Zwischen Erfahrung und politischer Mündigkeit – Was der SPIEGEL am Phänomen „Migranten und AfD“ nicht verstehen will oder kann. Eine Replik

Frank-Christian Hansel

Dass Menschen mit Migrationsgeschichte in wachsender Zahl die AfD wählen, wird im SPIEGEL als paradoxes Randphänomen inszeniert. Dabei zeigt bereits ein nüchterner Blick auf die porträtierten Biografien: Hier handelt es sich nicht um politische Ausreißer, sondern um einen strukturellen Stimmungswandel innerhalb sehr unterschiedlicher Herkunftsmilieus. Afrikanisch, kurdisch, polnisch oder russlanddeutsch – die Wege nach Deutschland unterscheiden sich, doch die politischen Schlussfolgerungen ähneln sich auffallend.

Serge Menga, der aus dem Kongo stammt, lehnt die Reduktion auf eine vermeintliche Opferidentität entschieden ab. Sicherheit, Ordnung und Leistungsprinzip sind für ihn keine abstrakten Werte, sondern konkrete Voraussetzungen für gesellschaftliche Stabilität. Dass ausgerechnet linke Milieus ihm politische Mündigkeit absprechen wollen, empfindet er selbst als eine Form von Bevormundung. Seine Nähe zur AfD entsteht nicht aus Herkunftsbewusstsein, sondern aus dem Wunsch, nicht länger in identitätspolitische Erwartungshaltungen eingespannt zu werden.

Kerim Erdem, Sohn eines kurdischen Flüchtlings, wird politisch durch eine andere Erfahrung geprägt: das Gefühl staatlicher Übergriffigkeit während der Corona-Zeit. Entscheidend für ihn war nicht ein ideologischer Richtungswechsel, sondern das Erleben politischer Gesprächsverweigerung bei den etablierten Parteien – und gleichzeitiger Offenheit bei der AfD. Seine heutige Migrationskritik speist sich nicht aus kultureller Abwehr, sondern aus der Überzeugung, dass Integration reale Grenzen kennt und staatliche Steuerung notwendig ist.

Christoph Raczek, 1989 aus Polen eingewandert, verkörpert den Typus des aufgestiegenen Leistungsbürgers. Seine Kritik gilt vor allem der als ungerecht empfundenen Verteilung staatlicher Mittel. Wenn Schulen verfallen, während Sozialausgaben für Migration steigen, entsteht für ihn ein Gefühl politischer Schieflage. Seine AfD-Nähe ist kein kultureller Reflex, sondern ein Ordnungsvotum gegen aus seiner Sicht falsch gesetzte Prioritäten.

Diana Zimmer schließlich steht für eine postmigrantische Generation der Russlanddeutschen. In ihren Milieus ist die AfD längst nicht mehr Protestpartei, sondern etablierte politische Kraft. Sicherheitsbedenken, kulturelle Verunsicherung und der Eindruck staatlicher Kontrollschwäche prägen ihren Weg. Auch hier entsteht politische Entscheidung nicht aus ideologischer Radikalisierung, sondern aus dem Gefühl, dass der Staat seine Schutzfunktion nicht mehr zuverlässig erfüllt.

Diese Biografien zeigen ein gemeinsames Grundmuster: Der Weg zur AfD entsteht nicht aus Herkunft, sondern aus Erfahrung von Kontrollverlust, kultureller Entgrenzung, Statuskonkurrenz und politischer Nicht-Repräsentation. Gerade wer Integration selbst durchlebt hat, entwickelt oft ein besonders scharfes Gespür für ihre Grenzen. Migration wird dann nicht mehr moralisch, sondern funktional bewertet.

Genau hier beginnt jedoch die Schieflage der SPIEGEL-Darstellung. Denn statt diese Motive als legitime politische Gründe anzuerkennen, werden sie systematisch psychologisiert. Sicherheit wird zur „gefühlten Unsicherheit“, Ordnung zur „Abwehrhaltung“, Leistungsdenken zur „Statussicherung“. Die porträtierten Personen erscheinen nicht als politisch souveräne Bürger, sondern als erklärungsbedürftige Abweichler vom erwarteten Migranten-Narrativ.

Auch das Thema Rassismus wird asymmetrisch behandelt. Rassistische Entgleisungen einzelner AfD-Politiker werden ausführlich dokumentiert – völlig zu Recht. Der reale Rassismus, den AfD-nahe Migranten aus dem linken Milieu erfahren, bleibt dagegen bloße Randnotiz. Wenn Serge Menga kritisiert, dass ihm politische Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird, wird das nicht als ernstzunehmender Vorwurf behandelt, sondern fast als Kuriosum. Rassismus gilt im SPIEGEL offenbar nur in eine Richtung als politisches Problem.

Besonders deutlich zeigt sich das beim Thema Integration. Dass Migranten selbst sagen, das Land könne nicht unbegrenzt weitere Zuwanderung verkraften, wird als paradoxer Widerspruch inszeniert. Tatsächlich widersprechen diese Menschen nicht ihrer Biografie, sondern einer Ideologie, die Migration ausschließlich moralisch, nicht mehr funktional betrachtet. Wer selbst erfahren hat, wie Integration gelingt – und wie sie scheitert –, romantisiert sie nicht.

Hier wirkt ein weiterer Mechanismus: soziale Aufstiegskonkurrenz. Viele AfD-nahe Migranten haben sich ihren Status über Jahre erarbeitet. Neuankömmlinge werden dann nicht mehr als Schicksalsgenossen wahrgenommen, sondern als Konkurrenz um Wohnraum, soziale Leistungen, Sicherheit und kulturelle Deutungshoheit. Diese Abgrenzung erfolgt nicht primär ethnisch, sondern ordnungspolitisch.

Der SPIEGEL erkennt diesen Wandel nicht als politischen Reifungsprozess, sondern deutet ihn als innere Distanzierung von den „eigenen Reihen“. Damit hält er an einem überholten Bild fest: Migranten als natürliche Verbündete einer grenzenlosen Migrationspolitik. Wer ausschert, wird erklärt, nicht ernst genommen. Wer widerspricht, wird problematisiert, nicht widerlegt.

Doch genau hier liegt die eigentliche politische Bedeutung des Phänomens: AfD-nahe Migranten sind kein Betriebsunfall der Partei, sondern ein Indikator für den Autoritätsverlust des bisherigen Migrationsnarrativs. Diese Menschen sehen sich längst nicht mehr als Teil einer migrantischen Sondergemeinschaft, sondern als Teil eines Gemeinwesens, dessen Ordnung sie gefährdet sehen.

Die eigentliche Blindstelle des SPIEGEL liegt somit nicht in der Beschreibung der Biografien, sondern in der Weigerung, deren politische Konsequenzen voll anzuerkennen. Dass Migranten die AfD auch aus Überzeugung wählen – nicht aus Verirrung, Frust oder innerer Spaltung –, bleibt als Möglichkeit ausgesperrt. Damit offenbart sich weniger die Schwäche dieser Wähler als die Unsicherheit eines verzerrten medialen Weltbildes, das seine alten Gewissheiten nicht mehr verteidigen kann.