Der Charme der neuen transatlantischen rechten Achse: Bukele, Milei, Kast und jetzt De la Espriella

Frank-Christian Hansel

Zuerst El Salvador in Mittelamerika, dann Argentinien und Chile im Süden, jetzt Kolumbien im Norden Lateinamerikas – und auf der anderen Seite des Atlantiks Italien und Spanien: Überall treten Akteure hervor, die aus unterschiedlichen Traditionen stammen und dennoch fast die gleiche Sprache sprechen.

Javier Milei spricht von Freiheit und der notwendigen batalla cultural, José Antonio Kast von Ordnung, Familie und nationaler Selbstbehauptung; Nayib Bukele führt vor, dass ein Staat verlorene territoriale Autorität zurückgewinnen kann; Giorgia Meloni beweist, dass sich mit Nation, Familie und westlicher Identität regieren lässt; Santiago Abascal bündelt diese Ideen organisatorisch im spanischen Sprachraum.

Mit dem politischen Durchbruch Abelardo de la Espriellas in Kolumbien tritt ein weiterer Präsident hinzu, bei dem mehrere dieser Stränge zusammenlaufen. Sein öffentliches „¡Viva Cristo Rey!“ hat deshalb Signalwirkung: Es geht nicht um den frommen Zuruf eines religiösen Präsidenten, sondern um die Frage, ob sich hier eine neue politische Synthese herausbildet. El País beschrieb die Amtseinführung in Cali geradezu als „cumbre de la derecha“, als Gipfeltreffen der lateinamerikanischen Rechten: Dort manifestierte sich im Rahmen seiner Vereidigung ein ganzes Milieu, für das Milei vor Ort erklärte, die „Winde der Geschichte“ wehten wieder in Richtung Freiheit.

Keine Internationale – aber eine politische Familie

Schon von einer „rechten Internationale“ zu sprechen wäre wohl zu früh. Milei ist kein Kast, Kast kein Bukele, Meloni keine libertäre Radikale; Kolumbien ist weder Italien noch Argentinien. Doch gerade diese Unterschiede machen das Phänomen interessant: Was entsteht, ist weniger eine zentral gesteuerte Bewegung als eine politische Familie, die auf unterschiedliche nationale Krisen auffällig ähnliche Probleme diagnostiziert: den Verlust staatlicher Autorität, ausufernde Bürokratisierung, eine kulturell entrückte politische Klasse, Kontrollverlust bei Migration und innerer Sicherheit, die Schwächung traditioneller Institutionen – und eine progressive Kulturhegemonie, die lange bestimmen konnte, welche Begriffe und Positionen überhaupt als legitim galten. Es sind auch unsere Probleme.

Die Antworten fallen verschieden aus, doch sie kreisen um dieselben fünf Begriffe: Freiheit, Eigentum, Ordnung, Nation, kulturelle Identität. Die chilenische Emol brachte die Gemeinsamkeiten nüchtern auf den Punkt: wirtschaftlicher Liberalismus, Reduzierung des Staates, Opposition gegen die lateinamerikanische Linke. Genau darin liegt der Charme dieser neuen Achse: Sie führt zusammen, was die traditionelle Rechte lange getrennt hatte.

Milei: Die Rückkehr der Freiheit

Javier Milei verkörpert die ökonomische Revolte. Seine Ausgangsfrage lautet nicht, wie der Staat besser verwalten könne, sondern warum er überhaupt so viel verwaltet. Wo traditionelle Mitte-rechts-Parteien oft nur eine effizientere Version des bestehenden Staates anbieten, stellt Milei dessen Umfang selbst infrage; Staatsausgaben, Subventionen und Regulierung erscheinen bei ihm nicht als technische, sondern als Machtfragen. Sein Dreiklang – Leben, Freiheit, Eigentum – knüpft an die liberale Tradition an; seine Formel: Die Welt rette sich, indem man den Staat verkleinere, um die Gesellschaft zu vergrößern.

Doch wirtschaftspolitische Reformen allein genügen nicht: Wer lediglich Haushalte saniert, ohne die geistigen Voraussetzungen der Politik zu verändern, kann eine Regierung gewinnen, aber keine Epoche. Deshalb spricht Milei so beharrlich von der batalla cultural: Gutes Regieren allein, so dokumentiert es die argentinische Präsidentschaft, genüge nicht – notwendig sei die kulturelle Auseinandersetzung. Politik beginnt für ihn vor der Politik: bei Begriffen, Moralvorstellungen, Menschenbild. „Ideen gewinnen Kriege“, erklärte er bei der Gründung der Fundación Faro.

