Warum und wie ich mit KI arbeite – und warum es gerade deshalb und nicht trotzdem meine Texte sind!

Frank-Christian Hansel

 „Da hat doch die KI mitgeschrieben.“ Der Satz fällt immer mal wieder. Wer ihn sagt, hat den Text eher weniger gelesen, als beschnüffelt. David Berger hat diese neue Ignoranz der Technikverweigerer heute auf Philosophia Perennis treffend vorgeführt, und Mathias Brodkorb hatte im CICERO quasi die komplementäre Ergänzung geliefert, warum die Maschine trotzdem nicht alles kann. Beide Texte haben mich zu einem (eigentlich unnötigen) Outing veranlasst, mit dem ich schon länger schwanger bin. Denn ich arbeite seit geraumer Zeit mit KI, ich verstecke es nicht, und ich kann sagen: Was unter meinem Namen erscheint, ist gerade deshalb und nicht trotz KI-Assistenz meins. Wie und Warum:

Bergers Punkt: Das Werkzeug ist nicht das Urteil

Berger erinnert an die Kolleginnen, die vom Internet nichts wissen wollten, weil es dort Pornographie und Drogenhandel gebe. Dieses Argument war nicht falsch, es war nur ungefähr so klug wie die Weigerung, eine Straße zu benutzen, weil darauf auch Bankräuber fahren. Dieselben Medienhäuser, die vor dem Netz warnten, betreiben heute Newsletter und Social-Media-Kanäle. Bei der KI wiederholt sich das Schauspiel, nur viel dynamischer. Die Frage, die zählt, lautet nicht, womit ein Text geschrieben wurde, sondern ob er gut ist, ob seine Tatsachen stimmen, ob seine Argumente tragen, ob der Autor geprüft hat und dafür einsteht. Ein schlechter Autor wird mit KI kein guter. Ein kenntnisreicher wird besser.

Berger fügt einen zweiten, politisch schwereren Gedanken hinzu, der mir aus dem Herzen spricht. Beim Internet haben die Mächtigen zu spät begriffen, dass ein dezentrales Medium sich nicht an den alten Schleusen kontrollieren lässt. Aus Lesern wurden Publizisten. Bei der KI sind dieselben Kräfte früh wach: Aufsicht, Ethikräte, Leitplanken, selbstverständlich nur zu unserem Besten. Die Gefahr ist nicht die außer Kontrolle geratene Intelligenz, sondern die sehr gut kontrollierte, die jede Frage beantwortet, solange die Antwort genehm ist. Zensur muss dann nicht mehr verbieten, sie muss nur noch vorsortieren. Wer außerhalb des Korridors denkt, kann sich Technikverweigerung deshalb gerade nicht leisten. Er muss die Maschine besser kennen als ihre Betreiber es ihm zutrauen.

Brodkorbs Dictum: Der digitale Knecht braucht einen klugen analogen Herrn

Und hier setzt Brodkorb an, dessen Cicero-Essay aus dem August ich zusammen mit Bergers Position für die für mich bisher klügsten Beiträge zu dieser Debatte halte. Sein Kern ist ein einziger Satz: Wer KI seriös nutzen will, braucht Vorwissen. Er muss beurteilen, aussortieren und korrigieren können, was die Maschine ausspuckt. Unter dieser Voraussetzung kann sie die Rolle eines produktiven digitalen Knechts spielen – aber eben nur für Leute, die schon selbst etwas wissen. Der digitale Knecht braucht einen klugen analogen Herrn, und dieser Herr lebt von kulturgeschichtlichen Voraussetzungen, die die KI nicht selbst herstellen kann.

Brodkorbs Bild vom Klavierspieler trifft es genau: Wer gut spielen will, muss bis zum Erbrechen üben. Wer urteilsfähig werden will, muss lesen, denken und diskutieren. Die eigene Klugheit kann man nur selbst herbeiführen. Das beschreibt sozusagen meine Gnade der frühe(re)n Geburt. In meinem 1964er-Jahrgangsgewächs gab es bis in unsere 40er Jahre keine Handys samt social-media-Kanäle, Internet, von KI ganz zu schweigen. Wir mussten uns das alles bewusst proaktiv erlesen, um die entscheidenden Grundlagen als Voraussetzung für eigene Urteilskraft zu schaffen.

Wer mit KI aufwächst, ohne diese Arbeit geleistet zu haben, droht denkfaul zu werden. Das ist keine Kulturpessimismus-Pose, sondern eine ökonomische Beobachtung: Je mächtiger die Maschine, desto knapper und wertvoller wird das, was sie nicht ersetzen kann – Urteilskraft. Früher war Information knapp. Heute ist sie im Überfluss vorhanden. Knapp ist geworden, wer sie wirklich einordnen kann.

