It’s the clouds, stupid! - Zur physikalischen und verfassungsrechtlichen Grundfrage der Energiewende
Die Energiewende beruht auf einer scheinbar einfachen Annahme: Steigende Konzentrationen von Kohlendioxid (CO₂) führten dazu, dass immer weniger Wärme von der Erde ins All entweiche. Dadurch wachse das energetische Ungleichgewicht des Klimasystems, was eine fortschreitende Erwärmung unvermeidlich mache. Diese Kausalkette bildet den Kern der Klimamodelle des IPCC und ist zugleich das normative Fundament einer Politik, die Klimaschutz zum übergeordneten Staatsziel erhebt.
Für die Zeit seit etwa dem Jahr 2000 erwartete der IPCC daher einen messbaren Rückgang der sogenannten ausgehenden langwelligen Strahlung (Outgoing Longwave Radiation, OLR) – also der Wärmestrahlung, die die erwärmte Erde wieder in den Weltraum abstrahlt. Steigendes CO₂ sollte diese Abstrahlung behindern. Erwartet wurde ein Rückgang um etwa 0,6 bis 0,8 W/m², ein klarer physikalischer „Fingerabdruck“ eines verstärkten Treibhauseffekts (vgl. IPCC AR6, WG1, Kapitel 7).
Diese Erwartung ist empirisch überprüfbar. Und genau hier beginnt der Bruch zwischen Modell und Realität.
Satellitengestützte Messungen der globalen Strahlungsbilanz an der Oberkante der Atmosphäre – insbesondere aus dem CERES-Programm (Clouds and the Earth’s Radiant Energy System) der NASA – zeigen seit dem Jahr 2000 keinen Rückgang, sondern einen Anstieg der OLR. Bereits Norman Loeb et al. (2012) zeigen in Journal of Climate, dass sich die ausgehende Wärmestrahlung erhöht hat:
👉 https://doi.org/10.1175/JCLI-D-11-00343.1
Dieser Befund wurde später bestätigt und fortgeschrieben. In Loeb et al. (2021) (Geophysical Research Letters) wird explizit gezeigt, dass die Erde heute mehr Wärme ins All abstrahlt als zu Beginn des Jahrhunderts:
👉 https://doi.org/10.1029/2021GL093047
Die Erde verliert also mehr Wärme – der postulierte CO₂-bedingte „Wärmestau“ ist in den Beobachtungsdaten nicht nachweisbar.
Gleichzeitig zeigen dieselben CERES-Daten jedoch eine andere, entscheidende Entwicklung: Die absorbierte Solarstrahlung (Absorbed Solar Radiation, ASR) – also der Teil des Sonnenlichts, der nicht reflektiert, sondern tatsächlich aufgenommen wird – ist seit 2000 stark gestiegen. Genau dieser Anstieg erklärt nahezu vollständig das wachsende Energieungleichgewicht der Erde, wie Loeb et al. (2021) ausdrücklich feststellen:
👉 https://doi.org/10.1029/2021GL093047
Das Klimasystem lädt sich energetisch nicht auf, weil weniger Energie entweicht, sondern weil mehr Sonnenenergie hineingelangt.
Um diesen Befund zu verstehen, muss man einen Schritt vor die Treibhausfrage zurückgehen und klären, wie viel Sonnenenergie überhaupt ins System gelangt. Hier kommt ein zentraler Begriff ins Spiel, der in der öffentlichen Debatte oft unverständlich bleibt: die planetare Albedo.
Die planetare Albedo beschreibt den Anteil des einfallenden Sonnenlichts, den die Erde insgesamt sofort wieder zurück ins All reflektiert. Man kann sie sich als den „Spiegelgrad“ der Erde vorstellen. Alles Licht, das reflektiert wird, trägt nicht zur Erwärmung bei. Nur der restliche Teil, der absorbiert wird, kann das Klima beeinflussen. Die Albedo entscheidet damit vor jedem Treibhauseffekt darüber, wie viel Energie überhaupt ins System gelangt.
