Feindmarkierung. Über Herkunft, Symbolik und Funktionslogik der Antifa
Jeder hat das Zeichen schon hundertmal gesehen, ohne es je gelesen zu haben. Zwei kleine Fahnen, eine schwarz, eine rot, in einen Kreis gestellt und leicht nach links geneigt.

Es klebt auf Jacken und Laptops, es weht auf Demonstrationen, es taucht in Reden des Bundestags auf. Wer es trägt, ist überzeugt, etwas ganz Selbstverständliches zu bekennen: Ich bin gegen den Faschismus. Wer könnte etwas dagegen haben?
Genau hier beginnt das Missverständnis. Denn dieses Zeichen bekennt sich nicht zu einer Haltung. Es markiert eine Funktion. Und wer diese Funktion einmal verstanden hat, der versteht auch, warum in Deutschland im Jahr 2026 eine staatliche Behörde sich öffentlich „Antifa“ nennen kann, während dieselbe Behörde die gewaltbereiten Träger dieses Namens in ihren eigenen Berichten als linksextrem führt.
Es lohnt sich also, das der Reihe nach aufzudröseln. Nicht, weil die Geschichte besonders unterhaltsam wäre, sondern weil sie eine Mechanik freilegt, die heute, in diesen Wochen, unmittelbar wirkt.
Woher das Logo kommt
Beginnen wir bei dem Bild selbst. Die zwei Fahnen sind kein Einfall einer spontanen Bürgerbewegung und kein Symbol des Jahres 1968. Sie wurden 1932 entworfen, von zwei Grafikern namens Max Gebhard und Max Keilson, die für die Kunstorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands arbeiteten. In der Urfassung waren beide Fahnen rot. Erst Jahrzehnte später, in der autonomen Szene der Bundesrepublik, wurde eine davon schwarz eingefärbt – das gab dem Ganzen den rebellischen, anarchischen Anstrich, den es heute trägt.
Der Name dieser damaligen Schöpfung lautete „Antifaschistische Aktion“. Ausgerufen wurde sie im Sommer 1932 in der Parteizeitung der Kommunisten, der „Roten Fahne“, und auf einem großen Kongress in Berlin gegründet. Gesteuert wurde das Ganze aus einem bestimmten Gebäude im Zentrum Berlins, dem Karl-Liebknecht-Haus, der Reichszentrale der KPD. Dort liefen die Fäden zusammen – und die Linie, nach der man sich richtete, kam nicht aus Berlin. Sie kam aus Moskau, von der kommunistischen Weltzentrale, der Internationale.
Das ist der erste Punkt, und man sollte ihn sich merken: Die „Antifaschistische Aktion“ war von Anfang an ein Werkzeug, kein Wertekanon. Ein Etikett, das nach Widerstand aussah und in Wahrheit eine Strategie bezeichnete.
Geboren aus Feindschaft gegen das System
Nein, Kommunisten und Nationalsozialisten waren nicht im Grunde dasselbe gewesen, Brüder im Geiste, beide „links“. Die NSDAP war eine Partei der völkischen Rechten, rassistisch, antisemitisch und ausdrücklich gegen den Marxismus gerichtet; den (linken) Flügel seiner Bewegung, der das Wort „sozialistisch“ ernst meinte, hat Hitler 1934 mit Ernst Röhm und seinen Leuten ermorden lassen. Beide waren allerdings totalitär-kollektivistisch und haben so zusammengewirkt.
Sie hatten eine Gemeinsamkeit, die genügte: Beide verachteten die junge deutsche Demokratie der Weimarer Republik. Beide wollten sie nicht verbessern, sondern wegräumen. Man stelle sich zwei Boxer vor, die einander hassen – die sich aber noch mehr darin einig sind, dass sie den Schiedsrichter aus dem Ring werfen wollen. Genau das war die Lage. Und diese geteilte Verachtung des Schiedsrichters machte die Kommunisten und die Nationalsozialisten zeitweise zu Verbündeten gegen den, der ihnen beiden wirklich im Weg stand: die Demokratie selbst.