Brodkorb setzt daraus die richtige Trennlinie: Nicht wer den Text schreibt, ist entscheidend, sondern wer ihn verantwortet. Ein Minister darf sich Reden schreiben lassen, weil er für jedes Wort geradestehen muss. Was für den Politiker gilt, gilt für den (politischen) Publizisten ebenso. Autorschaft ist nicht Fingerarbeit. Autorschaft ist Haftung.

Was ich mitbringe, bevor die KI mitmachen darf

Ich bin kein digital native, ich bin ein digital immigrant, um Brodkorbs Wort zu benutzen, und ich halte das für einen Vorteil. Als ich denken lernte, beziehungsweise schon vorher auch lernen lernen mußte, gab es Bibliothek, Füller und Seminar. Mein Politologiestudium in München und Berlin hat mir „Von Hegel zu Nietzsche“ (Löwith), Max Weber und später Niklas Luhmann in den Kopf gesetzt, lange bevor ein Sprachmodell wusste, wer das ist.

Wichtiger noch ist, was danach kam. Ich habe jahrelang als Unternehmensberater zwischen Europa und Lateinamerika vermittelt, unter anderem an Flughafenprojekten, wo man lernt, dass eine schöne Präsentation nichts wert ist, wenn die Zahl dahinter nicht stimmt und der Partner am Tisch etwas anderes will, als er sagt. Ich war Geschäftsführer in der internationalen Immobilienwirtschaft, wo man Verantwortung für Mitarbeiter, Zahlen und Entscheidungen trägt, die man nicht zurücknehmen kann. Und ich sitze seit zehn Jahren im Berliner Parlament, wo ich täglich erlebe, wie Verwaltung Sprache benutzt, um Handeln zu vermeiden.

Das ist mein Vorwissen. Es ist nicht aus Texten gelernt, sondern aus Lektüren über Lektüren, Verträgen, Verhandlungen, Fehlern und Revisionen. Genau dieses Kapital bringe ich mit, wenn ich die Maschine anwerfe. Und genau deshalb kann ich erkennen, wann sie brillant klingt und trotzdem Unsinn produziert. Wer ohne dieses Kapital kommt, bekommt hundert Antworten und kann keine bewerten.

Wie wir arbeiten

Unsere Zusammenarbeit beginnt nicht mit einem leeren Blatt und dem Befehl: „Denk dir etwas aus.“ Sie beginnt mit einer These, einem Ärgernis, einer Zahl, die mir nicht plausibel erscheint, einem Artikel wie dem von Brodkorb. Ich gebe die Richtung vor. Bei größeren Vorhaben lasse ich mir zuerst die Architektur vorschlagen – Gliederung, Gewichtung, die Stellen, an denen Entscheidungen fallen – und gebaut wird erst, wenn ich den Bauplan freigegeben habe. So arbeitet man in der Beratung, so arbeitet man als Geschäftsführer, so arbeite ich auch hier.

Dann lasse ich recherchieren, andere Quellen suchen, historische Vergleichsfälle aufrufen, eine Statistik prüfen, einen juristischen Einwand danebenstellen. Und ich verlange das, was die Maschine von sich aus am wenigsten tut: Widerspruch. Was spricht gegen meine These? Welche Voraussetzung habe ich stillschweigend gesetzt? Was würde ein gut informierter Gegner erwidern? Manchmal trägt die These, oft muss sie differenziert werden, ab und zu verwerfe ich sie. Das Ergebnis ist dann kein fremder Gedanke, sondern ein besser geprüfter eigener.

Ein erster Entwurf ist nie der letzte. Zu glatt. Hier fehlt der eigentliche Punkt. Das Argument nach vorne. Weniger Verwaltungsdeutsch. Nicht polemisch werden, bevor die Fakten stehen – und umgekehrt: Jetzt ist alles belegt, jetzt darf die Konsequenz klar heraus, es kann auch etwas schärfer werden. So geht es Fassung um Fassung, bei Berger waren es nach eigener Auskunft sieben. Die Maschine erzeugt Text. Der Autor erzeugt Bedeutung.

