Das Paradies aus der Steckdose. Warum vor allem die Jugend links wählt – und was Odo Marquard uns lehrt

Frank-Christian Hansel —

Der Strom kommt aus der Steckdose. Das Geld kommt aus dem Automaten. Die Lebensmittel kommen aus dem Supermarkt, die Rente vom Amt, die Wohnung vom Vermieter. Das Wasser fließt, die Heizung läuft, der Notarzt kommt. Nichts davon muss man verstehen, um es zu benutzen. Man wird hineingeboren, und es ist da.

Das ist die größte Leistung der modernen Wohlstandsgesellschaft – und ihre gefährlichste Schwäche. Denn was immer da war, hält man für selbstverständlich. Was selbstverständlich ist, hält man für verfügbar. Was verfügbar ist, muss nur noch gerecht verteilt werden. Und was nicht allen gleichermaßen zufließt, ist ein Skandal.

In dieser kurzen Kette steckt ein ganzes politisches Weltbild. Es ist das Weltbild einer Generation, die eine fertige Welt vorfindet und in ihr vor allem die Lücken sieht: die unbezahlbare Wohnung, das ungleiche Vermögen, die Armut im reichen Land. Die Fragen sind richtig. Die Antwort, die mit großer Regelmäßigkeit darauf folgt, ist falsch. Sie lautet: Es fehlt nur der politische Wille.

Die unsichtbare Hälfte

Bei der Bundestagswahl 2025 wurde Die Linke mit 27,3 Prozent stärkste Partei unter den Wählern bis 24 Jahre. Niemand sollte das mit mangelnder Intelligenz erklären. Die Wohnkosten sind real, die Unsicherheit ist real, die Kluft zwischen dem Reichtum des Landes und den eigenen Aussichten ist real. Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt eine Generation, die vor allem eines sucht: Sicherheit. 91 Prozent nennen einen sicheren Arbeitsplatz als wichtig, über 90 Prozent Familie, Freundschaft, verlässliche Partnerschaft. Diese Jugend will keine Revolution. Sie will Boden unter den Füßen.

Warum wählt sie dann eine Partei, deren Heilslehre 1989 widerlegt wurde? Weil das Versprechen auf einen Boden trifft, der dafür bereitet ist. Je besser eine Gesellschaft funktioniert, desto weniger müssen ihre Mitglieder über ihr Funktionieren nachdenken. Niemand muss Lieferketten verstehen, um ein Smartphone zu kaufen. Niemand muss wissen, wie ein Stromnetz stabil gehalten wird, um das Licht anzuknipsen. Diese Unsichtbarkeit ist eine zivilisatorische Leistung. Aber sie erzeugt eine Illusion: Was zuverlässig funktioniert, erscheint naturgegeben. Was immer da war, wird immer da sein. Und was da ist, muss nur noch verteilt werden.

So wird der Wohlstand zur Verteilungsmasse. Die Frage „Wie entsteht das?" verschwindet hinter der Frage „Warum bekommen nicht alle gleich viel davon?". Und mit ihr verschwindet die Hälfte der Wirklichkeit, auf der die andere Hälfte steht.

Denn nichts davon ist voraussetzungslos. Hinter dem Wohlstand stehen Generationen von Arbeit, Erfindung, Investition und Kapitalbildung. Er beruht auf Eigentum, das besichert werden kann, auf Verträgen, die gelten, auf Unternehmen, die Risiken eingehen, auf Märkten, die Knappheit signalisieren, und auf einer Energieversorgung, ohne die keine industrielle Arbeitsteilung existiert. Wohlstand entsteht in einer rechtlich geordneten Welt. Er fällt nicht vom Himmel.

Das gilt besonders für den Sozialstaat, die vielleicht größte Errungenschaft der westlichen Demokratien. Gerade weil er über Generationen gewachsen ist, wirkt er wie eine Quelle, aus der Ansprüche fließen. Dabei ist die Rechnung einfach und unerbittlich: Geld lässt sich umverteilen. Güter und Dienstleistungen müssen erbracht werden. Eine Regierung kann Rentenerhöhungen beschließen; die Pflegekräfte muss die Volkswirtschaft trotzdem hervorbringen. Sie kann Schulden aufnehmen; die Knappheit verschwindet dadurch nicht, sie wird nur in die Zukunft verschoben. Der Sozialstaat lebt von Beschäftigung, Produktivität, Beiträgen, Steuern und einer Demographie, die ihn trägt.

Wer diese Voraussetzungen nicht kennt, kann sie auch nicht schützen. Er kann Eigentum besteuern, bis niemand mehr investiert; Energie verteuern, bis die Industrie geht; Bauen regulieren, bis keine Wohnung mehr entsteht – und wird in jedem Schritt überzeugt sein, Gerechtigkeit zu schaffen. Denn für ihn ist die Masse, die er verteilt, ein Bestand, der nicht schrumpfen kann.

Würde und Wohlstand

Hier verbindet sich die Illusion mit dem stärksten Satz unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz ist unbedingt. Das Bundesverfassungsgericht hat aus ihm einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Existenzminimum abgeleitet, der jedem Hilfebedürftigen zusteht, unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Das ist geltendes Recht.

