Die Lebenslügen der Republik – und warum ihre Diagnose längst AfD-Programm ist! Eine Replik

Frank-Christian Hansel

Wenn ein Spitzenrepräsentant der deutschen Arbeitgeber im Handelsblatt über die „Lebenslügen der Deutschen“ schreibt, dann ist das zunächst kein oppositioneller Akt, sondern ein innerelitäres Alarmsignal. Steffen Kampeter formuliert in seinem Gastbeitrag nichts weniger als eine Fundamentalkritik an den mentalen, politischen und institutionellen Selbsttäuschungen der Bundesrepublik. Bemerkenswert ist jedoch nicht die Schärfe der Diagnose – sondern die Tatsache, dass sie in weiten Teilen deckungsgleich mit dem ist, was die Alternative für Deutschland seit Jahren programmatisch formuliert, während sie politisch genau für diese Positionen ausgegrenzt wird.

Diese Diskrepanz verdient eine präzise, sachliche Konfrontation.

I. Reformstau und die Illusion der Dauerstabilität

Kampeter beginnt mit der ersten Lebenslüge: der Vorstellung, alles könne im Wesentlichen so bleiben, wie es ist. Diese Mentalität – politisch beruhigend, ökonomisch ruinös – habe in der Vergangenheit Strukturwandel verzögert und verteuert. Wandel werde nicht gestaltet, sondern vertagt.

Genau hier setzt die AfD seit Jahren an. Ihre Kritik richtet sich nicht gegen Wandel als solchen, sondern gegen verordneten, ideologischen und planwirtschaftlichen Wandel, der Investitionen zerstört, Wertschöpfung vertreibt und Anpassungsfähigkeit lähmt. Während das politische Zentrum Stabilität mit Stillstand verwechselt, fordert die AfD Ordnungspolitik statt Interventionsspiralen, Technologieoffenheit statt Zwang und Planungssicherheit statt permanentem Richtungswechsel.

Die Übereinstimmung ist offensichtlich: Reformen sind notwendig. Der Unterschied liegt allein darin, wer sie benennt und wer sie politisch durchsetzen darf.

II. Wachstum als moralisch delegitimierte Notwendigkeit

Die zweite Lebenslüge trifft den Kern der aktuellen Wohlstandskrise: die Idee, Wachstum sei verzichtbar oder gar moralisch suspekt. Kampeter weist nüchtern darauf hin, dass ohne produktives Wachstum weder Sozialstaat, noch Innovation, noch staatliche Handlungsfähigkeit tragfähig bleiben.

Dies ist seit jeher eine tragende Säule der AfD-Programmatik. Der entscheidende Zusatz lautet hier jedoch: Wachstum ist keine abstrakte Kennziffer, sondern das Ergebnis konkreter Rahmenbedingungen – insbesondere von Energieverfügbarkeit, Kostenstrukturen und Investitionsfreiheit. Die AfD benennt damit offen, was im Mainstream nur verklausuliert erscheint: Die gegenwärtige Klima- und Energiepolitik wirkt als systematischer Wachstumsverhinderer.

Kampeter beschreibt die Symptome. Die AfD benennt die Ursachen.

III. Arbeit, Fehlanreize und der Mythos der Überlastung

Die dritte Lebenslüge richtet sich gegen die Behauptung, Deutschland arbeite zu viel. Kampeter verweist auf ein im internationalen Vergleich niedriges Arbeitsvolumen und auf Fehlanreize im Steuer- und Transfersystem. Arbeitszeitverkürzungsdebatten seien in einer Phase struktureller Schwäche realitätsfern.

Auch hier folgt das AfD-Programm exakt dieser Logik. Die Partei argumentiert nicht moralisch, sondern systemisch: Wer Arbeit unattraktiv macht, darf sich über Fachkräftemangel und stagnierende Produktivität nicht wundern. Steuerentlastungen, eine klare Zumutbarkeitslogik im Bürgergeld, zusätzliche Erwerbsanreize im Rentenalter – all das entspricht exakt dem, was Kampeter als notwendig beschreibt.

Der Unterschied: Während der Arbeitgebervertreter analysiert, zieht die AfD die politische Konsequenz – und wird genau dafür skandalisiert.

IV. Die Rentenfrage als eigentliche Bruchlinie

Erst bei der vierten Lebenslüge zeigt sich eine echte Differenz. Kampeter erklärt den Satz „Die Rente ist sicher“ zur gefährlichen Illusion und folgt damit der klassischen Logik von Demografie, Beitragszahlern und Leistungskürzungen. Implizit läuft diese Argumentation auf höhere Eintrittsalter, geringere Leistungen oder steigende Beiträge hinaus.

Die AfD widerspricht hier bewusst – nicht der Problembeschreibung, sondern der Antwort. Sie akzeptiert die demografische Realität, lehnt aber eine einseitige Lastenverschiebung auf Arbeitnehmer und Rentner ab. Stattdessen fordert sie Systembereinigung, das Ende versicherungsfremder Leistungen, höhere Erwerbsbeteiligung, Produktivitätssteigerung und kapitalgedeckte Ergänzungen.

Das ist kein Wegschauen, sondern eine alternative Prioritätensetzung: Generationengerechtigkeit darf nicht mit Rentenkürzung gleichgesetzt werden.

V. Bildung, Leistung und der Abschied vom Selbstbild

Die fünfte Lebenslüge betrifft das nationale Selbstverständnis. Deutschland sei längst nicht mehr das „Land der Dichter und Denker“, Bildungsstudien zeigten einen alarmierenden Kompetenzverlust. Kampeter spricht von einer sozialen Zeitbombe.

Auch hier ist die Nähe zur AfD-Position unübersehbar. Leistungsprinzip, frühe Förderung, klare Standards, Sprachkompetenz als Voraussetzung – all das sind seit Jahren Kernforderungen der Partei. Der Unterschied liegt erneut nicht in der Analyse, sondern im Mut zur Konsequenz. Wo der Mainstream Probleme beschreibt, aber im System verharrt, fordert die AfD eine strukturelle Neuausrichtung.

Die eigentliche Lebenslüge

Die eigentliche Lebenslüge liegt nicht in den fünf Punkten Kampeters. Sie liegt darin, zu glauben, man könne diese Diagnose stellen, ohne die politischen Machtverhältnisse zu verändern, die genau diese Fehlentwicklungen hervorgebracht haben.

Der Handelsblatt-Text liest sich in weiten Teilen wie eine ökonomisch entschärfte Zusammenfassung des AfD-Programms – allerdings ohne dessen Namen zu nennen und ohne den Mut, die systemischen Ursachen klar zu benennen: Ideologisierte Politik, moralische Übersteuerung, parteipolitische Selbstblockade.

Die konstruktive Konfrontation lautet daher:
Wenn selbst das wirtschaftliche Establishment die Problemanalyse der AfD teilt, dann ist nicht das Programm das Problem – sondern das politische System, das seine Umsetzung verhindert.

Oder zugespitzt:
Die Republik erkennt ihre Lebenslügen. Sie weigert sich nur, denen zu folgen, die sie seit Jahren offen aussprechen.