. Individuation bedeutet: Ambivalenz anerkennen, Selbstbestimmung gewinnen, Religion nicht mehr als Herrschaft, sondern höchstens als Tradition verstehen. Wer nicht mehr im Glauben, sondern höchstens mit Glauben lebt, ist in der offenen Gesellschaft angekommen.

Es gibt sie – jene, die sich vom Gehäuse des Islam lösen: Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour, Imad Karim, Necla Kelek, Seyran Ateş, die 2017 mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin einen Ort schuf, an dem Männer und Frauen gemeinsam beten, Mouhanad Khorchide, der eine Theologie der Barmherzigkeit vertritt, Kamel Daoud, dessen Roman Houris die Gewalt und Tabuisierung thematisiert. Sie haben sich gegen soziale Kontrolle und religiöse Überwältigung gestellt. Sie sind nicht gegen etwas – sie sind für die Freiheit. Und sie bezahlen dafür einen Preis, dessen Höhe man sich vergegenwärtigen muss: Hamed Abdel-Samad lebt seit Jahren unter permanentem Polizeischutz, nachdem ein ägyptischer Geistlicher eine Fatwa gegen ihn ausgesprochen hat. Seyran Ateş erhielt nach der Eröffnung ihrer liberalen Moschee so massive Morddrohungen, dass sie rund um die Uhr von Leibwächtern begleitet werden muss – in Berlin, im Jahr 2017. Salman Rushdie, der berühmteste Fall, lebte nach der Fatwa Khomeinis ein Jahrzehnt im Untergrund und wurde 2022 bei einer öffentlichen Lesung in New York durch Messerstiche fast getötet. Wer im Westen Islamkritik übt, riskiert nicht seinen Ruf – er riskiert sein Leben. Dass dieser Umstand in der öffentlichen Debatte kaum Empörung auslöst, gehört zu den beschämendsten Kapiteln westlicher Gleichgültigkeit.

Die radikalste dieser Stimmen ist die des Münsteraner Theologen Muhammad Kalisch, der als Professor für islamische Religionspädagogik berufen worden war, um künftige islamische Religionslehrer auszubilden – und der als Muslim die historisch-kritische Methode auf seine eigene Tradition anwandte. Kalisch kam zu dem Ergebnis, dass die islamische Überlieferung als Geschichtsquelle im strengen Sinn untauglich sei und dass wir nicht einmal sicher wissen, ob Muhammad als historische Person existiert hat. Sein Schluss war von bestechender Klarheit: Aus der Sicht der Vernunft seien Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und Pluralismus unverzichtbar; mit der Entwicklung dieser Rechtsgedanken mache ein religiös begründetes Rechtssystem keinen Sinn mehr. Er verlor dafür seine akademische Existenz. Die islamischen Verbände kündigten die Zusammenarbeit auf, die Universität entzog ihm die Lehraufgaben. Ein muslimischer Theologe, der die Aufklärung auf seinen eigenen Glauben anwandte, wurde nicht widerlegt – er wurde entfernt. Auch das gehört zum Preis, den die Aufklärung im islamischen Kontext fordert: nicht nur Leibwächter und Polizeischutz, sondern auch die stille Vernichtung einer Karriere durch die Institutionen, die eigentlich dem Wissen verpflichtet wären.

Was diese Menschen eint, ist bezeichnend: Sie lesen den Koran nicht mehr wörtlich. Sie behandeln ihn wie einen historischen Text, nicht wie ein göttliches Befehlsbuch. Sie sind, in der Sprache dieser Analyse, vom Angst-Islam zum Kultur-Islam übergegangen – denselben Weg, den Europa vom Kirchenglauben zum Kulturchristentum gegangen ist. Die Frage ist, ob sie noch Muslime im engeren Sinn sind oder Kulturmuslime. Die Antwort hat politische Tragweite: Integration gelingt nicht über religiöse Treue, sondern über die Ablösung von religiöser Totalität. Und das bedeutet immer auch: die Ablösung von der Wörtlichkeit eines Textes, der Totalität verlangt.

