Die Selbstvergiftung des Standorts- oder: Die politische Ökonomie des Industriestrompreises, Update Mai 2026

Frank-Christian Hansel

Der Industriestrompreis ist die letzte Rettungsgeste eines Staates, der vorher selbst das Preisdach in Brand gesetzt hat – und sich jetzt als Feuerlöscher feiern lassen will. Das Muster ist eindeutig: Zuerst werden Strompreise durch politische Entscheidungen künstlich verteuert, dann wird ein Teil dieser Verteuerung für eine privilegierte Klientel mit Milliarden-Subventionen wieder „repariert“. Genau diese Logik liegt hinter der aktuellen Debatte um den Industriestrompreis – erst unter Habeck, jetzt unter Merz.

Deutschland hat heute mit die höchsten Strompreise in Europa – sowohl für Haushalte als auch für Unternehmen. Laut Eurostat lagen die Strompreise für Haushalte im ersten Halbjahr 2025 mit rund 38–39 Euro pro 100 kWh an der EU-Spitze. Für Unternehmen liegen die Industriestrompreise etwa 25 Prozent über dem europäischen Durchschnitt, während in Nordamerika und China Strom für die Industrie teils bei rund 8 Cent/kWh liegt. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer spricht offen davon, dass Energiepreise – insbesondere in Deutschland – weltweit zu den höchsten zählen und Strom hier bis zu fünfmal so teuer sein kann wie an konkurrierenden Standorten.

Diese Schieflage ist kein Naturereignis, sondern politisch erzeugt. Jahrzehntelang wurde die Energiewende auf der Prämisse aufgebaut, dass hohe Energiepreise „erwünscht“ seien: als Lenkungsinstrument gegen CO₂ und gegen „Verschwendung“. Ausbauzwänge für Wind- und Solarenergie mit garantierten Vergütungssätzen, ein komplexes System aus Umlagen und Abgaben, der deutsche Sonderweg beim Atomausstieg, ein beschleunigter Kohleausstieg, immer höhere CO₂-Preise im Emissionshandel und im nationalen Brennstoffemissionshandel – all das hat die Kostenstruktur des deutschen Stromsystems verzerrt und strukturell verteuert. Parallel dazu steigen Netz- und Systemkosten, weil ein immer instabileres System mit gigantischen Netzausbauprogrammen, Reservekraftwerken und Redispatch-Maßnahmen „am Laufen“ gehalten werden muss.

Das Ergebnis: Strom in Deutschland ist selbst nach dem Extremjahr 2022 auf einem dauerhaft erhöhten Niveau stabilisiert worden – nur eben deutlich oberhalb früherer Preise. Die Politik hat damit zielstrebig ein Hochpreisregime geschaffen, das im globalen Wettbewerb für ein Hochindustrieland schlicht toxisch ist. Erst als reihenweise energieintensive Unternehmen Investitionen einstellten, Produktionslinien verlagerten oder offen mit Abwanderung drohten, kam der politische Wendepunkt: Plötzlich wurde der Industriestrompreis zum „Schlüsselinstrument“ der Standortrettung.

Unter der Ampel war es Wirtschaftsminister Habeck, der einen dauerhaft subventionierten „Brückenstrompreis“ für ausgewählte Industrieunternehmen wollte – massiv finanziert aus Steuergeld. Damals liefen Union und Teile der FDP dagegen Sturm und bezeichneten das Konzept als industriepolitische Bankrotterklärung und Einstieg in eine Dauersubventionierung. Heute, unter der Merz-Regierung, kündigt Wirtschaftsministerin Reiche ab 1. Januar 2026 selbst einen Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen an – gestützt auf EU-Beihilferecht, mit Preisuntergrenzen von etwa 5 Cent/kWh und einem großzügigen befristeten Subventionsrahmen.

Parallel dazu werden die Netzentgelte mit Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds bezuschusst – allein 2026 mit rund 6,5 Milliarden Euro, insgesamt bis 2029 mit etwa 26 Milliarden Euro. Auch die Stromsteuer für Teile des produzierenden Gewerbes wird auf den EU-Mindestsatz gesenkt. Auf dem Papier sieht das nach Entlastung aus. In der Sache ist es das Eingeständnis, dass das politisch geschaffene Preisniveau überhaupt erst diese Subventionsorgie notwendig macht.