Kast: Freiheit braucht Ordnung

José Antonio Kast setzt einen anderen Akzent. Seine zentrale Botschaft – „Sin orden, no hay libertad“, ohne Ordnung keine Freiheit – ist beinahe die komplementäre Antwort auf Milei. Denn Freiheit existiert nicht im luftleeren Raum; sie benötigt einen Staat, der Recht durchsetzen, Grenzen kontrollieren und öffentliche Sicherheit gewährleisten kann. Kast bringt damit ein, was libertären Bewegungen gelegentlich fehlt: das Bewusstsein für Institution, Autorität, Familie und nationale Kontinuität. Milei fragt, wie viel Staat der Bürger braucht; Kast fragt, welchen Staat er braucht. Die Antwort lautet in beiden Fällen: einen begrenzten, aber handlungsfähigen.

Bukele: Der Staat muss wieder Staat sein

Nayib Bukele führt dieses Argument an seinem äußersten Punkt vor: Ein Staat, der sein Territorium nicht kontrolliert und seine Bürger nicht schützen kann, verliert seine elementarste Legitimation. El Salvador war über Jahre ein extremes Beispiel für die Herrschaft krimineller Strukturen; Bukele antwortete darauf nicht mit Seminaren über die Ursachen der Gewalt, sondern mit staatlicher Macht – Megagefängnissen, militärischem Druck auf bewaffnete Gruppen, der demonstrativen Rückeroberung territorialer Autorität. Das hat ihm massive Zustimmung und zugleich erhebliche rechtsstaatliche Kritik eingebracht; diese Ambivalenz gehört dazu: Wer jahrelang reale Unsicherheit erlebt hat, bewertet staatliche Härte anders als Gesellschaften, in denen Sicherheit selbstverständlich ist.

Die Lektion bleibt: Der Staat besitzt keine moralische Autorität, wenn er seine elementaren Aufgaben nicht erfüllt. Milei sagt: Der Staat muss kleiner werden. Kast sagt: Der Staat muss geordnet sein. Bukele sagt: Der Staat muss durchsetzungsfähig sein. Die argentinische La Nación fasste diese Familienbildung jüngst im Titel „From the Lion to the Tiger“.

De la Espriella: Die Synthese

Und dann kommt Kolumbien. Bei Abelardo de la Espriella laufen mehrere dieser Stränge zusammen: wirtschaftsliberale Staatskritik, eine ausgeprägte Sicherheitsagenda, patriotische Sprache, traditionelles Familienverständnis und eine ausdrücklich christliche kulturelle Selbstverortung.

Die Nähe zu Milei ist keine Analogie, sondern belegte politische Praxis. Kurz vor der Stichwahl telefonierten beide öffentlichkeitswirksam; Milei nannte die Wahl eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und „verarmendem Kommunismus“, hinter De la Espriella stünden die fuerzas de la libertad der Region – der das Gespräch prompt selbst veröffentlichte. Nach dem Wahlsieg reiste Milei zur Amtseinführung nach Cali. Schon im Wahlkampf hatte El País einen Beitrag unter dem Titel „De la Espriella y la receta Milei“ veröffentlicht – und die Parallelen sind frappierend: der Outsider gegen das politische Establishment, die aggressiv personalisierte Kommunikation über soziale Medien, die anti-linke Polarisierung, der wirtschaftliche Liberalismus, der Kulturkampf. In seiner Antrittsrede kündigte er fiskalische Disziplin, Steuersenkungen und harte Sicherheitspolitik an; Reuters berichtet von Plänen, den Staatsapparat um bis zu vierzig Prozent zu verkleinern und Öl-, Gas- und gegebenenfalls Fracking-Aktivitäten wiederzubeleben. Das ist strukturell Milei-Terrain. Und dass De la Espriella sein eigenes Regierungsprojekt ausdrücklich als batalla cultural bezeichnet, also den Kernbegriff Mileis übernimmt, ist kaum ein Zufall.

Doch De la Espriella ist kein kolumbianischer Milei. Kulturell steht er in manchem näher bei Kast: Ordnung, Nation, traditionelle Familie, das republikanisch-patriotische Vokabular. Kast wiederum gehört längst zum selben Netzwerk: Er gratulierte, es beginne „una nueva etapa de libertad para Colombia“ – sogar mit De la Espriellas eigener Formel „Firme por la Patria“; zur Amtseinführung reiste er nach Cali und führte unmittelbar davor ein bilaterales Gespräch über Sicherheit, Handel und Demokratie. Sicherheitspolitisch erinnert manches an Bukele: die kompromisslose Rhetorik, der Anspruch, der Staat müsse seine territoriale Autorität zurückgewinnen. Über all das legt De la Espriella eine genuin kolumbianische Schicht – Religion, Patriotismus und die Erfahrung eines Landes, das jahrzehntelang mit Guerilla, Kartellen und territorialem Kontrollverlust konfrontiert war.

