Das Wahlgeschenk des bürgerlich-konservativen Kerns der AfD an den Osten: Der “Appell der 100”!

Ex oriente lux.

Ja, im Osten geht die Sonne auf und das ist auch gut so. Das ist auch für die AfD gut so. Aber wie immer im Leben, kommt es auf die Optik drauf an, also aus welchen Blickwinkel Jemand was in den Fokus nimmt. Ja, im Osten ist die AfD prozentual stärker als im Westen, das gilt auch für Berlin, das, bezogen auf die Wahlergebnisse, ebenso geteilt bleibt, wie Ost- und Westdeutschland.

Aufgrund der Bevölkerungsverteilung reicht das Gewicht des Ostteils aber nicht aus, auch bei dort sehr sehr guten Ergebnissen um die 20% plus x bundesweit die 5% Hürde für die AfD zu knacken. Das heißt: Ohne den Westen geht es nicht. Jeder für die AfD ernsthaft Verantwortung tragende und nicht nur selbstbezogen denkende Funktionär muss immer die gesamte AfD mit im Blick haben.

Es geht mir hier allerdings jetzt gerade nicht um den Westen, sondern um den Osten und die drei vor uns liegenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und danach einen Monat später in Thüringen. Und genau für diese Wahlen ist der „Appell der 100“, so meine Interpretation, DAS Wahlgeschenk schlechthin. Warum?

Wenn wir uns die Zahlen nüchtern betrachten, stellen wir fest, dass Mythos und Wahrheit nicht deckungsgleich sind.

Der Höcke-Kalbitz-Flügel-Mythos raunt, und man höre dazu Wagners Walkürenritt, dass es die begnadete Flügelrhetorik seiner Anführer mit klarer national-patriotischer Kante sei, die den Wähler von Cottbus über Chemnitz nach Erfurt die AfD wählen lässt. Und so proklamieren Höcke und Co., die sich als wahre Gralshüter der Ideale der AfD gerieren, aber letztlich eine intern straff und autoritär organisierte Wahlkampftruppe für die eigenen Leute sind, die guten Wahlergebnisse für sich. Und die Flügel-Jünger grölen schon, die drei Landtagswahlen werden den Besser-Wessis und Schlappis schon zeigen, wo der Hammer hängt. So weit, so der Mythos.

Tatsächlich zeigt die Demoskopie aber, dass es sich in Wahrheit ganz anders verhält. Die Ergebnisse der Kommunal- und Europawahl in Thüringen zeigen sehr deutlich, wo die AfD ohne die Flügel-Größen stünde. Die Wahlergebnisse in Görlitz/Sachsen und in Gera/Thüringen zeigen, wo die AfD ohne Höcke steht und wo, wenn, wie im Falle Görlitz ein lokal beliebter Politiker wie Sebastian Wippel, bodenständig, bürgernah und ohne überzogenem Pathos kandidiert!

Wie eine INSA-Umfrage belegt, lehnen selbst die AfD-Anhänger in Thüringen Björn Höcke mehrheitlich ab – sie wählen trotzdem AfD. Aufgrund dieser unumstößlichen Logik kann das Potenzial im Osten also noch deutlich höher liegen, als es die bisherigen Ergebnisse hergeben. Die bisher schon sehr guten Ergebnisse sind also noch gar nicht so gut, nein, sie könnten, und müssten besser sein.

Bei der Kommunalwahl kommt es bekanntlich auf Personen an und hier wird genau hingeschaut, wen man wählt. Höckes Bruder im Geiste, André Poggenburg, der heute mit NPD, III. Weg und „Die Rechte“ auftritt, war einst sein treuer Weggefährte. Auch er glaubte, die Wähler würden nur seinetwegen AfD wählen, so wie auch Lucke und Petry dies einst für sich reklamierten. Bei der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 musste Poggenburg allerdings der Realität ins Auge blicken und erkennen, dass er lediglich von der AfD profitierte und nicht umgekehrt! Im Kreistag seiner Heimat Burgenlandkreis stimmten 0,2% für den ehemaligen Flügel-Frontmann. Das Ergebnis spricht für sich. Und nicht für ihn und das, was der Flügel für sich und seine (in diesem Fall ehemaligen) Repräsentanten in Anspruch nahm und nimmt!

