Wahl 2026: Bindet Euch an den Mast! Ein Wort an die Jugend über die Sirenen von heute
Es gibt in der europäischen Überlieferung keine merkwürdigere Befehlsszene: Ein Kapitän ordnet seine eigene Fesselung an. Odysseus lässt sich von seinen Gefährten an den Mast binden, aufrecht, mit festen Knoten. Und er gibt ihnen eine Anweisung mit, die jede Befehlskette auf den Kopf stellt: Wenn ich euch später bitte, anflehe, anbrülle, mich loszumachen – dann zieht die Seile fester.
Er weiß, was kommt. Circe hat es ihm gesagt.
Circe ist die entscheidende Figur dieser Geschichte, und sie wird regelmäßig übersehen. Sie singt nicht. Sie warnt. Sie kennt den Gesang, sie kennt seine Wirkung, und sie kennt den Strand, an dem er endet. Sie sagt Odysseus nicht: Du bist stark genug. Sie sagt ihm das Gegenteil: Du bist es nicht. Niemand ist es. Also sorge vor.
Dieser Text will nichts anderes sein als Circes Rat. Er richtet sich an euch, die ihr jung seid und zum ersten oder zweiten Mal wählt. In wenigen Tagen wählt Berlin.
Was Sirenen tun
Sirenen drohen nicht. Sie fordern nichts. Sie singen – und zwar genau das, was der Vorbeifahrende hören will. Dem Odysseus singen sie von Troja, von seinem Ruhm, von dem Wissen, das ihn erwartet, wenn er nur anlegt. Wer uns gehört hat, versprechen sie, fährt beglückt und klüger nach Hause.
Darin liegt ihre Macht. Der Gesang kommt von außen und klingt doch wie die eigene innerste Stimme. Er widerspricht dem Hörer nicht, er bestätigt ihn. Er verlangt kein Opfer, er verspricht Erfüllung. Deshalb fallen nicht die Dummen zuerst. Es fallen die mit den feinsten Ohren.
Homer verschweigt nicht, wie es am Ufer aussieht. Rings um die Sängerinnen türmen sich die Knochen derer, die angelegt haben, und die Haut schrumpft daran. Die Sirenen haben keinen von ihnen angerührt. Das war nicht nötig. Wer einmal auf dieser Wiese sitzt, steht nicht mehr auf.
Das bevorzugte Ohr
Kein Ohr ist für diesen Gesang empfänglicher als das junge. Das ist kein Vorwurf, es ist eine Auszeichnung. Wer jung ist, will Gerechtigkeit – nicht irgendwann, sondern jetzt. Er erträgt es schlecht, dass die Welt ist, wie sie ist. Er sucht nicht bloß ein Programm. Er sucht eine Heilserwartung: die Gewissheit, dass das Ungerechte ein Ende haben kann und dass er selbst auf der richtigen Seite stehen wird, wenn es endet.
Genau dort setzt der Gesang an. Er sagt dem jungen Hörer nicht: Das wird teuer, mühsam und ungewiss. Er sagt ihm: Du hast recht. Dein Zorn ist Erkenntnis. Deine Empörung ist schon die halbe Lösung. Die andere Hälfte liegt bei denen, die zu viel haben – man muss sie ihnen nur nehmen.
Das klingt herrlich. Es klingt, als hätte man es selbst gedacht.
Die Sirenen unserer Tage haben Namen. Im Bund heißt die Sirene Heidi Reichinnek, in Berlin Elif Eralp.

„Hoffnung organisieren“ – so lautet bei Reichinnek der Auftrag und bei ihrer Partei das Wahlkampfmotto. Man beachte den Ausdruck. Nicht Wohnungen bauen. Nicht Wohlstand erwirtschaften. Hoffnung organisieren. Es ist die ehrlichste Selbstbeschreibung, die eine Sirene je abgegeben hat: Das Produkt ist der Klang. Eingefrorene Mieten, Vermögensteuer, die Überreichen sollen zahlen – jede Strophe trifft ein wirkliches Bedürfnis, und jede endet, bevor die Rechnung kommt.
Eralp singt dieselbe Melodie für Berlin. „Eine Linke in der Regierung wird vergesellschaften“, hat sie dem Tagesspiegel im August erklärt. Vergesellschaften – auch das ist ein Klangwort. Es meint Enteignung und tönt nach Gemeinschaft. Es meint den Zugriff des Staates auf fremdes Eigentum und tönt, als bekäme jeder etwas zurück, das ihm schon immer gehört hat.
Woran aber erkennt man eine Sirene? Schöne Versprechen macht in der Politik jeder; wer das bestreitet, lügt. Das Kriterium ist ein anderes, und es ist einfach: Die Sirene verweigert die Frage nach dem Preis.
Im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern wollte ein Zuschauer von Reichinnek wissen, ob nicht Firmen abwandern, wenn die Steuern zu hoch werden, und ob man sich damit nicht auseinandersetzen müsse. Die Antwort, überliefert von der gewiss nicht feindseligen linken Wochenzeitung der Freitag: „Wir müssen erst mal jar nüscht.“
Das ist der Satz. In ihm steckt das ganze Programm. Wer nach den Folgen fragt, stört den Gesang.