Deshalb reicht der Satz „¡Viva Cristo Rey!“ weit über persönliche Frömmigkeit hinaus. Es blieb nicht bei einer allgemeinen Berufung auf westliche Werte: El País beschreibt eine neue katholisch-evangelikale Allianz, die die Regierung als Gelegenheit für eine batalla cultural insbesondere um Familie, Abtreibung und Genderfragen versteht. Der Ausruf geht über Mileis „¡Viva la libertad, carajo!“ hinaus: Er fügt dem libertären Freiheitsdiskurs eine ausdrücklich religiös-zivilisatorische Dimension hinzu und signalisiert die Rückkehr einer Sprache, die die progressive Politik aus dem öffentlichen Raum verdrängt glaubte – Religion, Nation, Pflicht, Familie, Autorität. Nicht als staatliches Dogma, das wäre mit einem pluralistischen Verfassungsstaat kaum vereinbar, aber wieder als legitimer Bestandteil politischer Selbstbeschreibung. Auf eine Formel gebracht: De la Espriella ist Milei plus Kast plus Bukele – übersetzt in die katholisch-patriotische Symbolik Kolumbiens.

Meloni: Von der Protestbewegung zur Staatsführung

Auf der europäischen Seite dieser Achse erfüllt Giorgia Meloni eine andere Funktion: Sie zeigt, dass eine solche Bewegung den Übergang von der Opposition zur Regierung vollziehen kann. Protestparteien leben davon, für die Konsequenzen ihrer Forderungen nicht einstehen zu müssen; Regierungsparteien können das nicht. Meloni musste lernen, dass Radikalität der Diagnose und Realismus des Regierungshandelns zwei verschiedene Dinge sind. Sie versucht, konservative Identitätspolitik, nationale Interessen und westliche Bündnisfähigkeit zu verbinden, und beantwortet die entscheidende Machtfrage: Kann aus kultureller Opposition institutionelle Führung werden?

Abascal: Die transatlantische Infrastruktur

Mit VOX und dem Umfeld des Foro Madrid versucht die spanische Rechte seit Jahren, die Verbindungen zwischen Europa und Lateinamerika systematisch auszubauen – historisch folgerichtig, denn zwischen Spanien und Hispanoamerika existieren ein gemeinsamer Sprachraum, ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis und eine wesentlich enger verflochtene politische Öffentlichkeit, als es aus deutscher Perspektive oft erscheint. Ideen und Begriffe wandern deshalb schnell; die batalla cultural wird in Madrid verstanden wie in Buenos Aires, Santiago oder Bogotá. Das Foro Madrid selbst spricht von einer neuen iberoamerikanischen Phase und veranstaltet sein nächstes Regionaltreffen Anfang September 2026 ausgerechnet in Santiago de Chile; die Stichworte des Netzwerks lauten Freiheit, Souveränität, Sicherheit, Privateigentum, westliche Zivilisation, Anti-Sozialismus. Der Austausch läuft längst nicht mehr nur über Parteien, sondern über soziale Netzwerke, Konferenzen, Unternehmer und Thinktanks. So entsteht tatsächlich etwas Transatlantisches – keine Organisation, aber eine Infrastruktur.

Das eigentlich Neue: Freiheit und Konservatismus finden wieder zusammen

Die vielleicht wichtigste Entwicklung liegt jedoch tiefer. Die Rechte war – in Europa wie in Lateinamerika – über Jahrzehnte in zwei Lager gespalten: hier Wirtschaftsliberale, die Markt, Wettbewerb und individuelle Freiheit verteidigten, kulturell aber häufig indifferent blieben; dort Konservative, die Nation, Familie, Tradition und Ordnung verteidigten, wirtschaftspolitisch aber teils erstaunlich etatistisch dachten. Die neue Achse versucht, diese Trennung zu überwinden. Ihre implizite Argumentationskette lautet: Eigentum braucht Freiheit; Freiheit braucht Ordnung; Ordnung braucht Legitimität; Legitimität braucht kulturelle Bindung. Und kulturelle Bindung entsteht nicht durch Verwaltungsvorschriften, sondern durch Geschichte, Familie, Religion, Sprache, Heimat und gesellschaftliche Loyalität. Darin liegt die eigentliche Herausforderung für die politische Mitte: Diese neue Rechte präsentiert sich nicht mehr nur als Bewahrerin des Vergangenen – sie bietet ein Zukunftsmodell an.