Leitkultur als Brücke

Dieser Weg setzt eine Aufnahmegesellschaft voraus, die weiß, was sie ist. Eine deutsche Leitkultur, die diesen Namen verdient, darf kein ethnisches Projekt sein. Sie ist ein Projekt der Freiheit. Eine starke, positive Kultur lädt ein, sie schließt nicht aus. Eine selbstbewusste, offene Nation hat kein Problem mit Zuwanderern, solange diese nicht die Grundordnung verachten, die sie aufgenommen hat. Zugleich muss diese Nation aufhören, Einwanderer auf ihre religiöse Zugehörigkeit zu reduzieren. Wer das Ich über das Kollektiv stellt, gehört dazu – nicht als Muslim, nicht als Flüchtling, sondern als Bürger.

XIII. Geschichte ist nicht determiniert – Freiheit ist Entscheidung

Es gibt keine zwingende Entwicklung vom Koran zu den Taliban – und es gab auch keine zwingende Entwicklung vom Deutschen Reich zum Frauenwahlrecht. Freiheit ist keine Garantie der Geschichte, sondern ihr mühsames Ergebnis. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Text, der Feindseligkeit als göttliche Wahrheit kodifiziert, friedliche Individuen hervorbringt, ist geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Text, der Zweifel und Barmherzigkeit lehrt, dies tut. Nicht determiniert heißt nicht gleichwahrscheinlich.

Das europäische Christentum hat den Weg vom bindenden Glaubenssystem zum kulturellen Brauchtum über Jahrhunderte zurückgelegt. Der Islam hat keinen vergleichbaren Prozess durchlaufen, aber nicht, weil er dazu unfähig wäre, sondern weil historisch-politische Umstände – der Zerfall des Osmanischen Reiches, die Kolonialisierung, das Scheitern säkularer Modernisierungsprojekte – eine endogene Reformbewegung verhindert haben. Zugleich ist die Reformresistenz des Korans strukturell höher als die der Bibel, weil er als unerschaffenes, ewiges Wort Gottes gilt und nicht als menschlich vermitteltes Zeugnis. Das ist kein Verdammungsurteil, aber eine Nüchternheit, ohne die man die Aufgabe nicht ermessen kann.

Man könnte einwenden, das Bild der mal geöffneten, mal geschlossenen Tore sei zu freundlich, weil die Tore nicht gleich leicht aufgehen. Daran ist etwas Wahres, ohne dass die schroffe Gegenthese trägt, alles Hohe der islamischen Geistesgeschichte sei bloß von außen entlehnt. Richtig ist eine mittlere Beobachtung: Die Tür zur autoritären Schließung öffnet sich aus eigenem Antrieb, während die Tür zur Reform sich meist erst unter dem Druck der Begegnung aufstoßen ließ – durch das griechische Erbe, das Averroes aufnahm, durch den Austausch mit jüdischer und christlicher Nachbarschaft, heute durch die europäische Moderne – und sich wieder zu schließen neigt, sobald dieser Druck nachlässt. Daraus folgt für einen europäisch geprägten Islam eine nüchterne Bedingung. Er hängt nicht von der Aufnahmebereitschaft allein ab, sondern davon, wie selbstbewusst die europäische Ordnung ihren eigenen Grund vertritt: nicht als ethnische Vorherrschaft, sondern als unbedingten Vorrang der freiheitlichen Verfassung. Das ist keine Hegemonie, die man verhängt, sondern eine Selbstachtung, die die aufnehmende Gesellschaft erst wollen muss, bevor sie sie verlangen kann.

XIV. »Der Islam gehört nicht zu Deutschland« – Anatomie eines missverstandenen Satzes

In der politischen Debatte Deutschlands gibt es kaum einen Satz, der so zuverlässig Empörung auslöst und so selten zu Ende gedacht wird wie dieser: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Wer ihn ausspricht, wird reflexhaft der Muslimfeindlichkeit bezichtigt. Wer ihn bestreitet, gibt vor, kein Problem zu sehen. Beide Reaktionen verfehlen den Kern. Denn der Satz hat, wenn man ihn vor dem Hintergrund der hier entfalteten Analyse liest, einen präzisen und verteidigungsfähigen Sinn.