Wer war für die Kommunisten dieser Feind? Nicht in erster Linie Hitler. Sondern die SPD, die Sozialdemokraten – also die gemäßigte, die wirklich demokratische Linke. Auf Anweisung Moskaus erklärte die KPD die Sozialdemokraten zu „Sozialfaschisten“, zu angeblichen Faschisten in anderem Gewand, und damit zum Hauptgegner. Man lese das ruhig zweimal: Die eigentlichen Demokraten wurden zu „Faschisten“ erklärt – und so zum vorrangigen Ziel.
Wie weit das ging, zeigt ein Vorgang aus dem Jahr 1931. In Preußen sollte per Volksentscheid die demokratisch gewählte Regierung des Sozialdemokraten Otto Braun gestürzt werden. Betrieben wurde das von der Rechten, von Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Und die Kommunisten? Sie stimmten mit – Seite an Seite mit den Nazis, gegen die demokratische Regierung. Nicht, weil sie dasselbe wollten wie Hitler. Sondern weil beide dieselbe Regierung loswerden wollten.
Die Rechnung der Kommunisten reichte sogar noch weiter. Sie glaubten, eine Herrschaft Hitlers werde nur ein kurzes Zwischenspiel sein, nach dem dann ihre eigene Stunde schlage – „nach Hitler kommen wir“. Es war eine Fehlkalkulation von monströsem Ausmaß. Aber sie war nur möglich, weil die Kommunisten die Demokratie nie schützen, sondern immer beseitigen wollten.
Und die „Antifaschistische Aktion“ war das freundliche Gesicht dieser Strategie. Ihr Ziel war, das steht in den eigenen Papieren, nicht die Rettung der Demokratie und nicht das Aufhalten Hitlers, sondern: die Zerschlagung der bestehenden Ordnung und die Errichtung einer kommunistischen Diktatur nach sowjetischem Muster. Antifaschismus war von Geburt an kein Ziel. Er war ein Mittel.
Antifaschismus ist eine Funktion, keine Gesinnung
Damit sind wir beim Herzstück. Und das Gute daran ist: Hierfür braucht man keine Geschichtskenntnisse mehr. Die Mechanik funktioniert 1932 wie 2026, immer gleich.
Eine Bewegung, die sich „antifaschistisch“ nennt, behauptet, gegen etwas zu kämpfen – gegen den Faschismus. Die entscheidende Frage ist nur: Wer bestimmt eigentlich, wer „Faschist“ ist? Die Antwort lautet: die Bewegung selbst. Kein Gericht entscheidet das, kein Parlament, keine nachprüfbare Regel. Sie zeigt mit dem Finger und sagt: der da. Und aus dem Fingerzeig leitet sie sofort das Recht ab, zuzugreifen.
Das ist alles. Mehr ist es nicht. Aber es ist verheerend. Denn wenn jeder zum „Faschisten“ erklärt werden kann, dann ist Gewalt gegen jeden zu rechtfertigen – man muss ihn vorher nur so genannt haben. Das eigentlich Politische, hat der Staatsrechtler Carl Schmitt einmal gesagt, sei die Unterscheidung von Freund und Feind. Die Antifa hat daraus ein Verfahren gemacht: Sie verleiht sich selbst die Vollmacht, den Feind zu benennen, und tut so, als folge aus dem Namen schon das Urteil.
Man muss das nicht im Lehrbuch nachlesen, man kann es in der deutschen Geschichte besichtigen. Die DDR hat dieses Verfahren zur Staatsdoktrin gemacht. Ihr „Antifaschismus“ war der Generalschlüssel, mit dem sich alles rechtfertigen ließ – sogar die Mauer, die man allen Ernstes „antifaschistischen Schutzwall“ nannte. Wer das System bekämpfte, war eben Faschist. So einfach, so total.