Bei der Europawahl holte die AfD im konservativen Landkreis Björn Höckes, dem Eichsfeld, mit 18,7 % das schlechteste Ergebnis unter den Thüringer Landkreisen! Nur die kreisfreien, links geprägten Städte Jena, Erfurt, Suhl und Weimar waren noch schlechter. An die 29,8% von Gera oder den flächendeckend 22 bis 27% der anderen Landkreise konnte ausgrerechnet Höcke in seinem Landkreis nicht anschließen. Auch da wird AfD gewählt, aber nicht wegen, sondern trotz des in diesem Fall Landesvorsitzenden, aber eben unterdurchschnittlich.

Noch deutlicher zeigt sich der Faktor Höcke als „Chiffre der Unwählbarkeit der AfD“ bei der Kommunalwahl vor seiner Haustür. Während in der kreisfreien Stadt Gera mit 28,8% mit Frontmann Stephan Brandner klar stärkste Kraft wurde, erwies sich Björn Höcke als Spitzenkandidat für den Kreistag Eichsfeld als Bremsklotz für die AfD. Nur 13,5% konnte er – trotz höchstem Bekanntheitsgrad – erringen! Eine klare Absage der Wähler.

Es zeigt sich also: Auch hier – wenn Björn Höcke und das, beim Bürger direkt zur Wahl steht – sind die 20%, geschweige denn 30%+X in weiter Ferne und nicht zu erreichen! Das sind die nackten unbestreitbaren Zahlen und sie zeigen, wo die AfD ohne einen Björn Höcke als Anführer des Flügels stehen könnte, der immer mehr zum Spaltpilz der AfD wird und mit seinem Personenkult abschreckend auf bürgerliche Wähler wirkt. Während Deutschlandweit die AfD-Anhänger zu 45% eine deutlichere Abgrenzung nach Rechtsaußen wollen, sind es in Thüringen sogar 55%.

Siehe hier: https://jungefreiheit.de/…/das-afd-problem-mit-dem-rechten…/

Siehe hier: https://jungefreiheit.de/…/thueringer-afd-waehler-wuensche…/

Dass dabei in Thüringen der Wunsch nach deutlicher Abgrenzung zum rechten Rand ausgeprägter ist als bundesweit, spricht für sich.

Zwischenfazit: Im Osten wird die AfD offenbar nicht (so stark) gewählt wegen des Höcke-Kalbitz-Flügels, sondern deren zum Trotz. Denn auch in Brandenburg wünschen sich – bei einem Top-Ergebnis der AfD als erstplazierte Partei vor der CDU zwischen 19% bis 21% nur 8 % Andreas Kalbitz als Ministerpräsidenten.

Woran liegen die Spitzenergebnisse der AfD im Osten? Wenn es in den genannten Fällen nicht die genannten Frontleute sind, deren persönliche Beliebtheitswerte deutlich unter denen der Partei rangieren, muss es etwas anders sein:

Der Osten (auch in Berlin) wählt stärker AfD als im Westen, weil dort tiefgreifende Erfahrungen mit der Verlogenheit und Bevormundung durch die damalige “Nationale Front” der SED-Diktatur bestehen. Das hat genau mit dieser DDR-spezifischen Systemerfahrung zu tun, und nichts mit einem vermeintlich ostspezifischen eigenen politischen Kurs der dortigen AfD-Landesverbände oder ihrer vermeintlichen Flügel-Repräsentanten, denn die AfD-Politik, also das, was am Ende in den Landtagen rauskommt, ist AfD-bundesweit die gleiche. Der ostsozialisierte Wähler ist politisch deutlich sensibler, wenn es um die Diskrepanz zwischen dem, was von den Staatsmedien verlautbart wird, und dem, was er tatsächlich sieht und wahrnimmt. Dass also die AfD im Osten prozentual besser abschneidet, liegt – bisher – nachgewiesenermaßen zumindest nicht an den Spitzenkandidaten, sondern an der höheren Sensibilität der Wähler hinsichtlich der Wahrnehmung der politischen Realität. Da haben die Westdeutschen in der Tat leider noch viel Nachholbedarf, denn sie können bisher kaum erkennen, dass das, was unsere öffentlich-rechtlichen Medien täglich senden und funken und schreiben, oftmals nicht mehr zur wahrgenommenen Realität passt. Oder es wird verdrängt. Nicht umsonst hat ja auch der ehemaligen Verfassungsschutzpräsident Maaßen gerade verlautbart, was wir als AfD schon lange sagen, dass unsere Medien die Realität nicht mehr abbilden, und man darum in die Schweiz blicken müsste.

