Atomstrom – der teuerste Strom? Eine Abrechnung
Es wird von Kernkraftgegnern und Grünen-Pressemitteilungen immer gerne gesagt: Atomstrom sei der teuerste Strom – riskant, veraltet, unbeherrschbar und ökonomisch untragbar. Doch wie so oft in der energiepolitischen Debatte lohnt es sich, genau hinzuschauen und die Fakten sprechen zu lassen. Wer nüchtern auf Baukosten, Betriebskosten, Entsorgung und Versorgungssicherheit schaut – insbesondere im Lichte der neuesten Reaktorgenerationen – kommt zu einem evidenzbasierten Schluss:
Atomkraft ist nicht die Kostenfalle, als die sie dargestellt wird, sondern unter Berücksichtigung der realen Systemkosten aller Energieträger eine der rationalsten Formen der Energieerzeugung.
Baukosten und Stromgestehungskosten: Die ganze Wahrheit
Zugegeben: Der Bau großer Atomkraftwerke ist kapitalintensiv. Projekte wie Flamanville oder Hinkley Point C kosten Milliarden und leiden unter politischen Auflagen, Bürokratie und öffentlichen Widerständen. Hier muss man ehrlich sein:
Die Stromgestehungskosten (LCOE) westlicher Neubauprojekte liegen heute bei 90 bis 180 Euro pro Megawattstunde – das ist, isoliert betrachtet, teurer als Onshore-Wind (40–70 €/MWh) oder Freiflächen-Photovoltaik (30–60 €/MWh). Die US-Energiebehörde EIA beziffert die LCOE für fortschrittliche Kernkraft auf rund 100 Dollar/MWh. Doch genau hier beginnt die Verzerrung:
Denn die LCOE-Vergleiche, mit denen Kernkraftgegner operieren, verschweigen systematisch die Systemkosten der Erneuerbaren. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen – den Preis eines steuerbaren Grundlastkraftwerks mit dem einer wetterabhängigen Zufallsstromquelle, die ohne milliardenschwere Parallelinfrastruktur keinen einzigen Haushalt zuverlässig versorgen kann.
Bemerkenswert ist zudem: Wo Kernkraft konsequent und mit industriepolitischer Rationalität gebaut wird, sieht die Rechnung ganz anders aus. China errichtet Reaktoren in sechs Jahren Bauzeit und erreicht LCOE von rund 55 bis 65 Dollar pro Megawattstunde – wettbewerbsfähig mit jeder anderen Energieform. Die hohen Kosten westlicher Neubauten sind kein physikalisches Problem der Kernenergie, sondern ein Ergebnis von Regulierungswillkür, industriellem Kompetenzverlust und politischer Sabotage über Jahrzehnte.
Entscheidend ist: Ein modernes Kernkraftwerk kann nach heutigem Kenntnisstand technisch bis zu 80 Jahre betrieben werden. Die US-Nuklearaufsicht NRC hat bereits ersten Reaktoren die Betriebsgenehmigung auf 80 Jahre verlängert, Forschungsprogramme prüfen sogar den Betrieb bis 100 Jahre. Kein Windrad, keine Solaranlage kommt auch nur in die Nähe einer solchen Nutzungsdauer. Rechnet man die hohen Anfangsinvestitionen über diese enorme Lebensspanne und die gewaltige Strommenge um, die ein Kernkraftwerk über Jahrzehnte bei über 90 Prozent Verfügbarkeit liefert, ergibt sich ein fundamental anderes Bild als die Momentaufnahme der reinen Baukosten.
Betriebskosten und Energiedichte: Die stille Stärke
Noch deutlicher wird der Unterschied bei den Betriebskosten. Atomkraftwerke sind äußerst wartungsarm, benötigen wenig Personal und verbrauchen einen minimalen Brennstoffanteil – denn Uran ist hochkonzentrierte Energie. Ein Kilogramm natürliches Uran ersetzt – nach Anreicherung und Einsatz im Reaktor – rund 14 Tonnen Steinkohle. Ein einziges Brennelementepellet von zehn Gramm enthält so viel Energie wie über eine Tonne Kohle. Diese Energiedichte ist physikalisch unerreicht.
Die Verfügbarkeit moderner Kernkraftwerke liegt bei über 90 Prozent, während Onshore-Windanlagen in Deutschland laut IEA Wind TCP im Schnitt nur 17 bis 23 Prozent Kapazitätsfaktor erreichen – zuletzt 20,1 Prozent im Jahr 2022. Das bedeutet: Für die gleiche gesicherte Leistung braucht man vier- bis fünfmal so viel installierte Windkapazität – plus die gesamte Backup-Infrastruktur für die übrigen 77 bis 83 Prozent der Zeit.