Daraus folgt übrigens auch, warum man die Antifa missversteht, wenn man nach ihrer Mitgliederliste fragt. Es gibt keine, und es muss keine geben. Selbst die Sicherheitsbehörden sagen: „die“ Antifa als feste Organisation existiert gar nicht. Das ist kein Einwand gegen das hier Gesagte – es ist der Beweis dafür.
Antifa ist keine Mitgliedschaft, sondern eine Logik und ein Etikett. Eben deshalb kann sie alles umfassen, von der harmlosen Vorfeldgruppe bis zur Schlägertruppe, und sich überall dort andocken, wo der Feind schon benannt ist.
Und man muss für all das nicht einmal in die DDR zurückgehen. Im Juni 2026 erklärte der frisch gewählte Vorsitzende der Linkspartei, Luigi Pantisano, im Gespräch mit der „Bild“, es gebe „keinen Unterschied“ zwischen der CDU, „die faschistische Politik macht“, der AfD und „den Faschisten selbst“. Nicht ein vermummter Autonomer sagte das, sondern der Chef einer im Bundestag vertretenen Partei. Und das Ziel war diesmal nicht einmal die AfD, sondern die CDU – eine Regierungspartei.
Das ist die Sozialfaschismus-Formel von 1932 in neuem Anzug. Damals war „Sozialfaschist“, wer Sozialdemokrat war; heute ist „faschistisch“, wer in der CDU sitzt. Der Mechanismus ist derselbe: Der demokratische Konkurrent wird zum Faschisten erklärt, und schon ist er kein legitimer Gegner mehr, sondern ein Feind.
Das Bemerkenswerte war diesmal, wer widersprach. Nicht nur die Union, die darin eine Verhöhnung der wirklichen Opfer des Faschismus sah. Sondern auch die eigene Partei – die Spitzenkandidatin der Linken in Sachsen-Anhalt nannte die Aussage „inakzeptabel“. Und am schärfsten die linke „taz“, die den Satz auf den Punkt brachte: Wenn alles Faschismus ist, ist am Ende nichts mehr Faschismus. Genau das ist der Kern.
Wer den Begriff so weit dehnt, dass er von der vermummten Schlägertruppe bis zur CDU reicht, hat ihn nicht geschärft, sondern entwertet – und damit die wahren Verbrechen, für die er einmal stand, verharmlost.
Pantisano hat seinen Satz tags darauf als „verkürzt“ zurückgenommen. Aber das ist Schadensbegrenzung, kein Sinneswandel. In dem unbedachten Moment, im Wahlkampf um den eigenen Vorsitz, hat sich die Funktion gezeigt, von der dieser ganze Text handelt: Der Feind wird nicht festgestellt, er wird ernannt. Und er ist immer nur ein vermeintlicher.
Die Geschichte eines Hauses
Es gibt einen Ort in Berlin, an dem man diese Kontinuität anfassen kann. Das Karl-Liebknecht-Haus in der Kleinen Alexanderstraße. Von 1926 bis 1933 war es die Zentrale der KPD; hier wurde die „Antifaschistische Aktion“ geplant, hier saßen die Männer, die ihr Logo entwarfen, hier kamen die Weisungen aus Moskau an. 1933 nahmen es die Nationalsozialisten in Besitz. Nach dem Krieg zog die SED ein, die Staatspartei der DDR. Und heute? Heute ist es die Bundeszentrale der Linkspartei.
Von der KPD über die SED bis zur heutigen Linken liegen Zwangsvereinigung, Umbenennungen und Neugründungen – es ist keine schlichte Gleichheit. Die Adresse beweist nicht, dass jeder Demonstrant von heute ein heimlicher Stalinist wäre. Was sie beweist, ist etwas anderes und es genügt: dass eine Partei sich bis heute in eine Tradition stellt, deren Gründungszweck antidemokratisch war. Wenn Politiker dieser Partei heute das Antifa-Logo hochhalten und sagen „Ich bin Antifa“, dann ist das keine Ironie. Es ist Traditionsbewusstsein. Und man sollte sie beim Wort nehmen.