Und jetzt kommt die Kurve zum Wahlgeschenk, das der „Appell der Hundert“, quasi der bürgerlich-konservative Kern der AfD, den Wählern im Osten macht. Denn er richtet sich nicht nur nach innen, sondern eben auch – und muss das auch – nach außen, an die Wähler, nämlich das politische Kapital von Parteien:

Wenn durch die Demoskopieanalyse der Flügel-Mythos zerrinnt, wonach die Wähler im Osten die AfD wegen Björn Höcke in Thüringen oder Andreas Kalbitz in Brandenburg wählen, aber die hohen Zustimmungsraten zur Partei tatsächlich ihnen zum Trotz zustande kommen und im Umkehrschluss logisch besser sein könnten, wenn die Flügel-Anführer nicht so lautstark einseitig exponiert wären, ist es ein wichtiges und richtiges Signal an eben diese Wähler, wenn aus der Mitte der AfD gesagt wird, nein, die AfD ist keine Höcke-Flügel-Partei. Auf diese Weise wird nämlich denjenigen potenziellen Wählern, die die AfD bisher wegen Höcke bzw. dem, wozu er medial gemacht wurde, eben noch nicht gewählt haben, die Angst davor genommen, AfD zu wählen, weil sie nicht davon ausgehen müssen, dass ein überprozentualer Wahlerfolg der AfD gleichbedeutend mit einem weiteren Rechtsruck der Partei wahrgenommen würde. Denn der Appell für die starke einige AfD ist das Bekenntnis aus der Mitte des bürgerlichen Kerns der Partei, dass sie dies nicht zulassen wird.

Denn selbstverständlich wird nicht nur der Flügel, was er – entgegen der Evidenz der Demoskopie – schon getan hat, versuchen, die besseren Wahlerfolge im Osten für sich zu verbuchen und damit mehr Macht einzufordern. Natürlich werden auch die Medien der süßen Versuchung erliegen, die AfD dann als Ganze nach noch weiter rechts zu schreiben und als Regionalpartei für den Osten ausrufen und sie somit zu verschrumpfen: Mit dem gewünschten Ziel, die AfD im Weiteren für den Westen als quasi unwählbar darzustellen. Und genau das darf nicht passieren.

Insofern ist der „Appell der 100“ für die Wähler im Osten das entlastende Signal, ohne Scham ruhig noch mehr AfD wählen zu können, ohne das unschöne Gefühl haben zu müssen, durch später herbeigeschriebene Nichtwählbarkeit im Westen der Gesamtpartei zu schaden. Das ist zwar etwas Dialektik, aber es dürfte – bei gutem Analysewillen – schon verstanden werden.

Darum ist der Appell auch nicht schädlich für die Wahlkämpfe, wie Alice Weidel und Altmeister Gauland meinen, sondern im Gegenteil förderlich. Und darum musste er auch öffentlich gemacht werden. Denn es geht nicht um internen Parteienstreit und Machtkampf, sondern um eine strategische Überlebensfrage der Partei. Auch die Wähler im Osten wollen nicht, dass die AfD von den Medien zur nach rechts abgedrifteten Regionalpartei verschrumpft wird. Der bürgerlich-konservative Kern sorgt mit diesem Appell dafür, dass dieses Narrativ im Vorfeld, also präventiv, zerstört wird, indem wir sagen:

Ja, Ihr Bürger in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wählt kräftig die AfD. Angst, dass sich Björn Höcke oder Andeas Kalbitz die zu erwartenden Spitzenergebnisse, die aus unserer Sicht jetzt noch besser werden können und sollten, für sich reklamieren oder von den Medien als Nachweis für weiteren Rechtsruck missinterpretiert werden, müsst Ihr nicht (mehr) haben. Das lassen wir ihnen nicht durchgehen: Weder dem Flügel noch den Medien.

P.S. Kleiner Exkurs zu Sachsen:

Kann es sein, dass die AfD in Sachsen, wo sich eben kein ausgewiesener Flügel-Repräsentant mit dem Kyffhäuser-Inszenierungsballast hervortut, der – auch im Osten – nicht durch die Bank gut ankommt, sondern irritiert, im Vergleich zu Brandenburg und Thüringen eben genau deshalb noch bessere Umfrageergebnisse und Wahlchancen hat? Die Sachsen sind ein eigenes Völkchen und sollten ihren eigenen Weg gehen. Es geht – gerade da! – auch ohne Höcke!

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