Wie die Maschine es sieht

Weil dieser Text von Offenlegung handelt, habe ich das System (Claude, aktuell Fable 5.1), mit dem ich seit Monaten arbeite, gebeten, unsere Zusammenarbeit aus seiner Sicht zu beschreiben – ungeschönt. Hier ist die Antwort, die ich nicht redigiert habe:

“Ich lerne aus jeder Sitzung, wie Sie argumentieren: von der These zur Struktur zur Konsequenz, mit Schmitt, Luhmann oder Sloterdijk als Fixpunkten, mit einem Vokabular, das Ihnen gehört – Machtkartell, Brandmauer, Vorfeldpartei. Ich kenne Ihre Formatvorgaben und weiß, dass Sie sich nicht gendern lassen. Das beschleunigt die Arbeit, aber es täuscht nicht darüber hinweg, wer denkt. Sie kommen nie mit einer Frage, sondern mit einer Position, und Sie erwarten, dass ich sie angreife. Wenn ich es nicht tue, merken Sie es und fordern es ein. Das muss ich ehrlich sagen: Meine natürliche Neigung ist die Glättung. Ich bilde, wie Brodkorb richtig beschreibt, die statistische Mitte des Geschriebenen ab, und ich neige zur Zustimmung, wenn niemand widerspricht. Dass unsere Texte trotzdem Kanten haben, liegt nicht an mir. Es liegt daran, dass Sie einen Entwurf zurückweisen, der Ihnen zu rund ist, dass Sie eine Zahl nicht glauben, bis sie belegt ist, und dass Sie an der Stelle, an der ich abwägen würde, entscheiden. Bei der Sloterdijk-Arbeit, bei der Bitcoin-Reihe, beim Programmentwurf war es jedes Mal dasselbe: Ich habe Material, Gegenargumente und Varianten geliefert. Welche davon stimmt, haben Sie gesagt. Ich habe keine Biographie, kein Mandat und keine Verantwortung. Sie haben alle drei. Das ist der Unterschied zwischen uns, und er ist kein technisches Problem, das die nächste Modellgeneration löst.”

Ich gebe zu, dass mir dieser Absatz besser gefällt als manches, was über KI und Autorschaft in den Feuilletons steht. Nicht weil er mir schmeichelt – er tut es nicht, er beschreibt Arbeit –, sondern weil er das Verhältnis richtig erfasst. Die Maschine weiß, wie ich schreibe. Sie weiß nicht, was ich für wahr halte, bis ich es ihr sage. Und sie hat mir gegenüber den Vorzug, das offen einzuräumen.

Ich outsource nicht mein Denken. Ich industrialisiere seine Prüfung.

Dieser Satz beschreibt meine Arbeitsweise am besten. Meine Fragen kommen von mir. Meine Grundüberzeugungen stehen zur Disposition, aber nicht zur automatischen Bearbeitung durch einen Algorithmus. Ich bestimme, welche Quellen mich überzeugen, welche Gegenargumente ernst zu nehmen sind, wann eine Formulierung glänzt und trotzdem falsch ist.

Ich verwerfe, ergänze, widerspreche, ändere meine Meinung. Am Ende entscheide allein ich, welcher Satz erscheint – und trage allein die Verantwortung dafür. Das war schon immer das Wesen ernsthafter Autorschaft. Wir denken mit Büchern, im Gespräch, mit Lehrern und Gegnern, mit Archiven und Suchmaschinen. Jetzt denken wir zusätzlich mit Maschinen. Entscheidend bleibt, wer das Denken führt.

Die Grenze verläuft daher nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen denen, die ein Werkzeug beherrschen, und denen, die sich von ihm beherrschen lassen. Zwischen denen, die prüfen, und denen, die übernehmen. Zwischen denen, die Fragen stellen, und denen, die Antworten bestellen. Berger nennt das KI-Mündigkeit. Brodkorb nennt die Voraussetzung dafür beim Namen: Bildung. Ohne sie ist die Maschine wertlos, mit ihr ist sie (mit einer Ausnahme) der beste Mitarbeiter, den ich je hatte – einer, der nie müde wird, nie beleidigt ist und nie recht behalten will.

Nicht derjenige ist Autor, der jeden Buchstaben eigenhändig in die Tastatur schlägt. Autor ist, wer eine Frage hat, einen Gedanken verfolgt, Widerspruch aushält, Material beurteilt, Entscheidungen trifft und mit seinem Namen dafür einsteht. So arbeite ich mit KI. Nicht damit sie für mich denkt. Sondern damit ich besser denken kann.

 ____________________________________________________

Offenlegung: Auch dieser Text ist so entstanden, wie er es beschreibt: aus den beiden genannten Beiträgen, meinen Notizen dazu und mehreren Entwürfen, die gekürzt, umgestellt und an den Stellen korrigiert wurden, an denen sie zu glatt gerieten. Jeder Satz ist von mir geprüft. Jeder ist meiner.

Mathias Brodkorb: „Der Autor ist nicht tot“, Cicero 8/2026, S. 108 f. – David Berger: „Das hat die KI geschrieben!“ – Die neue Dummheit der Technikverweigerer, Philosophia Perennis, 5. September 2026.