Der blinde Fleck des Staates
Nun zu dem Vorgang, der aus der Geschichte ein Problem der Gegenwart macht.
Im Oktober 2024 veröffentlichte der niedersächsische Verfassungsschutz – eine staatliche Behörde – auf der Plattform X einen Beitrag und leitete ihn mit einem Schlachtruf der linken Szene ein: „Siamo tutti antifascisti!“, wir sind alle Antifaschisten. Dazu schrieb der Behördenaccount, selbstverständlich sei auch man selbst Antifa. Später erklärte die Behörde, gemeint sei eine antifaschistische Haltung im demokratischen Sinne, ganz im Einklang mit der Verfassung.
Diese Erklärung ist ernst zu nehmen, und sie ist nicht unredlich. Es gibt einen demokratischen Antifaschismus, der nichts weiter heißt, als zur Verfassung zu stehen. Nur: Das Problem löst sich damit nicht auf.
Eine Behörde, die zur Neutralität verpflichtet ist, greift zu einem Kampfbegriff, dessen gewaltbereite Träger sie in ihren eigenen Berichten als extremistisch einstuft. Sie übernimmt die Selbstbeschreibung eines politischen Randes und merkt offenbar nicht, in welcher Geschichte sie damit steht. Wer prüfen will, wie schief das ist, drehe es einmal um und denke sich die spiegelbildliche Aussage am anderen Rand – sie wäre über Nacht ein Staatsskandal. Dass die Empörung nur in eine Richtung ausschlägt, ist selbst schon der Befund.
Und die Behörden wissen es ja besser. Sie schreiben es sogar auf. In den Verfassungsschutzberichten steht klar: Das gewaltbereite linksextreme Lager wird vor allem von den Autonomen gebildet, Gewalt gehört zu ihrem Selbstverständnis, das Feld „Antifaschismus“ steht im Zentrum ihrer Aktionen – und ihr eigentliches Ziel, die bestehende Ordnung mit Gewalt zu beseitigen, werde aus taktischen Gründen oft verschwiegen. Das ist nicht die Anklage eines Gegners. Das ist die amtliche Selbstauskunft des Staates über jene Bewegung, mit der Teile desselben Staates sich öffentlich gemein machen.
Die Gewalt ist kein Ausrutscher, sie ist Methode
Über die Gewalt redet man im Umfeld der Antifa am wenigsten gern. Belegt ist sie trotzdem – und zwar nicht durch Hörensagen, sondern durch Gerichtsurteile. Im Komplex „Antifa Ost“ sind Beteiligte rechtskräftig verurteilt worden, wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und schwerer Angriffe. Das zugehörige Milieu, international als „Hammerbande“ bekannt, hat Menschen mit Hämmern und Schlagstöcken lebensgefährlich verletzt – mitunter nur deshalb, weil das Opfer eine Kleidermarke trug, die in der Szene als „rechts“ gilt.
Die Logik ist immer dieselbe: Wer als Feind benannt ist, darf angegriffen werden. Und wer Feind ist, bestimmt die Bewegung selbst.
Dass diese Gewalt längst über Deutschland hinausreicht, zeigt der Blick ins Ausland. Die Vereinigten Staaten haben „Antifa“ im September 2025 als inländische terroristische Organisation eingestuft und im November dieselbe Gruppe „Antifa Ost“ auf die Liste ausländischer Terrororganisationen gesetzt. Ungarn führt Antifa und „Hammerbande“ seit Ende September 2025 als Terrororganisationen. Man mag über die juristische Tragweite solcher Listen streiten – aber dass ausgerechnet in Deutschland Politiker und eine Verfassungsschutzbehörde sich mit einem Namen schmücken, der anderswo auf Terrorlisten steht, ist mehr als ein Stilbruch. Es ist ein Befund über den Zustand des Landes.