Der wichtigste Faktor für diese Reflexion sind Wolken. Dass Wolken der dominante Steuerungsfaktor der planetaren Energiebilanz sind, ist seit Jahren gut dokumentiert. Stephens et al. (2015) zeigen in Nature Geoscience, dass Wolkenveränderungen eine Schlüsselrolle für das Strahlungsgleichgewicht der Erde spielen:
👉 https://doi.org/10.1038/ngeo2415
Auch Loeb et al. (2018) zeigen in Journal of Climate, dass Veränderungen der Wolkenbedeckung gleichzeitig sowohl die absorbierte Solarstrahlung als auch die ausgehende Wärmestrahlung beeinflussen:
👉 https://doi.org/10.1175/JCLI-D-17-0208.1
Konkret gilt: Weniger oder dünnere Wolken reflektieren weniger Sonnenlicht. Mehr Energie gelangt ins Klimasystem, die Oberfläche erwärmt sich – und als zwingende physikalische Folge steigt die Wärmestrahlung ins All. Der beobachtete Anstieg der OLR ist daher kein Gegenargument, sondern eine logische Konsequenz einer durch erhöhte Einstrahlung verursachten Erwärmung.
Mehrere Arbeiten haben versucht, den isolierten CO₂-Beitrag zu bestimmen, indem bekannte Effekte – Temperaturanstieg, Wasserdampf, atmosphärische Schichtung und Wolkenänderungen – herausgerechnet wurden. Besonders deutlich formulieren dies Dübal & Vahrenholt (2021) in Atmosphere: Nach Berücksichtigung dieser Faktoren bleibt kein statistisch signifikanter zusätzlicher Treibhauseffekt übrig, der eindeutig CO₂ zugeschrieben werden könnte:
👉 https://doi.org/10.3390/atmos12091157
CO₂ ist ein Treibhausgas – aber sein zusätzlicher systemischer Einfluss ist im Beobachtungszeitraum nicht der dominante Klimatreiber.
Damit wird der Übergang zur Energiepolitik unausweichlich. Die Energiewende beruht auf der Annahme, das Klimasystem lasse sich durch CO₂-Reduktion gezielt steuern. Die Beobachtungsdaten zeigen jedoch, dass der maßgebliche Antrieb der jüngeren Erwärmung im Bereich der Einstrahlung liegt – einem Bereich, der politisch, technisch und regulatorisch nicht steuerbar ist. Wolken lassen sich nicht regulieren.
An dieser Stelle berührt die Debatte den Kern des Verfassungsstaates. Denn aus einer empirisch nicht bestätigten Modellannahme ist ein verfassungsrechtlich normiertes Staatsziel abgeleitet worden. Ein freiheitlicher Verfassungsstaat darf Zielbestimmungen nur dann absolut setzen, wenn ihre Tatsachengrundlage belastbar ist. Wo der zentrale Wirkmechanismus – ein CO₂-bedingter Rückgang der Wärmeabstrahlung – empirisch nicht nachweisbar ist, verliert ein Staatsziel seine Legitimation, andere Verfassungsgüter systematisch zu verdrängen.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Selbst wenn klimatische Veränderungen anerkannt werden, folgt daraus keine staatliche Steuerbarkeitspflicht. Die dominanten physikalischen Treiber – Wolken und kurzwellige Strahlungsdynamik – entziehen sich politischer Kontrolle. Ein Staatsziel, das nicht steuerbare Naturprozesse normativ fixiert, erzeugt permanenten Interventionsdruck ohne realistischen Erfüllungshorizont und verletzt den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.
Seit dem Jahr 2000 hat sich die Erde leicht erwärmt – weil mehr Sonnenenergie in das System gelangte, nicht weil weniger Wärme entwich. Wer Klimaschutz zum verfassungsrechtlichen Staatsziel erhebt, ohne diese empirische Unterscheidung offenzulegen, ersetzt Physik durch Glauben und Recht durch Ideologie.
Oder zugespitzt:
Nicht CO₂ steuert das Klimasystem. Nicht der Staat ist der Regler.
It’s the clouds, stupid!