Aber jetzt geschieht die entscheidende Verwechslung. Aus der Unbedingtheit der Würde wird die Unbedingtheit des Anspruchs. Wenn alle Menschen an Würde gleich sind – warum sollen dann nicht alle gleichermaßen an allem teilhaben, was diese Gesellschaft hervorgebracht hat? Die Frage klingt moralisch unangreifbar. Sie ist es aber nicht. Denn sie setzt still voraus, was zu beweisen wäre: dass der Wohlstand so voraussetzungslos vorhanden ist wie die Würde, aus der man den Anspruch ableitet.

Die Würde des Menschen ist voraussetzungslos. Die materielle Verwirklichung menschenwürdiger Lebensbedingungen ist es nicht. Zwischen dem verfassungsrechtlichen Minimum und sämtlichen Leistungen einer Wohlstandsgesellschaft liegt ein weiter Raum politischer Gestaltung, Prioritätensetzung und Finanzierung. In diesem Raum gibt es keine Unbedingtheit, nur Abwägung.

Wer diesen Unterschied einebnet, verwandelt das Gerechtigkeitsideal in eine säkularisierte Paradiesvorstellung. Denn das Paradies kennt keine Knappheit, keine Demographie, keine Zielkonflikte, keine Nebenwirkungen. Alles ist vorhanden, und niemand muss erklären, woher es kommt. In der wirklichen Welt ist Knappheit kein moralisches Versagen, sondern die Grundbedingung allen Wirtschaftens. Die Leistung einer modernen Gesellschaft besteht nicht darin, Knappheit abgeschafft zu haben, sondern ihr durch Wissen, Arbeit und Institutionen immer mehr abzuringen – ohne sie je zu beseitigen.

Damit sind wir bei 1989. Die alte Heilslehre versprach das Paradies nach der Revolution. Sie ist an der Wirklichkeit gescheitert. Die neue hat das Paradies auf die Erde geholt und erklärt es für bereits vorhanden – nur falsch verteilt. Nicht mehr der Kapitalismus muss überwunden werden, sondern die Knappheit, und zwar durch Beschluss. Jede Begrenzung – der Zuwanderung, der Sozialausgaben, der Staatsquote – erscheint dann nicht als Antwort auf Knappheit, sondern als Verrat an der Würde. Wer sie fordert, muss sich nicht mehr sachlich widerlegen lassen; er steht auf der falschen Seite der Geschichte.

Die Welt verschonen

Gegen diese Versuchung hat kein deutscher Philosoph einen prägnanteren Satz gesetzt als Odo Marquard. Marx hatte 1845 in der elften Feuerbachthese geschrieben, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert; es komme darauf an, sie zu verändern. Marquard kehrte den Satz 1973 um: Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert; es kommt darauf an, sie zu verschonen.

Dahinter steht eine einfache Einsicht: Der Mensch ist endlich. Er überblickt die Wechselwirkungen einer komplexen Gesellschaft nicht. Er kennt die Folgen seiner Eingriffe meist erst, wenn sie eingetreten sind. Und er bleibt fehlbar, gerade dann, wenn er von der Reinheit seiner Absichten am tiefsten überzeugt ist. Damit kehrt sich die Beweislast um. Nicht das Bestehende muss sich rechtfertigen, weil es einem Ideal nicht entspricht. Die Veränderung muss zeigen, dass sie geeignet, verhältnismäßig und in ihren Nebenfolgen verantwortbar ist.

Das ist keine Philosophie der Untätigkeit. Es ist eine Philosophie der Begrenzung. Sie verlangt nicht, Ungerechtigkeit hinzunehmen. Sie verlangt, dass auch der Kampf gegen Ungerechtigkeit den Bedingungen menschlicher Fehlbarkeit unterliegt.

Für die Jungen heißt das zweierlei. Erstens Bildung – nicht zur Verwertbarkeit, sondern zur Urteilskraft. Wer weiß, wie eine Wohnung entsteht, streitet anders über Wohnungspolitik. Wer die Finanzierung der Rente versteht, redet anders über Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Zweitens eine Politik, die Boden liefert statt Erlösung: erreichbares Eigentum, einfacheres Bauen, leichtere Familiengründung, eine aufgewertete berufliche Bildung. Denn der junge Mensch, der kalkuliert, bevor er sich bindet, ist nicht egoistisch. Er ist vorsichtig geworden, weil Dauer zum knappen Gut geworden ist.

Eine Gesellschaft, die ihren jungen Menschen nur erklärt, was an der Welt ungerecht ist, vermittelt ihnen die Hälfte der Wirklichkeit. Die andere Hälfte ist die Frage, wodurch das Erreichte möglich wurde. Menschenwürde ist ein unbedingtes Recht. Wohlstand ist eine bedingte Errungenschaft. Politik muss das eine achten, ohne die Voraussetzungen des anderen zu zerstören.

Die Jungend hat die Welt nicht für selbstverständlich erklärt. Sie findet sie so vor. Vielleicht müssen wir die Welt deshalb nicht nur vor ihren selbsternannten Rettern verschonen – sondern auch vor jenen, die der nächsten Generation nur die Hälfte der Wirklichkeit vermitteln, weil die andere Hälfte ihre Versprechen entlarven würde. Also ein klarer Bildungsauftrag!