Die Umkehrung: Wer ist hier totalitär?
Und damit in die Gegenwart, zur Probe aufs Exempel.
Für den Bundesparteitag der AfD am 4. und 5. Juli 2026 in Erfurt richten sich die Sicherheitsbehörden nach internen Lageberichten auf mehr als 50.000 Gegendemonstranten ein, darunter bis zu 2.500 gewaltbereite Linksextremisten; andere Auswertungen desselben Berichts nennen eine Spanne von 1.000 bis 5.000. Erwartet werden bis zu dreißig Blockadepunkte, koordinierte Sperraktionen, der Versuch, die Anreise der Delegierten zu verhindern. Was zunächst als schlimmstmöglicher Fall galt, halten die Behörden inzwischen für realistisch.
Den Rahmen bildet ein Bündnis namens „Widersetzen“, das den Parteitag offen eine „faschistische Zusammenrottung“ nennt und ankündigt, mit Zehntausenden die Zufahrten zu blockieren – jede Minute Verzögerung zähle. Und das Entscheidende ist nicht die Straße. Es ist die Deckung von oben: Die Fraktionsvorsitzende der Linken warb für die Proteste, die Gewerkschaft ver.di in Nordrhein-Westfalen rief zur Teilnahme auf.
Hier kann man die ganze Mechanik in Echtzeit besichtigen. Eine Kampagne erklärt die in den Umfragen stärkste Partei des Landes zum „Faschisten“. Aus dieser selbst gewählten Erklärung leitet sie das Recht ab, deren legalen Parteitag rechtswidrig zu verhindern. Und Parlament und Gewerkschaft reichen die moralische Deckung nach.
Es stellt sich eine Frage, die sich aus dem Material von selbst beantwortet: Wer handelt hier eigentlich gegen den demokratischen Prozess? Wer beansprucht, eine gewählte Partei von ihren Rechten auszuschließen? Wer ist hier, beim genauen Hinsehen, der Totalitäre?
Und es bleibt nicht beim Parteitag. „Nach Erfurt ist vor Magdeburg“ – so kündigt es ein anonymer Beitrag auf der Plattform Indymedia an, die das Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert linksextremistisch beobachtet. Für den 6. September 2026, den Wahltag in Sachsen-Anhalt, heißt es dort, man werde an diesem Tag – vom Verfasser zur „faschistischen Machtübernahme“ erklärt – „den Magdeburger Landtag stürmen“, mit Antifas aus ganz Deutschland. Die AfD liegt in den Umfragen bei rund 42 Prozent; die Behörden haben die Gefährdungslage hochgestuft und planen mehrere Hundertschaften.
Die Drohung ist zwar anonym, ob hinter ihr eine Schar oder ein Einzelner steht, ist offen. Aber auf die Zahl kommt es nicht an. Es kommt auf den Satz an. Denn in ihm vollendet sich diese ganze Geschichte mit kalter Logik:
Ein Wahlsieg – der schlichteste, unbestreitbarste Akt der Demokratie, das Kreuz von Millionen Bürgern auf einem Stimmzettel – wird im Voraus zur „faschistischen Machtübernahme“ erklärt. Aus dieser selbst verliehenen Umdeutung wird das Recht abgeleitet, das gewählte Parlament zu stürmen. Der Feind ist jetzt nicht mehr eine Partei und nicht ihr Kongress. Der Feind ist das Wahlergebnis selbst. Totaler lässt sich Feindschaft gegen das System nicht mehr formulieren.