Was zu Deutschland gehört, das ist die Aufklärung, die individuelle Freiheit, die Trennung von Religion und Staat, die Gleichheit von Mann und Frau, das Recht auf Zweifel, Kritik und Widerspruch. Was nicht zu Deutschland gehört, das ist ein System, das den Gehorsam über die Freiheit stellt, den Text über das Gesetz, das Kollektiv über das Individuum und die Vergangenheit über die Zukunft. In diesem Sinne gehört der Islam als totales Ordnungssystem – als Angst-Islam, wie ihn dieser Essay beschrieben hat – nicht zu Deutschland. Nicht weil er fremd ist, sondern weil er unvereinbar ist mit den Prinzipien, auf denen diese Gesellschaft ruht.

Aber der Mensch, der dem Gehäuse dieses Angst-Islam entwächst, der in der Lage ist, Ich zu sagen, der den Weg zur Freiheit individueller Selbstbestimmung gefunden hat – dieser Mensch gehört sehr wohl zu Deutschland. Er gehört zu uns, weil er dieselbe Entscheidung getroffen hat, die am Beginn jeder Aufklärung steht: die Entscheidung für die Mündigkeit. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Der sich emanzipiert habende Kulturmuslim schon. Auch hier gilt: Vive la différence!

Die AfD ist die Kraft im deutschen Parteiensystem, deren aufklärerische Islamkritik sich genau in dieser Differenziertheit bewegt. Sie erkennt die fundamentale Differenz an – zwischen dem Islam als System und dem Muslim als Individuum. Sie benennt, wo andere verdrängen. Sie zieht Konsequenzen, wo andere relativieren. Und sie eröffnet damit die Möglichkeit, der Gefahr zu widerstehen, Muslime an sich und für sich unterschiedslos zu betrachten. Wer den Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ als Diskriminierung hört, hat den Unterschied zwischen System und Mensch nicht begriffen. Wer ihn als Einladung zur Differenzierung versteht, ist auf dem Boden dieser Analyse angekommen.

Die AfD ist damit kein Feind der Muslime, sondern ein Partner derer, die nicht im Glauben leben, sondern in der Freiheit. Nicht nur prominente Islamkritiker, sondern viele im Alltag, die einfach dazugehören wollen: nicht als Muslime, sondern als Bürger. Die Tragik der deutschen Debatte liegt darin, dass ausgerechnet diese Differenzierung – die den einzelnen Menschen vor der pauschalen Zurechnung schützt – als menschenfeindlich diffamiert wird, während die pauschale Gleichsetzung aller Muslime mit dem Islam, die jede Kritik am System als Angriff auf den Menschen deutet, als humanitär gilt. In Wahrheit verhält es sich umgekehrt: Erst wer zwischen System und Mensch unterscheidet, nimmt den Einzelnen ernst.

XV. Die Unterwanderung benennen – Was zu tun ist

Bis hierher hat dieser Essay das Problem beschrieben – in seiner historischen Tiefe, seiner psychoanalytischen Struktur, seiner textuellen Grundlage, seiner empirischen Gegenwart. Was bisher fehlt, ist die Frage, die sich jedem aufdrängt, der die Analyse ernst nimmt: Was folgt daraus praktisch? Welche Konsequenzen zieht eine Gesellschaft, die nicht zuschauen will, wie sie unterwandert wird – und die zugleich nicht in den Fehler verfallen will, Muslime pauschal zu verdächtigen? Der investigative Journalist Sascha Adamek, der seit Jahren zum politischen Islam in Deutschland recherchiert, hat in seinem Buch Unterwanderung Material zusammengetragen, das diese Frage konkret beantworten lässt.

Zuvor jedoch eine notwendige Präzisierung der Begriffe. Wer von »politischem Islam« oder »Islamismus« spricht, meint in Wahrheit vier distinkte Phänomene, die in der öffentlichen Debatte häufig ineinanderfließen: erstens den jihadistischen Terrorismus offener Gewaltakteure wie al-Qaida oder des sogenannten Islamischen Staates; zweitens den legalistischen Islamismus der Muslimbruderschaft und ihrer Tochterorganisationen, der nicht mit Bomben, sondern mit Vereinen, Stiftungen und metapolitischer Begriffsarbeit operiert; drittens den staatlich gesteuerten politischen Islam, wie ihn der Iran seit 1979 oder die Türkei über die DITIB-Strukturen betreiben; und viertens den konservativen Milieuislam, der zwar traditionalistisch, aber nicht zwingend politisch-offensiv agiert. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, welche Maßnahmen gegen welches Phänomen angemessen sind. Der jihadistische Terror erfordert polizeiliche und nachrichtendienstliche Antworten; der legalistische Islamismus erfordert institutionelle Hygiene und Begriffsarbeit; die staatliche Einflussnahme erfordert außen- und integrationspolitische Antworten; der Milieuislam erfordert Bildung, Dialog und das Angebot einer bürgerlichen Alternative. Wer alles in einen Topf wirft, etikettiert nur, statt zu handeln. Dieses Kapitel konzentriert sich vornehmlich auf die zweite Kategorie – den legalistischen Islamismus –, weil sie in Deutschland die strukturell gefährlichste ist und zugleich diejenige, die am wenigsten benannt wird.