Atomstrom ist planbar, stabil und weitgehend unabhängig vom Weltmarkt – ein Souveränitätsfaktor, den man in Zeiten geopolitischer Instabilität nicht hoch genug bewerten kann.
Entsorgung: Das politische Dogma
Und was ist mit der Entsorgung? Auch hier lohnt der zweite Blick. In über 60 Jahren deutscher Kernkraftnutzung sind laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) insgesamt rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall angefallen – das entspricht etwa 17.000 Tonnen Schwermetall. Hinzu kommen rund 130.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfälle in Zwischenlagern sowie weitere Mengen aus dem noch anstehenden Rückbau der Kraftwerke. Insgesamt rechnet die Bundesregierung bis 2080 mit rund 600.000 Kubikmetern aller Kategorien.
Das klingt nach viel – bis man es in Relation setzt: Deutschland produziert jährlich rund 24 Millionen Tonnen gefährliche Abfälle aus Industrie, Gewerbe und Haushalten (Statistisches Bundesamt, 2019). Teils ebenso toxisch, teils ebenfalls dauerhaft umweltgefährdend – aber ohne großes Medienecho.
Der gesamte hochradioaktive Abfall aus sechs Jahrzehnten Kernkraftnutzung füllt ein einziges Industriegebäude mittlerer Größe – das jährliche Aufkommen an gefährlichem Industriemüll würde Hunderttausende solcher Gebäude füllen.
Länder wie Finnland zeigen mit dem Endlager Onkalo in Olkiluoto, dass sichere geologische Tiefenlagerung technisch längst realisierbar ist – Onkalo hat 2024 mit der Probephase begonnen. Nur in Deutschland wird weiter symbolpolitisch blockiert.
Moderne Reaktoren der vierten Generation versprechen darüber hinaus, bestehende Abfälle teilweise wiederzuverwerten und langlebige radioaktive Isotope durch sogenannte Transmutation in kurzlebige umzuwandeln. Diese Technologien befinden sich in der fortgeschrittenen Entwicklung und werden international intensiv erforscht – in Russland, China, Frankreich und den USA. Die oft behauptete „Jahrtausendlast“ ist perspektivisch kein physikalisches Schicksal, sondern ein politisches Dogma.
Small Modular Reactors: Die nächste Generation
Besonders vielversprechend sind die Small Modular Reactors (SMR) – eine neue Klasse kompakter, standardisierter Reaktoren mit Leistungen zwischen 50 und 300 Megawatt. Sie sollen in Serie gefertigt werden, lassen sich dezentral installieren und versprechen deutlich kürzere Bauzeiten als konventionelle Großkraftwerke. Ihre Sicherheit basiert auf passiven Systemen, die Unfälle physikalisch ausschließen – nicht nur technisch regulieren. SMRs können in Industrieparks, auf ehemaligen Kohlekraftwerksstandorten oder für Fernwärme und Wasserstofferzeugung eingesetzt werden.
China und Russland haben bereits erste SMR-Modelle in Betrieb – Russland mit dem schwimmenden Kernkraftwerk Akademik Lomonossow seit 2020, China mit dem Hochtemperaturreaktor HTR-PM in Shidao Bay seit 2021. Staaten wie Kanada, Tschechien, Polen, Rumänien, die USA, Großbritannien und Saudi-Arabien investieren massiv in diese Technologie. Arthur D. Little beziffert die angestrebte wettbewerbsfähige LCOE-Spanne für SMR auf 52 bis 119 Euro pro Megawattstunde. Deutschland hingegen hat sich mit ideologischem Furor ins energiepolitische Abseits manövriert.
Die wahren Kosten der Erneuerbaren: Die verschwiegene Parallelstruktur
Und genau hier liegt der eigentliche Skandal: Die oft beschworene „billige Erneuerbare Energie“ ist nur auf dem Papier billig – in der Realität verlangt sie eine vollständige Parallelstruktur, um überhaupt versorgungssicher zu sein. Denn wenn Windräder stillstehen und die Sonne nicht scheint, braucht es Backup-Kraftwerke, Stromimporte, Batteriespeicher, grünen Wasserstoff und ein massiv ausgebautes Übertragungsnetz.