Und nun die Probe, die alles offenlegt. Man stelle sich vor, eine anonyme Gruppe vom rechten Rand kündigte an, sie werde im Falle eines Wahlsiegs der „falschen“ Partei mit Gleichgesinnten aus dem ganzen Land den Landtag stürmen. Wie viele Minuten, schätzen Sie, vergingen bis zur Sondersendung, die 24 mal 7 wochenlang auf allen Kanälen wiederholt würde, bis zur betroffenen Mahnung des Bundespräsidenten, bis zum Großaufgebot gleich mehrerer Verfassungsschutzämter?
Ob Erfurt oder Magdeburg, das Muster ist dasselbe, und es hat drei Rollen. Die Zehntausenden stellen die Masse und die Kulisse, die der Sache den Anschein des Volkswillens gibt. Die wenigen Tausend aggressiv Gewaltbereiten stellen die Tat. Und die Politiker und Funktionäre, die zur Teilnahme aufrufen, stellen die Deckung. Mitschuldig macht sich nicht, wer demonstriert; das Recht zu demonstrieren hat jeder, und die Mehrheit dieser Menschen ist, auch nach Einschätzung der Polizei, friedlich. Mitschuldig macht sich, wer die Gewalt und die Blockadelogik toleriert, weil sie den vermeintlich richtigen Feind trifft.
Auf diesem einen Wort ruht alles: vermeintlich. Denn der Feind ist nur ein vermeintlicher. Niemand hat bewiesen, dass hier ein Faschist steht; niemand hat es in einem fairen Verfahren festgestellt. Die Bewegung hat es sich selbst gesagt. Genauso war es 1932, als „Sozialfaschist“ hieß, wer in Wahrheit Demokrat war. Genauso ist es geblieben. Wer die Gewalt deshalb hinnimmt, weil das Opfer ja „ohnehin der Richtige“ sei, hat den ältesten Trick nicht durchschaut – den Trick, ein Anti vor das zu setzen, was man selbst ist.
Er hat dem Definitionsmonopol der Bewegung zugestimmt und damit genau das preisgegeben, worauf der Rechtsstaat ruht: dass nicht der politische Gegner darüber befindet, wer angegriffen werden darf, sondern allein das Gesetz. Und das Gesetz sagt: Niemand.
Was bleibt
Man braucht keine fremden Argumente, um die Antifa zu delegitimieren – sie tut es mit ihren eigenen Tatsachen: mit der Herkunft ihres Zeichens aus dem Apparat einer später verbotenen, demokratiefeindlichen Partei; mit einem Gründungszweck, der nie die Demokratie schützen, sondern immer nur eine Diktatur errichten wollte; mit einer Logik, die sich anmaßt, den Feind selbst zu bestimmen und ihn dann anzugreifen, zu erledigen. Wenn nicht physisch, dann halt durch Verbot.
Aber die eigentliche Anklage richtet sich nicht an die Vermummten. Die haben nie etwas anderes behauptet, als zu sein, was sie sind. Sie richtet sich an jene, die jeden Tag „Unsere Demokratie“ im Munde führen und sich im „Kampf gegen Rechts“ zu einer Front vereinen – an die Parteien, die Behörden, die Sender, die genau wissen, woher diese Bewegung kommt, und die sie trotzdem decken, dulden, hofieren.
Sie sind es, die die Grenze verwischen, die zu verteidigen sie vorgeben: die Grenze zwischen dem politischen Gegner, den man bekämpft, und dem Feind, den man vernichten darf. Sie haben das Instrument von 1932 geerbt, und sie bedienen es mit ruhiger Hand: Erkläre den Konkurrenten zum Faschisten – und du musst dich mit seinen Argumenten nie wieder befassen.
Wer „Unsere Demokratie“ sagt und jene meint, die sich gegen die stärkste politische Kraft des Landes und einen wachsenden Teil seiner Bürger verbünden, der hat das Wort schon verraten, das er zu schützen vorgibt. Wer den Hammer auf dem Schädel des politischen Gegners hinnimmt, weil er den vermeintlich Richtigen trifft, ist nicht der Wächter der Demokratie. Er ist ihr Totengräber im Gewand des Antifaschisten.