Das Maß des Problems – und die Grenze seiner Benennung

Bevor von Strategien und Netzwerken die Rede ist, gehört das Maß des Problems benannt. Der Verfassungsschutz weist für das Jahr 2024 ein islamistisches Personenpotenzial von 28.280 Personen aus, von denen 9.540 als gewaltorientiert gelten; die terroristische Gefährdung wird als anhaltend hoch eingestuft. Analytisch entscheidend ist nicht die Summe, sondern die Differenz. Die große Mehrheit dieses Potenzials ist gerade nicht gewaltorientiert, und eben dieser Teil bildet das Feld des legalistischen Islamismus. Er ist dem Selbstverständnis der offenen Gesellschaft nicht weniger, sondern in einer Hinsicht gefährlicher als der Attentäter, weil er sich innerhalb jener Formen bewegt, die der Rechtsstaat selbst bereitstellt: in Vereinen, im Dialog, in der Bildungsarbeit, in kommunaler Beteiligung, in parteipolitischer Nähe. Er bricht das Recht nicht, er bewohnt es. Die strukturelle Versuchung des Staates ist die Verwechslung von Legalität mit Harmlosigkeit, von formaler Gesetzestreue mit der Abwesenheit verfassungsfeindlicher Zwecke.

Doch genau hier entscheidet sich, ob Kritik Aufklärung bleibt oder in ihr Gegenteil umschlägt. Der Berliner Fall der Neuköllner Begegnungsstätte führt diese Grenze mit seltener Schärfe vor. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg erklärte 2018 die Nennung des Moscheevereins im Verfassungsschutzbericht 2016 für rechtswidrig – nicht, weil das Phänomen des legalistischen Islamismus eine Fiktion wäre, sondern weil der Bericht offenließ, ob dem Verein eigene verfassungsfeindliche Bestrebungen zugeschrieben oder ob er nur zur Erläuterung des legalistischen Islamismus erwähnt wurde. Das Gericht qualifizierte diese Undifferenziertheit als unzulässige Verdachtsberichterstattung und verlangte vor jeder Nennung eine eindeutige Einstufung. Im kantischen Licht gelesen ist dies keine Niederlage der Islamkritik, sondern ihre Bedingung: Verdacht ist kein Wissen. Was das Gericht im Verwaltungsrecht erzwang, ist exakt die epistemische Selbstbindung, die dieser Essay als Kern der Aufklärung beansprucht – die Trennung zwischen dem analysierbaren System und der konkreten Person oder Institution, der diese Unterscheidung geschuldet ist. Die beanstandete Nennung hatte System und Person ineinandergeschoben; das Gericht stellte sie auseinander. Die reife Antwort der Aufklärung ist daher weder die Naivität, die Legalität für Unbedenklichkeit nimmt, noch der Pauschalverdacht, der jeden Gläubigen unter Generalverdacht stellt, sondern die geduldige Arbeit der eindeutigen Einstufung: zu benennen, was sich zeigen lässt, und nur dieses.

Die Strategie ist dokumentiert

Zunächst muss mit einer verbreiteten Illusion aufgeräumt werden: Der Einfluss des politischen Islam in Deutschland ist kein Zufallsprodukt, keine unglückliche Nebenwirkung der Migration, keine Folge mangelnder Integration. Er ist Strategie. 2009 wurde bei einer Hausdurchsuchung bei einem mutmaßlichen Funktionär der Muslimbruderschaft ein Dokument auf Arabisch gefunden, das Adamek als Vierjahresplan bezeichnet. Darin sind drei Ziele beschrieben, die mit verblüffender Offenheit formuliert sind: Muslime sollen in der Gesellschaft sichtbarer werden und ihren Einfluss auf Eliten vergrößern; gesetzliche Normen sollen schrittweise so verändert werden, dass sie mit der Scharia kompatibel sind; und das Narrativ der Islamophobie soll in Medien und Öffentlichkeit etabliert werden, um Muslime als Opfer darzustellen und Kritik als Rassismus zu diskreditieren. Wer diese Strategie kennt, erkennt sie in der deutschen Debatte der letzten zwei Jahrzehnte auf Schritt und Tritt wieder.