All das kostet – nicht versteckt, sondern ganz konkret: Allein die Kosten für Netzengpassmanagement – also Redispatch-Maßnahmen, Abregelungen und Countertrading – beliefen sich laut Bundesnetzagentur und der SMARD-Transparenzplattform auf 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 (dem bisherigen Spitzenwert), 3,1 Milliarden Euro im Jahr 2023 und noch immer 2,8 Milliarden Euro im Jahr 2024. In den letzten drei Jahren zusammen also über 10 Milliarden Euro allein für die Stabilisierung eines Netzes, das durch die volatile Einspeisung von Wind und Solar systematisch überfordert wird.
Und das sind nur die direkten Netzkosten. Hinzu kommen die Ausgaben für den Netzausbau selbst – allein SüdLink, SüdOstLink und die weiteren HGÜ-Trassen kosten zweistellige Milliardenbeträge –, die Förderung von Speichertechnologien, die Subventionierung von Wasserstoffprojekten und die EEG-Differenzkosten. Geld, das nicht in den Strompreis eingepreist ist, sondern von Verbrauchern und Steuerzahlern über Umwege getragen wird. Wer also sagt, Wind- und Solarstrom seien billig, muss ehrlicherweise hinzufügen: Nur, weil jemand anderes für die Speicher, die Reservekraftwerke und den Netzumbau zahlt.
Atomstrom: Der ehrlich kalkulierte Strom
Der Unterschied ist einfach: Ein Kernkraftwerk braucht keine Parallelstruktur, keine Netzspezialmaßnahmen, keine saisonalen Speicher – es liefert einfach Strom, planbar und konstant, bei über 90 Prozent Verfügbarkeit, Tag und Nacht, im Sommer wie im Winter. Der angeblich teure Atomstrom ist in Wahrheit der ehrlich kalkulierte Strom. Der „billige grüne Strom“ ist eine Illusion, die sich nur durch Subventionen, Schattenhaushalte und politisch gewollte Marktverzerrung halten lässt.
Ja, westliche Neubauprojekte sind heute teuer – aber das ist das Ergebnis politischen Versagens, nicht physikalischer Grenzen. Wer Kernkraft über Jahrzehnte politisch ächtet, Kompetenz abbaut, Genehmigungsverfahren endlos verlängert und dann auf die hohen Kosten des ersten Neubaus nach einer Generation zeigt, argumentiert zirkulär. Länder, die konsequent bauen – China, Südkorea, die Vereinigten Arabischen Emirate – liefern den Beweis, dass es auch anders geht.
Fazit: Eine Frage der Rationalität
Am Ende ist es eine Frage der Rationalität: Will man ein preiswertes Energieversorgungssystem, das funktioniert – oder eines, das nur auf dem Papier gut aussieht? Will man bezahlbare Grundlast oder wetterabhängige Hoffnung? Will man Klimasozialismus oder technische Vernunft?
Wer all das ehrlich beantwortet, muss anerkennen: Atomstrom ist nicht teuer – teuer ist der Verzicht auf ihn. Und diesen Verzicht zu beenden, gibt es nur mit der AfD.
[korrigierte Fassung, März 2026]
Quellenhinweise
• LCOE-Daten: Lazard LCOE+ v17.0 (Juni 2024); US Energy Information Administration; IEA/NEA Projected Costs of Generating Electricity (2020); BloombergNEF (2023-H2); Arthur D. Little/NucNet (2025)
• Lebensdauer/Verfügbarkeit: US Department of Energy / LWRS-Programm; NRC Subsequent License Renewals; IAEA Long-Term Operation
• Energiedichte Uran: European Nuclear Society (ENS) Fuel Comparison; whatisnuclear.com
• Kapazitätsfaktor Wind: IEA Wind TCP / Statista (Onshore-Kapazitätsfaktor Deutschland 2015–2022)
• Radioaktive Abfälle: BASE (Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung); BGE; BMUV Verzeichnis radioaktiver Abfälle (Stand 31.12.2022)
• Gefährliche Abfälle Deutschland: Statistisches Bundesamt / Wikipedia „Gefährliche Abfälle“ (23,9 Mio. t, 2019)
• Redispatch-Kosten: Bundesnetzagentur / SMARD-Plattform; Jahresberichte Netzengpassmanagement 2022–2024
• Hinkley Point C: Wikipedia; World Nuclear News; EDF Financial Statement 2025; New Civil Engineer (Feb. 2026)
• SMR-Deployment: NucNet (März 2025); IAEA; World Nuclear Report 2025