Nicht Restauration, sondern Gegenhegemonie

Das unterscheidet sie vom klassischen Konservatismus, der traditionell defensiv war und bewahren wollte. Diese neue Rechte will verändern. Milei will nicht das Argentinien von 1995 wiederherstellen; Bukele will nicht zum El Salvador vor seiner Präsidentschaft zurück; Meloni beschreibt Italien nicht als Museum; De la Espriellas batalla cultural richtet sich ausdrücklich auf die Zukunft. Diese Bewegungen präsentieren sich nicht als letzte Verteidiger einer verschwindenden Ordnung, sondern als Gegenhegemonie. Sie sagen im Grunde: Die progressive Epoche war nicht das Ende der Geschichte; ihre Begriffe sind nicht alternativlos, ihre Institutionen nicht sakrosankt, ihre moralischen Kategorien nicht naturgegeben – und ihre Resultate dürfen überprüft werden. Genau daraus beziehen sie ihre Dynamik: nicht Restauration, sondern der Versuch eines politischen Neubeginns.

Die Risiken gehören zur Wahrheit

Allerdings bestehen auch politische Risiken: Aus berechtigter Kritik an Bürokratie kann Verachtung staatlicher Institutionen werden; aus dem Bedürfnis nach Ordnung autoritäre Versuchung; aus Patriotismus Nationalismus; aus kultureller Selbstbehauptung Ausgrenzung – und aus der Auseinandersetzung mit progressiver Hegemonie der Versuch, lediglich eine Hegemonie durch eine andere zu ersetzen. Die entscheidende Bewährungsprobe dieser neuen Rechten besteht deshalb nicht darin, Wahlen zu gewinnen, sondern darin, Freiheit und Ordnung gleichzeitig zu bewahren. Eine Rechte, die Freiheit opfert, um Ordnung durchzusetzen, widerspricht ihrem eigenen Versprechen; eine Rechte, die den Rechtsstaat schwächt, um den Staat zu stärken, zerstört das Fundament staatlicher Legitimität; und eine Rechte, die Identität nur noch über Feindbilder erzeugen kann, besitzt am Ende selbst keine starke positive Vorstellung von Gesellschaft. An dieser Grenze unterscheidet sich politischer Neubeginn von bloßer Gegenreaktion. Das gilt jenseits wie diesseits des Atlantiks gleichermaßen!

Der Charme der neuen Achse

Und dennoch besitzt diese süd-transatlantische Konstellation einen eigentümlichen Charme – nicht weil Milei, Kast, Bukele, Meloni, Abascal oder De la Espriella identische Antworten hätten, sondern weil sie wieder Fragen stellen, die die etablierte Politik lange glaubte, nicht mehr stellen zu müssen. Wie groß darf ein Staat werden? Was schuldet er seinen Bürgern? Was hält eine Gesellschaft zusammen? Kann Freiheit ohne Eigentum, kann sie ohne Sicherheit bestehen? Kann Demokratie ohne nationale Öffentlichkeit existieren? Welche Rolle spielen Familie, Religion und kulturelles Gedächtnis? Und wer entscheidet eigentlich darüber, welche politischen Fragen überhaupt noch gestellt werden dürfen?

Der Charme liegt damit weniger in einer fertigen Ideologie als in der Wiederöffnung des politischen Möglichkeitsraumes. Nach Jahrzehnten technokratischer Alternativlosigkeit kehrt Politik als Entscheidung zurück; nach Jahren kultureller Einbahnstraße entsteht wieder Widerspruch. Wir erleben insofern nicht einfach einen Rechtsruck, sondern das Ende einer politischen Selbstverständlichkeit: Das progressive Paradigma besitzt nicht länger automatisch die kulturelle Deutungshoheit, der klassische Liberalismus nicht länger automatisch die ökonomische – und die traditionelle Rechte nicht länger nur die defensive Rolle des Bewahrers.

Aus diesen Verschiebungen entsteht etwas Neues. Milei liefert die Freiheit, Kast die Ordnung, Bukele die staatliche Autorität, Meloni die Regierungsfähigkeit, Abascal die transatlantische Vernetzung – und De la Espriella versucht, Freiheit, Nation, Sicherheit, Familie und Religion in einer neuen lateinamerikanischen Synthese zusammenzuführen. Ob daraus ein dauerhaftes Paradigma erwächst, ist offen. Eines aber lässt sich bereits erkennen: Die politische Rechte entdeckt wieder den Mut, nicht nur gegen die Gegenwart zu protestieren, sondern eine Vorstellung von Zukunft zu formulieren. Vielleicht ist genau das der Charme dieser neuen transatlantischen Achse.