Der Missbrauch öffentlicher Fördermittel

Die Strategie zeigt ihre konkreteste Wirkung dort, wo staatliche Fördermittel fließen, ohne dass die ideologische Ausrichtung der Empfänger geprüft wird. Adamek dokumentiert den Fall einer Berliner Kindertagesstätte, die mit 4,2 Millionen Euro Steuergeldern gefördert wurde. Ihr Betreiber ist Funktionär einer schiitischen Strömung, deren geistliches Oberhaupt, der irakische Großayatollah Ali as-Sistani, Fatwas erlassen hat, die man nicht wiedergeben kann, ohne die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten: Darin wird festgelegt, dass ein Mann mit einem Mädchen ab dem neunten Lebensjahr geschlechtlich verkehren dürfe – und dass, falls eines dieser Mädchen zuvor vergewaltigt wird, ein Blutgeld zu zahlen sei. Die Vergewaltigung von Kindern wird in dieser juristischen Halbwelt preislich eingepreist. In Berlin gibt es rund 1200 Kita-Träger; eine systematische Prüfung, wer hinter einer Einrichtung steht, findet nicht statt. Das ist nicht Religionsfreiheit. Das ist die Mitfinanzierung einer gegen die eigene Verfassungsordnung gerichteten Ideologie mit den Steuergeldern derer, die diese Verfassung schützt.

»Antimuslimischer Rassismus« – ein strategisches Wort

Zur dokumentierten Strategie gehört die Prägung eines Begriffs, der inzwischen selbst in Regierungskommunikationen Verwendung findet: antimuslimischer Rassismus. Der französische Philosoph Pascal Bruckner hat präzise analysiert, was dieser Begriff leistet: Er soll den Islam zu einem unantastbaren Thema machen, weil jeder, der ihn kritisiert, sich umgehend dem Rassismusvorwurf ausgesetzt sieht. Schon die Wortschöpfung, so Bruckner, sei einer totalitären Propaganda würdig: Sie vermischt zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, nämlich Religion und Rasse. Eine Religion zu kritisieren, ist kein Rassismus, ebenso wenig wie Katholizismuskritik Italienerfeindlichkeit wäre. Zielführend wäre es, bei konkreten Angriffen auf Muslime von Muslim- oder Islamfeindlichkeit zu sprechen – einem Begriff, der die Tat benennt, ohne die Religion vor jeder Kritik zu immunisieren. Stattdessen fließen nach Adameks Recherchen allein in Deutschland rund 25 Millionen Euro jährlich in Programme zur Bekämpfung eines Begriffs, für den es bis heute keine klare Definition gibt.

Was Bruckner von außen analysiert, formuliert der Münsteraner Islamtheologe Muhammad Kalisch von innen – und noch schärfer. Kalisch argumentiert: Wer Muslimen die Auseinandersetzung mit historisch-kritischen Fakten nicht zumute, setze sie auf die Stufe unmündiger Kleinkinder, denen man die Illusion des Weihnachtsmanns nicht nehmen wolle. Wer wirklich vom Gedanken der Gleichheit aller Menschen ausgehe, müsse auch allen Menschen dieselben intellektuellen Leistungen zutrauen. Die einen hielten Muslime für Barbaren, die anderen für edle Wilde – das Ergebnis sei dasselbe: Muslime seien anders als der Rest der Menschen und gehörten entweder in den Streichelzoo oder in das Raubtiergehege, auf jeden Fall aber in den Zoo. Das ist die präziseste Entlarvung der falschen Toleranz, die in der deutschen Debatte verfügbar ist – und sie stammt nicht von einem Islamkritiker, sondern von einem islamischen Theologen, der seine eigene Tradition ernst genug nahm, um sie der Vernunft auszusetzen.