Genau hier liegt die politische Absurdität: Der Staat treibt durch Regulierung, Abgaben, CO₂-Preise, Ausstiegspolitik und ein schlecht designtes Marktdesign die Strompreise nach oben – um dann einen Teil dieser künstlich erzeugten Kosten für eine ausgewählte Gruppe wieder herunterzusubventionieren. Die Kosten dafür werden aber nicht aus dem Nichts bezahlt, sondern von denselben Bürgern und Unternehmen, die zuvor mit hohen Strompreisen zur Kasse gebeten wurden: über Steuern, Umlagen, Verschuldung und Umwidmung von Mitteln aus dem Klima- und Transformationsfonds.

Für die politische Kommunikation ist dieses Modell ideal:

Die Politik kann sich zuerst als konsequente Klimaretterin inszenieren – hohe Preise als „notwendige Härte“ im Namen der Transformation. Wenn die ökonomischen Folgen dann unübersehbar werden, tritt sie als Retterin der Industrie auf: Stahlgipfel im Kanzleramt, dramatische Warnungen vor Deindustrialisierung, medienwirksame Versprechen eines „standortsichernden“ Industriestrompreises. Dass der Brandstifter und der Feuerwehrmann dieselbe Figur sind, soll niemand mehr sehen.

Hinzu kommt: Der Industriestrompreis ist kein neutrales Instrument, sondern eine massive Marktverzerrung mit eingebauter Ungerechtigkeit. Er bevorzugt große, energieintensive Unternehmen, die im Wettbewerb mit globalen Konkurrenten stehen – Stahl, Chemie, Grundstoffindustrie. Diese Branchen sind zweifellos systemrelevant. Aber während sie subventionierten Strom bekommen, bleiben große Teile des Mittelstands – Bäcker, Metzger, Kühlbetriebe, Metallverarbeiter, Rechenzentren, viele Dienstleister – außen vor oder profitieren nur am Rand. Vertreter des Handwerks und Verbraucherverbände kritisieren, dass Entlastungspakete und Industriestrompreis vor allem eine eng definierte Klientel bedienen und den Rest zurücklassen. Damit wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen:

Nicht derjenige, der effizient produziert, investiert und kalkuliert, hat einen Vorteil – sondern derjenige, der politisch als „systemrelevant“ definiert wird und die besten Lobbykanäle in Ministerien und nach Brüssel hat. Unternehmen werden damit ermutigt, weniger in Kostensenkung und mehr in politische Einflussnahme zu investieren. Genau das ist das Gegenteil von marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik.

Gleichzeitig wird der grundlegende Konstruktionsfehler nicht behoben: Deutschland bleibt ein Hochpreisstandort, dessen Stromkosten selbst nach Subventionen deutlich über denen von USA, Kanada oder China liegen. Studien von Prognos, Bertelsmann-Stiftung und Verbänden der Familienunternehmen zeigen seit Jahren, dass Deutschland bei Energiepreise und Importabhängigkeit strukturell im Nachteil ist – und dass selbst ein Industriestrompreis diese Lücke nur abmildert, aber nicht schließt.

Hinzu kommt die finanzielle Dimension: Nach Berechnungen und Haushaltsentwürfen plant die Bundesregierung, allein zwischen 2026 und 2029 über 40 Milliarden Euro aufzuwenden, um Energie- und insbesondere Stromkosten über Netzsubventionen, Steuererleichterungen und spezielle Förderprogramme zu drücken. Das ist eine gigantische Umverteilungsmaschine – finanziert aus einem Klima- und Transformationsfonds, der ursprünglich einmal Dekarbonisierungsinvestitionen fördern sollte und nun zu einem Strompreis-Notfalltopf degeneriert. Die eigentliche, ehrliche Lösung – eine grundlegende Revision der Energiepolitik – wird damit weiter vertagt.

Update Mai 2026: Inzwischen ist aus der Ankündigung Regierungspraxis geworden. Die Europäische Kommission hat den deutschen Industriestrompreis beihilferechtlich genehmigt; die Bundesregierung führt das Instrument für die Jahre 2026 bis 2028 ein. Profitieren sollen Unternehmen aus 91 strom- und handelsintensiven Sektoren, der Zielpreis liegt bei 5 Cent je Kilowattstunde beziehungsweise 50 Euro je Megawattstunde, beantragt werden kann die Entlastung Anfang 2027 rückwirkend für das Jahr 2026. Damit ist nun offiziell, was sich politisch längst abgezeichnet hatte: Deutschland schafft keinen dauerhaft wettbewerbsfähigen Strompreis, sondern organisiert eine nachträgliche Schadenskompensation für ausgewählte industrielle Großverbraucher.

