Die #Intellektuellen und die #AfD. Eine Annäherung an die AfD und eine Replik. Die Debatte ist eröffnet.

Die Schriftstellerin Jana Hensel hat in ZEIT-online am 26. April eine sich an die AfD herantastende Frage gestellt. Auf ihren Beitrag antworte ich unmittelbar abschnittsweise kursiv als Replik um einzuladen, die jetzt begonnene notwendige grundsätzliche Debatte in Sachen AfD jenseits tagespolitischer Aktualität ernsthaft fortzusetzen:

Und wenn die AfD Recht hat?

Auch wenn die AfD wieder gerade mit sich selbst befasst ist – sie wird nicht einfach verschwinden. Der Erfolg der Partei hat mehr mit uns zu tun, als wir glauben.

Sie wird nicht einfach verschwinden? Heißt also, nicht von selbst, also einfach so, nein, man müsse schon irgendwie daran arbeiten… Und da gibt es ein Uns, also die Anderen, also nicht die, um die es geht. Da wird zunächst de ante mano eine, nämlich eine entscheidende Differenz gesetzt.

Das kleine Erdbeben ist in Erinnerung geblieben. Es fand im Sommer 2011 statt und wurde von Frank Schirrmacher, dem damaligen Herausgeber der FAZ, ausgelöst. Für das Erdbeben reichte ein einziger Satz. Er lautete: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat.“ 

Damals ging es noch nicht um die Flüchtlingskrise. Es ging auch noch nicht um die Griechenland- oder Eurokrise, die folgten wenig später, nein, damals war die sogenannte Bankenkrise das Thema. Eine Krise, zu deren Lösung die betroffenen Staaten milliardenschwere Rettungspakete schnürten, um den drohenden Bankrott globaler Bankhäuser zu verhindern. Staatliches Geld, Steuergeld, Geld des kleinen Mannes und der kleinen Frau. Schirrmacher kam das wie ein Ausverkauf des Neoliberalismus und jener Werte vor, die dieser Neoliberalismus lange gepriesen hatte: „Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Zähmung des Staates und seiner Allmacht.“ Deshalb wechselte er einmal gedanklich die Seiten und schaute sich die Gegenwart aus der Perspektive jener an, die politische Gegner waren, die anders dachten als er und seine Leute. Die Linken.

Heute, einige Krisen später, soll einmal dasselbe versucht werden, in umgekehrter Richtung. Die Perspektive soll gewechselt werden, auch um Selbsttäuschungen auf die Schliche zu kommen. Die AfD sitzt in elf Länderparlamenten. Auch wenn ihre Umfragewerte im Moment sinken, ist eine Sorge vor der Bundestagswahl berechtigt. Werden die Vorhersagen uns erneut täuschen? Werden, auch wenn die AfD sich gerade auf ihrem Parteitag einstweilen zerlegt hat, am Ende mehr Leute AfD gewählt haben, als viele progressive Deutsche es heute glauben, so wie man sich schon bei Trump getäuscht hatte?

Der Reihe nach: Erstens: Die AfD hat sich in Köln gerade NICHT zerlegt und warum wäre die Sorge vor ihr berechtigt? Kann dann der Gedanke, einmal vorurteilsfrei sich ehrlich die Frage zu stellen, ob die AfD Recht haben könnte, überhaupt weiter tragen, wenn schon im Ansatz gar nicht erlaubt ist, das wirklich denken können zu wollen?!

Vielleicht hilft es zu fragen: Wo hat die AfD recht? Gibt es gute Gründe für den Aufstieg der AfD, den zeitweisen Aufstieg von Pegida? Gründe, die ihre Anhänger und Wähler zu Pegida und AfD trieben. Gründe, die man kennen sollte.

Warum wird gleich Pegida mitgenannt? Pegida ist ein Phänomen sui generis, bei weitem kein nationales, sondern ein rein lokales, sich auf Dresden beschränkendes temporäres Phänomen, in der Dimension des gesamtdeutschen Erfolges der AfD als Partei in keiner Weise auch nur im Ansatz vergleichbar, hier also fehl am Platze.

Sich zu fragen, wo die AfD Recht hat: Warum fällt das eigentlich so schwer? Es ist eine Sache, sich als Konservativer für die Länge eines Gedankenexperiments auf die Seite der Linken zu schlagen. Aber es scheint eine völlig andere zu sein, die Perspektive von AfD- und Pegida-Anhängern einzunehmen. Wer das tut, setzt sich dem Vorwurf aus zu verharmlosen. Als verbreiteten die Rechtspopulisten eine Aura, gegen die man sich nicht wehren könne; als gäbe es keine rationalen Gegenargumente; als würden sie jeden, der sich ihnen nähert, willenlos in ihren Bann ziehen.

Mit der Gleichnennung von Pegida wird unmittelbar eine Art Gleichsetzung vorgenommen und ein gefährlicher Popanz aufgebaut bzw. dieser Popanz zum Ausgangspunkt der ganzen Übung. Als erste Frage, vor der Frage, wo die AfD Recht habe, wäre zu fragen, welche, was für eine AfD, ist denn gemeint? Die erste Frage muss doch lauten, von welchem Bild der AfD wird überhaut ausgegangen? Klar ist doch, dass die Beantwortung der richtigen Fragestellung davon abhängt, von welcher Folie ich ausgehe. Wenn ich vom kampagnenhaft medialen Zerrbild der Dumpfbacken-AfD ausgehe, das uns ja täglich – inklusive der Unverschämtheit „Nazi-Schlampe Weidel“ begleitet und das mit dem „völkischen Hetzer“ Höcke gerne Wahlkampf gegen die AfD macht, ergibt sich ein gänzlich anderes Möglichkeitsfeld der Beantwortung, als wenn ausgegangen würde vom jenseitigen Bild vieler Funktionäre und Anhänger der AfD, nämlich der AfD als einer Partei des politischen Realismus, aus der Mitte der Gesellschaft, einer Partei des gesunden Menschenverstandes, einer Partei der Vernunft und der rationalen Analyse. Denn dann kämen ganz andere Inhalte und Aspekte in den Blickfeld eines Fragestellers. Es ergäbe sich eine gänzlich andere Beantwortungsperspektive.

Wenn man es also ernst meinen würde mit der von Jana Hensel zu Recht gestellten Frage, stellt sich die Vorfrage, ob denn das zu Grunde gelegte Ausgangsbild der AfD überhaupt stimmt oder ob es sich in Wirklichkeit, um das Wort Wahrheit nicht zu strapazieren, um ein falsches, vorurteilsbeladenes AfD-Bild, ein medial erzeugtes Zerrbild handelt. Einfach formuliert: Ist das Bild, das ich von der AfD habe, richtig?!    

Hier geht es zum ganzen Stück, das Interesse und etwas Ausdauer erfordert 🙂

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