Die verlorene Äquidistanz

Eine demokratische Gesellschaft muss zu allen Formen des Extremismus die gleiche Distanz wahren, egal ob sie von rechts, von links oder religiös motiviert sind. Adameks Hinweis auf die nackten Zahlen ist hier niederschmetternd: Islamistisch motivierte Terrorfälle machen in Deutschland derzeit rund neunzig Prozent aller Terrorfälle aus. Wer vor diesem Hintergrund den überwiegenden Teil der staatlichen Präventionsmittel und der öffentlichen Aufmerksamkeit auf andere Extremismen lenkt, hat die Äquidistanz verloren, die der demokratische Rechtsstaat voraussetzt. Das ist keine politische Frage des Geschmacks – es ist eine Frage der intellektuellen Redlichkeit.

Gaslighting: Wenn die Politik bestreitet, was die Menschen erleben

Am gefährlichsten ist aber ein Phänomen, das Adamek mit einem Begriff aus der Psychologie belegt: Gaslighting. Wenn Politik und Medien behaupten, es gäbe nicht, was die Menschen in bestimmten Stadtteilen, an bestimmten Schulen, auf bestimmten Schulhöfen täglich erleben, dann entsteht ein doppelter Schaden. Erstens bleibt das Problem ungelöst, weil man es nicht benennen darf. Zweitens verlieren große Teile der Bevölkerung das Vertrauen in Institutionen, die ihnen ihre eigene Wahrnehmung absprechen. Dieser Vertrauensverlust ist nicht reparabel durch mehr Kampagnen gegen Rechts. Er ist nur reparabel durch Wahrhaftigkeit. Wer die Probleme beim Namen nennen will, muss dies ohne Angst tun dürfen, auch wenn das Ergebnis unbequem ist. Das DEVI-Projekt in Berlin-Neukölln, das religiöses Mobbing an Schulen wissenschaftlich erforschen wollte, wurde als rassistisch diffamiert und verhindert. Der damalige Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel, der eine breitere Untersuchung anregte, stieß auf massive Widerstände aus der eigenen Partei. Wer gesellschaftliche Phänomene verstehen will, muss sie erforschen dürfen. Ein Land, in dem kritische Fragen unter Tabu stehen, ist kein aufgeklärtes Land.

Was zu tun ist

Aus dieser Analyse ergeben sich konkrete Forderungen, die keine Partei allein stemmen kann, die aber auf der Tagesordnung aufgeklärter Politik stehen müssen. Erstens: Benennungsfreiheit wiederherstellen. Wer Probleme benennt, darf nicht als Rassist abgestempelt werden. Die Wiederherstellung einer sachlichen Debattenkultur ist die Grundvoraussetzung für alles Weitere. Zweitens: Wissenschaftliche Erforschung ermöglichen, nicht verhindern. Studien zu Zwangsehen, religiösem Mobbing, innerislamischer Gewalt, antisemitischen Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen müssen gefördert, nicht diffamiert werden. Drittens: Prüfung staatlicher Fördermittel. Wer Steuergelder erhält, muss sich der Frage stellen lassen, welche Ideologie er vertritt. Religionsfreiheit ist kein Freifahrtschein für die staatliche Alimentation fundamentalistischer Netzwerke. Viertens: Äquidistanz zu allen Extremismen. Die Verteilung staatlicher Präventionsmittel muss der tatsächlichen Bedrohungslage entsprechen, nicht den politischen Präferenzen der Zuständigen. Fünftens: Metapolitische Begriffsbildung nicht dem politischen Islam überlassen. Begriffe wie antimuslimischer Rassismus müssen kritisch hinterfragt, durch präzisere Begriffe ersetzt und nicht unkritisch in die Regierungskommunikation übernommen werden. Sechstens: Schutz für Islamkritiker. Wer wie Ateş, Abdel-Samad oder Mansour unter permanenter Lebensgefahr steht, verdient mehr als Leibwächter – er verdient die offensive Solidarität des Staates und der Zivilgesellschaft, die er verteidigt.