Dieses Kriterium gilt für alle. Es gilt auch für mich und für die Partei, der ich angehöre. Wer euch etwas verspricht und die Kosten verschweigt, der singt – gleichgültig, von welchem Felsen. Legt den Maßstab an jeden an. Ich bestehe nur darauf, dass ihr ihn auch an jene anlegt, deren Lied euch am besten gefällt. Dort ist er am nötigsten.
Die Knochen am Strand
Wer wissen will, was der Gesang wert ist, schaue auf den Strand.
Berlin hat ihn vor wenigen Jahren besichtigt. Der Mietendeckel von 2020 war ein Sirenenlied in Gesetzesform: Mieten einfrieren, per Beschluss, fertig. Das Bundesverfassungsgericht hat ihn im April 2021 für nichtig erklärt. Aber schon vorher hatte die Wirklichkeit geurteilt. Das Angebot an Mietwohnungen im gedeckelten Bestand brach ein, Eigentümer verkauften, statt zu vermieten. Die Miete auf dem Papier sank. Die Wohnung, zu der sie gehört hätte, war nicht mehr zu haben. Wer drin saß, profitierte. Wer suchte – die Jungen, die Zuziehenden, die Berufsanfänger, also ihr –, stand vor verschlossenen Türen.
Nun die nächste Strophe: Enteignung der großen Wohnungsbestände. Der Senat hat die Entschädigung in seiner amtlichen Kostenschätzung auf 28,8 bis 36 Milliarden Euro beziffert. Selbst wer diese Summe halbiert, steht vor einer zweistelligen Milliardenlast für eine Stadt, die mit mehr als sechzig Milliarden Euro verschuldet ist. Und was bekommt Berlin dafür? Keine einzige neue Wohnung. Es wechselt der Name im Grundbuch, nicht die Zahl der Türen. Der Mangel bleibt. Nur das Geld, mit dem man ihn hätte beheben können, ist fort. Und jeder, der in Berlin noch bauen könnte, hat die Lektion verstanden: Wer hier investiert, steht morgen auf der Liste.
Wer das Endstadium sehen will, muss nicht nach Havanna reisen. Es genügen Fotografien vom Prenzlauer Berg aus dem Jahr 1989. Die DDR hatte alles, was heute gesungen wird: gedeckelte Mieten, vergesellschaftete Bestände, keine private Verwertungslogik weit und breit. Das Ergebnis waren verfallende Altbauquartiere und Wartelisten über Jahre. „Ruinen schaffen ohne Waffen“, sagte der Volksmund. Wohnen war billig. Man bekam nur keine Wohnung.
Das sind die Knochen. Der Gesang war jedes Mal schön.
Der Mast
Was also tun? Die Gefährten des Odysseus bekommen Wachs in die Ohren. Das ist die Lösung für Ruderer. Wachs ist nichts für euch. Wer weghört, wer niederbrüllt, wer nicht zur Kenntnis nimmt, was die andere Seite sagt, bleibt dumm – und fällt beim ersten ungeschützten Ton umso sicherer.
Odysseus will hören. Er hört alles, jede Strophe. Aber er hat vorher dafür gesorgt, dass aus Hören nicht Handeln wird. Das ist der Mast: eine Bindung, eingegangen bei klarem Kopf, für den Augenblick, in dem der Kopf nicht mehr klar ist.
Euer Mast besteht aus wenigen harten Hölzern.
Eigentum. Es ist kein Privileg der Reichen, sondern die Bedingung dafür, dass überhaupt jemand baut, spart, instand hält und vorsorgt. Wo es nicht sicher ist, verfällt, was da ist, und es entsteht nichts Neues.
Knappheit. Was fehlt, muss hergestellt werden. Man kann es nicht herbeibeschließen, nicht herbeiverteilen und nicht herbeienteignen.
Die Rechnung. Jedes Versprechen hat einen Preis, und irgendwer zahlt ihn. Wenn man euch nicht sagt, wer – dann seid ihr es. Mit euren Steuern, mit den Schulden, die man euch hinterlässt, mit den Jahrzehnten Arbeit, die noch vor euch liegen.
Erfahrung. Das zwanzigste Jahrhundert hat das Experiment gemacht, mehrfach, auf deutschem Boden vierzig Jahre lang. Man muss es nicht wiederholen, um das Ergebnis zu kennen.
Daraus folgen vier Fragen, die ihr an jedes Lied stellt, bevor ihr das Ruder herumwerft: Was kostet es? Wer zahlt? Was tun danach jene, die bisher bauen, vermieten und investieren? Und wo hat es je funktioniert?
Wer darauf antwortet, macht Politik. Wer darauf „jar nüscht“ antwortet, singt.
Man wird euch sagen, solche Selbstbindung sei Unfreiheit. Das Gegenteil ist wahr. Der Ungebundene auf diesem Schiff ist nicht frei, er ist Beute. Frei ist, wer weiß, wie verführbar er ist, und seine Knoten selbst gewählt hat.
Fahrt weiter
Hört also zu. Hört genau zu. Es wird schön klingen, in diesen Tagen schöner denn je. Es wird nach Gerechtigkeit klingen und nach euch selbst. Und dann tut, was Odysseus getan hat: Lasst die Seile halten und das Schiff weiterfahren.
Odysseus hat nicht überlebt, weil die Sirenen schlecht sangen. Er hat überlebt, obwohl sie großartig sangen.
Bindet euch an den Mast. Und sagt euren Freunden, was Odysseus den seinen sagte: Wenn ich darum bettle, losgebunden zu werden – zieht fester.