Die neue Regelung bestätigt damit die Grundthese dieses Beitrags. Der Industriestrompreis senkt nicht das allgemeine Kostenniveau des deutschen Stromsystems. Er beseitigt weder die hohen Netzentgelte noch die Kosten von Redispatch, Reservekapazitäten, Abgaben, Umlagen, CO₂-Bepreisung und politisch erzwungener Pfadabhängigkeit. Er legt lediglich eine staatlich finanzierte Entlastungsschicht über ein strukturell zu teures System. Während einige energieintensive Branchen eine Atempause erhalten, bleiben Handwerk, Mittelstand, Handel, viele Dienstleister und Privathaushalte weiterhin im Hochpreisregime gefangen.

Genau darin liegt die ordnungspolitische Brisanz: Der Staat definiert erst durch seine eigene Energiepolitik ein Kostenniveau, das für den Industriestandort gefährlich wird, und entscheidet anschließend politisch, wer vor den Folgen dieser Politik geschützt wird und wer nicht. Wettbewerbsfähigkeit entsteht so nicht mehr aus günstigen Standortbedingungen, Produktivität und verlässlicher Energieversorgung, sondern aus Beihilfefähigkeit, Sektorenzugehörigkeit und Zugang zu staatlichen Entlastungsprogrammen. Der Industriestrompreis ist deshalb kein industriepolitischer Befreiungsschlag, sondern die amtliche Beglaubigung der Selbstvergiftung des Standorts.

Man kann bzw. muss den Industriestrompreis daher als Symptom einer doppelten Schizophrenie lesen: Klimapolitisch hält man am teuersten Kurs fest, trotz wachsender Zweifel an der Effizienz dieses Weges und den offensichtlichen Kollateralschäden für den Standort. Wirtschaftspolitisch ersetzt man Strukturreformen durch Subventionen, baut neue Abhängigkeiten auf und verschiebt die Rechnung in die Zukunft – in Form von Schulden, unterlassener Investitionen und schleichender Deindustrialisierung.

Solange die Große Koalition aus CDU und SPD – wie zuvor schon die Ampel – an der Logik „erst verteuern, dann subventionieren“ festhält, bleibt der Industriestrompreis ein potemkinsches Dorf: ein glänzender Kulissenbau vor einer Landschaft aus strukturell überhöhten Strompreisen, wachsender Staatsabhängigkeit der Industrie und einem Mittelstand, der die Zeche zahlt. Die Betriebe kotzen, oder, um es freundlicher auszudrücken, wie es der Deutschte Industrie- und Handelskammertag (DIHK) macht, schieben Frust. Keine Aussicht auf Besserung der Lage!

Nach der nun erfolgten Genehmigung des Industriestrompreises ist die Debatte einen Schritt weiter. Die Regierung kann sich nicht mehr auf Absichtserklärungen zurückziehen. Sie hat ihr Modell offenbart: keine strukturelle Strompreissenkung für alle, sondern selektive Beihilfe für wenige; keine Rücknahme der Kostentreiber, sondern Verwaltung ihrer Folgen und energiepolitischer Reparaturbetrieb auf Steuerzahlerkosten. Damit wird der Industriestrompreis endgültig zum Symbol einer Politik, die den Standort erst schwächt und sich anschließend für seine künstliche Beatmung feiern lässt.

Eine konsistente Alternative würde genau umgekehrt vorgehen: Statt erst zu verteuern, um dann zu subventionieren, muss der Staat die politisch erzeugten Kostentreiber konsequent zurückfahren: Stromsteuer ehrlich senken – für alle, nicht nur für eine privilegierte Industrie; Abgaben und Umlagen verschlanken; das Marktdesign so reformieren, dass preiswerte und gesicherte Leistung, Speicher und flexible Nachfrage marktwirtschaftlich vergütet werden; Planungs- und Genehmigungsrecht drastisch beschleunigen; technologieoffen agieren, statt teure Pfadabhängigkeiten (z. B. beim forcierten Kohle- und Atom-Ausstieg) auf Jahrzehnte zu zementieren. Die Rezeptur ist bekannt. Es fehlt der politische Wille der Noch-Regierenden, bis der Souverän die Wende erzingt.