Die Rolle der AfD – und ihre Grenzen

Die AfD ist, wie im vorangegangenen Kapitel gezeigt, derzeit die einzige Kraft im deutschen Parteiensystem, die diese Fragen konsequent benennt. Das ist ein Verdienst – und zugleich ein Problem. Ein Verdienst, weil sie die notwendige Debatte am Leben hält, die ohne sie längst erstickt wäre. Ein Problem, weil die Aufgabe größer ist als eine Partei und weil die Reduktion dieser Debatte auf eine Parteiposition den etablierten Kräften den bequemen Ausweg eröffnet, das Thema als rechts abzustempeln, anstatt es ernst zu nehmen. Was es braucht, ist eine breite Koalition aus Aufklärern jenseits der Parteigrenzen: Liberale, die ihre eigenen Prinzipien wiederentdecken; Sozialdemokraten wie Hikel, die ihre eigene Partei zur Wahrhaftigkeit drängen; konservative Stimmen, die den Mut zur Benennung finden; und Muslime selbst, die wie Ateş, Abdel-Samad und Khorchide von innen gegen den politischen Islam kämpfen. Die AfD kann den Anstoß geben. Die Antwort muss breiter sein. Denn die Aufklärung ist kein parteipolitisches, sondern ein zivilisatorisches Projekt – und sie gewinnt nur dann, wenn sie aufhört, sich in den Kategorien links oder rechts zu verorten, und stattdessen das einzig relevante Kriterium anlegt: Freiheit oder Unterwerfung.

Am Ende lässt sich der Kern dieses Kapitels in drei Sätzen zusammenfassen, die zugleich die Drehung markieren, auf die es ankommt – weg vom Religionsproblem, hin zum Staatsversagen: Nicht der gläubige Muslim ist das Problem, sondern jede Bewegung, die Religion in ein Herrschaftsinstrument verwandelt. Das eigentliche Skandalon liegt nicht nur in den Netzwerken selbst, sondern in einem Staat, der sie zu lange verharmlost, mit ihnen kooperiert oder sie sogar alimentiert hat. Wer Religionsfreiheit schützt, muss auch den Missbrauch der Religion zu politischen Machtzwecken unterbinden.

Die Zeit drängt. Adamek formuliert es in bemerkenswerter Nüchternheit: Wenn wir die Dinge einfach so weiterlaufen lassen, kippt das Land. Die radikalislamische Unterwanderung geschieht schleichend, aber sie geschieht. Die MOTRA-Zahlen, die türkische Erfahrung, die Fakten der Adamek-Recherche sind keine Alarmismen – sie sind der Befund. Wer ihn kennt und nicht handelt, trägt die Verantwortung für das, was kommt.

XVI. Ausblick: Freiheit bewahren – Identität entgiften

»Nur durch das Aufbrechen exklusiver Loyalitäten und das Vertrauen in die universale Vernunft kann ein friedliches Zusammenleben gelingen.«

Amin Maalouf, Mörderische Identitäten

Hier liegt die fundamentale Differenz: Der Westen lebt vom Fortschritt, der Islam von der Rückbindung an den Ursprung. Aufklärung heißt Zukunft gestalten, Islam heißt Vergangenheit bewahren. Wer Freiheit verteidigen will, muss diesen Unterschied benennen – ohne ihn zu beschönigen und ohne daraus ein Verdammungsurteil abzuleiten. Denn Aufklärung ist kein westliches Eigentum. Sie ist ein universelles Projekt, das überall dort beginnt, wo ein Mensch den Schritt aus der Unmündigkeit wagt.

Al-Maʿarri versuchte es im 11. Jahrhundert in Syrien und wurde vergessen. Averroes versuchte es im 12. Jahrhundert in Córdoba und wurde von seiner eigenen Kultur verstoßen. Heute versuchen es Abdel-Samad, Ateş und Daoud. Abdel-Samad lebt unter Polizeischutz, Ateş wird von Leibwächtern begleitet, Rushdie wurde niedergestochen. Der Preis für Aufklärung im islamischen Kontext ist nicht die Unbeliebtheit, die ein europäischer Intellektueller riskiert – es ist das nackte Leben. Und dennoch beweisen sie alle: Die Unmündigkeit ist nicht das Schicksal des Islam, sondern ein Zustand, den man verlassen kann – wenn man bereit ist, einen Text als historisch zu lesen, den die Tradition als ewig erklärt hat.

In diesem Sinne ist Islamkritik kein Ende von Integration – sondern ihr Anfang. Sie schafft die Grundlage dafür, dass aus Fremden Bürger werden können. Frei, selbstbestimmt – und gleich.

Quellenverzeichnis

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